Einen seltsamen Gegensatz zu dem ganz volksthümlichen Inhalt bildet der gesuchte sallustische Ausdruck[4], gemischt mit den Worten und Wendungen der lateinischen Bibel. Mühsam zieht er dem widerstrebenden Gedanken ein altrömisches Kleid an, das oft nur schwer und unvollkommen erkennen läßt, was er eigentlich sagen will. Die Nachahmung der antiken Redeweise beherrscht ihn so sehr, daß er sogar Heinrich wie Otto nach dem Siege über die Ungern vom Heere als Imperator begrüßen läßt, und Otto auch von da an so nennt, die Kaiserkrönung in Rom aber ganz übergeht, wie denn überhaupt der Pabst in der eigentlichen Geschichtserzählung gar nicht genannt wird[5].

Betrachten wir Widukinds Buch als eigentliches Geschichtswerk, so können wir nicht umhin, es für sehr mangelhaft zu erklären; seine Auffassung der Dinge und namentlich seines großen Kaisers ist keineswegs richtig; so wie der Kaiser selbst den Standpunkt eines Sachsenfürsten verließ, wurde er dadurch dem Gesichtskreise Widukinds entrückt. Obgleich Mönch, übersieht dieser fast ganz die so überaus wichtige kirchliche Wirksamkeit Otto's, und besonders auffallend ist sein Schweigen über die Stiftung des neuen Erzbisthums in Magdeburg. Er stand dem kaiserlichen Hause nicht ganz ferne, wie seine Widmung an Mahthild zeigt — ein zwölfjähriges Mädchen, dem er fast ärger schmeichelt, als die Devotion gegen das Haus der Ottonen entschuldigen kann — und es kamen ihm gute Nachrichten zu, aber er blieb doch als Mönch in seinem Kloster, und war daher nicht im Stande, sich diejenige Uebersicht der Verhältnisse zu verschaffen, welche damals wohl nur am kaiserlichen Hofe zu erlangen war. Deshalb kann ich auch nicht der Auffassung Koepke's zustimmen, welcher einen längeren Aufenthalt am Hofe annimmt, und Erzbischof Wilhelm einen bestimmenden Einfluß auf das Werk beimißt: wir müßten dann ganz andere Gesichtspunkte hervortreten sehen. Wohl hat er den Kaiser und seinen Hof gesehen, wenn sie das heimathliche Sachsen aufsuchten, aber von dem, was jenseit der sächsischen Grenze liegt, scheint ihm aus eigener Anschauung kaum etwas bekannt zu sein. Selbst in Magdeburg muß er ganz fremd gewesen sein, da er sonst doch wohl nothwendig für die so wichtige Stiftung der wendischen Bisthümer und die viel bestrittene Errichtung des Erzbisthums einige Theilnahme gewonnen hätte.

Daß Widukind Hrotsuits Gedicht gekannt, daß er dazu eine Art von Ergänzung hätte geben wollen, ist ein Phantasiegebilde von Koepke, welches G. Waitz hinlänglich widerlegt hat.

Bleibt nun auch Widukind in seiner Darstellung hinter dem seinem Gesichtskreis entrückten Reich zurück, so verleiht ihm dagegen gerade seine Einseitigkeit und die lebendige Wärme des Volksbewußtseins einen Reiz, der den objectiver gehaltenen Annalen fehlt, und stofflich betrachtet sind seine Mittheilungen für uns von dem unschätzbarsten Werthe. In allem, was ihm nahe lag, zeigt er sich durchaus zuverlässig, unbefangen und wahrheitsliebend in der Schilderung der handelnden Personen, und so sehr er auch für das Ottonische Haus begeistert ist, liegt eine absichtliche Entstellung der Thatsachen zu ihren Gunsten ihm jedoch gänzlich fern. Sogar für jene kühnen Recken, die im unbändigen Trotze lieber alles erdulden, als der Herrschaft ihres Vetters sich fügen wollten, bezeugt er eine offenbare Theilnahme, ja Vorliebe, wie auch beim Volke solche Naturen immer Anklang finden; zuletzt, wo er schon zum Schluß eilt und selbst das Näherliegende oberflächlich behandelt, zieht ihn doch noch Wichmanns Trotz und Untergang übermächtig an. Widukind ist eben mit seinen Vorzügen, wie mit seinen Mängeln ein ganzer Sachse des zehnten Jahrhunderts, und in ihm spiegelt sich die Natur seines Stammes treu und wahr. Es konnte daher auch nicht fehlen, daß sein Werk gern und viel gelesen wurde; es findet sich bei den späteren Schriftstellern überall benutzt, jedoch seit dem zwölften Jahrhundert nicht mehr unmittelbar, sondern nur durch die Vermittelung Ekkehards, der es fast ganz in seine große Weltchronik aufgenommen hatte[6]. Daraus erklärt es sich wohl, daß uns nur drei Handschriften davon erhalten sind. Wie es scheint, enthält von ihnen die eine, jetzt Dresdener (A), das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt[7]; später hat Widukind am Schlusse noch einiges in loserer Verknüpfung hinzugefügt, den so sehr merkwürdigen Brief des Kaisers aus Capua und die schöne Schilderung vom Tode der Königin Mahthild und von des Kaisers Heimkehr und Tod. Zugleich veränderte er einige Ausdrücke; vielleicht auch die Stelle über des Erzbischofs Hatto Nachstellungen gegen Heinrich (I, 22), in welcher die Dresdener Handschrift von der Schuld des Erzbischofs schweigt. Doch ist auch möglich, daß vielmehr in der an Fremde hinausgegebenen Abschrift jene bedenkliche Stelle geändert war, denn sie macht den Eindruck einer Abkürzung, und es sind Worte darin, welche nur durch die Vergleichung mit Cod. 1 ihre Erklärung finden[8]. Die in Corvey gebliebene Handschrift wurde abgeschrieben (Cod. 1 in Montecassino) und vielleicht etwas später in Corvey interpolirt, um eine Notiz über den Abt Bovo und eine ausführliche Erzählung der beliebten Volkssage von dem Untergange des Grafen Adalbert von Babenberg durch Hatto's Verrath anzubringen[9]. Doch schreibt jetzt Waitz auch diese Stücke Widukind zu. In dieser Gestalt findet sich das Werk in der Steinfelder Handschrift (Cod. 2, jetzt im Brit. Museum Add. 21109) und in der Frechtschen Ausgabe, und so lag es schon Ekkehard und dem Annalista Saxo vor. Man möchte glauben, daß Widukind selbst mancherlei geändert und auf die Ränder geschrieben hat, und daß die Abschreiber bald die ursprüngliche Schrift und bald die Aenderungen und Zusätze aufnahmen.

Die sagenhafte Erzählung Widukinds von der Theilnahme der Sachsen an dem Kampfe der Franken und Thüringer ist, auch hier durch Ekkehard vermittelt, im zwölften Jahrhundert benutzt worden für die seltsame Geschichte von der Herkunft der Schwaben, in welcher an die Stelle der Sachsen die Schwaben gesetzt sind, die wegen Hungersnoth aus Schweden auswanderten. Diese von Goldast 1604 als Anonymus de Suevorum origine zuerst veröffentlichte Fabel, welche aber Spuren wirklicher alter Sage enthält, ist von Müllenhoff nach einer ziemlich gleichzeitigen Handschrift neu herausgegeben[10], der zugleich nachgewiesen hat, daß sie nur im sächsischen Schwabengau an der Bode entstanden sein kann, aber in Schwaben aufgezeichnet ist.

Unerwarteter Weise sind unsere Nachrichten über diese Zeiten, ganz vorzüglich aber über die Zustände der Wendenländer, durch einen sehr werthvollen Fund vermehrt worden, nämlich den in einem arabischen Sammelwerke enthaltenen Bericht des Juden Ibrahîm-ibn-Jakûb, d. i. auf deutsch Abraham Jakobsen, über die Slaven. Er hat, wie er selbst erwähnt, Kaiser Otto gesprochen und Gesandte der Bulgaren in Merseburg getroffen. Man hat das auf das Jahr 973 bezogen, allein von Herrn Kunik habe ich jetzt erfahren, daß seiner Ueberzeugung nach Ibrahîm seinen Bericht vor 970 abgefaßt hat, was allerdings besser zu der Thatsache stimmt, daß schon 971 das Königthum der Bulgaren sein Ende fand. Eine Untersuchung über diesen Bericht, in vielen Stücken von früheren Deutungen abweichend, hat Fr. Westberg verfaßt; dieselbe ist aber noch nicht gedruckt, und ich verdanke dem Verf. die Mittheilung seiner Resultate in der neuen Ausgabe der Uebersetzung des Widukind[11].


[1] Oben [S. 254] Durch ihren Inhalt sind sie bei dem Mangel anderer Nachrichten wichtig.

[2] Es sind alte Legenden, die er nur stilistisch umformen konnte. Er muss sich also darin mehr zugetraut haben, als wir ihm zugestehen können. Leider sind sie nicht bekannt und wir wissen also nicht, ob sein Stil darin nicht ein ganz anderer war.

[3] Widukind von Korvei, Rost. Diss. 1880.