In ähnlicher Weise wie Widukind wurde aber auch Hrotsuit durch die glänzenden Thaten Otto's des Großen der Geschichte der Gegenwart zugeführt; ihre Aebtissin Gerberga (959-1001), Herzog Heinrichs von Baiern Tochter, forderte sie auf, ein Heldengedicht zum Preise ihres Oheims zu verfassen[1], welches dem Erzbischof Wilhelm von Mainz, dem Sohne des Kaisers, überreicht werden sollte. Im Jahre 968 war es vollendet, und die Dichterin übersandte es mit einer poetischen Widmung nicht nur dem jüngeren Kaiser, welcher ein Exemplar davon verlangt hatte, sondern auch dem alten Kaiser selbst. In keinem Buch, so sagt sie, sei bisher derselbe Gegenstand behandelt, keinem sei sie gefolgt; es sind die Mitglieder der kaiserlichen Familie, welche ihr den Stoff gegeben haben, und so ist es denn nicht zu verwundern, daß verschiedene Rücksichten auf die Darstellung eingewirkt haben. Ueber die Vergangenheit Heinrichs von Baiern konnte hier nur mit der äußersten Vorsicht gesprochen werden. Es war nur zu viel in der kaiserlichen Familie vorgefallen, dessen man ungern gedachte. Widukind hatte ohne Scheu davon gesprochen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass einige ihrer Aeußerungen direct gegen sein Geschichtswerk gerichtet sind. Mit der Wahrheit hat sie es hier eben nicht genau genommen: sie oder ihre Berichterstatter, deren abweichenden Angaben über schon fernliegende Dinge sie in gutem Glauben trauen mochte. Daneben aber gab es doch auch sonst des Stoffes noch reichlich genug, und hier hat Hrotsuit nicht nur manches, wie namentlich die Flucht der Kaiserin Adelheid, in hübscher und ansprechender Weise behandelt, sondern sie hat auch geschichtlich wichtige Thatsachen und Umstände aufbewahrt. Gerade die von Widukind vernachlässigten Vorgänge in Italien und die uns leider nicht erhaltene Kaiserkrönung hat sie ausführlich behandelt. Die Familiengeschichte ist ihr die Hauptsache, Schlachten zu schildern weist sie ausdrücklich als ihr nicht zukommend ab. Ausdrücklich hebt sie hervor, daß sie nur wiedergebe, was man ihr berichtet habe, und wie in ihren übrigen Werken, so hält sie sich auch hier ganz genau an den ihr überlieferten Gegenstand, und erlaubt sich nie, ihn der poetischen Darstellung zu Liebe umzugestalten. Die metrische Form bleibt bei ihr nur ein äußerliches Gewand, und wir können daher ihre Erzählung geradezu als Geschichtswerk benutzen. Um so mehr ist es zu bedauern, daß etwa die Hälfte ihres Werkes verloren ist, und zwar gerade die so inhaltreichen Jahre 953-962; nur ein kleines Bruchstück daraus ist vorhanden, und keiner der uns bekannten mittelalterlichen Schriftsteller hat ihr Werk benutzt.
Lange Zeit hat Hrotsuit an der Dichtung, die ihr offenbar große Mühe machte, gearbeitet, denn im Anfang erwähnt sie den 965 gestorbenen Erzbischof Brun noch als lebend. Bruno Zint[2] hat die Ansicht aufgestellt, daß sie, als sie die "Widmungen an Gerberga und an Otto I schrieb, auch die Absicht hatte, ihr Werk in gleich ausführlicher Weise bis zum Schluß zu führen, worauf der Wortlaut allerdings führt; später habe sie, als Otto II ein Exemplar verlangte, die Darstellung der Kaiserzeit aufgegeben und den summarischen Schluß hinzugefügt. In der Zwischenzeit könnte ihr Widukind bekannt geworden sein, der bei der eigentlichen Arbeit ihr nicht vorlag. Dagegen tritt Zint sehr bestimmt für die schon früher aufgestellte Behauptung ein, daß Liudprands Antapodosis ihr bekannt gewesen und von ihr benutzt sei, und bringt dafür sehr erhebliche Gründe bei. Mit den von ihr in der Widmung gebrauchten Ausdrücken läßt sich das wohl vereinigen, da Liudprands Werk doch ganz anderer Art war.
Später behandelte Hrotsuit in ähnlicher Weise auch die Anfänge ihres Klosters und dessen Geschichte bis zum Jahre 919, bis zum Tode der Christina, der letzten von den drei Töchtern Ludolfs, welche nach einander dem Stifte vorstanden[3]. Da diese Dichtungen sich von der Prosa fast nur durch die äußere Form unterscheiden, so lassen sie sich den später so beliebten Reimchroniken vergleichen; sie schließen sich nicht dem Epos Angilberts, sondern den versificirten Annalen des sächsischen Dichters an.
Die Gandersheimer Nonnen sind dem gewöhnlichen Geschick reicher und vornehmer Stifter verfallen; von ihren Studien ist nach diesen vielversprechenden Anfängen ferner nicht die Rede. Ueber den Kirchenstreit, welcher so viel Unruhe erregte, haben wir der Hildesheimer Darstellung eine Gandersheimer nicht gegenüber zu stellen. Von der Aebtissin Sophie (1002-1039), Otto's II Tochter, heißt es zwar noch:
Danken, word unde werk wande se all to gode,
Under der ebtissen or nichteln hode
Lernde se clostertucht unde ok landrecht darto;
De scrift to lernde was se vlitich spade unde vro.
Dat bok secht, dat se so vele wisheit konde,
Dat se ok wolgelarden meistern wedderstunde.
Aber gerade unter ihr scheint die Hoffart dort eingezogen zu sein. Das Buch war wohl sicher von keiner Nonne verfaßt. Es behandelte die Stiftung des Klosters und dessen Geschichte bis zu der Kirchweih von 1007 und der Schenkung von Derneburg, nebst der aufs engste damit verflochtenen, ja an die Pflege des Klosters geknüpften Erhebung des Hauses des Ludolfinger. Im Jahre 993 war das Kloster abgebrannt; nach Beilegung des langen Streites mit dem Erzbischof Willegis wurde der Neubau 1007 durch den Bischof Bernward von Hildesheim eingeweiht, und ohne Zweifel durch diese Vorgänge wurde die Schrift veranlaßt. Von Hrotsuit scheint der Verfasser nichts mehr gewußt zu haben. Dagegen benutzte er Widukind, vorzüglich für die Geschichte des Königs Heinrich, und verband damit eine schon sagenhaft entstellte Ueberlieferung vom Ungernkrieg. Die Aebtissinnen Gerbirg und Sophie werden sehr verherrlicht, aber was von ihnen und ihrem Verhältniß zum Kaiserhaus berichtet wird, trägt schon ein so sagenhaftes Gepräge, daß eine geraume Zeit dazwischen liegen muß. Erhalten ist uns dieses Buch nicht, wohl aber die deutsche Bearbeitung des „papen Eberhart“ von 1216 in wortreicher Reimerei[4].
Merkwürdig ist vorzüglich, daß uns hier, wie es nach der sorgfältigen Untersuchung von Paul Hasse scheint, der erste Anfang jener sagenhaften Ausschmückung der Geschichte entgegentritt, deren wir noch mehrfach zu gedenken haben werden; noch andere Spuren leiten dabei gerade nach Gandersheim, und die Darstellung des Sieges über die Ungern in der von Heinrich von Herford benutzten Sachsenchronik ist mit dem Bericht bei Eberhart verwandt[5].
In der Zeit der Ottonen scheinen auch andere Frauenklöster Sachsens hinter Gandersheim an gelehrter Bildung nicht zurückgeblieben zu sein, wenn auch gerade keine Hrotsuit ihnen einen so hohen Ruhm vor der Welt verlieh, wie Gandersheim. Der Hazecha von Quedlinburg gedachten wir schon oben ([S. 321]). Nicht leicht traten die Nonnen als Schriftstellerinnen auf, aber auch die Bildung der Priester, welche wie Agius dem Stifte nahe standen oder auch dem Kloster selbst angehörten, erlaubt einen vortheilhaften Schluß auf den Zustand der Klosterschule.
Herford hatten wir schon früher ([S. 253]) zu erwähnen wegen der Uebertragung der heiligen Pusinna. Hier ward Hathumod erzogen, und es wird von Agius gerühmt. Hier wurde auch die Königin Mahthild unter der Aufsicht ihrer gleichnamigen Großmutter, der Aebtissin des Klosters, erzogen und unterrichtet. Als Witwe stiftete die Königin das Kloster Nordhausen, und hier wurde im nächsten Jahrzehnt nach ihrem Tode (28. Febr. 968) ihr Leben beschrieben, entweder von einer Nonne des Stiftes oder von einem Priester, der ihr nahe gestanden hatte und von der Aebtissin Ricburg die übrigen Nachrichten erfuhr. An den Kaiser Otto II ist es gerichtet und natürlich ganz panegyrischer Art. Auch die Form ist ungeschickt, aber in dieser Zeit war es noch ein nicht häufiges Verdienst, überhaupt schreiben zu können. Der Inhalt genügt freilich unseren Wünschen bei weitem nicht; die gewöhnlichen Schilderungen klösterlicher Frömmigkeit nehmen den größten Raum ein, und wie Einhard die Worte Suetons benutzt hat, um den Kaiser Karl zu schildern, so finden wir hier ganze Stellen aus Sulpicius Severus und aus dem Leben der Radegunde angewandt. Herzog Heinrich ist von Jaffé entlarvt als der Pamphilus aus Terenz Andria[6]. Das Formelhafte dieser Lobpreisungen tritt dadurch hier noch mehr als sonst hervor, und an einer Stelle ist sogar die Geschichte selbst dadurch sehr wesentlich berührt worden, indem Otto I eine gewaltsame Thronbesteigung zum Vorwurf gemacht wird. Diese Behauptung, welche früher einigen Anstoß erregt hatte, wird nun niemand mehr irren, seitdem Jaffé, der jene fremden Federn überhaupt zuerst entdeckte, hier eine Stelle des Sulpicius Severus nachgewiesen hat, welche den Kaiser Maximus angeht. Seitdem hat nun H. Heerwagen auch noch die Plünderung der Vita S. Gertrudis ans Licht gebracht, und dadurch Koepke's Ansicht von einer Benutzung des Widukind in dieser Biographie die letzte Stütze entzogen. Er hat zugleich auf die zahlreichen Fragmente von Hexametern hingewiesen, welche bedeutende Vertrautheit mit alten Dichtern zeigen, während dagegen der von Loeher angeregte Gedanke an eine ursprünglich metrische Bearbeitung durch die musivische Zusammensetzung mit jenen Plagiaten unmöglich wird[7].
Dennoch gewährt uns diese Schrift einige schätzbare Nachrichten, und es ist deshalb sehr erfreulich, daß R. Koepke sie in einer Göttinger Handschrift entdeckte[8]. Früher kannte man nur eine spätere Ueberarbeitung derselben, deren Verfasser, ebenfalls dem Kloster Nordhausen nahestehend, das Werk stilistisch umformte und manches veränderte, namentlich Heinrich von Baiern, Mahthilds Lieblingssohn, ungebührlich hervorhob, dem Enkel desselben, Heinrich II, zu Liebe, welcher ihm diese Arbeit aufgetragen hatte[9]. Daß hierzu Gumpolds Wenzellegende benutzt war, hat zuerst Loeher bemerkt, der jedoch eine gemeinsame Quelle annahm; R. Koepke hat das richtige Verhältniß festgestellt. Die genaueste und sehr lehrreiche Analyse der ganzen Vita hat aber Heerwagen angestellt. Die Bildung ist inzwischen schon bedeutend mehr clerical geworden; nicht mehr vergilische Anklänge herrschen hier, sondern die kirchliche Reimprosa des Chorgesangs. Der Ausdruck ist geglättet, und die wörtlichen Entlehnungen sind mehr verwaschen, dafür aber andere dazugekommen, und wieder ist es derselbe gelehrte Apparat, vermehrt jedoch durch Sedulius (ep. ad Macedonium), mit welchem auch der Ueberarbeiter wirthschaftet. Recht lebhaft tritt uns hier entgegen, wie frei für kirchliche Zwecke und zur verzierenden Ausschmückung die Ueberlieferung behandelt und wie bereitwillig der Schmeichelei für das regierende Haus die Wahrheit geopfert wird. Den Anspruch auf geschichtliche Glaubwürdigkeit hat diese jüngere Vita vollständig eingebüßt.