Bedeutender als Herford und Nordhausen tritt Quedlinburg hervor, ebenfalls eine Stiftung der Königin Mahthild; die erste Aebtissin (966-999) war ihre Enkelin gleiches Namens, die Tochter Otto's des Großen, welcher Widukind seine Geschichte widmete. Hier wurde die Pfalzgräfin Agnes erzogen, und auch der Bischof Thietmar von Merseburg hat hier seine ersten Jugendjahre verlebt, wie denn häufig in damaliger Zeit zum geistlichen Stande bestimmte Knaben die Anfänge des Unterrichts von den Frauen ihrer Familie erhielten[10]. Wir haben schon oben ([S. 321]) der gelehrten Nonne Hazecha gedacht, von welcher es fast den Anschein hat, als ob sie der Studien wegen sich in Speier aufgehalten habe.

Die bedeutende Stellung, welche die Aebtissin von Quedlinburg im Reiche einnahm, besonders als Otto III ihr während seines Römerzuges die Verwaltung der Geschäfte übertrug, konnte nicht fehlen, hier das Bedürfniß nach geschichtlichen Aufzeichnungen hervorzurufen, so wie an Nachrichten hier kein Mangel sein konnte.

Verschiedene Jahrbücher hatte man zu diesem Zwecke zur Verfügung; als bequemste Grundlage aber erwählte man die Hersfelder Annalen. Diese sind uns in ihrer ursprünglichen Gestalt nicht erhalten, aber, während locale Nachrichten die Herkunft feststellen, durch wörtliche Uebereinstimmung als gemeinsame Quelle zu erkennen bei dem Hersfelder Mönch Lambert, in den Annalen von Hildesheim, Quedlinburg und Weißenburg, welche deshalb von Pertz bis 984 neben einander abgedruckt sind[11]. Als fünftes Exemplar kommen die sog. Annalen von Ottobeuern hinzu, welche hessischer Herkunft sind; als sechstes die Altaicher. In den Annalen von Fulda (S. Bonifacii), Lobbes, Ellwangen, Münster im Gregorienthal, bei Marianus Scotus, beschränkt sich die Uebereinstimmung auf den fast werthlosen älteren Theil und wird nur auf Benutzung derselben Fulder Grundlage beruhen, deren wir oben ([S. 241]) gedachten.

Wie man nun auf Grundlage dieser Compilation, nebst einigen Notizen aus älterer Zeit, die am Rande der Ostertafel vorhanden sein mochten, sie fortsetzend das so weit verbreitete Annalenwerk aufgebaut hat, das ist eine schwierige Frage, welche den Scharfsinn mehrerer Forscher beschäftigt hat, unter denen ich nur Ehrenfeuchter in seiner Dissertation über die Annalen von Nieder-Altaich (1870) nenne. Genaueren Nachweis findet man in den gründlichen und sorgfältigen Untersuchungen von Hermann Lorenz[12] und Friedrich Kurze[13]. Begonnen sind sie nach diesem kaum vor 955 und im Anfang aus den Annalen von Corvey, Regino und dessen Fortsetzung geschöpft, sehr dürftig, doch finden sich hin und wieder, und besonders um die Mitte des zehnten Jahrhunderts, neben localen Notizen auch nicht unwichtige Nachrichten; von 960 bis 973 ist die Erzählung gleichzeitig und ausführlicher als vorher.

So weit stimmen alle Ableitungen überein, doch ist unverkennbar, daß den Hildesheimer und Quedlinburger Jahrbüchern die vollständige Urform, den übrigen Ableitungen eine abgekürzte Form zu Grunde liegt.

Von hier an nahm man bisher zwei ganz verschiedene Fortsetzungen an, eine in Hersfeld geschriebene bis 984, und eine davon verschiedene Hildesheimer, allein F. Kurze hält beide für identisch und hat (S. 13-25) den Versuch gemacht, den gemeinsamen Ursprung der Nachrichten nachzuweisen, welche in diesem Theile besonders ausführlich und werthvoll, auch in den Altaicher Annalen am besten, wenn auch stilistisch aufgeputzt, uns erhalten sind. Hier endeten die originalen Hersfelder Aufzeichnungen, vielleicht, wie Kurze vermuthet, in Folge von des Abtes Gozbert (970-984) Rücktritt. Von ihm rühmt Lambert in seiner Geschichte von Hersfeld, daß er das Stift mit vielen Büchern bereichert habe, und schildert dann die Verwilderung unter seinem Nachfolger. Dagegen beginnen jetzt die Hildesheimer Eintragungen, welche um 1040 von einem Hersfelder Epitomator in einen Auszug gebracht, den originalen Annalen angehängt, und mit ihnen von Lambert und den Urhebern der Altaicher und Ottobeuerer Annalen benutzt sind.

Außer diesen Annalen sind in Hersfeld auch im Anfang der Regierung Otto's I Wunder des h. Wigbert aufgezeichnet worden, welche für Heinrichs I Zeit einige Bedeutung haben[14].

Jene Annalen nun wurden in Quedlinburg als Grundlage einer Compilation benutzt, welche durch andere Materialien aus den Einhardschen Annalen, den Corveyer und Reichenauer, Notizen aus Gandersheim und von 781 an aus einer verlorenen Halberstädter Chronik vermehrt und bereichert wurden[15]; den Eingang bildete hier, wie bei Lambert, ein mageres Excerpt der Weltgeschichte, welche am Anfang der Hersfelder Annalen stand: von 708 an beginnt erst die annalistische Form. So wurde, als Heinrich II schon König war und Otto's III Schwester Adalheid dem Stifte vorstand, eine Compilation verfertigt, welche unter dem Namen Quedlinburger Annalen noch zum Theil erhalten ist[16].

Der Verfasser wird einer der zahlreichen Geistlichen gewesen sein, welche den Gottesdienst versahen oder als Kapläne der Aebtissin zur Seite standen. Ihm lagen, als er seine Arbeit unternahm, die Thaten der Frankenkönige und Einhards Leben Karls vor; auch Widukinds Werk kann ihm nicht unbekannt gewesen sein. Allein er machte keinen Versuch, nach der Weise dieser Vorgänger die Geschichte der Vorzeit darzustellen, sondern schloß sich einfach der bequemen Form der Hersfelder Annalen an, von welchen er ein Exemplar mit der Fortsetzung bis 990 besaß. Diese excerpirte er in sehr roher Weise, und vermehrte sie wiederum mit zahlreichen Zusätzen, aber es kam ihm doch nicht in den Sinn, auch eine innerliche Verknüpfung zu erstreben.

Auch hier finden wir Stücke aus der alten Heldensage, die zum Theil mit Widukinds Erzählung übereinstimmen, aber sie sind hier nur ganz äußerlich eingeschoben. Es fällt darunter vorzüglich (S. 31) eine Bemerkung über Dietrich von Bern auf, de quo cantabant rustici olim, was zum elften Jahrhundert schlecht paßt, und eine lange Erzählung vom Thüringerkriege, welche ganz aus dem Charakter des übrigen Werkes heraustritt. Hiervon hat nun L. Hoffmann[17] nachgewiesen, daß weder Ekkehard noch der Sächsische Annalist und Chronograph sie in ihrem Exemplar gelesen haben, daß dagegen der Verfasser des Chronicon ducum Brunsvicensium sie gekannt hat. Wenn nun, wie man vermuthet, dieser sie aus den Nienburger Annalen entnommen hat, so muß sie im 12. Jahrhundert vorhanden gewesen sein. Aber zum ursprünglichen Werke gehört sie nicht, und die Bemerkung über Thiderik von Berne ist ein noch viel späterer Zusatz[18].