Gewiß fehlte es in Quedlinburg nicht an Hülfsmitteln, um besseres zu leisten, aber vielleicht eben deshalb und weil der Verfasser gar nicht daran dachte, die ausführlicheren Werke über die Vorzeit durch das seinige ersetzen zu wollen, begnügte er sich mit dem dürftigsten annalistischen Gerippe, welches ihm diente, um nach Bedürfniß hier und da Bemerkungen und Zusätze einzutragen. Mit Heinrichs I Zeit werden die selbständigen Eintragungen häufiger[19], durchweg panegyrisch für die Ludolfinger; nach einer Lücke von 961-983, die sich aus dem späteren sächsischen Chronographen zum Theil ergänzen läßt, finden wir den Verfasser schon 993 als Augenzeugen redend, und von da an beginnt nun eine sehr ausführliche Geschichtserzählung, die von Jahr zu Jahr fortschreitet, und wenn nicht immer gleichzeitig, so doch nicht sehr fern von den Ereignissen aufgezeichnet ist. Von 1004 an tritt eine lebhafte Abneigung gegen Heinrich II hervor, welche sich vorzüglich an seine rücksichtslose Klosterreform anknüpft; noch bis in den Anfang von 1016 scheint dieselbe völlig gleichzeitige Hand kenntlich zu sein. Der weitere Fortsetzer aber ist ein eifriger Bewunderer des Kaisers; die nächsten Jahre sind weit kürzer und nicht fehlerfrei, wohl nachträglich ergänzt von demselben, welcher 1020 mit breitem pomphaften Redefluß fortfährt[20].
Vieles erinnert in diesen Jahrbüchern an die alten Reichsannalen, allein es fehlt doch die gleichmäßige Einheit, es fehlt auch der umfassende Ueberblick über das ganze Reich. Wenn man auch die Beziehung der fürstlichen Aebtissin zum Kaiserhofe wahrnimmt an der zuverlässigen Kunde von entfernten Ereignissen, so überwiegt doch das Interesse für die nähere Umgebung, namentlich die Kämpfe mit den Slaven, und die unbedeutendsten localen Vorfälle treten ohne Unterscheidung zwischen die großen geschichtlichen Begebenheiten. Zugleich artet die Sprache häufig in unerträgliche Schwülstigkeit aus, wodurch vollends alles Ebenmaß verloren geht. Doch müssen wir diese Jahrbücher zu den bedeutenderen Erscheinungen der Historiographie zählen, und sachlich sind sie vom höchsten Werthe, ihr plötzliches Abbrechen mit dem Jahre 1025 läßt eine sehr empfindliche Lücke zurück. Ob sie viel weiter gereicht haben, ist sehr zweifelhaft[21]; uns ist nur eine Abschrift aus später Zeit erhalten, und der gänzliche Verlust, der hier so leicht erfolgen konnte, legt den Gedanken nahe, wie manche andere Aufzeichnung der Art spurlos verschwunden sein mag. Namentlich läßt sich das mit Sicherheit von Halberstadt annehmen, wo gewiß auch geschichtliches geschrieben wurde. Hier war 840 bis 853 Haimo Bischof, ein Schüler Alcuins, Hrabans Freund, ein sehr gelehrter und fruchtbarer theologischer Schriftsteller, der unter anderm aus Rufins Kirchengeschichte einen Auszug in zehn Büchern verfaßte; doch ist es zweifelhaft, ob diese Schriften ihm mit Recht zugeschrieben werden[22]. Von ihm gab es eine Biographie, aber leider ist nur ein kleines Fragment davon erhalten[23]. Der Verfasser, Rochus, war jedoch Mönch im Kloster Ilsenburg, welches erst 998 gegründet ist, und schrieb also mindestens anderthalb Jahrhunderte nach dem Tode des Bischofs. Auf den wegen seiner Frömmigkeit sehr verehrten Bischof Bernhard (924 bis 968) folgte (968 bis 996) Hildeward, welcher in St. Gallen höhere wissenschaftliche Ausbildung erhalten hatte. Wir besitzen von ihm einen Brief an den Bischof Adalbero II von Metz (984 bis 1005)[24], worin er, eingedenk der mit seinem Vorfahr Dietrich geschlossenen Verbrüderung, ihm ein Buch, um welches er gebeten hatte, überläßt, zugleich aber bittet um ein Theilchen von dem Blute des h. Stephan, und um Reliquien der h. Glodesinde „quatenus pietas divina, quae aliis in Gallia Hunorum devastatione pereuntibus vestram horum interventu civitatem protexit, nos etiam eorundem precibus a prevalidis Sclavorum, quibus undique premimur, infestationibus omnibusque periculis liberare dignetur“. Beide Kirchen verehrten den h. Stephan als ihren Schutzpatron.
Unter diesem Bischof nun ist nach Weilands Forschungen eine Bisthumschronik geschrieben, welche schon Thietmar benutzt hat, da er vielfach nach Jahren der Halberstädter Bischöfe rechnet; auch in den Quedlinburger Annalen soll sie schon benutzt sein. Diese Chronik wurde bis 1140 fortgesetzt, bis 1113 vom Annalista Saxo benutzt. Andere Fortsetzungen folgten; erweitert durch Benutzung von Thietmar, Ekkehard u. a. wurde sie 1209 in den Auszug gebracht, welcher allein uns erhalten ist[25].
Hildewards Nachfolger Arnold oder Arnulf (996 bis 1023) weihte die angeblich von Heinrich II aus Liebe zu dem Einsiedler Wanlef erbaute Stephanskirche zu Wanlefsrode, welche später als Probstei an das nahe Ilsenburg kam[26]. Von ihm besitzen wir einen ausführlichen, vortrefflich geschriebenen Brief, durch welchen er im J. 1007 den Bischof Heinrich von Würzburg zu bestimmen suchte, sich die Stiftung von Bamberg gefallen zu lassen[27].
Zu nennen ist von anderen sächsischen Klöstern nur noch Werden an der Ruhr, wo Uffing außer einigen Versen zum Preise des h. Liudger und seines Klosters auch das schon oben ([S. 253]) erwähnte Leben der h. Ida zwischen den Jahren 980 und 983 verfaßte.
[1] Hrotsuithae Carmen de gestis Oddonis I imperatoris ed. Pertz, MG. SS. IV, 317-335. Die Werke der Hrotsvitha, herausgegeben von Dr. K. A. Barack (mit Verbesserungen aus der Pommersfelder Handschrift), Nürnb. 1858. Uebersetzung der beiden historischen Gedichte von Pfund, 1860; Geschichtschr. 2. Ausg. 1888, Bd. 32 (X, 5). Vgl. W. Giesebrecht, Gesch. d. Kaiserzeit I, 780; Maurenbrecher S. 57-62; R. Koepke, Hrotsuit von Gandersheim, (Ott. Studien II) 1869 mit Facs. der Handschrift. Auf der Rückseite des letzten Blattes ist nach C. Hoefler altglagolitische Schrift, was in St. Emmeram nicht auffallen kann; Pfeiffers Germania XV, 194. Vgl. über das Verhältniß zu Widukind die oben S. 328 angeführten Aufsätze von Waitz. Aschbachs Angriffe gegen die Echtheit der Werke bedürfen kaum der Erwähnung; Koepke hat endgültig damit aufgeräumt, wenn auch A. selbst in seinem neuesten Werke es nicht zugeben wollte. Hugo Graf von Walderdorff hat in den Verhandlungen d. hist. V. v. Oberpfalz u. Regensb. XXIX, 16 die Inhaltsangabe der Handschrift aus dem Catalog der Bibl. v. St. Emm. von 1500 mitgetheilt, die wohl schon vor der Verleihung an Celtis geschrieben war. — M. Haupt im Hermes VII, 189 zeigt, daß Hrotsuit den Plautus nicht gekannt hat. Nach Günther, Gesch. d. math. Unterrichts (1887) S. 83 ff. kannte sie Boethius de arithmetica.
[2] Bruno Zint: Ueber Roswitha's Carmen de gestis Oddonis, Königsb. Diss. 1875.
[3] De primordiis coenobii Gandersheimensis. MG. SS. IV, 306-317. Die nach einer von Waitz, Arch. VIII, 266, angef. Notiz in Koburg befindliche Copie habe ich dort vergeblich gesucht, dagegen ein altes Verzeichniß des Gandersheimer Kirchenschatzes gefunden und im Anz. d. Germ. Mus. XX, 345-347 mitgetheilt.
[4] Eberhards Reimchronik von Gandersheim, neue Ausg. von L. Weiland, MG. Deutsche Chroniken II, 385-429. Vgl. P. Hasse: Die Reimchronik des Eberhard von Gandersheim, Diss. Gott. 1872.