Bei weitem das bedeutendste Werk für die Geschichte dieser Zeit ist die Fortsetzung der Klosterchronik von St. Gallen, deren wir schon oben ([S. 268]) gedachten, und die uns das anschaulichste und lebendigste Bild gewährt von einem schön und reich entwickelten Klosterleben, dessen Mittelpunkt die Schule ist. Hartmann, der gelehrte Nachfolger (922-924) des Abtbischofs Salomon, hat über die Geschichte seiner Zeit ein Buch hinterlassen, welches uns leider verloren ist[10]. Ein Jahrhundert lang scheint darauf diese Aufgabe unbeachtet geblieben zu sein, bis Ekkehard (IV) die Arbeit unternahm, ein Schüler Notkers des Deutschen, des bedeutendsten Sanctgaller Lehrers, an dessen Sterbebett er am 29. Juni 1022 stand; dann ging er, wohl von Aribo berufen, nach Mainz, wo er der Schule vorstand. Auch Trier scheint er aus eigener Anschauung gekannt zu haben[11]. Nach Aribo's Tod (6. April 1031) scheint er heimgekehrt zu sein, und unter den Glossen, mit welchen er viele Handschriften des Klosters versah, findet sich noch der Tod des Pabstes Victor (28. Juli 1057) erwähnt, den nach seiner Meinung ein Abt vergiftet hatte. Für seinen Lehrer Notker[12] hat Ekkehard eine große Menge metrischer Uebungen (dictamina) verfertigt, die, verkünstelt und geschmacklos, wie sie meistens sind, doch von diesem der Aufbewahrung werth erachtet wurden; andere fügte er später aus eigenem Antrieb hinzu, die zum Theil an seinen Bruder Immo, Abt von Münster im Gregorienthal, gerichtet sind. Die im Cod. 393 noch jetzt erhaltene Sammlung unter dem Titel liber benedictionum stellte er zusammen auf Anregung des Staveloter Mönchs Johannes, Neffen des Abtes Poppo, der in St. Maximin Abt wurde und am 11. Juli 1035 gestorben ist[13]. Auf den Wunsch des Abtes Purchard II (1001-1022), der ein eifriger Beförderer der lateinischen Dichtkunst war[14], machte er Verse zu den Bildern aus dem Leben des h. Gallus, welche Abt Immo (975-984) im Kloster hatte malen lassen. Ebenso dichtete er in Mainz auf Aribo's Wunsch Unterschriften zu den Gemälden des Doms[15], und überarbeitete den Waltharius des älteren Ekkehard (I † 973), den dieser für seinen Lehrer Gerald in Verse gebracht, Gerald dem Bischof Erchambold von Straßburg gewidmet hatte[16].

In St. Gallen war inzwischen eine große Veränderung eingetreten. Von Stablo kam als Abt Norbert (1034-1072), um die strengere französische Zucht des Abtes Poppo einzuführen, unter lebhaftem Widerstreben der alten Mönche. Ekkehard war, trotz seiner Freundschaft mit Johannes, ebenso heftig gegen diese Neuerer erbittert, wie jener Priester Egebert (oben [S. 389]), und die Störung der Verhältnisse, die Vernichtung der alten Harmonie und wohl auch der alten mehr profanen Studien, welche von nun an in St. Gallen verschwinden, mögen ihn vorzüglich veranlaßt haben, die Klosterchronik fortzusetzen und das Andenken der guten alten Zeit zu retten. Mit der anziehendsten Ausführlichkeit erzählt er von dieser, mit einer reichen Fülle von einzelnen Zügen, die uns ganz in das Innerste des Klosters einführen; er schildert die Schicksale desselben, die Thätigkeit der verschiedenen Lehrer und ihr Leben mit einander; aber freilich hatte er dafür keine andere Quelle als das Gedächtniß an eine schon sehr fern liegende Vergangenheit, an Erzählungen, die er in seiner Kindheit gehört hatte. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sich ihm in den Einzelheiten vielfache Irrthümer nachweisen lassen; die kulturgeschichtliche Bedeutung der Schilderung wird aber dadurch wenig gemindert, Ton und Färbung des Bildes werden wir als wahrhaft anerkennen können, wenn auch die Umrisse einzelner Gestalten täuschen, die gute alte Zeit zu sehr verherrlicht ist. Leider hat Ekkehard sein Werk nur bis zum Jahre 971 geführt, und weit über ein Jahrhundert verging nach ihm, bevor man wieder an die weitere Fortsetzung dachte.

Schätzbar durch Nachrichten über den verheerenden Einfall der Ungern im Jahre 926 ist die sonst nicht bedeutende Lebensbeschreibung der Klausnerin Wiborada, von dem Sanctgaller Mönche Hartmann erst gegen das Ende des Jahrhunderts verfaßt[17].

Das Kloster Reichenau erhält eine besondere Bedeutung dadurch, daß es an der Hauptstraße nach Italien lag. Bischöfe von Verona haben hier Kirchen gestiftet; griechische und italienische Pilger und Reisende werden erwähnt, und auch Irländer und Isländer lassen sich hier nachweisen. Durch Nachrichten dieser Art verdienen die Wunder des h. Marcus Berücksichtigung, dessen Reliquien angeblich 830 von Venedig nach Reichenau gebracht sein sollten. Die schon damals vielfach lautgewordenen Zweifel an der Echtheit der Reliquien veranlaßten natürlich eine um so viel größere Zahl von Wundern, und auch die Abfassung eines apologetischen Berichtes darüber, welcher noch unter Heinrich I oder gleich nach seinem Tode geschrieben ist[18]. Eine andere Reliquie, die als eine besondere Kostbarkeit betrachtet wurde, war ein Kreuz mit dem Blute Christi, das durch einen Araber Hassan an Karl gebracht sein sollte und 925 nach Reichenau geschenkt wurde. Neben vielem fabelhaften, das aber für die Sagengeschichte nicht unwichtig ist, enthält die darüber verfaßte Schrift doch auch einige geschichtliche Nachrichten[19]. Aehnlicher Art sind auch die im Anfange des elften Jahrhunderts in Zurzach beschriebenen Wunder der h. Verena[20]. Den Abt Liutharius, sonst Liuthard genannt (926-934), feiern einige Verse wegen runder Fenster, durch welche er Licht in ein dunkles Gemach gebracht hatte[21]. Ihm schreibt Stephan Beissel das dem Augustus Otto dargebrachte schön geschmückte Evangeliar zu, welches später dem Dom zu Aachen gewidmet ist[22].

Von mehr geschichtlichem Inhalt ist ein Gedicht zu Ehren des Abtes Witigowo (985-997), von Purchard im Jahre 994 nicht ohne Geschmack und Kunstfertigkeit verfaßt. Er läßt darin die Augia selbst auftreten, trostlos über die häufige Abwesenheit des Abtes, der bald am kaiserlichen Hofe weilt, bald die Stiftsgüter mit Kirchen schmückt; ausführlich berichtet sie von seinen Verdiensten, namentlich dem Neubau des Klosters. Ein Nachtrag vom Jahre 996 berührt die Theilnahme des Abtes an Otto's III Römerzuge[23]. Er brachte Reliquien und Privilegien mit; dann aber scheint es ihm nicht anders ergangen zu sein als dem Abt Ratgar von Fulda: er wurde abgesetzt[24]. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß durch die Bauten die Zucht gelockert und dadurch die folgende Katastrophe herbeigeführt wurde.

Im Jahre 1006 nöthigte nämlich Heinrich II den Mönchen wider ihren Willen den Abt Immo auf, welcher schon den Klöstern Gorze und Prüm vorstand, und die strenge lothringische Zucht mit großer Härte den Mönchen aufzudrängen versuchte, was viele von diesen zur Flucht veranlaßte und dem Kloster großen Schaden that. Davon hat der Mönch Rudpert in Prosa und in Versen berichtet[25], sein Werk ist aber verloren. Nach zwei Jahren erlöste der König Reichenau von seinem Zuchtmeister und gab ihnen Bern aus dem Kloster Prüm zum Abte, welcher den früheren blühenden Zustand wieder herstellte[26].

Diese beiden großen Klöster scheinen alles an sich gezogen zu haben, was an litterarischer Thätigkeit noch vorhanden war; Constanz, so sehr es durch bedeutende Bischöfe ausgezeichnet war, tritt litterarisch gar nicht hervor, denn Salomo III, dessen Formelbuch und Gedichte oben ([S. 274]) erwähnt wurden, gehört ganz dem Kloster St. Gallen an, welchem er seine Bildung verdankte und in dem sein Andenken immer fortlebte. Von dem Bischof Conrad (934-976) giebt es freilich eine Biographie[27]; sie ist aber erst 150 Jahre nach seinem Tode geschrieben und von geringem Werthe. Das Leben des Bischofs Gebehard II (980-995) ist ebenfalls erst viel später, im zwölften Jahrhundert, in seiner Stiftung Petershausen verfaßt; es enthält einige merkwürdige Nachrichten über den Bau des Klosters[28].

Wir haben schon gesehen, wie St. Gallen auch in die Ferne wirkte durch seinen Probst Notker, der 972 Bischof von Lüttich wurde; zwei Ekkeharde gingen von dort nach Mainz. Mit Weißenburg im Elsaß war vielfacher Verkehr und auch mit Straßburg, besonders unter dem Bischof Erchenbald (965-991). Dieser, welcher durch die Gunst des zweiten und dritten Otto zuerst wirklich Herr in seiner Stadt wurde, war wissenschaftlich gebildet, machte selbst Verse und nahm sich eifrigst der Bibliothek an, für welche er Abschriften machen ließ. Wimpheling hat noch Aufzeichnungen aus seiner Zeit gehabt, welche später verloren sind[29]. Er ist es auch ohne Zweifel gewesen, dem der Waltharius überreicht wurde[30]. Zur Zeit des Abtes Burchard (958-971) berief er, wie Ekkehard erzählt, den Sanctgaller Mönch Victor, einen fähigen und gelehrten, aber unruhigen Mann von vornehmer Abkunft nach Straßburg, wo er mit Erfolg als Lehrer wirkte[31]. Nach dem Tode des Bischofs zog der in früherer Zeit geblendete Victor sich als Eremit in die Einsamkeit zurück. Erchenbald aber hat auch selbst einige Verse über seine Vorfahren im Bisthum verfaßt[32]. Andererseits wirkte auch Frankreich auf Straßburg ein; auch Constantius, der berühmte Scholaster von Luxeuil, hat hier gelehrt[33].

Aus der Klosterschule von St. Gallen aber, wo ein großer Theil der jungen vornehmen, zu hohen Kirchenämtern bestimmten Geistlichkeit erzogen wurde, ging auch der ausgezeichnetste Bischof hervor, den Alamannien in der Ottonischen Zeit besessen hat, Udalrich aus dem Hause der Grafen von Dilingen[34], der von 924-973 dem Sprengel von Augsburg vorstand und ein segensreiches Andenken hinterlassen hat[35]. Ohne Zweifel würde er hier eine reiche Entfaltung geistiger Thätigkeit hervorgerufen haben, wenn nicht die schweren Zeiten, welche Ludolfs Aufstand und der Ungernkrieg über Stadt und Sprengel brachten, seine Wirksamkeit gehemmt hätten. Die Folgen dieser Ereignisse sind gewiß noch lange fühlbar gewesen; doch finden wir zu Bischof Liutolds Zeit (989-996) in einem Briefe des Wigo von Feuchtwangen[36] den blühenden Zustand der Augsburger Schule gerühmt, und zugleich zeigen uns diese zufällig erhaltenen Briefe ein lebhaftes litterarisches Streben in dem Kloster Feuchtwangen, im nördlichsten Winkel des Augsburger Bisthums. Wir dürfen daraus wohl den Schluß ziehen, daß noch an vielen Orten eifrig gelehrt und gelernt wurde, ohne daß uns eine Nachricht aufbewahrt ist, daß auch vieles geschrieben worden ist, was später unbeachtet zu Grunde ging. Ueber S. Ulrichs segensreiche Wirksamkeit aber ist uns glücklicherweise ein reichhaltiger und vortrefflicher Bericht zugekommen, dessen Verfasser, der Priester Gerhard, ein jüngerer Zeitgenosse des Bischofs, zugleich durch seine gute Schreibart und Darstellung den gesegneten Erfolg von Udalrichs Bestrebungen bezeugt. Die außerordentlich angesehene Stellung dieses Bischofs, sein Einfluß bei Hofe, die mannhafte Vertheidigung seiner Stadt und seines Sprengels gegen die Aufrührer und gegen die Ungern geben seiner Biographie eine besondere Wichtigkeit und stellen sie dem Leben des Erzbischofs Brun zur Seite; doch ist die Sprache sehr gesucht und oft ganz fehlerhaft, griechische und deutsche Worte werden eingemischt. Auch die Zeit seines Nachfolgers Heinrich (973-982) zog Gerhard in seine Darstellung[37]. Liutold oder Ludolf bewirkte 993 die Canonisation S. Ulrichs, das erste Beispiel eines solchen Actes, und von da an wurde das Leben desselben immer von neuem, später auch in deutscher Sprache überarbeitet; schon Bischof Gebhard (996-999), früher Abt von Ellwangen, dem die Zeitgenossen hohes Lob zollen, machte den Anfang damit, aber geschichtlichen Werth hat nur das ursprüngliche Werk. Lehrreich sind diese Bearbeitungen nur, insofern man darin recht deutlich sehen kann, wie das geschichtliche Element sich immer mehr verliert und dafür der rhetorische Schmuck, die herkömmlichen Phrasen überhand nehmen, bis nur noch eine gewöhnliche mit Wundern überladene Legende übrig bleibt[38].