Die Reihenfolge der Quellen ist chronologisch, und zwar in zweifacher Weise, zuerst nach den angegebenen größeren Perioden und dann wieder innerhalb der kleineren Abtheilungen. In einer solchen Periode werden nämlich zuerst die Annalen gegeben, streng nach Jahren geordnete, oft gleichzeitige, in der Regel kurze Aufzeichnungen[19]. Darauf folgen die Chroniken und Geschichten, welche zum Theil noch die annalistische Form beibehalten, doch nur als äußere Gestalt, denn sie sind meistens nicht gleichzeitig und unterbrochen, sondern zusammenhängend, im Rückblick auf einen größeren Zeitraum aufgezeichnet, und versuchen, über die bloße Aufzeichnung der Thatsachen hinausgehend, deren pragmatische Verbindung und innere Entwicklung nachzuweisen. Den allgemeineren Werken dieser Art schließen sich die Localchroniken an, deren wir aus der älteren Zeit manche von Klöstern und Bisthümern besitzen, während später die Chroniken der Länder und Städte beginnen, und allmählich ganz das Uebergewicht gewinnen. Den Schluß bilden die Biographieen und kleineren Erzählungen verschiedener Art, welche nebst den Localchroniken in das lebendige Treiben der Zeit einführen, und denen wir größtentheils das Fleisch und Blut zu dem chronologischen Gerüste der Annalen verdanken.

Es versteht sich von selbst, daß diese Gattungen durch keine scharfe Grenzen gesondert sind, und manches Stück so sehr in der Mitte steht, daß es nur nach zufälligen Umständen hier oder dort seine Stelle findet.

Innerhalb dieser Kategorieen ist die Anordnung wiederum chronologisch, nach dem Endjahr, doch wird dieser Grundsatz nicht pedantisch durchgeführt, sondern durch mancherlei Rücksichten beeinträchtigt. Nicht nur wird nachträglich mitgetheilt, was während der Arbeit neu entdeckt wird, sondern es bleibt auch oft das gleichartige zusammen. Namentlich wird die Fortsetzung nicht vom Hauptwerk getrennt, wenn sie nicht ganz selbständiger Art ist. So sind die Casus S. Galli bis 1233 beisammen geblieben, und Sigebert mit seinen Fortsetzern, so auch Cosmas und die österreichischen wie die schwäbischen Annalen.

Dom Bouquet und seine ersten Fortsetzer haben das entgegengesetzte Princip verfolgt. Sie gaben zu jeder Periode alles darauf bezügliche aus allen Schriftstellern, wodurch scheinbar ein großer Vortheil für den Geschichtschreiber erreicht wird, da er seinen ganzen Stoff übersichtlich vor Augen hat. Dagegen aber wird es ihm außerordentlich schwer, ein kritisches Urtheil über die Quellen zu gewinnen, weil er sie nirgends vollständig beisammen hat; und doch kommt bei der geschichtlichen Forschung gerade darauf so viel an: es ist wenig damit gewonnen, die Worte einer historischen Nachricht zu haben, wenn man nicht weiß, wie viel Glauben der Schriftsteller verdient, und wie die ganze Art und Weise seiner Auffassung und Darstellung beschaffen ist.

Während nun bei Bouquet z. B. der Sigebert in viele Bände vertheilt ist, bleibt in den Mon. Germ. jeder Schriftsteller so viel wie möglich in seiner Integrität; man hat auch nicht, wie Stenzel früher vorschlug, dasjenige weggelassen, was der Verfasser nur aus anderen bekannten Quellen entlehnt hat; sondern man hat es wenigstens bei den bedeutenderen Schriftstellern vorgezogen, diese Theile nur durch kleineren Druck kenntlich zu machen, weil es für uns auch von Wichtigkeit ist zu wissen, wie die Schriftsteller der Zeit die Vergangenheit behandelten, aus welchen abgeleiteten Quellen die Folgezeit ihre Kenntniß schöpfte, und wie auf diese Weise die Kunde der Geschichte allmählich verengt und entstellt wurde. So hat z. B. die Chronik des Martin von Troppau fast gar keinen eigenen Werth, aber sein Compendium der Pabst-und Kaisergeschichte ist nichtsdestoweniger sehr wichtig, weil es Jahrhunderte lang die Hauptquelle der Geschichtskenntniß blieb.

In manchen Fällen jedoch war es nicht rathsam oder thunlich, die ganzen Werke aufzunehmen, und dann hat man sich auf Auszüge beschränkt; wenn nämlich die Hauptmasse der deutschen Geschichte fern liegt, fremde Länder oder zu entlegene Zeiten betrifft, wenn zwischen theologischen und anderen Betrachtungen sich nur vereinzelt geschichtliche Nachrichten finden, oder wenn eine wüste Compilation vorlag, welche keinen Anspruch darauf machen kann, als litterarisches Erzeugniß behandelt zu werden. Deutsche Hauptschriftsteller dagegen, welche durch ihre ganze Persönlichkeit bedeutend sind, haben ein wohlbegründetes Recht darauf, in ihrer ganzen Individualität aufgefaßt zu werden, und Männern wie Otto von Freising darf man ihre Werke nicht verstümmeln[20].

Von auswärtigen Geschichtsquellen sind von Anfang an nicht selten Auszüge mitgetheilt; in der Periode der Staufer haben diese einen sehr großen Umfang gewonnen. Es bedarf zu ihrer Bearbeitung einer sehr großen Arbeit voll Selbstverleugnung, da gewöhnlich zur Gewinnung der Auszüge das ganze Werk kritisch untersucht werden mußte. Für die Benutzung aber ist bei der oft schwierigen Zugänglichkeit der Ausgaben diese Zusammenstellung eine große Wohlthat, und ein gegen dieses ganze Verfahren gerichteter Angriff hat deshalb von vielen Seiten eine scharfe Zurückweisung hervorgerufen; es genügt hier, auf die Schrift von O. Holder-Egger zu verweisen: „Die Monumenta Germaniae und ihr neuester Kritiker“ (Hann. 1888).

Von manchen der bedeutenderen Quellen sind nun neben der großen Sammlung auch Octavausgaben veranstaltet, ursprünglich ohne den kritischen Apparat, jetzt aber mit demselben. Auch werden in dieser Form neue Ausgaben veranstaltet und einzelne ferner liegende Quellen vorläufig mitgetheilt.

Ueber diesen ganzen reichhaltigen, aber wegen verschiedener Umstände nicht systematisch geordneten und schwer zu übersehenden Inhalt gewährt jetzt ein ungemein dankenswerthes Repertorium die vortrefflichste Uebersicht, gemeinschaftlich verfasst von O. Holder-Egger und K. Zeumer[21].

Sehr zu rathen ist, die wichtigeren, jetzt so leicht zugänglich gemachten Quellenschriften auch wirklich zu lesen, weil das bloße Nachschlagen und Benutzen einzelner Stellen zu so vielen Irrthümern und Mißverständnissen Anlaß giebt, und nur das Lesen im Zusammenhang die richtige Anschauung gewährt; nur dadurch gewinnt man ein lebendiges Bild von den einzelnen Schriftstellern, wie von der ganzen Zeit und der damals herrschenden Art der Anschauung und Auffassung.