Doch noch eines Mannes haben wir zu gedenken, der allein mehr gewirkt hat, als die meisten Vereine, und von dem sich der anregendste lebendigste Einfluß nach allen Seiten verbreitete. J. F. Böhmer, Bibliothekar in Frankfurt a. M. und mit Pertz Director der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde[3], hatte anfangs die Redaction der Abtheilung der Kaiserurkunden übernommen, diese aber später wieder aufgegeben, und sich auf die ursprünglich als Vorarbeit dafür begonnenen Regesten beschränkt. Diese haben in den neueren Bearbeitungen immer weitere Ausdehnung erhalten; die kurzen Urkundenauszüge sind vollständiger geworden und durch Auszüge aus den Geschichtschreibern und Annalen in Verbindung gebracht; das ganze historische Material einer Periode wird dem Geschichtsforscher geordnet vor Augen gelegt und in den Einleitungen die Quellen besprochen und gewürdigt. Der zuerst erschienene Theil, von 919 bis 1197, bedurfte begreiflicher Weise auch zuerst der Berichtigung und Ergänzung. Diese Aufgabe stellte sich K. F. Stumpf in seinem Werke: „Die Reichskanzler vornehmlich des X., XI. u. XII. Jahrhunderts“, dessen Abschluss J. Ficker nach dem frühen Tode des Verfassers in der Weise besorgte, daß durch Aufnahme von Böhmers Citaten das Buch selbständig geworden ist und man der alten Regesten nicht mehr bedarf. Außerdem aber ist eine Neubearbeitung des ganzen Regestenwerkes in erweiterter Form in Angriff genommen, wovon die Regesten der Karolinger von Engelbert Mühlbacher, und die der Staufer von 1198 bis 1272, von Ficker, ihrer Vollendung entgegen gehen.

Neben dieser, für die historischen Studien unendlich fruchtreichen Arbeit wurde Böhmer durch die Verwahrlosung der späteren Chroniken und den Besitz an reichem, aus Handschriften gewonnenem Stoff veranlaßt, in den drei Bänden seiner Fontes Rerum Germanicarum auch eine eigene Quellensammlung erscheinen zu lassen, welche für das zwölfte bis vierzehnte Jahrhundert vom ausgezeichnetsten Werthe ist. Mit mannigfachen Entwürfen beschäftigt, die nicht mehr zur Ausführung kamen, ist Böhmer am 22. October 1863 in Frankfurt gestorben; in seinem letzten Willen hat er für die geeignete Verwerthung seines handschriftlichen Nachlasses und die Fortführung seiner Arbeiten Fürsorge getroffen. Auch ist bereits durch Alfons Huber der vierte Band der Fontes herausgegeben, während eine große Fülle von werthvollem, urkundlichem Material durch Julius Ficker in den Acta Imperii Selecta verwerthet ist. Außer der schon erwähnten Neubearbeitung der Kaiser-Regesten aber sind von A. Huber die Regesten Karls IV, von C. Will die Regesten der Mainzer Erzbischöfe als Theile dieses großen Corpus erschienen.

Eine umfassendere Quellensammlung von strengerem wissenschaftlichen Charakter und mehr methodischer Art verdanken wir Philipp Jaffé, lange Zeit dem vorzüglichsten Mitarbeiter der MoMonumenta. Von diesen zurücktretend, begann Jaffé ein selbständiges Unternehmen unter dem Titel Bibliotheca Rerum Germanicarum. Hinweisend auf den langsamen Fortgang der Monumenta Germaniae, auf die nach 40 Jahren noch gänzlich fehlenden drei Abtheilungen der Urkunden, Briefe und Alterthümer, gab der Herausgeber als seinen Zweck an, Quellen verschiedener Art, vorzüglich solche, welche in den Monumenten fehlen, zu einzelnen auch in sich abgerundeten Gruppen zu vereinigen, so daß ein Ort, eine bedeutende Persönlichkeit oder ein wichtiger Zeitraum den Mittelpunkt bilde. So sind zuerst 1864 Monumenta Corbeiensia erschienen, welche mit einer berichtigten Ausgabe der Annalen und anderer kleinerer Stücke die lange begehrten Briefe Wibalds verbinden, und schon 1865 folgten Monumenta Gregoriana, die erste kritische Ausgabe der Briefe Gregors VII nebst Bonitho's v. Sutri liber ad amicum. Trefflichkeit der Arbeit mit sauberer Ausstattung und handlichem Format verbindend, hat dieses neue Unternehmen überall freudige Aufnahme gefunden. In rascher Folge erschienen noch drei Bände, welche als Hauptstücke die Bonifazische Briefsammlung, den Codex Carolinus nebst Einhards Briefen und den Codex Udalrici brachten, bis ein plötzlicher Tod am 3. April 1870 der rastlosen Arbeit des Herausgebers ein Ziel setzte. Wie gewaltig diese Arbeit gewesen war, das wissen am besten diejenigen zu schätzen, welche den begonnenen sechsten Band vollendet haben, dessen Hauptinhalt die Briefe Alcuins bilden.

Nicht unerwähnt darf hier auch Jaffé's älteres Werk bleiben, die Regesta Pontificum Romanorum bis zum Jahr 1198. Im Jahr 1851 erschienen, ist es seitdem als unentbehrliches Hülfsmittel überall verbreitet und in seinem hohen Werthe anerkannt. Was bis dahin wohl lebhaft gewünscht war, aber nur durch gemeinschaftliche Arbeit einer gelehrten Körperschaft erreichbar schien, gewährt hier der eiserne Fleiß und die umfassende Gelehrsamkeit des einzelnen Mannes. Für den uns zunächst vorliegenden Zweck ist dieses Werk insofern von Bedeutung, als es wegen der Berücksichtigung von Chronisten und Biographieen auch einen Wegweiser durch die Litteratur der Pabstgeschichte darbietet. Diese ist in neuester Zeit noch durch eine umfassende Sammlung bereichert worden, durch Watterichs Ausgabe der Pontificum Romanorum Vitae von 872 bis 1198; der versprochene dritte Band bis auf Gregor X fehlt noch. Nicht eben einverstanden mit der Zusammenhäufung abgerissener Bruchstücke, verkennen wir doch nicht die Verdienstlichkeit dieser mühsamen Arbeit, und werden sie bei den einzelnen Abschnitten noch häufig zu erwähnen haben. Die weitere Fortführung der Regesten bis 1304 verdanken wir August Potthast.

Von Jaffé's Regesten aber ist unter Wattenbachs Leitung eine neue sehr vermehrte Ausgabe erschienen, von welcher der erste Theil bis 590 von F. Kaltenbrunner, der zweite bis 882 von P. Ewald, der Haupttheil von 882 bis 1198 von S. Löwenfeld bearbeitet sind.


Es bleibt noch übrig, einige Worte über ältere Arbeiten auf dem uns vorliegenden Gebiete hinzuzufügen. Das Bedürfniß einer Darstellung der historiographischen Entwickelung des deutschen Mittelalters machte sich seit der immer wachsenden Beschäftigung mit diesem Zeitraum stets dringender geltend. Ludwig Wachlers kurze Skizze im Eingange seiner „Geschichte der historischen Forschung und Kunst“ (Gött. 1812) verdient als erster Versuch Erwähnung, kann aber doch jetzt nur noch dazu dienen, die seitdem gemachten Fortschritte recht lebhaft empfinden zu lassen, während das eigentliche Hauptwerk auch jetzt noch brauchbar ist. Willkommen als Hülfsmittel war Dahlmanns „Quellenkunde der deutschen Geschichte nach Folge der Begebenheiten“, zuerst 1830, dann 1838 in zweiter Ausgabe erschienen; 1869 in dritter, 1875 in vierter, 1883 in fünfter Ausgabe durch G. Waitz neu bearbeitet und bedeutend vermehrt, ist diese Quellenkunde als eine überaus dankenswerthe und werthvolle Gabe zu betrachten, aber Darstellung liegt dem Plane des Buches fern.

Ungemein verdienstlich war es, daß F. Baehr seine Geschichte der römischen Litteratur über die gewöhnliche Grenze fortführend, 1836 die christlichen Dichter und Geschichtschreiber Roms, 1837 die theologische Litteratur hinzufügte, 1840 die Geschichte der römischen Litteratur im karolingischen Zeitalter folgen ließ, mit derselben umfassenden Gelehrsamkeit, derselben Sorgfalt und Genauigkeit gearbeitet, welche das ganze Werk auszeichnet. Die neue Ausgabe wurde leider durch den Tod des Verfassers unterbrochen und nur die erste Abtheilung des vierten Bandes (Die christlichen Dichter und Geschichtschreiber bis auf Paulus Diaconus) ist 1872 in zweiter Ausgabe erschienen. Nicht minder umfassend ist die jetzt schon in fünfter Auflage (1890) vorliegende Geschichte der römischen Litteratur von W. S. Teuffel (besorgt von L. Schwabe). 1837 erschienen „Die Geschichtschreiber der sächsischen Kaiserzeit“ von Contzen, der sich durch die falschen Corveyer Quellen irre führen ließ; was sonst etwa für jene Zeit brauchbares in der Schrift enthalten war, ist durch die inzwischen erschienenen neuen Ausgaben der betreffenden Schriftsteller vollkommen veraltet. Auf einen anderen Abweg war L. Haeusser gerathen, indem er durch die von Schlosser ihm mitgetheilten Briefe des Herrn Galiffe in Genf[4] sich verleiten ließ, auf dessen wunderliche Ideen von systematischer Fälschung der Quellen in großem Umfange einzugehen. Freilich bewahrte ihn sein richtiger kritischer Sinn vor völliger Zustimmung; vielmehr widerspricht er häufig den Behauptungen Galiffe's, doch ist er noch immer geneigt, ihnen zu große Bedeutung beizulegen. Uebrigens enthält diese Schrift „Ueber die Teutschen Geschichtschreiber vom Anfang des Frankenreichs bis auf die Hohenstaufen“ (Heid. 1839) manche treffende Bemerkung, beruht aber noch auf zu ungenügenden Studien, um das vorgesteckte Ziel erreichen zu können. Haeusser war damals noch Lehrer in Wertheim; er hat sich später anderen Gebieten zugewandt und diesen Gegenstand nicht wieder berührt. Noch war auch die Lage der Dinge so, daß fast nur in dem Kreise der Mitarbeiter an den Monumenta Germaniae die hinlängliche Vertrautheit mit dem ganzen Quellengebiet erreichbar war, welche die Lösung der vorliegenden Aufgabe möglich machte. Von hier aus trat nun G. Waitz mit einer Arbeit auf, welche zuerst einen bleibenden Werth in Anspruch nehmen kann. In Kiel gehaltene Vorträge weiter ausführend, gab er 1844 und 1845 in W. A. Schmidts Zeitschrift für Geschichtswissenschaft II, 39-58, 97-114, IV, 97-112 „Ueber die Entwickelung der deutschen Historiographie im Mittelalter“ eine Darstellung, welche als grundlegend auf diesem Gebiet betrachtet werden muß, und lange Zeit für diese Studien das vorzüglichste Hülfsmittel blieb. Die Absicht, den Gegenstand in einem größeren Werke eingehender zu behandeln, brachte Waitz jedoch nicht zur Ausführung und suchte dagegen durch eine von der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften gestellte Preisfrage eine Bearbeitung von anderer Hand hervorzurufen. Schon früher mit dem Plane eines solchen Werkes beschäftigt, nahm ich hiervon Veranlassung zu der 1858 erschienenen ersten Auflage des hier vorliegenden Buches, welchem 1866 die zweite, 1873 die dritte, 1877 die vierte, 1885 die fünfte folgten. Eine sehr nützliche und willkommene Ergänzung desselben gewähren die von W. v. Giesebrecht in seiner „Geschichte der deutschen Kaiserzeit“ mit den einzelnen Abschnitten verbundenen Uebersichten der Quellen und Hülfsmittel, welche von anderem Gesichtspunkt ausgehen und über manche Quellenschriften sehr lehrreiche Bemerkungen enthalten. Untersuchungen über einzelne Geschichtsquellen sind in reicher Fülle erschienen; sie werden in dieser neuen Ausgabe berücksichtigt werden, soweit sie in den betreffenden Zeitraum gehören. Ueber diese hinauszugehen, war meine Absicht nie gewesen, weil dazu ein Studium der Quellen allein kaum ausreicht; es ist fast unerläßlich, daß, wer eine solche Aufgabe lösen will, selbständig innerhalb dieses Zeitraums gearbeitet habe. Um so erfreulicher war es, dass Ottokar Lorenz, der Verfasser der freilich leider unvollendeten „Deutschen Geschichte im 13. und 14. Jahrhundert“, sich entschloß, diese gerade ihm so nahe liegende Arbeit zu unternehmen. Zuerst 1870 im Anschluß an mein Werk erschienen, ist auch dieses Werk 1876 in zweiter Auflage erschienen, in welcher es durchgängig vermehrt, verbessert, und auch bis zum Ausgang des Mittelalters fortgeführt ist. 1886 erschien die dritte Auflage in Verbindung mit Dr. Arthur Goldmann.


[1] Neue Ausgabe 1874: Ges. Werke XXXIV. Vgl. G. Waitz in den Nachrichten von der G. A. Universität 1855, N. 14.