[2] Da gegenwärtig die Schreibart solcher Formen mit kleinem Anfangsbuchstaben durchaus herrschend ist, so scheint es nicht überflüssig, auf J. Grimms Kl. Schriften V, 380 zu verweisen: „Ein grobes versehn, dessen sich heutzutage fast alle ... schuldig machen, ist es in den redensarten Pariser vertrag, Berliner belagerungszustand und zahllosen andern den vorausgesetzten, freilich ungefühlten gen. pl. für ein adjectiv zu halten.... Wenn doch einmal grosze Buchstaben gelten sollen, dürfen am allerwenigsten sie solchen appellativen fehlen.“
[3] Ueber seinen Antheil s. Janssen, Böhmers Leben I, 122 ff. Allg. D. Biogr. III, 76-78, von Wattenbach.
[4] Diese Briefe sind nur autographirt vorhanden; vgl. die Lobpreisung: Notice sur la vie et les travaux de J. A. Galiffe (Genève 1856) S. 56.
I. Die Vorzeit.
Von den ersten Anfängen bis zur Herrschaft der Karolinger.
§ 1. Die Römerzeit. Legenden. [[←]]
Tacitus berichtet uns, daß noch zu seiner Zeit die Germanen in ihren Liedern die Thaten des Arminius feierten[1]. Nicht unmöglich ist, daß noch in den Dichtungen der deutschen Heldensage, welche Karl der Große sammeln und aufschreiben ließ[2], dieser uralten Kämpfe gedacht wurde: was uns von einheimischer Sage erhalten ist, reicht nicht weit über die Zeiten Attila's hinauf, dessen gewaltige Hand mit so übermächtiger Kraft alles zerschmetterte, was ihm entgegentrat, daß auch das Gedächtniß der früheren Zeit erlosch. Von den Völkerschaften, deren Tacitus gedenkt, weiß die Sage nichts; auch die gothischen und langobardischen Heldenlieder, deren Inhalt uns zum Theil erhalten ist, sind früh verklungen. Etzel aber und Dietrich von Bern und die Könige der Burgunden lebten fort in der Erinnerung des Volks; wir haben die Lieder, welche von ihnen reden, aber wie unbestimmt und nebelhaft sind ihre Gestalten geworden: kaum erkennt man noch, ob es Menschen sind oder Götter. Das ist die Natur der mündlichen Ueberlieferung, in der es nichts festes und stätiges giebt, und schlimm würde es um unsere Kenntniß der Geschichte stehen, wenn wir auf jene allein angewiesen wären.
Kaiser Ludwig hatte keine Freude an den Liedern der Heimath, welche er in seiner Kindheit erlernt hatte[3]; mit heidnischen Vorstellungen und Anschauungen durchwebt, widerstrebten sie seinem kirchlichen Sinne, und wie dieser Kaiser, so verhielt sich auch die ganze Kirche feindlich gegen diese Sagendichtung, so große Freude auch einzelne ihrer Diener daran haben mochten. Die Kirche aber führte damals, und bald für lange Zeit ausschließlich und allein, den Griffel und die Feder, welche sie nicht entweihen wollte durch die Aufzeichnungen halb heidnischer Gesänge; sie strebte vielmehr dahin, auch auf dem Felde der Dichtkunst das Christenthum zum Siege zu führen. Wir gedenken jetzt mit vergeblicher Sehnsucht der verlorenen Sammlung Karls des Großen; allein die Kirche, in welcher sich Jahrhunderte lang fast das ganze geistige Leben des Volkes uns darstellt, hat für diesen Verlust auch reichen Ersatz geboten, indem sie die wirkliche Geschichte der Zeit in fester, zuverlässiger Aufzeichnung überlieferte, freilich oft in dürrer und reizloser Form, aber um so treuer und wahrhaftiger.
Vor der Bekehrung zum Christenthum kann daher von einheimischen Geschichtsquellen nicht die Rede sein; von dem Deutschland, welches Arminius' Heldenkampf dem römischen Einflüsse entzogen hat, bringen uns nur die Werke der Römer und Griechen spärliche Kunde, und diese zu berühren, liegt außerhalb der Grenzen der vorliegenden Aufgabe. Aber auch westlich vom Rheine, südlich von der Donau und der Teufelsmauer liegt gegenwärtig viel deutsches Land, wohnte auch unter der Römerherrschaft manch deutscher Stamm, und nicht ganz ist der Faden zerrissen, welcher in diese Zeiten hinüberführt. Der Boden selber redet zu uns in vernehmlicher Weise. Noch stehen in Trier die gewaltigen Bauten der Römer; ihre Thürme und Wälle, ihre Landstraßen und Gräber, die zahlreichen Inschriften, welche die verschiedensten Verhältnisse des Lebens berühren, entrollen vor unsern Augen ein Bild jener Zeit, da das weltbeherrschende Volk sich auch hier häuslich niedergelassen hatte und manche blühende Stadt ein kleines Abbild der ewigen Roma darbot. Wir erkennen noch ihre Capitole, ihre Tempel, Theater und Gerichtshallen, ihre Bäder und Villen, ihre Fabriken, deren Stempel auf den Trümmern der Geräthe deutlich zu lesen sind. Allein das alles liegt wie eine fremde Welt hinter uns, eine gewaltige Kluft trennt uns von jener Zeit, erfüllt von allem Greuel der Verwüstung und vernichtenden Kriegszügen. Der bebaute Acker birgt Reste von Gebäuden, die mit der sinnvollsten Technik dem Klima gemäß zu behaglicher Bewohnung eingerichtet und mit reichem Schmuck der Kunst ausgestattet waren; aber was blieb außer diesen schwachen Spuren übrig von dem einst so volkreichen und betriebsamen Virunum? In Salzburg fand Sanct Rupert nur waldbewachsene Ruinen des alten Juvavum, wilde Thiere hausten in den Räumen der Prachtgebäude. Andere Städte, wie Regensburg und Augsburg, wie Trier, Cöln und Mainz, sind bewohnt geblieben, ja man hat geglaubt, daß ganze römische Stadtgemeinden mit ihrer Verfassung und ihren Obrigkeiten sich hier erhalten hätten. Eitler Traum! Zu gründlich haben unsere Vorfahren hier aufgeräumt; wer durch Reichthum und ansehnliche Stellung hervorragte, fiel als Opfer oder entwich bei Zeiten der Gefahr: einzelne fanden bei den germanischen Fürsten als Tischgenossen des Königs Aufnahme, aber nur indem sie den alten Verhältnissen gänzlich entsagten und sich dem Gefolge des neuen Herrschers anschlossen. Und so wurden auch die übrigen Romanen, so viele ihrer am Leben und im Lande blieben, als Hörige, einzelne hin und wieder auch als Volksgenossen, in die Gemeinschaft der Einwanderer aufgenommen.