In den Grenzlanden, welche schon durch den langen Kampf verödet waren, welche dann die ganze Wucht der hereinbrechenden beutelustigen Heerschaaren traf, mag kaum ein römisch redender Bauer übrig geblieben sein; die Eroberer stürmten mit ihren Gefangenen weiter und ließen das Land verödet hinter sich. Auch war hier schon lange die Bevölkerung großentheils germanisch. Aber in den Gebirgen des Südrandes[4] finden wir noch nach Jahrhunderten wälsche Bauern erwähnt; wo der überfluthende Strom seine Dämme fand, blieb unter der Herrschaft des deutschen Kriegers auch die gewonnene Beute der unterworfenen Bevölkerung. Sie mußte dem neuen Herrn das Feld bauen und ihm dienen mit der sehr willkommenen und geschätzten Arbeit ihrer kunstfertigen Hände[5].

Aber wo der Knecht den Herrn an geistiger Bildung übertrifft, da bleibt auch die Rückwirkung nicht aus, daß dieser von seinem Diener lernt und manches von ihm annimmt. In Hauswirthschaft und Ackerbau wie im Handwerk haben sicher die Deutschen viel von den Wälschen gelernt; vorzüglich aber zeigt sich die Einwirkung der besiegten Bevölkerung in der raschen Annahme des Christenthums durch die Eroberer. In den Städten des Niederrheins und Lothringens scheint die Reihe der Bischöfe kaum unterbrochen zu sein, obgleich sich von der Fortdauer römischer Bevölkerung, so weit noch jetzt die Sprachgrenze reicht, keine Spur nachweisen läßt. In Noricum und Pannonien sind die alten Bischofsitze fast gänzlich von der Erde verschwunden; dagegen hat sich aber die Verehrung eines Märtyrers, des heiligen Florian, wie es scheint durch bloße Tradition, unmittelbar an der alten Grenze erhalten.

Denn mit den römischen Legionen und Handelsleuten war auch in diese Gegenden schon frühzeitig das Christenthum eingedrungen, und als das alte Reich endlich den stets wiederholten Angriffen erlag, hatte die christliche Kirche bereits in allen Provinzen die unbestrittene Herrschaft errungen. Ueber diese frühesten Zeiten der Kirche in Deutschland, über ihre Glaubensboten und Blutzeugen, wußte das Mittelalter gar vieles zu erzählen; unmittelbar von den Aposteln und ihren ersten Schülern sollte die Predigt und die Stiftung der Bisthümer ausgegangen sein[6]. Es ist darüber eine so reiche Litteratur vorhanden, und diese Erzählungen nehmen in den Chroniken des Mittelalters eine so bedeutende Stelle ein, daß wir sie hier nicht ganz übergehen dürfen, wenngleich diese kirchliche Sage in noch weit höherem Grade als die weltliche, jedes festen Bodens entbehrt. Die Phantasie der Geistlichkeit, der Heldensage abgewandt, ergriff mit um so größerem Eifer die kirchliche, und aus den unscheinbarsten Anfängen erwuchsen da die wunderbarsten Gebilde: weit verzweigte, mit allen Einzelheiten ausgeführte Geschichten, welche sich immer üppiger entwickelten und auf die ganze Denkweise der Menschen den größten Einfluß gewannen. Den reichsten Baum der Dichtung trieb die Legende von der thebäischen Legion, von deren Führern Gereon in Cöln mit der heiligen Ursula und ihren 11,000 Jungfrauen zusammentrifft. Cöln wird nun vorzugsweise die heilige Stadt durch die Menge der Heiligenleiber, welche sie bewahrt, aber fast jeder Ort im Rheinthale hat seinen Antheil an dieser Geschichte und erhält dadurch eine geheimnißvolle Weihe. In anderen Gegenden sind mehr vereinzelte Legenden dieser Art, doch fehlen sie auf dem einst römischen Boden nirgends.

Der leider zu früh verstorbene F. W. Rettberg hat das große Verdienst, zum ersten Male alle diese Erzählungen einer zusammenhängenden, systematischen, strengen Kritik unterzogen zu haben[7]. Den einzig richtigen Weg einschlagend, hat er das ganze ungeheuere Material kritisch untersucht, der Herkunft und Entstehung jeder einzelnen Nachricht nachgeforscht. Wohl hatte man schon früher einzelnes als unhaltbar aufgegeben, aber immer suchte man doch wieder historisches Material aus dem Wuste der Fabeln zu gewinnen; man konnte sich nicht entschließen auf dasjenige, dessen späte betrügliche Entstehung einmal nachgewiesen war, nun auch gänzlich zu verzichten, und auch jetzt noch ist für viele dieser Entschluß zu schwer: man will doch nicht alle scheinbare Ausbeute aufgeben für Zeiten und Gegenstände, von denen man sonst gar nichts weiß. So ist es nur zu gewöhnlich, daß man das gänzlich unhaltbare fortwirft, aber dasjenige, was nicht in sich unmöglich ist, behält — ein durchaus unhistorisches Verfahren[8].

Wenn es z. B. feststeht, daß man von S. Dysibod im zwölften Jahrhundert noch nichts als den Namen wußte, daß dann die Nonne Hildegard nach angeblichen Visionen seine Geschichte schrieb, die von chronologischen Widersprüchen strotzt, so sollte man doch denken, daß niemand dieses Märchen ferner als Geschichtsquelle benutzen werde. Und dennoch machte Remling in seiner Geschichte der Bischöfe von Speier davon Gebrauch, obgleich ihm Rettbergs Werk nicht unbekannt war. Jedem besonnenen und gewissenhaften Forscher aber gewährt die „Kirchengeschichte Deutschlands“ eine feste Grundlage für die Beurtheilung dieser Zeiten. Das Verfahren Rettbergs besteht darin, daß er die Entstehung der Legenden genau untersucht und nachweist, wie sie allmählich gewachsen sind, wie anfangs nur die Namen der Heiligen vorkommen, von denen einige wenige auf wirklich alter localer Verehrung beruhen; wie dann zuerst einzelne Umstände, dann allmählich mehr hinzugesetzt wird, bis die ganze Geschichte fertig ist. Die Legenden selbst sind großentheils ohne Zeitangaben über ihre Abfassung; einen ganz bestimmten Anhalt aber gewähren die Martyrologien[9], deren Verfasser bekannt sind, und die uns daher das allmähliche Anwachsen der Legenden auf das deutlichste und bestimmteste erkennen lassen. Daß aber solche spätere Zusätze nicht etwa auf wirklicher, durch mündliche Ueberlieferung bewahrter Kenntniß beruhen, das zeigt uns, außer den inneren Widersprüchen, besonders die Vergleichung mit den späteren echten Legenden, mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen aus geschichtlich bekannter Zeit, welche in den Legendarien ebenfalls fortwährend sich verändern und mit allerlei fabelhaften Zuthaten vermehrt werden.

Man hat freilich Rettbergs Verfahren als zu negativ angegriffen und es wird zuzugeben sein, daß er in einzelnen Fällen zu weit gegangen ist. Auch ist hin und wieder etwas aufgefunden, wodurch auf einzelne Fragen neues Licht fällt. Es war deshalb ganz gerechtfertigt und angemessen, daß Prof. J. Friedrich den Versuch machte, jenem Werke eine „Kirchengeschichte Deutschlands“ (I. Die Römerzeit 1867, II. Die Merovinger 1869) von mehr conservativer Richtung entgegen zu setzen. Allein es fehlt darin leider an jener strengen wissenschaftlichen Methode, durch welche Rettberg sich so sehr auszeichnet, und in Folge der übermäßigen Weitschweifigkeit ist von der Zeit der Merovinger nur der Anfang berührt. Eine weitere Fortsetzung ist nicht erschienen.

Das Ergebniß von Rettbergs Kritik aller jener Legenden über die Zeit der ersten Einführung des Christenthums in das römische Deutschland ist, daß sie alle späteren Ursprungs sind, daß für die wirkliche Geschichte jener Zeit nichts daraus zu lernen ist. Auch was Friedrich nachträglich zu retten versucht, ist nur sehr wenig, und es trägt für diesen Gegenstand wenig aus, ob in der Geschichte von dem Märtyrertode der Thebäer in Agaunum ein historischer Kern sich nachweisen läßt[10], ob das Martyrium einiger christlicher Jungfrauen zu Cöln glaubhaft bezeugt ist[11]. Etwas erheblicher ist die wohl nicht unbegründete Vertheidigung der Legende von dem Martyrium der h. Afra zu Augsburg[12]. Rettberg fällt ein günstigeres Urtheil nur über die Leidensgeschichte des heiligen Florian[13]. Dieser, ein entlassener Veteran, soll in Folge der Verfolgungsedicte von Diocletian und Maximian (304) auf Befehl des Aquilinus, Präses von Ufernoricum, zu Lorch in die Ens gestürzt sein. Ungeachtet eines schweren Steins, der an seinen Hals gebunden ist, trägt ihn der Fluß auf einen hervorragenden Fels, von wo eine fromme christliche Frau ihn in Folge einer Vision zur Bestattung abholt. Diese Erzählung aber ist eine so deutliche Nachahmung dessen, was Hieronymus in seiner Chronik vom Bischof Quirin von Sissek erzählt, daß sich die absichtliche Erdichtung darin kaum verkennen läßt. Denn es ist eben eine Eigenthümlichkeit dieser späteren Legendenfabrikation, daß sich in benachbarten Gegenden immer dieselben Todesarten und Wunder wiederholen; die Phantasie des Mittelalters erscheint darin arm und dürftig. Auch finden sich diese Angaben über Sanct Florians Ende erst in Martyrologien des neunten Jahrhunderts, die Handschriften der Legende reichen nicht höher hinauf[14], und nichts weist darauf hin, daß sie etwa, wie das Leben Severins, in Italien aufbewahrt, und von dort zurückgebracht wäre.

Um so wahrscheinlicher ist es, daß wirklich eine ununterbrochene örtliche Ueberlieferung das Andenken dieses Märtyrers bewahrt habe. Denn wo sich jetzt mächtig und gebietend das schöne Chorherrnstift St. Florian erhebt, da galt schon vor mehr als tausend Jahren der Boden für heilig, weil hier „der kostbare Märtyrer Sanct Florianus“ ruhe, lange bevor die Verfasser der Martyrologien den Ort seines Leidens kannten. Also selbst im Flachlande, vielleicht in den Resten der einst bischöflichen Stadt Lorch, haben Christen durch alle Stürme der Völkerwanderung das Andenken Sanct Florians bewahrt, und vielleicht die Kunde von seinem Stande und der Zeit seines Todes, während weiter oben im Gebirge von Maximilian nur der Name und der Ort seines Begräbnisses im Gedächtniß blieb, Severin aber gänzlich vergessen zu sein scheint, bis aus Italien Handschriften seiner Lebensbeschreibung nach Deutschland kamen und sein Andenken erneuten. Denn am festesten haftete immer die Erinnerung am Grabe der Heiligen.

Diesem Umstande verdanken wir auch die Erhaltung einer anderen Legende, der Leidensgeschichte der heiligen Vier Gekrönten, welche Rettberg unbekannt geblieben ist[15]. Sie berichtet uns von vier christlichen Arbeitern in den Steinbrüchen Pannoniens, welche noch einen ihrer Genossen bekehren; ihn tauft der in Ketten dorthin verbannte Bischof Cyrill von Antiochien. Das ist ein merkwürdiger Fingerzeig für die Ausbreitung des Christenthums. Rettberg, der nicht nur das spätere Fabelwerk mit schonungsloser Kritik zerstört, sondern auch den wirklichen Verlauf der Bekehrung dieser Lande mit größter Sorgfalt aus den einzelnen Anhaltpunkten nachgewiesen hat, ist zu dem Resultat gekommen, daß für dieselbe nicht sowohl eigentliche Missionare thätig waren, als vielmehr die christlichen Soldaten[16], Handelsleute und Arbeiter, welche hierher kamen, während die späteren Legenden durchgehends die Gründung der Kirchen durch die Apostel und ihre ersten Schüler behaupten. Die Verbannung gefangener Christen in die Steinbrüche Pannoniens, und wohl auch anderer Lande, wird das ihrige dazu beigetragen haben. Es erklärt sich aber aus dieser unmerklichen und unscheinbaren Verbreitung auch zur Genüge, warum keine Schriftsteller das Andenken derselben aufbewahrt haben. Jene Arbeiter nun fielen dem Neide ihrer Gesellen durch Diocletians Spruch zum Opfer, so gerne dieser auch anfangs seine geschicktesten Arbeiter sich erhalten wollte (307?). Die Reliquien der fünf Arbeiter finden sich später zu Rom in der Kirche der heiligen Vier Gekrönten[17], mit denen sie nur hierdurch in zufällige Verbindung gebracht sind, und dies hat auch eine Verschmelzung ihrer Legenden zur Folge gehabt. Vielleicht erst hierdurch sind auch chronologische Widersprüche hineingekommen, aber alt ist die Legende sicher; sie muß geschrieben sein, bevor Pannonien von den Barbaren überschwemmt war, und das Treiben in den Steinbrüchen ist mit solcher Anschaulichkeit und auch mit so durchgängiger Beibehaltung der technischen Ausdrücke geschildert, daß der Verfasser selbst noch persönliche Kunde davon gehabt zu haben scheint. Als solchen nennt die alte Pariser Handschrift den Schatzungsbeamten Porphyrius, welchen De Rossi auch aus anderen Erwähnungen nachgewiesen hat[18]. Aber nur die ursprüngliche pannonische Legende können wir ihm zuschreiben.

Während nun also diese Legende noch die ungestörte Römerherrschaft in diesen Gegenden voraussetzt, führt uns eine andere so recht mitten hinein in die Stürme der Völkerwanderung, und wir können es uns daher nicht versagen, bei dieser etwas länger zu verweilen.