Ausgabe von Welser in Augsburg 1595, 4. (Opera p. 635) aus einer HS. des zehnten Jahrh. in St. Emmeram, der ältesten in Deutschland. Den hier fehlenden Brief Eugipps an Paschasius gab Canisius, Antiquae Lect. VI, 53, I, 411. Danach vollständig in der zweiten Ausgabe des Surius und Acta SS. Jan. I, 484 mit Commentar von Bolland. Nach den minder guten, wie es scheint überarbeiteten, östr. Handschriften in H. Pez SS. I, 64, und daraus bei Muchar, Das römische Noricum, II, 152-239, mit Commentar. Ausgabe von Ant. Kerschbaumer, Scaphus. 1862 nach dem angeblich ältesten und besten Lateran. Codex, unkritisch und wegen vieler Druckfehler unzuverlässig; Rec. von Sauppe, Gött. Gel. Anz. 1862 S. 1544-1552. Nach Münchener Handschriften bei Friedrich, I, 431-489. Ausg. von Sauppe, MG. Auctt. antt. I, 2. 1877; vgl. NA. IV, 407, Waitz, GGA. 1879, S. 581. Gegen Sauppe's krit. Grundlage u. für d. Cod. Taurin. P. Knöll, Wiener SB. XCV, 445-498. Ausg. von Knöll im Wiener Corpus SS. eccl. VIII, 2. Uebers. v. C. Ritter, Linz 1853, v. K. Rodenberg, Berlin 1878 (Urzeit Bd. 4), v. S. Brunner, Wien 1879. — Eugippii opera, Migne 62. — Rinaudo p. 14-19. Vgl. Rettberg I, 226. Büdinger, Oesterr. Gesch. I, 47 ff. Pallmann II, 393-401. J. Jung, Römer und Romanen S. 132 und an vielen Orten. Hauck I, 328-332.

Die Lebensbeschreibung des heiligen Severin, von seinem Schüler Eugippius verfaßt, ist für uns von ganz unschätzbarem Werthe, indem sie einen hellen Lichtstrahl wirft in Zeiten und Zustände, von denen wir sonst gar nichts wissen würden, wie denn auch vorher und nachher tiefe Finsterniß diese Donauländer bedeckt. Keine andere Quelle giebt uns in so reichhaltiger Weise ein Bild des christlich gewordenen und bereits mit vollständiger kirchlicher Einrichtung versehenen Römerlandes im Süden der Donau; unmittelbar vor der Vernichtung zeigt ein günstiges Geschick uns das Bild dieser Gegenden und ihrer Bevölkerung in scharfen und lebensvollen Umrissen.

Attila war gestorben, und die frei gewordenen Völker wenden nun ihre Waffen gegen einander und gegen die kläglichen Ueberbleibsel des römischen Reiches. Alamannen und Thüringer hatten den Grenzwall durchbrochen und drangen in Rätien immer weiter gegen Süden und Osten vor. In Noricum hielt sich noch die römische Bevölkerung, aber in welchem Zustand! Von allen Seiten wurde sie schwer bedrängt durch die vorrückenden Barbaren — denn so nannten damals und noch lange nachher nicht nur die Römer, sondern auch die Deutschen selbst alle Nichtrömer. Jenseits der Donau schalteten die Rugier, durch häufige Streifzüge das Land bedrängend und bald auch diesseits festen Fuß fassend. Sie sowohl wie die Gothen in Pannonien waren Arianer, den katholischen Romanen fast noch verhaßter als die Heiden. In Commagena, einer bald darauf völlig verschwundenen Römerstadt unweit Tuln, hatten bereits Barbaren sich festgesetzt; unfähig sie zu vertreiben, schlossen die Römer ein Bündniß mit ihnen, und die Einwohner lebten nun wie Gefangene in ihrer eigenen Stadt. Da tritt plötzlich, ungehindert durch die Wachen, Severinus unter sie: eben war, wie er vorher verkündigt hatte, die benachbarte Stadt Astura gänzlich zerstört worden, und gläubig horchte man nun auf seine Worte, da er Rettung verhieß, fastete und betete, bis plötzlich in der Nacht ein Erdbeben die Barbaren in Schrecken setzt; voll Angst eilen sie aus den Thoren und morden sich gegenseitig in der Finsterniß und Verwirrung. So war die Stadt von ihren Drängern befreit, allein was war damit gewonnen!

Nur von den Städten aus wurde noch das Feld gebaut, und nur zu häufig fielen Ernte und Schnitter in die Hände der Barbaren; Hunger verwüstete das reiche und fruchtbare Land, wenn die Zufuhr auf dem Inn ausblieb. Die Grenzsoldaten erhielten aus Italien keinen Sold mehr, und in Folge davon lösten ihre Schaaren sich auf; nur die batavische Cohorte in Passau hielt noch zusammen, und einige von ihnen machen sich auf, um den Sold über die Alpen zu holen, werden aber unterwegs erschlagen. Vor der Donaustadt Faviana, zwischen Passau und Wien, erscheinen plötzlich Räuber und führen alles hinweg, was sie außerhalb der Mauern finden, Menschen und Vieh. Der Tribun Mamertinus hat so wenig Mannschaft, daß er keinen Ausfall wagen will, bis Severin ihm den göttlichen Beistand verheißt; da zieht er muthig hinaus und gewinnt den Sieg.

Eine der wunderbarsten Erscheinungen ist dieser Severin. Nie hat er sagen wollen, wer er sei, woher er stamme; nur daß er aus dem fernen Osten komme, nahm man aus seinen Reden ab, doch erkannte man an der Sprache den geborenen Lateiner. Von vornehmer Abkunft, so schien es, hatte er sich in die Einsamkeit zu den heiligen Vätern, vermuthlich in die thebaische Wüste, zurückgezogen; dann aber trieb ihn, wie er selber andeutete, eine göttliche Stimme, den bedrängten Bewohnern des Ufernoricum Trost und Hülfe zu bringen. Seine Enthaltsamkeit erschien übermenschlich; bei der heftigsten Kälte ging er barfuß, und an die strengsten Fasten gewöhnt, schien er Hunger und Entbehrung nur in der Seele der Nothleidenden zu empfinden. So durchzog er das ganze Land, ermahnend, Buße predigend, tröstend, vor allem aber Hülfe bringend, so viel er vermochte. Förmliche Zehnten forderte er ein, um Gefangene loszukaufen, Arme zu unterstützen. Sein Ansehen war bald groß im Lande; unbedingte Herrschaft über die Natur maß man ihm bei, und Gottes Zorn traf jeden, der auf sein Wort nicht achtete.

Den merkwürdigsten Gegensatz bildet dieses Land, welches in seiner Bedrängniß sich willig der Leitung eines frommen gottbegeisterten Mönches hingiebt, zu den sittenlosen Grenzstädten Galliens, über deren Verderbtheit und Leichtsinn Salvian vergeblich eiferte, zu Trier, wo „selbst noch bei dem Sturme der fränkischen Sieger auf die Stadt Jung und Alt der zügellosesten Schlemmerei und Ausschweifung sich ergiebt, mit wahrer Raserei alles dem unausweichbaren Untergang trunken und prassend entgegenstürzt“[2].

Severins Ansehen beugten sich auch die Fürsten der Barbaren, selbst jene böse Königin Giso, welche rechtgläubige Katholiken umtaufen wollte; halb aus Wohlwollen, halb aus Furcht erfüllten sie seine Bitten, achteten sie auf seine Ermahnungen; seinen Rathschlägen dankte der Rugierkönig Flaccitheus seine friedliche Regierung. Schützte Severin die Römer manchmal durch Ermuthigung zu kräftigem Widerstand und durch Vorhersagen feindlicher Angriffe, so wandte er doch häufiger durch seine Fürbitten Gefahren ab und erlangte die Freigebung der Gefangenen. An vielen Orten hatte er Klöster errichtet, die nach der Weise des Morgenlandes aus einer Vereinigung einzelner Hütten bestanden, das größte, in welchem er sich am häufigsten aufhielt, bei Faviana, einem jetzt spurlos verschwundenen Orte. Hier traten einst einige Barbaren zu ihm, die nach Italien zogen und ihn um seinen Segen baten; unter ihnen Odovacar, damals noch ein gemeiner Krieger und mit schlechten Thierfellen nothdürftig bekleidet, aber so hoch gewachsen, daß er sich bücken mußte, um nicht die Decke der Zelle zu berühren. Geh, sagte Severin zu ihm, geh nach Italien; jetzt deckt dich noch ein geringes Gewand, aber bald wirst du vielem Volke große Gaben auszutheilen haben. Als König gedachte Odovacar dieser Weissagung, und forderte Severin auf, sich eine Gnade auszubitten, worauf dieser für einen Verbannten Verzeihung erlangte.

Severin konnte es doch nicht hindern, daß Stadt auf Stadt in die Hände der Feinde fiel. Die Rugier bemächtigten sich der Stadt Faviana und der benachbarten Orte; ihre Herrschaft gewährte wenigstens Schutz gegen die wilderen Feinde, welche alle weiter aufwärts gelegenen Burgen und Städte zerstörten. Die geflüchteten Einwohner führte König Feva aus Lorch, wo sie sich gesammelt hatten, in die ihm unterthänigen Städte. Joviacum dagegen wurde von den Herulern gänzlich verheert, während Tiburnia in Oberkärnten, an dessen Namen noch Debern im Lurnfeld erinnert, eine Belagerung der Gothen glücklich überstand. Noch im sechsten Jahrhundert waren hier christliche Bischöfe; dann aber unterlag auch diese uralte Stiftung, sowie die alte Bischofstadt Pettau, den Slaven und Avaren.

Am 8. Januar 482 starb Severin. Feva's Bruder Friedrich plünderte gleich darauf sein Kloster; innere Kriege unter den Rugiern und Odovacars Feldzug gegen sie mehrten die Bedrängniß der Römer, bis endlich sechs Jahre nach Severins Tod Odovacar die ganze römische Bevölkerung aus Noricum abrief und ihr in Italien Land anwies. Dadurch erklärt es sich, daß gerade hier von den alten und einst so bedeutenden Römerstädten fast jede Spur verschwand, und nur schwache Reste einer unterwürfigen romanischen Bevölkerung in den Gebirgen zurückblieben. Damals scheint auch der heilige Antonius Noricum verlassen zu haben; er war aus Pannonien zu Severin noch kurz vor dessen Tode gekommen, wie Ennodius in der Lebensbeschreibung des Antonius berichtet[1].

Severins Mönche folgten mit Freuden dem Rufe, welcher sie aus der Knechtschaft erlöste; der Anordnung ihres Meisters gemäß führten sie dessen Leiche mit sich bis nach Neapel, wo sie endlich Ruhe fanden. Hier richtete ihnen eine vornehme Frau, Namens Barbaria, ein Kloster ein im Castellum Lucullanum, dessen Name noch das Andenken der üppigen Gärten Luculls bewahrte; ebenda war kurz zuvor auch dem letzten römischen Kaiser sein Aufenthalt angewiesen worden[3].