In diesem Kloster nun war Eugippius[4] Abt, ein Schüler Severins, der nach Cassiodors Zeugniß von weltlicher Gelehrsamkeit nicht gar viel wußte, aber in den heiligen Schriften wohl belesen war[5], der Verfasser eines Auszuges aus den Schriften des heiligen Augustin[6]. Mit bedeutenden Kirchenschriftstellern der Zeit stand er im Briefwechsel. Diesen Eugippius nun forderte ein ungenannter Laie auf, ihm Materialien zu einer Lebensbeschreibung Severins zu geben; er zeichnete darauf auch wirklich seine Erinnerungen auf, sandte dieselben aber (511) nicht an jenen Laien, denn das erschien ihm unpassend, sondern an den gelehrten Diaconus Paschasius, mit der Bitte, sie zu einer förmlichen Lebensbeschreibung zu verarbeiten. Zugleich sandte er ihm in dem Boten einen Mann, der als Augenzeuge über die Wunder berichten sollte, welche auf dem Zuge durch Italien an Severins Sarg geschehen waren. Paschasius aber lehnte jede Aenderung an Eugipps Aufzeichnungen ab, und in der That ist es auch sehr zweifelhaft, ob jene Bitte ernsthaft gemeint war, da uns ähnliche Aufforderungen, die nichts als Phrase sind, so häufig begegnen. Eugipps Aufzeichnungen sind durchaus nicht unfertig, nicht nachlässig und formlos, und gerade aus jenen italischen Wundern hebt er einige als die wichtigsten und statt aller genügend, sorgsam hervor. Auch giebt er als den wesentlichsten Grund, weshalb er den Wunsch jenes Laien, von dem eine andere Biographie ihm bekannt war, nicht erfüllt, die Besorgniß an, er möchte durch die Anwendung der rhetorischen Kunst den Gegenstand verhüllen und für den einfachen und ungebildeten Gläubigen geradezu unverständlich machen. Er war also kein Freund von den kunstgerechten Büchern jener Zeit, welche wie z. B. die Schriften des Ennodius und manche von Cassiodor, durch eine Ueberfülle gesuchter Antithesen und wortreichen Phrasenschwall so unerträglich schwülstig und geziert sind, daß man oft nur mit Mühe den Sinn der Worte enträthselt. Das galt in den Rhetorenschulen als schöner Stil.

Eugipps Aufzeichnungen dagegen sind ganz einfach und schmucklos, ohne strenge Reihenfolge und Ordnung, aber um so mehr der treue Ausdruck dessen, was ihm in seiner Erinnerung als das bemerkenswertheste erschienen war. Gerade darin liegt der Hauptvorzug dieser Lebensbeschreibung vor den zahlreichen Legenden, aus deren salbungsvollem Wortreichthum die wenigen geschichtlichen Nachrichten mühsam hervorgesucht werden müssen. Er selbst hatte Severin und den Schauplatz seiner Wirksamkeit gekannt; in den letzten Abschnitten bezeichnet er sich ausdrücklich als Augenzeugen, aber auch nur in diesen, während er sich übrigens auf die häufig gehörten Erzählungen, zuweilen auf bestimmte Gewährsmänner beruft.

Das Leben Severins finden wir schon bald nach seiner Entstehung bei dem sogenannten Anonymus Valesianus[7], im Anfange des siebenten Jahrhunderts von Isidor erwähnt, im achten von Paulus Diaconus benutzt; um dieselbe Zeit verfaßte man zu Neapel einen Hymnus, dem dasselbe zu Grunde liegt[8]. Bald wurde es dann auch an dem Schauplatz seiner Wirksamkeit bekannt, denn schon im Jahre 903 erwarb die Passauer Kirche eine Handschrift desselben von dem Landbischof Madalwin[9]. Eigenthümlich sind die Wirkungen, welche hier von diesem Werk ausgingen. Man las darin von der großen alten Stadt Faviana, die man nirgends fand, und da man nun bei Wien alte Römersteine aufgrub, so zweifelte man nicht daran, daß hier einst Faviana gelegen habe; Otto von Freising und Herzog Heinrich von Oesterreich nahmen diese Meinung an, und sie hat sich bis auf die neusten Zeiten behauptet, bis endlich Blumberger sie siegreich widerlegte[10].

Viel schlimmere Folgen hatte es, daß man in Passau nun erfuhr, Lorch habe einst Bischöfe gehabt, lange bevor Salzburg den Krummstab führte. Es lag nahe, sich als Erben der benachbarten Stadt zu betrachten, welche jetzt zum Passauer Sprengel gehörte; aber der einmal angefachte Ehrgeiz strebte immer weiter; um dem Vorrang des jüngeren Salzburg nachdrücklicher entgegentreten zu können, wurde ein Erzbisthum Lorch erdacht und bald zu fabelhafter Größe ausgedehnt; neu angefertigte Legenden von St. Quirin und Maximilian mußten die Beweise dazu hergeben, untergeschobene Urkunden das Vorgeben unterstützen, und mit Hülfe dieser Waffen setzte Passau wirklich bei dem in geschichtlicher Kritik wenig erfahrenen Stuhle Petri seine Ansprüche durch, und wußte sich seit dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts der rechtmäßigen Salzburger Metropolitangewalt zu entziehen. Viel größer aber, oder doch für uns bedeutender, ist das Unheil, welches diese Fälschungen in der Geschichtsforschung angerichtet haben; noch Rettbergs Werk trägt bedeutende Spuren davon, und es wird noch eine gute Weile dauern, bis es gelingt, diesen häßlichen Spuk gänzlich aus der Geschichte zu verbannen. Aufgedeckt aber ist die ganze Sache jetzt, und mit ebenso unermüdlichem Fleiße wie besonnenem Scharfsinn nachgewiesen in E. Dümmlers Werk über Piligrim von Passau und das Erzbisthum Lorch[11]. Nachdem dann die Fälschung wohl zugegeben, aber verschiedene Versuche gemacht waren, Piligrim von dem auf ihm lastenden Verdachte zu befreien, hat neuerdings Karl Uhlirz alle betreffenden Urkunden einer genauen Kritik unterzogen und ist zu dem Ergebniß gelangt, daß als Fälscher sich ein Beamter aus der Kanzlei Ottos II nachweisen läßt, welcher von Piligrim gewonnen sein muß.

Severins Leben ist der letzte Sonnenblick vor einer Zeit der äußersten Finsterniß, wie der Abendstrahl durch die Grotte des Posilipp. Erst viel später, und von der andern Seite, von Gallien aus werden wir Deutschland wieder erreichen können. Von dort wurde ihm aufs neue die litterarische Cultur gebracht, vermittelt durch diejenigen Stämme des deutschen Volkes, welche auf römischem Boden sich niedergelassen hatten, und hier die Schüler ihrer Feinde geworden waren. Die Geschichtschreibung, welche sich im römischen Reiche während der letzten Jahrhunderte entwickelte, bildet die Grundlage der mittelalterlichen, welche mit ihr im unmittelbaren Zusammenhange steht, und es ist deshalb nothwendig, daß wir sie auch hier etwas ausführlicher ins Auge fassen, da sonst die Entwickelung der deutschen Historiographie nicht verständlich sein würde.


[1] Rettberg I, 25. Vgl. W. Zschimmer, Salvian und seine Schriften, Halle 1875. Ebert I, 452-454. Opera ed. C. Halm, MG. Auctt. antt. I, 1. 1877; ed. Fr. Pauly im Wiener Corpus VIII. 1883. Uebers. v. Pet. Caffer, Aachen 1858. — G. Monod meint freilich (Revue crit. 1879, N. 24) daß wir, wenn aus den Donauländern Bußpredigten erhalten wären, darin ähnliche Anklagen finden würden. Aber Eugippius würde doch auch dergleichen nicht unterlassen haben, wenn er Anlaß dazu gefunden hätte.

[2] Vita S. Antonii Lirinensis, in den verschiedenen Ausgaben der Werke des Ennodius, v. Fr. Vogel Auctt. ant. VII, 185-190.

[3] Nach Caravita, I codici e le arti a Monte Cassino I, 14 auf dem Pizzofalcone bei, jetzt in Neapel.

[4] Andere Formen, mit guter handschriftl. Beglaubigung sind Eugipius und Eugepius.