[15] Oder in Chalcedon, wohin Vigilius um Weihnachten 550 flüchtete, und wo er bis zum Frühjahr 553 blieb.
[16] Mommsen p. XIV.
§ 6. Die Westgothen. Isidor. [[←]]
Aschbach, Geschichte der Westgothen, Frankf. 1827. Lembke, Geschichte von Spanien, Hamb. 1831. F. Dahn, die Könige der Germanen, Abth. V. 1870. Teuffel § 487.
Spanien gehörte, wie Gallien, in den letzten Zeiten des römischen Reiches zu den blühendsten Provinzen und war von der römischen Bildung der damaligen Zeit vollkommen durchdrungen. Unendlich viel ging hier zu Grunde in den verheerenden Kriegen des fünften Jahrhunderts, wo Spanien unausgesetzt der Kampfplatz verschiedener deutscher Völkerschaften war; die Westgothen aber, welche allmählich ihr Reich dort befestigten, zeigten sich der römischen Bildung ebenso wenig abgeneigt wie die Ostgothen, und während sie die unterworfenen Romanen mit großer Milde behandelten, erhielt sich auch unter ihnen noch ein Nachklang des wissenschaftlichen Lebens der besseren Zeit; sie selbst jedoch haben nicht in namhafter Weise an dieser Thätigkeit Theil genommen.
Den Anfang der barbarischen Heimsuchung Spaniens erlebte noch Orosius, der Augustins Geschichte des Reiches Gottes auf dessen Wunsch die Schilderung des Elendes dieser Welt zur Seite stellte. Er wollte darin nachweisen, daß nicht das Christenthum, wie die Heiden behaupteten, das Elend über die Welt gebracht habe, sondern daß es zu allen Zeiten viel Trübsal und Leiden gegeben: eine Auffassung, welche in den Zeiten des Unglücks und der Verwirrung überall Anklang fand und großen Einfluß auf die Ansichten der mittelalterlichen Geschichtschreiber geübt hat, ganz besonders auf Otto von Freising, dessen Chronik sich unmittelbar an Augustin und Orosius anschließt. Für uns mindert die unhistorische Auffassung des Orosius, die dadurch bedingte einseitige Benutzung und Entstellung seiner Quellen, und sein ziemlich leichtfertiges Verfahren, den Werth, welchen sein Werk sonst durch die Benutzung jetzt verlorener Schriften, namentlich des Livius, haben würde. Im Anfang legt auch er den Eusebius in der Bearbeitung des Hieronymus und des Rufin zu Grunde, schreibt dann vorzüglich den Justin aus und geht endlich zu einer ganz überwiegenden Darstellung der römischen Geschichte über. Das römische Reich ist ihm nach der erst kurz zuvor, wenn auch nicht zuerst, von Hieronymus aufgestellten Deutung die vierte Weltmonarchie; als die vorhergehenden aber sieht er, abweichend von den späteren Chronisten, das babylonische, macedonische und karthagische Reich an. Am Schlusse seines Werkes giebt Orosius die Geschichte seiner Zeit bis 417, in welchem Jahre er seine Geschichte schrieb, und dieser Abschnitt hat, obschon dürftig und ganz erfüllt von dem engherzigen Geiste der pfäffischen Hofpartei, welcher so eben der Sturz des großen Stilico gelungen war, doch selbständigen Werth, und enthält namentlich gute Nachrichten über Spanien und die Geschichte der Westgothen[1].
Unter der westgothischen Herrschaft entstanden ferner mehrere jener wortkargen annalistischen Aufzeichnungen, welche sich an die Chronik des Hieronymus anschlossen, und in den späteren Weltchroniken regelmäßig den Uebergang vom Hieronymus zum Beda bilden, weshalb eine Zeit lang westgothische, später angelsächsische Namen vorherrschen. Die wichtigste dieser Chroniken, für viele Begebenheiten unsere einzige Quelle, ist das Werk des Aquitaniers Tiro Prosper, wie er an einigen Stellen genannt wird, oder kurzweg Prosper, wie er gewöhnlich heißt[2]. Um 400 geboren, hat Prosper sich eine für jene Zeit hervorragende Bildung erworben, und zwar haben ihn, obgleich er Laie war und blieb[3], ganz vorzüglich theologische Studien beschäftigt. Als eifriger Verehrer und Bewunderer Augustins kämpfte er wacker gegen Pelagianer und andere Ketzer, und erwarb sich als Schriftsteller einen angesehenen Namen. Im Jahre 440 scheint er den Pabst Leo nach Rom begleitet zu haben; er wird als Verfasser von Briefen genannt, welche Leo's Namen tragen, und blieb fortan, vermuthlich als Notar, am römischen Hofe, wo er die Angst vor Attila und den Schrecken der vandalischen Eroberung erlebte. Hier, wie es scheint, hat er sein Chronicon geschrieben, oder doch vollendet, welches in erster Redaction bis 445 reicht[4], in zweiter bis 455 fortgeführt ist[5]. Er beginnt mit der Erschaffung der Welt, beschränkt sich aber im ersten Theile ganz auf einen grundschlechten Auszug aus Hieronymus, welcher dessen eigenthümlichen Vorzug, die chronologische Bestimmtheit und Uebersichtlichkeit, ganz zerstört. Von Christi Tod an beginnt bei ihm das Verzeichniß der Consuln, welches er einem Exemplare der Ravennatischen Fasten entlehnte. Auch finden sich Zusätze, welche sich vorzüglich auf die verschiedenen Ketzereien beziehen und aus Augustins Schriften entlehnt sind. Weiterhin sind auch andere Quellen benutzt, darunter die Geschichte des ihm geistesverwandten Orosius. Spätestens von 425 an berichtet er als Zeitgenosse, und zwar über einen Zeitraum, aus welchem andere Quellen fast ganz mangeln. Flüchtig und nachlässig, in dürftiger Kürze berichtet er auch hier, aber werthvoll ist in hohem Grade, was er mittheilt. Dem Interesse des römischen Stuhles zeigt er sich überall eifrig ergeben, und verändert sogar Nachrichten des Hieronymus in solcher Tendenz.
Verständiger Weise hat man schon früh den ersten Theil bis 378 als werthlos fortgelassen, und nur den zweiten als Fortsetzung mit der Chronik des Hieronymus verbunden. In dieser Gestalt wurde die Chronik als bequemstes Handbuch der Weltgeschichte schon sehr früh allgemein benutzt, und noch im 16. Jahrhundert häufig gedruckt, jedoch mit Zusätzen, welche den ursprünglichen Text verdunkeln. Man verband damit die Fortsetzung des Matthaeus Palmerius bis 1449, die weitere des Matthias Palmerius bis 1482, und fügte noch eine Fortführung bis zum Druckjahre hinzu, weil man den praktischen Gebrauch im Auge hatte.
Eine Ueberarbeitung der Chronik des Prosper bis 445, mit einer römischen Fortsetzung bis 451, die noch Verwandtschaft mit dem Text des Prosper zeigt, ist in Afrika, wahrscheinlich in Karthago, verfaßt und bis 457 fortgeführt, mit Benutzung der Consularfasten. Hinzugefügt ist eine Uebersicht der Geschichte des vandalischen Reiches von der Einnahme von Karthago bis zum Untergang des Reichs 533[6].
Irrthümlich Prosper zugeschrieben ist das Chronicon imperiale oder Pithoeanum (379-455), welches am Anfang und am Ende mit Prosper übereinstimmt, übrigens aber in Form und Inhalt ganz verschieden ist. Als Zeitrechnung dienen hier die Regierungsjahre der Kaiser. Verfaßt ist es, wahrscheinlich vom Autor selbst, als Fortsetzung des Hieronymus; wenigstens findet es sich nur mit diesem verbunden. Geschrieben ist es auf Grundlage der Consularfasten mit Benutzung des Rufinus und anderer unbekannter Quellen im südlichen Gallien, vielleicht in Marseille, mit besonderer Verehrung des Klosters Lerins. In scharfem Gegensatz zu Prosper erscheint der Verfasser zwar auch von lebhaftem kirchlichen Interesse erfüllt, aber Augustin abgeneigt und semipelagianistisch gesinnt. Holder-Egger vermuthet, daß die Chronik vielleicht unvollendet blieb und von anderer Hand aus Prosper ergänzt wurde, um den Uebergang zum Marius zu bilden. Benutzt ist es nur von dem sog. Severus Sulpicius und später von Sigebert, durch den es allgemein bekannt und verbreitet wurde. Es ist voll von chronologischen Irrthümern, aber enthält wichtige Nachrichten über die Geschicke der germanischen Völker in Gallien[7].