Von erheblichem Werthe und namentlich durch gute Nachrichten über die Sueven und Westgothen sehr schätzbar ist die Chronik des galizischen Bischofs Idatius oder Hydatius (gebürtig aus Lamego, daher Lemicensis), welcher den Hieronymus fortsetzte, und nach seiner eigenen Angabe bis 427, in welchem Jahre er Bischof wurde, aus Büchern und den Berichten der Zeitgenossen schöpfte, von da an bis 467 aus eigener Erfahrung von den Begebenheiten berichtete, in welchen er als angesehener Bischof eine nicht unbedeutende Rolle spielte[8].

Eine grundschlechte, doch durch ihren Inhalt wichtige Chronik schrieb Victor, Bischof der unbekannten Stadt Tunnuna in der afrikanischen Proconsularprovinz. Er scheint von der Schöpfung begonnen zu haben, aber erhalten ist sein Werk nur als Fortsetzung des Prosper (444-566)[9]. An dasselbe schließt sich die Fortsetzung eines Gothen, Johannes von Biclaro, der aber in Constantinopel seine Bildung erhalten hatte, bis zum Jahre 590. Er stiftete 586 das Kloster Biclaro am Fuße der Pyrenäen, wo er auch seine Chronik geschrieben hat; 591 ist er Bischof von Gerona geworden[10].

Eine Fortsetzung des Prosper bis 581 schrieb in Burgund der Bischof Marius von Avenches, auf welchen wir noch zurückkommen. Eine eigenthümliche Umgestaltung des Textes mit werthvollen Zusätzen und Fortsetzung bis 641 bietet uns der Continuator Prosperi Havniensis, so genannt, weil die Handschrift 1836 von G. Waitz in Kopenhagen entdeckt wurde. Lange nur durch spärliche Mittheilungen bekannt, wurde sie endlich von G. Hille abgeschrieben und 1866 in einer Berliner Dissertation herausgegeben. Der Verfasser schrieb im Langobardenreich, vielleicht in Mailand, gehörte aber der romanischen Bevölkerung an. Er versah schon Hieronymus und Prosper mit Zusätzen aus Isidor, einem Pabstkatalog und den Consularfasten; auch hat er gallische Annalen benutzt. Der Fortsetzung fehlen die Jahre 458-474. Beim Jahre 523 hört die Rechnung nach Consuln auf, und die Regierungen der Kaiser treten an die Stelle, wie bei Isidor, welcher von nun an dem Verfasser als Leitfaden dient[11].

Näher auf diese Werke einzugehen, deren Werth nur in ihrem materiellen Inhalt besteht, würde hier nicht am Orte sein; sie durften nicht ganz übergangen werden, weil sie den Uebergang zu den späteren Chronisten bildeten, denen vorzüglich Prosper und Idatius ganz allgemein als Grundlage für diese Zeiten dienten: die weiteren Quellen der westgothischen Geschichte aber dürfen wir hier wohl unbedenklich bei Seite lassen[12]. Dagegen haben wir noch eines Mannes zu gedenken, der, wie jene Vertreter der alten grammatischen Bildung am Hofe von Ravenna, alles was von der überlieferten Schulbildung noch übrig war, in sich aufgenommen hatte, und durch seine Schriften einer der einflußreichsten Lehrer des Mittelalters geworden ist, nämlich Isidor von Sevilla[13].

Isidor war der Sohn des Severian, eines Provinzialen aus dem District von Karthagena. Er folgte seinem Bruder Leander auf dem bischöflichen Stuhle von Sevilla, und starb 636. Außer vielen anderen Werken, brachte er die Summe aller Kenntnisse, welche er sich vermittelst der damals noch vorhandenen Hülfsmittel erworben hatte, in ein Compendium, die 20 Bücher Originum sive Etymologiarum, welche eine außerordentliche Verbreitung erlangten und allgemein gelesen und benutzt wurden[14]. Heut zu Tage ist man geneigt diese Bestrebungen gering zu schätzen, ja ihnen zu zürnen, weil dadurch die älteren und besseren Werke verdrängt wurden. Allein es war damals schwer sich eine Bibliothek zu sammeln; nur wenige von denen, welche sich mit Wissenschaften überhaupt beschäftigten, konnten sich die umfangreichen Handschriften der alten Classiker verschaffen, und deshalb gewannen die leicht zugänglichen Auszüge eine so rasche Verbreitung. Es ist sehr fraglich, ob sich die reineren Quellen besser erhalten haben würden, wenn auch niemand Auszüge daraus verfaßt hätte; diese dagegen setzten auch unbemittelte Schüler in den Stand, wenigstens etwas zu lernen.

In jenem umfassenden Werke, welches freilich auch die mäßigsten Ansprüche unbefriedigt läßt, ist nun auch eine kurze Chronik oder chronologische Uebersicht, liber de discretione temporum, enthalten, ein Auszug aus der zwölf Jahre früher verfaßten Chronik, welche in gedrängtester Kürze eine Uebersicht der Begebenheiten von der Erschaffung der Welt bis zum fünften Jahre des Heraklius, dem vierten des Sisebut (615) giebt[15]. Eigenthümlich ist Isidor die Eintheilung nach den sechs Weltaltern, entsprechend den sechs Schöpfungstagen; das letzte beginnt mit Christi Geburt und Augusti Kaiserthum. Es ist das ein bei Augustin wiederholt vorkommender Gedanke[16], welcher hier zuerst chronistisch verwerthet wurde und später durch Beda allgemeine Verbreitung fand.

So sehr nun auch Isidor von der kirchlichen Auffassung der Geschichte erfüllt war, so hatte er doch auch ein lebhaftes Gefühl für sein Land und für das Volk der Westgothen, von deren Milde und Menschenfreundlichkeit er ein schönes Zeugniß ablegt. Denn nachdem er die Einnahme Roms durch Alarich und die dabei geübte Schonung beschrieben hat, fügt er hinzu: „Deshalb lieben auch bis auf den heutigen Tag die Römer, welche im Reiche der Gothen leben, die Herrschaft derselben so sehr, daß sie es für besser halten, mit den Gothen in Armuth zu leben, als unter den Römern mächtig zu sein und die schwere Last der Abgaben zu tragen.“ Das steht in der Volksgeschichte der Westgothen, welche er verfaßt hat, kurz zwar und dürftig für uns, die wir nach eingehenderer Darstellung verlangen, aber doch nicht ohne Geschick zusammengefaßt und mit Wärme erzählt. Kurze Geschichten der Vandalen und der Sueven schließen sich daran. Vorangeschickt aber ist ein überschwengliches Lob Spaniens, das jetzt von dem blühenden Volke der Gothen in Reichthum und glücklicher Sicherheit beherrscht werde. Dieses Stück fehlt jedoch in den meisten Handschriften und ist nicht von Isidor[17].

Außerdem aber haben wir endlich noch ein Werk des Isidor zu erwähnen, welches ebenfalls große Verbreitung gefunden und manchen zur Nachahmung gereizt hat. Das ist sein litterarhistorisches Buch De scriptoribus ecclesiasticis. Er selbst folgte darin dem Vorgange des Hieronymus und des Gennadius, eines Marseiller Priesters im fünften Jahrhundert. Ihm schloß sich dann zunächst Ildefons von Toledo an und darauf nach langem Zwischenraume im zwölften Jahrhundert Sigebert, Honorius, Petrus Diaconus und der ungenannte Mönch, welcher nach dem Fundort der Handschrift von Melk (Anonymus Mellicensis) genannt wird[18], aber dem Inhalt nach vielmehr nach Regensburg gehört, alle dürftig und mager, aber schätzbar durch einige nur von ihnen aufbewahrte Nachrichten. Im dreizehnten Jahrhundert folgte ihnen Heinrich von Gent[19] und endlich am Schlusse des Mittelalters der vielbelesene, aber unzuverlässige Johann von Trittenheim[20]. Denselben Gegenstand behandelte im 12. Jahrhundert Conrad von Hirschau in seinem Dialogus super auctores[21], und im Jahre 1380 Hugo von Trimberg, Lehrer zu St. Gangolf in Bamberg, in Versen, in seinem Registrum multorum auctorum, dessen nicht eben reicher Ertrag von M. Haupt geprüft ist, in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie 1854, S. 142 ff.; vollständig herausgegeben von Joh. Huemer[22].


[1] Th. de Mörner, De Orosii vita eiusque Historiarum libris VII adversus paganos. Berol. 1844. 8. Vgl. Papencordt, Geschichte der Vand. 337-340. 365. Büdinger in Sybels Zeitschrift VII, 113. Pallmann II, 236-245. (Gegen dessen Vermuthung einer Fortsetzung unter dem Titel De Placidia et moribus ejus, Waitz, Gött. Nachr. 1865, S. 113. Zangemeister in der kl. Ausg. v. 1890 Praef. p. XXI.) Ebert S. 337-344. Ausgabe von Zangemeister im Wiener Corpus V, 1882. Rec. von Krusch, HZ. L, 472-476, darin S. 475 über das Jahr 417, nach Orosius Rechnung 419.