Zunächst treten uns Annalen entgegen, die in Burgund, im „pagus Ultrajoranus“, vielleicht in Avenches, von wo Marius nach Lausanne fortgezogen war, bis in den Anfang des 7. Jahrh. fortgeführt wurden, und deutlich zu erkennen sind in der Compilation eines Aventicensers, welcher im J. 613 dieselben bis auf seine Zeit fortsetzte[2], und um den Zusammenhang der Weltgeschichte zu gewinnen, den im J. 235 von Hippolyt verfaßten Liber generationis[3] und einen Auszug aus Hieronymus und Idacius voranstellte[4]. Seine Arbeit reicht bis zum 39. Cap. des sog. Fredegar, und dieser Anfang gewinnt also durch diese Entdeckung bedeutend an Gewicht. Der eigentliche Fredegar aber, von welchem man bisher allgemein annahm, daß er vor dem J. 660 nicht geschrieben haben könne, nahm, wie Krusch jetzt das ganz überzeugend nachgewiesen hat, im J. 642, bis wohin er seine Arbeit geführt hat, das ältere Werk vor; auch er war in derselben Gegend heimisch. Er versah die beiden ersten Bücher mit Anhängen, und fügte einen Auszug aus den, ihm allein bekannt gewordenen, sechs ersten Büchern des Gregor von Tours hinzu[5], nicht ohne Einmischung von allerlei Fabeln, namentlich im dritten Buche nach dem wirklichen Idatius jene über die Vorzeit der Franken, von welchen Gregor noch frei ist, die uns aber von nun an aller Orten begegnen, und bald weiter ausgesponnen wurden: Erzeugnisse einer kindischen Gelehrsamkeit und kecker Erfindung, echter Sage völlig fremd, die aber nach und nach bei Halbgelehrten und Ungelehrten Eingang fanden[6].

Für die Fortführung der Geschichte benutzte Fredegar eine Relation über das inhaltreiche Jahr 613, wie man wegen des genauen Berichtes Cap. 40-44 annehmen muß, und erzählte treu, wenn auch mit geringem Geschick, was er erlebt hatte.

Dasselbe nun, was Fredegar, für seine Zeit und Bildung gut genug, geleistet hatte, versuchte um 658 ein dritter Bearbeiter, ein Austrasier, den Krusch vermuthungsweise nach Metz setzt; er ergänzte das Werk durch einen Auszug der Vita Columbani, und fügte verschiedene Supplemente über austrasische, westgothische, oströmische Geschichte, auch über Samo hinzu; von ihm muß auch der Absatz vom Schluss des Cap. 84-88 mit entschieden austrasischem Charakter herrühren. Seine Zuthaten sind es, welche früher zu der Annahme führten, das ganze Werk könne nicht vor 660 geschrieben sein. Eine weitere Fortsetzung aber hat er nicht zu Stande gebracht.

Wie nun später diese Sammlung fortgesetzt, vermehrt und umgestaltet ist, werden wir noch zu betrachten haben. Unbehülflich und dürftig war diese Schriftstellerei, aber es kommt auch Fredegar gar nicht in den Sinn, große Ansprüche zu machen; er empfindet lebhaft den traurigen Zustand der Zeit, und sieht nach der damals herrschenden Vorstellung das Ende der Welt als nahe bevorstehend an. „Wir stehen jetzt im Greisenalter der Welt, sagt er; darum hat die Schärfe des Geistes nachgelassen, und niemand vermag es in dieser Zeit den früheren Schriftstellern gleichzukommen.“ Sich selbst legte er nur einen bäurischen und ganz beschränkten Sinn bei[7], und diese rührende Bescheidenheit sollte wohl den Spott über den ehrlichen Mann entwaffnen, welcher mit aller Anstrengung geleistet hat, was er vermochte, und der sich dadurch um die Nachwelt ein unsterbliches Verdienst erworben hat.

Merkwürdig wäre es allerdings, wenn Fredegar wirklich einer Schule vorgestanden hätte; denn seine und seiner Genossen Kenntniß des Lateinischen war unglaublich gering, seine Sprache ist über die Maßen barbarisch, aber freilich nicht verschieden von derjenigen, welche wir auch in den Urkunden der Zeit, und in Italien bis ins elfte Jahrhundert finden. Entschieden falsch ist es, wenn man diese Sprache als die des romanischen Volkes bezeichnet, sie kann nie gesprochen worden sein. Alle Flexionsendungen sind nämlich darin vorhanden, sie werden aber nur noch aus Convenienz gebraucht, da das Gefühl für ihre Bedeutung sich fast ganz verloren hat[8]. Das Volk wirft in solchem Falle die Endungen ab, und bildet sich neue; nur wer gelehrt scheinen will, braucht sie noch, ohne aber ihre Bedeutung recht zu kennen. Treffend vergleicht einmal Kausler diese Schreibart mit schriftlichen Aufsätzen, die einer aus der niederen Klasse in der Sprache der Gebildeten, welcher er nicht recht mächtig ist, niedergeschrieben hat. Wir finden sie deshalb nur da, wo die Volksprache der lateinischen noch nahe genug stand, daß man lateinisch schreiben konnte, ohne es schulgemäß erlernt zu haben, besonders in Italien, wo sich ein solches Kauderwelsch bei den Notaren am längsten erhielt. Dort zeigt es sich auch deutlich, daß die Schreiber weit davon entfernt waren, in der Volksprache schreiben zu wollen, denn mitten in solchen Urkunden kommen Zeugenaussagen in ausgebildetem Italienisch vor.

Fredegar stand übrigens mit seinem Latein durchaus nicht allein unter der fränkischen Geistlichkeit des siebenten Jahrhunderts; das zeigt uns das Leben des um 665 verstorbenen Wandregisil, des Stifters von Fontenelle, welches W. Arndt genau nach der schönen Uncialhandschrift hat abdrucken lassen, die der Abfassung sehr nahe stehen muß und gewiß mit aller Sorgfalt geschrieben ist[9]. Hat doch jetzt G. Waitz nachgewiesen, daß auch noch Paulus Diaconus nicht viel anders schrieb, und Jordanis und Gregor von Tours scheinen ebenfalls schon auf diesen Weg geführt zu haben.

Wiederum verging nach Fredegar mehr als ein halbes Jahrhundert, in dem, außer einigen Heiligenleben, unter denen jedoch mehrere nicht gering anzuschlagen sind, das ganze Frankenreich keine Spur von Geschichtschreibung darbietet. Erst in den letzten Zeiten der Merovinger, als in Austrasien schon die ganze litterarische Thätigkeit dem aufstrebenden Geschlecht der Hausmeier sich zugewandt hatte, wurde in Neustrien ein Werk verfaßt, welches sich Gregor und Fredegar anschließt, und in seiner Armseligkeit dem Zustande des absterbenden Reiches vollkommen entspricht. Es ist daher auch kaum möglich anzunehmen, daß bei den darin Cap. 44 angeführten scriptores, wie Krusch S. 217 annimmt, an wirkliche Geschichtschreiber zu denken ist; mit Recht hebt Kurth hervor, daß mit dem ganz unbedeutenden Chlodwig II sich nicht mehrere Geschichtschreiber beschäftigt haben werden, dagegen in Saint-Denis, wo er ihrem Heiligen einen Arm genommen hatte, verschiedentlich über ihn geschrieben sein mag.


[1] Vgl. über den Namen G. Monod, Études crit. p. 256.

[2] Dieser ist nach Krusch der im Prolog als quidam sapiens bezeichnete.