Neustrien ist das Land, von dem der Verfasser des liber historiae berichtet; Austrasien erwähnt er nur gelegentlich, er liebt es nicht, und von dem Neuen, was sich dort bildet, ist er unberührt; während man in Austrasien wenig mehr von den Merovingern weiß, sie in den Annalen kaum noch nennt, stehen sie bei ihm überall im Vordergrunde. Er gehört ganz der alten Zeit an, und bezeichnet durch seine den Fredegar weit übertreffende Dürftigkeit und Armuth den fortgehenden Verfall, wenn auch sein Latein weniger barbarisch ist. Dafür aber fehlt ihm auch die gelehrte Belesenheit Fredegars. Er hat für die alte Zeit, außer dem Prologus legis Salicae[2], nur eine Quelle, die ersten sechs Bücher Gregors, und hierauf gestützt unternahm er es im sechsten Jahre Theuderichs IV d. i. im Jahre 727[3], die Geschichte seines Volkes zu schreiben. Mit mageren Auszügen aus Gregor verbindet er wie Fredegar die halb volksthümlichen, halb gelehrten Sagen über die Anfänge der Franken; dann fährt er selbständig fort, nicht Jahr für Jahr berichtend, sondern in kurzen Umrissen, wie sie sich allenfalls durch mündliche Ueberlieferung erhalten konnten. Fredegars Chronik war ihm nicht bekannt, und soweit diese reicht, ist sein Werk kaum zu benutzen; dann aber ist es für lange Zeit die einzige zusammenhängende Erzählung, welche wir besitzen, und wie er seiner eigenen Zeit näher kommt, wird seine Darstellung, wenn sie gleich immer dürftig bleibt, doch zuverlässig. Die besseren Heiligenleben, aus denen einzelne Abschnitte sich ergänzen lassen, bestätigen seine Angaben.

Wenige Jahre nachher, noch bei Lebzeiten Theuderichs IV, der 737 gestorben ist, hat ein Austrasier eine neue Bearbeitung dieses Buches (B) unternommen, welches er für ein Werk Gregors von Tours hielt und dem er daher den Titel gab „Liber sancti Gregorii Toronis episcopi gesta regum Francorum“. Daher der gewöhnliche Titel, an welchem man als an einem gewohnten und allgemein verständlichen wohl auch ferner festhalten wird. Der Verfasser ergänzte einiges aus Gregors Geschichte, auch aus Isidor; schon 736 wurde dazu eine Fortsetzung geschrieben, welche wir nur in überarbeiteter Gestalt als erste Fortsetzung des Fredegar kennen.

Damit ist nun die Zahl der merovingischen Historiker erschöpft, denn die Thaten Dagoberts[4] sind eine unzuverlässige Compilation aus dem neunten Jahrhundert, von einem Mönch zu Saint-Denis verfaßt, um das Kloster und seinen Stifter zu verherrlichen, mit Benutzung sowohl mündlicher Tradition als auch der vorhandenen Urkunden, unter welchen schon falsche sich befanden. Hat man früher sie in das Ende des neunten Jahrhunderts gesetzt[5], so weist dagegen Krusch (S. 396) nach, dass sie 835 schon vorhanden war. Entschiedener hat Julien Havet ihre Glaubwürdigkeit in Schutz genommen, natürlich abgesehen von den nur wiedererzählten Fabeln, vorzüglich in Bezug auf die Thatsache, daß wirklich Dagobert I, wenn auch bei Lebzeiten seines Vaters, das Kloster gestiftet hat, während Mabillon eine viel frühere Stiftung annahm[6].

Der so viel benutzte und oft angeführte Aimoin aber ist gar erst aus dem Anfange des elften Jahrhunderts und ohne allen Werth. Es war die Roheit der Form, welche zur neuen Bearbeitung trieb, wie Aimoin ausdrücklich sagt, und aus demselben Grunde zog man später diese Bearbeitungen vor. Für geschichtliche Untersuchungen aber darf man sich auf Aimoin so wenig wie auf den noch späteren Rorico berufen[7].

Actenstücke, Gesetzbücher und Formeln[8] liegen unserer Aufgabe fern, aber gedenken müssen wir doch der Briefe, welche theils einzeln und ihrer besonderen Wichtigkeit wegen, theils, und vorzüglich, in Sammlungen, die als Muster gebraucht wurden, sich erhalten haben. Für diesen Zeitraum schließen sie sich an die berühmten Namen der Bischöfe Avitus von Vienne, Remigius von Reims, Desiderius von Cahors[9]. Von besonderer Wichtigkeit ist die Sammlung der Epistolae Austrasicae, welche, mit einigen Schreiben des Remigius beginnend, in großer Zahl amtliche Correspondenzen der Könige Sigebert und Childebert II (bis 585) enthält, und zwar nach Concepten, so daß die Entstehung nothwendig in der königlichen Kanzlei zu suchen ist. Hier hatte der von Fortunat besungene Gogo gewirkt, gefeiert als ein neuer Cicero wegen seiner Beredsamkeit, Vorsteher der Hofschule und aus weiter Ferne aufgesuchter Lehrer; zweimal wird er als Concipient genannt. In der kritisch gereinigten Ausgabe von Gundlach, der ersten seit Freher, werden diese Briefe erst recht benutzbar sein[10].

Sehr eigenthümlicher Art ist die Correspondenz zwischen einem Bischof Frodebert, vermuthlich von Tours, und Importunus von Paris (um 666), welcher jenem u. a. vorwirft, daß er des Hausmeiers Grimoald Frau entführt habe. In höchst barbarischem Latein verfaßt, aber durchgehends gereimt, können diese Schmähschriften unmöglich als wirkliche Briefe betrachtet werden, sind aber um so merkwürdiger als ein boshaftes Pasquill des 7. Jahrhunderts[11].


Von jenen halb verklungenen, halb durch Zuthaten der Schulgelehrsamkeit entstellten Stammsagen der Franken finden sich Spuren auch in dem schon früher ([S. 90]) erwähnten Prolog des Salischen Gesetzes, und an diesen erinnert ein seltsames Werk des siebenten Jahrhunderts, die poetische Weltbeschreibung eines ungenannten Verfassers, der in ganz ähnlicher Sprache und Weise einige Capitel des Isidor in Verse brachte, und nur über die Franken einige selbständige Zusätze anbrachte, in denen sich das stolze Selbstgefühl jenes Prologs wieder erkennen läßt[12]. Es sind dreizeilige Strophen mit sehr ungenauen Endreimen, rhythmische Langzeilen von 15 Silben mit einer Caesur nach der achten Silbe, eine in jener Zeit häufige Form. Für den Verfasser dieses Kunstwerkes hält Dümmler denselben Theodofridus, welcher ein anderes, nicht minder rohes Gedicht über die 6 Weltalter verfaßt hat; beide sind von demselben Winitharius abgeschrieben; auch einen dritten, chronologischen Rhythmus vom J. 718 fügt er hinzu. In Theodofrid aber erkennt er den ersten, bald nach 657 aus Luxeuil gekommenen Abt von Corbie, welcher um 681 Bischof wurde, wahrscheinlich von Amiens[13].

Höchst eigenthümlich ist eine andere Dichtung, die vielleicht ebenfalls noch dem siebenten Jahrhundert angehört, nämlich ein Lied, welches sich auf Chlothars II Sieg über die Sachsen i. J. 622 (?) bezog, wovon uns aber leider nur ein kleines Bruchstück erhalten ist. Es bestand ebenfalls aus je drei gereimten Zeilen, die aber iambischen Rhythmus haben und je vier Hebungen enthalten. Der eigentliche Held des Liedes ist der heilige Faro, Bischof von Meaux, welcher die Gesandten der Sachsen gegen die beabsichtigte Ermordung von Seiten des Königs beschützt hatte, und ihm zu Ehren wurde nach dem Zeugniß des Biographen des h. Faro, Bischof Hildegars, der zu Karls des Kahlen Zeit schrieb, dieses Lied allgemein von Männern und Frauen zum Tanze gesungen[14].

Ein anderes, noch weit merkwürdigeres Lied glaubte Lenormant entdeckt zu haben[15], ein historisches Volkslied des sechsten Jahrhunderts zur Feier von Childeberts I Feldzug gegen Saragossa i. J. 542. Dieses sollte nämlich paraphrasiert sein in dem Leben des h. Droctoveus, ersten Abtes von St. Germain-des-Prés, einer Stiftung jenes Childebert, und sich daraus zum Theil wieder herstellen lassen. In der That erinnern Ausdrücke darin, wie torrens pulchritudinis[16], an jene alte fränkische Poesie, und es ist nicht unmöglich, daß wirklich die Spur eines alten Liedes darin zu erkennen ist; im übrigen aber ist die Erzählung von der angeblichen Erwerbung der Stola des h. Vincenz auf jenem Feldzuge ganz den „Thaten der Franken“ entnommen, und deshalb die Herstellung jenes Liedes aus den Worten der Lebensbeschreibung ein verfehltes Unternehmen.