§ 3. Die Annalen. [[←]]
In dem Abschnitte, bei welchem wir jetzt verweilen, in den Anfängen der karolingischen Periode, beginnt zuerst ein Zweig der Geschichtschreibung ans Licht zu treten, welcher sich aus den unscheinbarsten Anfängen zu einer wahren Kunstform entwickelte, und dem wir großentheils die festen Grundlagen der älteren Geschichte des Mittelalters verdanken, nämlich die Jahrzeitbücher oder Annalen. Augenscheinlich durch die Mission veranlaßt, kommen sie jetzt an verschiedenen Orten zum Vorschein. Es bedurfte eben keiner neuen Erfindung, um Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse gleichzeitig mit wenigen Worten aufzuzeichnen; wir haben ähnliches schon aus der römischen Zeit zu erwähnen gehabt, und es mag auch hin und wieder im merowingischen Reiche geschehen sein, aber erhalten haben sich keine Beispiele davon. Einst hatten die Verzeichnisse der Consuln den passendsten Raum dazu dargeboten, jetzt waren es die überall verbreiteten Ostertafeln, deren Rand schon von selbst dazu aufforderte, neben der Jahreszahl kurze Nachrichten einzutragen. Wir finden diese Aufzeichnungen zuerst in England, und die Missionare, denen Beda's Ostertafeln wohl selten fehlten, behielten die heimische Sitte bei. Mit den Ostertafeln selbst wurden nun auch die Randbemerkungen abgeschrieben, und gingen so von einem Kloster ins andere über; bald fing man an darauf Werth zu legen, schrieb die noch ganz kurzen und mageren, völlig formlosen Annalen auch abgesondert ab, setzte sie fort, verband sie mit anderen, und machte sich endlich auch an die Arbeit, die dürftige Kunde über die frühere Vorzeit durch Benutzung anderer Quellen, aus Schriftstellern aller Art, aus der Sage und gelehrter Berechnung zu ergänzen.
Daraus ergiebt sich nun, wie verschiedenartig, von wie ungleichem Werthe der Stoff ist, welchen diese Jahrbücher uns darbieten. Vielfache Fehler konnten schon beim Abschreiben nicht ausbleiben. Der Rand der Ostertafeln hatte häufig nicht ausgereicht; dann waren Bemerkungen unten, oben, an verschiedenen Stellen nachgetragen[1], durch Zeichen auf das betreffende Jahr bezogen, und oft ist es selbst, wenn das Original noch erhalten ist, schwer sich darin zurecht zu finden. Gedankenlose Abschreiber haben dann nicht selten die allergrößte Verwirrung angerichtet, zuweilen gar die Jahreszahlen ganz fortgelassen[2].
Um diese Annalen also mit Sicherheit benutzen zu können, um an ihnen wirklich eine zuverlässige Grundlage für die Zeitrechnung zu gewinnen, kommt natürlich alles darauf an, ihre Herstammung und Abkunft zu erforschen, spätere Zusätze auszuscheiden, ihrem Ursprung so nahe wie möglich zu kommen, wenn man nicht das Original selbst noch aufzufinden vermag.
Das ist es, was für die gesammte Masse der Annalen aus karolingischer Zeit zum ersten Male von Pertz im ersten Bande der Monumenta geleistet worden ist, und zwar in so ausgezeichneter Weise und mit so umfassender Benutzung des bis dahin bekannt gewordenen handschriftlichen und gedruckten Materials, daß hier für alle weiteren Forschungen die sicherste Grundlage gegeben ist[3].
Es ist jedoch gleich hier auf eine Unterscheidung hinzuweisen, welche erst durch die fortgesetzte Beschäftigung mit dieser eigenthümlichen Form der Geschichtschreibung sich immer deutlicher herausgestellt hat. Zu allgemein hat man anfangs, von späteren Zuständen rückschließend, die Klöster für die Ursprungstätte dieser Aufzeichnungen angesehen; man suchte in allen Annalen nach localen Andeutungen, welche in irgend ein Kloster führen. Auch giebt es wirklich viele Annalen, welche sich dazu eignen; sie verbinden in buntem Gemisch die Hausgeschichte mit Vorfällen von allgemeinerer Bedeutung, die aber in diesem Falle keine zusammenhängende Folge darstellen. Findet sich dagegen eine Reichsgeschichte, welche, wenn auch noch so dürftig, doch das Bestreben nach vollständiger Mittheilung dessen zeigt, was vom Mittelpunkt aus gesehen das ganze Reich betrifft, so wird man den Ursprung schwerlich in einem Kloster zu suchen haben, und wenn hin und wieder eine locale Notiz sich findet, ist sie wahrscheinlich, oft nachweisbar, einer Abschrift zugesetzt. Den Klöstern lag ein solcher Gesichtspunkt ursprünglich ganz fern, während der Hof damals noch wirklich den lebendigen Mittelpunkt des Reiches bildete, an dessen Bewegungen und Heerfahrten auch die Bischöfe mit ihren Caplänen fortwährend sich betheiligen mußten. Die Aebte aber, welche in denselben Strudel hineingezogen wurden, waren entweder geradezu Laienäbte, oder sie entfremdeten sich doch durch solch unklösterliches Leben der Genossenschaft der Mönche. Es hat freilich neuerdings H. v. Sybel für die klösterliche Herkunft von neuem das Wort ergriffen[4], und namentlich behauptet, daß man, was in den sog. Königsannalen steht, im Kloster Lorsch recht gut in Erfahrung bringen konnte. Ich gebe das gerne zu, kann mir aber nicht vorstellen, daß schon im achten Jahrhundert der Sinn der Mönche in so hohem Grade den weltlichen Dingen zugewandt war, was doch auch später nur ausnahmsweise der Fall gewesen ist. Nur für wenige Klöster hatten die jährlichen Feldzüge ein unmittelbares Interesse.
Es hatte nun wohl den Anschein, als ob man die allmähliche Entstehung der geschichtlichen Ueberlieferung aus den unscheinbarsten Anfängen, die Verbindung verschiedener Aufzeichnungen und ihre nun schon besser gelungene Fortführung deutlich vor Augen habe; man glaubte eben jene ersten Anfänge in ursprünglicher Gestalt zu besitzen, und bezweifelte, daß es in jener Zeit des wenig federfertigen achten Jahrhunderts viel mehr und bessere Aufzeichnungen gegeben habe, als uns noch jetzt vorliegen. Allein die fortgesetzte Beschäftigung mit diesen Annalen zeigt in so hohem Grade Uebereinstimmung derselben in vielen Notizen, während doch andere Sätze sich nur in dem einen Exemplar, zugleich jedoch in anderen ganz entlegenen Annalen finden, auch Spuren alter guter Ueberlieferung, die plötzlich in jüngeren Compilationen auftauchen, daß hier, wie in manchen Fällen aus späterer Zeit, kein anderer Ausweg möglich zu bleiben scheint, als die Annahme verlorener Aufzeichnungen, aus welchen nur Excerpte uns vorliegen; wir besitzen nur Bruchstücke einer einst vorhanden gewesenen reicheren Litteratur, die wir uns aber doch hüten müssen, uns zu bedeutend vorzustellen. Große Vorsicht ist hier nothwendig, und eben diese Vorsicht vermisse ich bei Is. Bernays[5], dessen Zusammenstellungen häufig gerade den entgegengesetzten Eindruck machen, indem nur die notorischen Thatsachen übereinstimmen, im Ausdruck aber die größtmögliche Verschiedenheit geradezu aufgesucht sein müßte. Weit vorsichtiger dagegen ist R. Arnold[6] verfahren, und doch scheint auch dessen Annahme von Hofannalen von 771 oder 772 an eine unbegründete zu sein, indem ihr von Waitz[7] die erheblichsten Gründe entgegengestellt sind. Ein solches Werk müßte deutlichere Spuren hinterlassen haben, und als Regel werden wir doch festzuhalten haben, daß man mühsam die dürftigen Aufzeichnungen zusammen arbeitete, und mit einer uns oft unbegreiflichen Sorglosigkeit häufig einzelne Sätze aus einer zugänglich gewordenen Quelle herübernahm, andere bedeutendere Nachrichten aber unberührt ließ.
Als erste Quellen dieser Art können wir zwar nicht mehr die Ann. S. Amandi und Ann. Mosellani, wie sie uns vorliegen, betrachten, aber doch die etwas reichere Quelle der Ann. S. Amandi bis 769 und die Aufzeichnungen, welche den wesentlichen Inhalt der Mosellani ausmachen, bis 764 (oder 760?) annehmen. Nach Arnolds Ansicht wären diese in oder bei Metz (Gorze?) compiliert und im siebenten Jahrzehnt des achten Jahrhunderts mit eigenen, ziemlich reichhaltigen Zusätzen vermehrt, die bis c. 771 reichten. Dieses nicht mehr vorhandene Werk betrachtet Arnold als die gemeinsame Quelle der Annales Petaviani, die nebenbei bis 737 noch ein Exemplar der Ann. S. Amandi oder ihrer Quelle benutzten, und seit 760 einen officiellen Charakter tragen, der Annales Maximiniani, die nebenher noch andere Quellen benutzten, und wieder eines verlorenen Werkes, das im ersten Theile durch Notizen über Angelsachsen vermehrt war, und fast ganz rein vorliegt in den Ann. Mosellani und den Ann. Laureshamenses. Doch hat in Betreff der Annales Maximiani G. Waitz dieser Annahme sehr entschieden widersprochen und dadurch das ganze künstliche Gebäude erschüttert.
Die Annales S. Amandi[8] haben diese Benennung von Pertz erhalten, weil 782 und 809 Beziehungen auf das Kloster Saint-Amand vorkommen; dem früheren Theile fehlen sie und der Inhalt ist durchaus reichsgeschichtlich. Die Ursprünglichkeit ihrer jetzt vorliegenden Form ist angegriffen, eine verlorene Quelle oder etwas reichere Form angenommen, aber als ein ziemlich treues Abbild dieser eben beginnenden Annalistik werden wir sie doch betrachten dürfen.
Vom ersten Anfang an sind diese Annalen karolingisch. Sie beginnen mit der dauernden Festsetzung dieses Hauses im Besitz der Macht, mit der Begründung einer neuen Ordnung der Dinge, der Morgendämmerung einer besseren Zeit, welche wieder Hoffnungen erweckte und die Seelen nicht mehr mit dem trostlosen Gedanken von dem nahe bevorstehenden Untergange der Welt erfüllte.