Die am Eingang stehende Nachricht von der Schlacht bei Tertri 687 ist nachträglich zugesetzt; die regelmäßig fortgesetzten Aufzeichnungen beginnen erst 708, und auch von da an möchte ich noch nicht behaupten, daß gleich von Anfang an alles gleichzeitig eingetragen wäre; die Form der kurzen und noch sehr dürftigen Bemerkungen, wenn man z. B. zu dem Jahr 708, wo Ostern auf den 15. April fiel, an den Rand schrieb: (Das war damals) als Drogo im Frühjahr starb[9] — deutet eher auf ein späteres Besinnen und Ueberdenken der Vergangenheit. Auch ist das ganz natürlich; so lange der Eindruck noch frisch ist, fühlt man kein Bedürfniß ihn künstlich festzuhalten, und erst später macht sich das Verlangen geltend, die verschiedenen Erinnerungen aus einander zu halten und zu ordnen. Wenn aber nun eine Reihe solcher Aufzeichnungen beisammen ist, dann ändert sich der Gesichtspunkt, man legt Werth auf diese Zusammenstellung und setzt sie um ihrer selbst willen fort, trägt Jahr für Jahr die wichtigsten Begebenheiten ein, um für spätere Zeiten ein Denkmal zu hinterlassen. Jene Annalen nun, welche in ihrer Fortsetzung bis 810 deutliche Beziehungen zu Saint-Amand enthalten, entbehren in ihrem früheren Theile bis 771 und noch darüber hinaus jeder Hinweisung auf dieses Kloster oder dessen Umgegend; sie verzeichnen nur die großen Reichsbegebenheiten, die Feldzüge jedes Jahres und zuweilen einen Todesfall oder einen anderen merkwürdigen Vorfall, so kurz, daß die eigentliche Kenntniß von den Dingen vorausgesetzt wird; an Erzählung ist kein Gedanke, nur an chronologische Ordnung der Erinnerungen. Giesebrecht hält die Aufzeichnung dieser Notizen im Cölnischen für sehr wahrscheinlich und möchte den Schottenmönchen zu St. Martin, Pippins von Heristal Stiftung in Cöln, dieses Verdienst zuschreiben. Allein daß 713 Suitberts Tod, 716 Radbots Vordringen bis nach Cöln erwähnt wird, daß 753 gerade wie in den Annales Mosellani der Tod des Bischofs Hildegar von Cöln, auf dem Feldzug gegen die Sachsen angemerkt wird, das berechtigt uns noch nicht zu einer bestimmteren Annahme über die Herkunft dieser Jahrbücher. Vorzüglich in den Klöstern Belgiens weit verbreitet, sind sie durch Zusätze und Fortsetzungen immer mehr angewachsen, bis sie endlich Sigebert von Gembloux zur Grundlage seiner gewaltigen Chronik dienten, aber in ihren Anfängen weist nichts nach einer bestimmten Gegend. Nichts tritt dagegen so sehr in den Vordergrund, wie die Familie der Hausmeier, und man kann sie daher wohl mit besserem Rechte, als irgend einem Kloster, einem Mitglied der Hofgeistlichkeit zuschreiben.

Ganz denselben Charakter tragen auch die gleichzeitigen Annales Mosellani[10], deren Entdeckung in Petersburg durch Lappenberg ein unerwartetes Licht auf das Verhältniß der ältesten Annalen zu einander geworfen hat, vorzüglich nachdem Giesebrecht in seiner scharfsinnigen Abhandlung über die fränkischen Königsannalen[11] die Folgerungen, welche dem ersten Herausgeber noch entgangen waren, daraus gezogen hat. Weiter ist dann, wie schon oben erwähnt, durch R. Arnold das gegenseitige Verhältniß der Annalen eingehend untersucht.

An der Spitze der Annales Mosellani (welche nach Arnold, wie sie uns vorliegen, schon aus einer Vermischung mit denen von St. Amand hervorgegangen sind) stehen von 704 bis 707 irische Namen. Diese bilden den Uebergang von Bedas kleiner Chronik in der Schrift de temporibus, an welche sie sich anschlossen, zu der Nachricht von Drogo's Tod 708, die auch hier die fränkischen Eintragungen eröffnet. 713 ist der Tod einer englischen Prinzessin, eines Königs von Ostangeln bemerkt, 726 und 729 unbekannte irische Namen. Erwähnt wird ferner 726 der Tod Martins, welcher nach den Ann. Petav. ein Mönch von Corbie und Karls Beichtvater war, 736 Audoins des Bischofs von Constanz, dessen Name so wenig etwas für die Herkunft der Annalen beweisen kann, wie 728 die Erwähnung Haldulfs von Cambrai, der zugleich Abt von St. Vaast war. Dagegen finden sich von 761 an Beziehungen zu Chrodegang von Metz, dessen hervorragende Stellung im Reiche ganz geeignet war, die Abschrift solcher, vielleicht in Metz ursprünglich entstandener Aufzeichnungen und ihre Fortführung zu veranlassen, war er doch am Hofe Karl Martels aufgewachsen und hatte 742 von Pippin das Bisthum erhalten[12]. Pückert hat darauf hingewiesen, daß sein Bruder Gundeland Abt von Lorsch war, was auf das in Lorsch so früh hervortretende Interesse für Geschichte eingewirkt haben mag.

Kaum waren diese ersten Versuche geschichtlicher Thätigkeit gewagt, so begann man auch schon ihren Werth sowohl wie ihre Unvollkommenheit zu empfinden; man copirte sie und bereicherte sie zugleich durch Verbindung der verschiedenen Exemplare, ohne sich jedoch noch eine redigirende Thätigkeit zu erlauben, welche das nothdürftigste Maß überschritten hätte. Diese Gewissenhaftigkeit sowohl wie die ersten Regungen einer combinierenden wissenschaftlichen Thätigkeit liegen uns, wenn wir Arnold glauben dürfen, nicht mehr in dem ursprünglichen Product vor, wohl aber in verschiedenen Ableitungen, vorzüglich in den Annales Petaviani, welche von dem früheren Besitzer der Handschrift ihren Namen haben[13]. Sie verbinden nämlich bis 771 die beiden bisher betrachteten Annalen, an welche sich von da an eine schon wirklich erzählende, völlig gleichzeitige und zuverlässige[14] Fortsetzung bis 799 anschließt, die bei dem Mangel aller localen Färbung wiederum nur für den Königshof, den Mittelpunkt aller Unternehmungen, in Anspruch genommen werden kann. Eine Abschrift, welche nur bis 796 reicht (Cod. Masciacensis), gewährt Zusätze, welche aus dem Martinskloster zu Tours zu stammen scheinen, während die beiden anderen specielle Angaben über die karolingische Familie hinzufügen[15]. Arnold freilich (S. 28) bestreitet die Richtigkeit jener Bezeichnung als gleichzeitig und zuverlässig, weil der Verfasser schlechtes Latein schrieb, worin ich einen Gegengrund nicht zu erkennen vermag. Erheblicher sind einige Ungenauigkeiten, welche er nachweist, und mehr noch die Uebereinstimmung in manchen Angaben und Ausdrücken mit den Ann. Laureshamenses. Aehnliche Spuren in anderen Annalen führen ihn zu der Annahme von verlorenen Hofannalen (S. 52), welche 771 oder 772 nach dem Beginn der Alleinherrschaft Karls angefangen, etwa bis 803 (Ende der Lauresham.) oder 801 (Ende der Guelferbyt.) fortgeführt wurden, ziemlich umfangreich waren, und deshalb in sehr verschiedener Weise ausgenutzt wurden, ihre Spuren aber in vielen Annalen hinterlassen haben. Vielleicht durch die überwiegende Autorität und Verbreitung der sog. Königsannalen (Laurissenses) wäre das ältere Werk in den Hintergrund gedrängt und endlich verloren. Einen geradezu officiellen Charakter und Ursprung will Arnold nicht annehmen, wohl aber Entstehung am Hofe, welche auch mir unzweifelhaft ist. Als Auszug aus diesen Annalen hätten wir also auch den letzten Theil der Petaviani zu betrachten, welcher durch ceremonielle Ausdrucksweise deutlich höfischen Ursprung zeigt. Beginnt diese schon 760, so kann sie auf diese Strecke durch Ueberarbeitung übertragen sein. Doch wird, wie schon erwähnt, von Waitz die Existenz solcher Hofannalen bestritten, und wir werden wenigstens nur mit großer Vorsicht von einem solchen Werke reden dürfen.

Neben dieser Fortführung der Annales Petaviani wurden nun auch jene Ann. Mosellani in gleicher Weise fortgesetzt, ebenfalls schon von dem ersten Hauch der karolingischen Zeit berührt und von räthselhaften Notizen zur Erzählung übergehend; doch lassen auch hier auffallende Uebereinstimmungen anstatt ganz selbständiger gleichzeitiger Aufzeichnung vielmehr Benutzung einer gemeinsamen Quelle voraussetzen. Wenn nun in diesem Theile zweimal der Tod eines Abtes von Lorsch erwähnt wird, so darf das nicht auffallen bei einem Kleriker, der etwa im Gefolge des Bischofs von Metz dem Hoflager folgte; ein Mönch aber hätte wohl schwerlich so ausschließlich seinen Blick auf den König und die allgemeinen Reichsbegebenheiten richten können. Nach dem Jahre 785 sind diese Annalen wiederum durch Abschriften verbreitet; diejenigen, welche Pertz wegen einiger localer Zusätze Annales Laureshamenses genannt hat[16], eine aus gemeinsamer Quelle stammende Nebenform der Mosellani, erhielten von da ab zwei verschiedene ausführliche Fortsetzungen bis 803 und 806; in den Annales Mosellani aber fehlen die Jahre 786 und 787, und die weitere Fortsetzung bis 798 ist um ein Jahr verschoben, also da sie doch offenbar gleichzeitig verfaßt ist, erst nachträglich hier eingetragen.

Eine andere Fortsetzung von 786 bis 796 hat G. Waitz nachgewiesen in den Annalen von 741 bis 811, welche nach dem Fundort der Handschrift von dem ersten Herausgeber, Baron von Reiffenberg, Maximiniani genannt sind[17].

Auch diese hat Arnold als Auszug aus den von ihm angenommenen Hofannalen in Anspruch genommen und gerade auf sie großes Gewicht gelegt; er glaubte nicht, daß dieser Annalist so viele verschiedene Annalen, wie Waitz annahm, benutzt und doch wieder so viele wichtige Dinge, die auch darin standen, übergangen haben könne. Allein hier ist ihm Waitz scharf entgegengetreten, indem er nachwies, daß die Ableitung aus verschiedenen Elementen sich durch das Verhältniß zu anderen Quellengruppen mit voller Sicherheit darthun läßt. Aufgeklärt wurde die ganze Sachlage freilich erst durch die neue von Waitz gegebene Ausgabe und die Sonderung der Annalen von der Chronik bis 741, an welche sie sich anschließen und zu deren Fortsetzung sie bestimmt zu sein scheinen. Diese, schon oben S. 129 kurz erwähnt, wird später zu besprechen sein. Die Annalen sind eine um oder bald nach 811 verfaßte Compilation, zu welcher die Gesta Pontificum Romanorum (doch noch nicht die Vita Leonis III) mit verschiedenen Annalen in ziemlich freier Weise, mit einigen willkürlichen Zusätzen, verbunden sind. Als solche hier benutzte Annalen sind nachgewiesen die Mosellano-Laureshamenses, d. h. die gemeinsame Quelle beider, und die Petaviani noch 778, vielleicht 779, dann die Laurissenses mit Zusätzen aus einer unbekannten Quelle, bis 811, wo ein Abschnitt derselben, das Ende einer Bearbeitung, wahrscheinlich ist. Eigenthümlich aber ist von 786 bis 796 die Benutzung von Annalen, welche wegen besonders hervortretender Berücksichtigung von Baiern dort geschrieben zu sein scheinen, und welche wie B. Simson zuerst bemerkt, ebenfalls und ebensoweit in den Annales Xantenses benutzt sind. Ebensoweit reicht auch die von Arnold nachgewiesene Verwandtschaft mit den Juvavenses minores, welchen die Mos. Laur. fremd sind; sie tritt aber auch schon früher, schon 743, und überall da hervor, wo nicht die Mos. Laur. Quelle sind, so daß also die Existenz einer anderen, den Laurissenses majores verwandten Redaction fränkischer Annalen anzunehmen ist, an welche die Fortsetzung von 786 bis 796 sich anschloß. Berührung ist auch mit den Ann. Juvav. maj. und S. Emmerammi maj. vorhanden, welche nach Waitz von den Maximiniani direct oder mittelbar abhängig sind[18]. Wir werden auf dieses Werk noch zurückkommen.

Andere gleichzeitige Aufzeichnungen, welche nach dem Fundort der Handschrift Guelferbytani genannt werden, beginnen erst mit Pippins Regierung 741. Sie weisen durch die Folge der Aebte deutlich auf das 727 gegründete Kloster Murbach in den Vogesen, und verfolgen die Reichsbegebenheiten nicht so gleichmäßig wie jene anderen Annalen, welche wir mit ihnen gemischt bis 768 in den Annales Alamannici und Nazariani wiederfinden, deren Anfang von 708 an ebenfalls den Annales Mosellani entnommen ist. Von 771 bis 790 folgt hier eine weitere Fortsetzung, von ganz allgemeinem Charakter, welche in den Annales Nazariani am vollständigsten erhalten, im Wolfenbüttler Codex allein noch bis 805 weitergeführt ist[19], während die Annales Alamannici eine selbständige Fortsetzung 790 bis 799 erhielten[20]. Diese Annalen verbreiteten sich weithin durch die Klöster Schwabens und gelangten auch nach Hersfeld, wo an diesen Anfang Lamberts Geschichtswerk sich anlehnte, während auf den aus gleicher Quelle stammenden Reichenauer Annalen Hermann der Lahme seine Chronik erbaute.

Besonders merkwürdig sind die von Pertz in einer Handschrift des Klosters St. Germain-des-Prés entdeckten Annalen[21], welche im Anfang des neunten Jahrhunderts aus einer älteren Handschrift abgeschrieben sind, und wie gewöhnlich zur Eintragung der dortigen Annalen benutzt wurden. An der Spitze stehen hier ganz kurze Annalen von Lindisfarne (643-664), einem Bisthum auf einer der kleinen Inseln an der Ostküste von Northumberland, jetzt Holyisland bei Berwick, welches von Hy aus begründet war. Darauf folgen von 673 bis 690 Notizen aus Canterbury. Nach Pertz' Vermuthung war es Alcuin, welcher diese Handschrift mit sich an Karls Hof brachte, wo er von 782 bis 787 (792) die Namen der Orte eintrug, an welchen Karl in diesen Jahren das Osterfest feierte. Daran haben nun die Mönche von St. Germain ihre eigenen Annalen gefügt[22], als deren Grundlage jetzt Annalen von Saint-Denis bis 887, mit einer Fortsetzung 919-997 erkannt sind[23]. Jene Notizen über die Osterfeier von 782 bis 787 aber finden wir auch in einer anderen Handschrift wieder, jedoch ohne die Bemerkungen aus Canterbury. Dieses Exemplar nämlich hat Arn, der Freund Alcuins, nach Salzburg mitgenommen; die Orte der Osterfeier sind hier bis 797 genannt, und dann schließen sich Salzburger Nachrichten daran[24]. In Salzburg selbst hatte man damals aber bereits einheimische ältere Annalen, deren Spuren sich in den späteren Jahrbüchern vorfinden[25]. Scheinbar bieten sich uns in diesen viel reichere und vollständigere Aufzeichnungen dar, allein es läßt sich mit Bestimmtheit nachweisen, daß diese erst im zwölften Jahrhundert nach Vermuthungen und gelehrter Berechnung zusammengestellt wurden, um die Dürftigkeit der alten Annalen zu ergänzen. Wie bedeutende alte Quellen aber verloren, und so lange sie noch vorhanden waren, unbeachtet geblieben sind, zeigen uns die von Riezler nachgewiesenen, sehr wichtigen Fragmente, welche Aventin aus einem Buch von „Herzog Thessels Kanzler mit Namen Crantz“ gerettet hat[26].

Namen aus Lindisfarne finden wir auch an der Spitze der Jahrbücher von Fulda und von Corvey; letztere stammen aus der angelsächsischen Stiftung Werden oder aus Münster, aber die 809 beginnenden Notizen reihen sich den alten Namen des siebenten Jahrhunderts nur ganz äußerlich an[27]. Anders in Fulda, wo diese irischen und angelsächsischen Namen nur in zwei Abschriften an die Spitze gestellt sind, im Original aber schon um 760 der Rand der Ostertafel mit den leider fast ganz erloschenen Notizen von angelsächsischer Hand versehen wurde, welche seit 790 von anderen Händen fortgeführt von 742-822 reichen. In einer anderen, jetzt Casseler Handschrift, finden sich diese Annalen bis 814 angereiht an einen Kaiserkatalog, dem auch jene altenglischen Annalen eingefügt sind; diese, ohne die Kaiser, und eine Fortführung bis 833 hat auch die dritte, jetzt Münchener Handschrift aus St. Emmeram[28]. Hier also, wie in so vielen ähnlichen Fällen, sehen wir recht deutlich, wie auch die mangelhaftesten Aufzeichnungen sich verbreiteten und als werthvoll betrachtet wurden, bessere also, auch nachdem sie schon in größerer Anzahl vorhanden waren, doch wenig Verbreitung gefunden haben müssen.