Wie Paulus am langobardischen, so war Angilbert, der ebenfalls aus vornehmem Geschlechte stammte, am fränkischen Hofe aufgewachsen[1]. Wohl wenig jünger als Karl selbst, war er mit diesem durch innige Freundschaft verbunden und stand zu der ganzen königlichen Familie im vertraulichsten Verhältniß. Er scheint sich schon früh mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt und eine ansehnliche Stellung in Karls Kapelle erlangt zu haben. Als Alcuin an den Hof kam, ergriff er mit demselben Eifer, wie sein königlicher Freund, die Gelegenheit zu höherer Ausbildung; er wurde ein Schüler Alcuins, des Paulinus und Peters von Pisa, und nahm an der Akademie den lebhaftesten Antheil; hier erhielt er wegen seiner poetischen Begabung den Namen Homer. Aus dieser frühen Zeit der achtziger Jahre haben sich einige, in der Form zum Theil noch sehr unvollkommene Gedichte erhalten, welche Dümmler kürzlich aus einer gleichzeitigen Handschrift herausgegeben hat[2]. In dem einen, welches aus versus serpentini besteht, grüßt Angilbert mit seinen Genossen Angelram und Riculf den nach Italien heimgekehrten Lehrer Peter von Pisa, und sendet zugleich ein von ihm erbetenes Gedicht Karls des Großen an ihn. In dem Gedicht eines räthselhaften Fiducia an Angelram werden Angilbert und Theodulf als divini poetae erwähnt. Diese Verse scheinen früher angesetzt werden zu müssen, als Angilberts Sendung nach Italien, wo ihm, gewiß ein Zeichen hohen Vertrauens, eine bedeutende Stellung am Hofe des Kindes Pippin in dem neugewonnenen italienischen Königreiche anvertraut wurde. Auch war er mit Alcuin schon vorher befreundet[3].
Zurückgekehrt trat Angilbert wieder in den Kreis seiner alten Freunde ein, und genoß in hohem Grade Karls Vertrauen, der ihn 796 in einem Briefe an Leo III manualem nostrae familiaritatis auricularium, in dem an ihn selbst gerichteten Brief seinen auricularius nennt[4]. Er gehörte zur königlichen Kapelle, und auch seine Würde am italienischen Hofe war vielleicht schon eine geistliche[5]. Wie bedeutend und einflußreich seine Stellung gewesen ist, zeigen die wichtigen Gesandtschaften an den römischen Pabst, welche ihn noch dreimal (792, 794, 796) nach Italien führten; auch soll er im Jahre 800 den König nach Rom geleitet haben, und im Jahre 811 unterzeichnete er Karls Verfügung über seinen Schatz zu Gunsten der Kirchen seines Reiches.
Noch hatte sich am fränkischen Hofe aus Karl Martels Zeit die Sitte erhalten, daß die Einkünfte reicher Abteien zum Unterhalt der Hofleute verwandt wurden, und auch Angilbert war 790 Abt von Centula oder Saint-Riquier in der Picardie geworden[6]. Er betrachtete aber diese Würde nicht als eine bloße Pfründe, sondern stellte es sich vielmehr zur Aufgabe, dieses Kloster so herrlich wie möglich auszustatten. Unterstützt durch Karls fürstliche Freigiebigkeit, mit Hülfe königlicher Baumeister und Künstler, baute er es von Grund aus neu, und auch hierher kamen antike Säulen und Marmorstücke aus Italien. Angilbert selbst hat darüber einen Bericht geschrieben, der fast vollständig in Hariulfs Chronik aufgenommen ist[7]. Die vollendete Kirche schmückte er in glänzendster Weise mit jedem Zubehör des prachtvollen Kirchendienstes; namentlich ließ er sich, wie Arn, die Pflege der Bibliothek angelegen sein und bereicherte diese mit 200 Büchern. Vielleicht das köstlichste unter diesen für die Mönche von Centula war das Leben ihres Stifters, des h. Richarius, welches auf Angilberts Bitten sein Freund Alcuin nach den gesteigerten Anforderungen der Zeit neu bearbeitete[8]. Im Jahre 800 hatte Angilbert die Freude, seinen königlichen Freund in den Mauern seines Klosters als Gast zu empfangen, der bei ihm am 19. April das Osterfest feierte, und wie er diesem Zeit seines Lebens in treuester Freundschaft zugethan war, so folgte er ihm auch am 18. Februar 814 im Tode nach.
Daß Angilbert nach solchen Verdiensten um das Kloster später daselbst als Heiliger verehrt ward, versteht sich von selbst[9]; Anscher, sein Biograph im zwölften Jahrhundert, weiß auch viel von seinem strengen und erbaulichen Wandel zu erzählen, allein das war gleichfalls so unvermeidlich, wenn man nach Jahrhunderten über das Leben des Stifters berichtete, daß darauf durchaus kein Gewicht zu legen ist. Einem Staatsmanne Karls des Großen stand mönchische Askese übel an, und Angilberts Thätigkeit scheint mehr auf eine tüchtige praktische Wirksamkeit gerichtet gewesen zu sein; unmöglich ist es aber nicht, daß er in seinen alten Tagen sich getrieben fühlte, für ein früher allzu freies Leben Buße zu thun. Hatte er sich doch schon von Alcuin einreden lassen, daß die Schauspiele, an denen er so viele Freude hatte, sündlich wären, und wenn auch Alcuin seinen Wandel im übrigen würdig und angemessen nennt[10], so wissen wir doch von einem Verhältniß, welches den mönchischen Sittenpredigern nicht gefallen konnte, so wenig es auch an Karls Hofe auffallen und Anstoß erregen mochte. Denn Angilbert war der glückliche Geliebte von Karls schöner Tochter Bertha, die ihm zwei Söhne, Nithard und Harnid, geboren hat: ein Verhältniß, welches vielleicht durch eine naheliegende Verwechselung Anlaß gegeben hat zu der bekannten Sage von Eginhard und Emma[11]. Die Thatsache ist unzweifelhaft; Nithard, der eigene Sohn, erzählt sie, und wir haben Einhards ausdrückliches Zeugniß dafür, daß Karl sich nicht entschließen konnte, eine von seinen Töchtern zu verheirathen. Daß er ihnen dafür um so größere Freiheit gestattete und daß manches anstößige Verhältniß an seinem Hofe geduldet wurde, ist ebenfalls bekannt genug. Wie Hariulf, der 1088 seine lehrreiche Chronik von Centula vollendete, diesen Umstand behandelt hat, wissen wir nicht, da gerade hier zwei Blätter aus der Handschrift ausgeschnitten sind; der Interpolator sagt kurz, daß Angilbert die Bertha zur Ehe erhalten habe und mit ihr den Ducat des Küstenlandes[12]. Wahrscheinlich aber war die Darstellung hier ähnlich wie in der zweiten Biographie, welche nebst drei Büchern Mirakel von dem Abt Anscher verfaßt ist, um die Canonisation Angilberts zu erwirken. Im Jahr 1110 hatten die Wunder an dem vergessenen Grabe Angilberts neu begonnen, und Anscher überreichte das Werk dem Erzbischof Radulf von Reims, vielleicht auch dem Pabste, um die Heiligsprechung zu erreichen. Ungeachtet dieses Zweckes aber erzählt er unbefangen, gewiß alter Ueberlieferung folgend, daß Bertha in heißer Liebe zu Angilbert, der schon zum Priester geweiht war und ein Bisthum erhalten sollte, entbrannte; ungern habe Karl nachgegeben. Angilbert aber, ausgestattet mit dem Ducat, den Anscher schon nach den Begriffen seiner Zeit als ein Herzogthum auffaßt, schlägt die Dänen[13] mit S. Richarius Hülfe, wird dann Mönch und führt zur Buße das strengste Mönchsleben, während Bertha ebenfalls zu Saint-Riquier den Schleier nimmt. Das ist nicht richtig, noch bei der Zusammenkunft Karls mit Pabst Leo zu Paderborn 799 erscheint Bertha in voller weltlicher Herrlichkeit, und hat nach Einhards Zeugniß bis zu des Kaisers Tod den Vater nicht verlassen; auch 826 bei der Ankunft des h. Sebastian finden wir sie bei ihrem Bruder in Soissons. Da sie ferner erst um 780 geboren ist[14], war Angilbert schon Abt, als sie sich in ihn verliebte, und daß er auch noch viel später, noch im J. 800 nach Karls Osterfeier in St. Riquier, sein Familienleben am Hofe nicht aufgegeben hatte, zeigt uns das anmuthige Gedicht, welches zuerst von Docen an dem Dichternamen Homer als ein Werk Angilberts erkannt ist[15], ein Gruß an Karl und den engeren Kreis der Seinen aus der Ferne. Hier gedenkt er nach der Schilderung der königlichen Pfalz und ihrer Bewohner, zuletzt auch seines nahe gelegenen Hauses mit dem Garten, in welchem seine Knaben spielen; die zärtlichste Liebe und Sorge spricht sich darin aus, aber von der Mutter ist keine Rede. Dagegen begrüßt er unter Karls Töchtern Bertha mit besonderer Verehrung[16], und die Weise, wie er den König als seinen süßen David, dessen Kinder als seine Lieben grüßt, deutet auf ein sehr vertrauliches Verhältniß.
Aehnlicher Art wie dieses ist ein anderes Gedicht Angilberts, verfaßt als er 796 nach Italien eilend, dem siegreichen jungen Könige Pippin in Langres begegnete; er schildert die Freude des Wiedersehens, die ungeduldige Erwartung am Hofe, und voraus schauend die zärtliche Begrüßung des jungen Helden im Kreise der Seinen[17].
Geglaubt hat man, daß uns auch noch aus einem größeren Werke Angilberts ein Bruchstück erhalten sei. Sein Dichtername Homer, den ihm Karl selbst 796 beilegt, in dem Briefe, welcher die wichtigsten Aufträge für seine römische Gesandtschaft enthält[18], deutet auf große Erwartungen, die sich an ihn knüpften, die Erwartung, daß er Karls Thaten in einem Epos feiern werde. Wenn wir daher einem solchen Epos wirklich begegnen, so ist wohl die Vermuthung gerechtfertigt, daß kein anderer als Angilbert der Verfasser sein könne. Hegewisch hat deshalb bereits diese Vermuthung ausgesprochen, und Pertz das Gedicht unter Angilberts Namen herausgegeben[19]. Allein der Abstand von Angilberts Werken in der Beherrschung der Sprache und der Behandlung des Verses zu Gunsten dieser Dichtung ist doch zu groß, um beide demselben Verfasser zuschreiben zu können. Auffallend ist es, da wir doch im Ganzen über diese Zeit so genau unterrichtet sind, von einem so bedeutenden Werke gar keine Erwähnung zu finden. Vermuthlich ist es unvollendet geblieben, und deshalb weder vollständig erhalten, noch hinlänglich beachtet, um von anderen genannt zu werden. Doch würde Angilberts Dichtername Homer wenigstens eine Hindeutung enthalten, die für andere, wie Theodulf, den Dümmler vermuthungsweise genannt hat, gänzlich fehlt. Ein Citat freilich ist uns jetzt bekannt geworden: in der oben S. 156 angeführten Ecloge des Naso wird ein Dichtergreis eingeführt, den er Micon nennt, und dieser verwendet einen Vers aus jenem Epos zum Preise des Kaisers (p. 389, v. 74). Doch kann er ihn sich ebenso wie so manchen Vergilvers angeeignet haben. Vorher spricht Naso von dem Dichterruhm des Alcuin, Theodulf, Einhard, und setzt hinzu: "Nam meus ecce solet magno facundus Homerus Carminibus Carolo studiosis saepe placere." Daß aber nun dieser Homer eben der Micon sei, darauf deutet nichts, und wir dürfen es kaum annehmen. Wir ersehen hieraus nur, daß schon wenige Jahre nach der Kaiserkrönung das Gedicht vorhanden war. Sicher war der Verfasser ein Mann von ungewöhnlichem Geiste und großer dichterischer Begabung, der sich den Unterricht der Hofschule mit bestem Erfolge zu Nutze gemacht hat. Dafür zeugt die fleißige, man muß wohl sagen übermäßige, Benutzung des Vergil, Ovid, Lucan, und wie B. Simson nachgewiesen hat[20], Venantius Fortunatus, zu denen Manitius noch mehrere hinzugefügt hat, welche ihm an sich so wenig zum Vorwurf gemacht werden kann, wie Einhard die Nachahmung des Sueton, und bei seinen Zeitgenossen gewiß eher Bewunderung als Tadel erregte, wenn er auch in übergroßem Eifer nach dem Vorbild von Karthago sogar von Hafenbauten bei Aachen dichtete. Auch zu Karls Akademie muß der Dichter gehört haben, da er ihn immer David nennt, was ein anderer sich gewiß nicht hätte erlauben dürfen, und die lebendige Schilderung verräth sowohl den Augenzeugen als auch einen Mann, der Karls Hofe nicht fern stand, was freilich bei einem so ausgezeichneten Dichter ohnehin mit voller Sicherheit anzunehmen ist.
Erhalten ist uns der Anfang des dritten Buches oder vielleicht das ganze, 536 Verse, vermuthlich ein Stück, welches seiner besonderen Schönheit wegen einzeln in eine Blumenlese aufgenommen war, denn es steht mitten zwischen anderen Bruchstücken. Die Geschichte der Gegenwart episch zu behandeln, ist stets ein Mißgriff, und immer werden es die einzelnen Schilderungen sein, welche einem solchen Werke seinen Reiz verleihen. Aber auch die Anlage ist hier doch sehr geschickt entworfen. In voller Pracht wird Karls Hofhaltung uns vor Augen geführt; eine Lobrede auf den großen König eröffnet das Buch, dann werden die Bauten zu Aachen und eine große Jagd mit reichen Farben und lebendiger Anschaulichkeit geschildert: mit besonderer Vorliebe verweilt der Dichter bei den Töchtern Karls, zu denen wohl kein anderer Dichter der Zeit in so nahem Verhältniß stand wie Angilbert. In der Nacht läßt dann der Dichter den König im Traume die Mißhandlung erblicken, welche der Pabst Leo 799 in Rom erfuhr; er weicht darin von der Wirklichkeit ab, aber wenn man einmal die Geschichte episch behandeln will, so ist eine solche Wendung geschickt genug, um ohne lange Vorbereitungen die Hauptereignisse einander nahe zu rücken[21]. Ohne von den umständlichen Gesandtschaften, welche in der Wirklichkeit dazwischen lagen, berichten zu müssen, gelangt so der Dichter sogleich zu der Zusammenkunft Karls mit dem Pabste im Lager bei Paderborn, welche den eigentlichen Gegenstand seiner Darstellung bildet.
Niemand wird dieses Fragment aus der Hand legen, ohne zu bedauern, daß uns von diesem Werke nicht mehr erhalten ist; es weht uns darin gleichsam die frische Luft jenes kraftvollen Lebens an, und wir fühlen uns auf einen Augenblick entrückt aus der einförmigen Atmosphäre der geistlichen Chronisten, ja selbst der seelenlosen Schulpoesie. Ueber den Verfasser aber werden wir uns bescheiden müssen, unsere Unwissenheit zu bekennen.
[1] Qui paene ab ipsis infantiae rudimentis in palatio vestro enutritus est, schreibt Pabst Hadrian 794 an Karl (Bibl. VI, 245). Er muß aber als primicerius palatii bei dem unmündigen Pippin schon in reifem Alter gewesen sein. Doch nennt Alcuin ihn wiederholt filius und in dem Briefe n. 82 bei Jaffé, Bibl. VI, 358 vom J. 797 genauer: filius eruditionis meae; Karl noch 796: Homeriane puer. Bibl. IV, 354.