An den nun folgenden Tagen summte und brummte die alte Reichsstadt wie ein Bienenkorb vor dem Schwärmen. Meister und Gesellen verließen ihre Arbeit und standen feiernd an den Straßenecken beieinander. Die breitesten Gassen rochen wie eine dampfende Wurstküche, und die zahlreichen Becken, die ein ererbtes Schenkrecht ausübten, sowie die Zunftküfer und Weinwirte des niederen Volkes mußten ihre ältesten Fässer anstechen, um den Hexenbrand der Meister und Gesellen zu löschen, die sich hinter den Kannen mit listigen Äuglein maßen. Die alten evangelischen Mainfischer schrien in ihrer Mundart, daß sie sich kein Brotkrümlein von ihrem Rechte abzwicken ließen; denn es sei eine Frechheit, wenn die Katholischen sich herausnähmen, ein eigenes Hexenrecht zu schaffen. Die Aufgeklärten, die sich in solche Konventikel verirrten, suchten die wilden Männer zu beruhigen, indem sie erklärten, daß es in Frankenthal schon seit einer halben Ewigkeit keine Hexen mehr gebe, weil die Vorväter, in vorausschauender Weisheit, die ganze Brut schon längst mit Stumpf und Stiel ausgerottet hätten. Daraufhin erklärten die Parteigänger des Bürgermeisters Lienlein, daß man schon eine protestantische Hexe finden könne, wenn man nur wolle: denn daß noch ungefangene Hexenweiber in Frankenthal herumgingen, beweise der Umstand, daß der Sohn des Bürgermeisters in der Nacht zuvor, als er an dem Hexenturm vorbeigegangen, von unsichtbaren Fäusten so zerbläut worden sei, daß er die blau und gelben Male noch an seinem Körper trage. Bald hieß es auch, daß Kaspar Lienlein, der seit einer Woche die halbe Nacht in dem Weinhaus „Zur warmen Wand“ liege, mit seinen Freunden auf eigene Faust und Gefahr ein evangelisches Hexlein zu fangen gedenke, damit die eingetürmte Babette Glock endlich dem Urteil überantwortet und geschwemmt oder zu Asche verbrannt werde. Indessen ging es auf dieser Jagd dem Sohne des Bürgermeisters schlecht: er wurde von unbekannten Händen in eine randvolle Jauchengrube geworfen, und als man den jämmerlich Schreienden herauszog, fand es sich, daß ihm sein rechtes Auge heraushing. —
Da unter solchen Umständen der Bürgerkrieg in Frankenthal drohte, traten die beiden Geistlichen, der protestantische Propst Ehrwürden Veit Schlegelmilch und der katholische Dekan Kilian Lotter, zu einer Beratung zusammen. Die beiden Herren lächelten süß, als sie sich in einem Ratszimmer trafen, um diese leidige Sache zu erwägen und mit Gottes Hilfe einen Ausweg zu finden. Der Dekan Lotter, dessen feistes Prälatengesicht den Himmel auf Erden widerspiegelte, beklagte zunächst den Umstand, daß man ein Kind seines Glaubens der Hexerei bezichtige; aber weder seine Miene noch seine Worte verrieten die geringste Unruhe: er erklärte, er habe dem fürstbischöflichen Kommissariat einen Bericht erstattet und sehe nun allen Weiterungen mit der Ruhe eines guten Gewissens entgegen. Da jedoch in jedem geistlichen Gemüt ein Flickereien Rost glänzt oder ein Tröpfchen Bosheit giert, belehrte er den Propst, daß schon der Pater Friedrich Spee sein Leben daran gesetzt habe, den greulichen Hexenwahn zu bekämpfen, und der Eindruck, den der fromme Priester von dem Elend der Hexenprozesse gewonnen, sei so groß gewesen, daß sein Haar im schönsten Mannesalter weiß wie frischer Schnee geworden sei, wie aus seinem Buche „Cautio criminalis“ hervorgehe. Und als Gegenstück zu dieser frommen Lichtgestalt ließ er den sächsischen Kanzler und Protestanten Carpzow auftauchen, der allein das Todesurteil von zwanzigtausend Hexen unterzeichnet habe.
Der Propst Schlegelmilch hörte diese Unterweisung mit mildem evangelischen Lächeln an; sein Gemüt war zwiespältig: während er einem gemäßigten Vernunftglauben zuneigte, ging seine Seele heimlich in verschlossenen Seelengärtchen spazieren, wo Liebeswunder herrnhutischen Gepräges geschahen und Weltliches und Geistliches wie Rosen- und Liliendüfte ineinanderflossen. Er bedauerte den Geist der Stadt, der allzusehr an Altem hänge und nicht davor zurückschrecke, um eines Festes willen sein Seelenheil aufs Spiel zu setzen; aber im stillen gelobte er sich, seinem katholischen Amtsbruder die Anspielung auf den lutherischen Kanzler Carpzow bei Gelegenheit mit Zins und Zinseszinsen heimzuzahlen und bei der Verteilung des städtischen Deputatholzes darauf zu sehen, daß die katholischen Holzknechte nicht die schönsten Scheite ihrem Seelenhirten zu übermäßigen Klaftern schichteten. —
So verlief die Unterredung der beiden Geistlichen, ohne eine Wendung im Schicksal der Babette Glock herbeizuführen. Dafür beschlossen die beiden Gerichtsherren Unruh und Zipfel, bei dem störrischen Babettchen selbst auf den Busch zu klopfen, um aus ihrem Munde zu erfahren, mit welchen Hexen sie zu Pfingsten auf der Galgenweide getanzt und geschmaust habe. Sie fanden die Gefangene blaß, aber gefaßt in der Fensternische ihres Turmes sitzen: sie dachte just des Tages, da ihr Jugendgespiele Friedrich Lerch, von der Akademie heimkehrend, zum erstenmal in die Stube bei ihrer Tante getreten war, und ein Gefühl glücklicher Erwartung erquoll aufs neue in ihrer Brust. Als die beiden Kracher von dem Hexentanz anfingen, flammte das alte Wesen in ihr auf: sie ging mit geballten Fäusten auf die Alten los, so daß diese mit aufgehobenen Händen bis an die schwere Eisentür des Verließes zurückwichen, von wo aus sie erschreckt und zitternd auf das bebende Mädchen blickten.
Der Ratsherr Zipfel begann als erster zu lachen: „He, Jungfer Glock, nichts für ungut, mit Euch möcht ich selbst ein Hexentänzchen wagen.“ Und er spitzte den Mund, als ob er ein Schmätzlein pflücken wolle. Im stillen war er jedoch voll Ärgers, daß er nicht allein gekommen war, um dem schönen Kind das Hexenherzchen schwer zu machen. Er trat, da Babette ruhig blieb, wieder einen Schritt näher und fuhr meckernd fort: „Aber so sagt uns doch nur, mit welchen Hexen Ihr beim letzten Tanz zusammen waret. Ist kein lutherisch Hexle dabei gewesen? Aus der Hottenlochgasse, wo die Hexen von alters her wachsen? So sagt es doch. Verbrannt werdet Ihr doch; denn es ist noch niemals erlebt worden, daß eine Frankenthaler Hexe freigekommen ist.“
Da ging Babette in jäh ausbrechender Wut wieder auf die Alten los, und aus ihren Augen flammte ein solches Licht, daß die Gerichtsherren zähneklappernd die Flucht ergriffen. Sie vergaßen sogar, die eichene Gefängnistüre mit dem Schlüssel zu schließen, und keiner wußte zu sagen, wie er die ausgetretene Wendeltreppe heruntergekommen war. Der Ratsherr Unruh erzählte am Abend in der Ratsstube, er habe nun auch den Rosengeruch gespürt, der den Gerichtsherren dazumalen, beim Gang aus der Ratstrinkstube, in die Nase gestiegen sei; aber es sei ihm dabei so elendiglich zumute geworden, daß er in seiner Seele nicht mehr froh geworden, bis er bei seinem ehelichen Weib zu Hause gesessen und drei Rosenkränze nebst der lauretanischen Litanei gebetet habe. —
Unterdessen geschah es in der aufgewühlten Stadt, daß bald diese oder jene Frankenthalerin als Hexe genannt wurde. Infolge dieses heimlichen Geredes kam es an verschiedenen Abenden zu blutigen Schlägereien zwischen Katholiken und Evangelischen, und da auch die Frankenthalerinnen ihre Zungen gehen ließen, gerieten die Gemüter in solche Erhitzung, daß bald jede Frau in jeder andern eine heimliche Hexe sah.
Indessen saß Babette weltverlassen in ihrem Turm und brütete in wechselnder Gemütsart vor sich hin. Sie konnte es nicht begreifen, daß kein Wunder geschah und Tag um Tag verging, ohne daß der Geliebte erschien, um sie aus dem Jammer fortzuführen. Der Blick, den er ihr zugeworfen, als sie den Rathaussaal verlassen hatte, wo die leibhaftigen Teufel in Ratsherrengestalt auf ihren hochlehnigen Stühlen hockten, glänzte noch immer vor ihr her, und wenn sie unwillig wegen seiner Schüchternheit werden wollte, die alles verschuldet habe, löschte dieser lange Blick jeden Groll in ihrer Seele aus. Sie schloß ihre Augen, um diesen Blick immer wieder mit vollem Herzen zu genießen, und das Glück, das sie ersehnte, stand dabei so klar vor ihrer Seele, daß sich ihre Wangen mit brennendem Rot färbten, wenn sie seiner gedachte. Von einem Augenblicke seligen Beisammenseins spann sich ein goldenes Fädchen in ähnliche Augenblicke späteren Daseins hinüber, und wenn sie die Augen aufschlug und das blecherne Eßgeschirr vor sich stehen sah, floh sie eiligst in die Mauernische, wo sie nur den Schrei der Dohlen vernahm, die den Knauf des alten Hexenturms umschwärmten. Dann quoll ein seltsames Mitleid mit sich selbst, das doch nicht ohne Süße war, in ihrem Herzen auf, und die Gassenbuben, die vom Stadtwall aus nach dem Hexenturm herüberblickten, erschienen ihr, wie durch einen Schleier hindurch, zum Greifen nah und doch unendlich ferne.
Als aber Tag für Tag verfloß, ohne daß der Geliebte ein Zeichen seines Daseins oder seiner Hilfsbereitschaft gab, flammte wieder die alte Empörung gegen dessen ganzes Wesen in ihr auf, und nun wandte sich ihr Sehnen und Denken der Gestalt des Junkers Emmerich zu, dem sie nun in hellem Trotz alle Mannesherrlichkeit, allen Wagemut und alle Liebestreue andichtete. Sie durchlebte noch einmal die Stunden des Festes der Grundsteinlegung mit sehnendem Gemüte, und der Ton der Stimme, die sie zu hören glaubte, drang wie ein Strahl himmlischer Wonne in ihr Herz. Sie zweifelte nicht, daß jener auf den ersten Ruf erscheinen werde, um sie aus diesem Kerker, in dem nur alte triefäugige Männer Zutritt hatten, hinwegzuführen. Doch die Tage vergingen, ohne daß ein Zeichen sorgender Liebe in das muffige Düster des Hexengemaches drang. Als einziges Liebeszeichen legte eines Abends der Stockmeister ein Stück Kuchen neben die blecherne Suppenschüssel; da wußte sie, daß die blinde Tante ihrer gedachte, und brach in bittere Tränen aus, die noch flossen, als sie wie in einem Traum den ersten Biß in den frischen Kuchen tat. —
In der Nische, wo sie tagsüber saß und in das Grün des nahen Waldhangs hinüberblickte, hausten Spinnen, kleine schwarze Tierlein. Als sie zum ersten Male ihrer gewahr wurde, hatte sie voller Abscheu ihre zarten Gewebe zerstört, die wie gebauschte Segel in den verstaubten Ecken hingen. Als aber die schwarzen Spinnerinnen sofort wieder daran gingen, einen Faden zu ziehen und ihr Fangnetz in der halben Dämmerung aufzuhängen, ließ sie die Emsigen gewähren und sah neugierig zu, wie zuweilen ein Mücklein in das gebauschte Netz geriet und von der Spinne zu künftigem Fraße eingewickelt wurde. Ja, es regte sich bei diesem Spiel eine seltsame Grausamkeit in ihr, und diese bösartige Regung wurde schwärend, als sie eines Tages von ihrer Nische aus drei ihrer besten Freundinnen erblickte, die Arm in Arm auf dem Waldpfad über dem Stadtgraben standen und nach dem Fenster des Gemaches herüberäugten, in dem Babette gefangen saß. Sie floh in den hintersten Winkel des Hexengemaches zurück, um diesem Anblick zu entgehen, und wünschte, voll jähen Grimms, wirklich eine Hexe zu sein, um diesen Docken jedes Übel anzutun; aber das helle Lachen ihrer Freundinnen trieb sie wieder ans Fenster zurück, und als bald darauf die Mädchen singend weitergingen und im Wald verschwanden, überfiel sie ein Frösteln, das nicht weichen wollte. Und wieder suchten ihre Gedanken Trost und Zuflucht bei dem Junker, dessen Gestalt bei dem Gedanken, daß er in Mainz in Glanz und Ehren weile, mit überwältigendem Zauber vor ihre Seele trat. —