Doch als auch dieser Seelentrost wie ein Schein erblich, regte sich in ihrer Seele ein seltsam Gären und Schwären: alles was sie an Spinnabenden von Knechten und Mägden über Hexen und Hexenbräuche, Marientänze, Salben und Wettermachen gehört hatte, begann ihr Denken in einen Hexenring zu ziehen. Und wenn sie voll heimlichen Grauens sich selber fragte, ob es wirklich Frauen gebe, die zum Heuberg oder zur Galgenweide führen, vermischte sich der Durst nach Rache an ihren Peinigern wie ein süßes Labsal mit diesem Denken und Sinnen. Und noch süßer als der Wunsch, die ganze Stadt in einem Kieselwetter zu ersäufen, erschien ihr der Gedanke, sich dem Geliebten, der sie in solchem Jammer schmachten ließ, als triumphierende Hexe zu zeigen und sich an seinem staunenden Entsetzen zu ergötzen und zu laben. Indessen nahm auch dieses Spiel mit Hohn und Bitterkeit ein Ende, und da der geifernde Hexentürmer wieder von der Folterung zu faseln begann, geriet sie in eine verzweiflungsvolle Erwartung unentrinnbar nahen Entsetzens.

Da fuhr sie, eines Tages, in aller Frühe aus einem bleiern schweren Schlummer auf: ganz deutlich hörte sie, aus naher Ferne her, das Horn des Kutschers, der das Lied von der jungen schönen Braut blies, unter dessen Klängen einst der Junker Emmerich Rüdt von Collenberg aus den Toren der Stadt gefahren war. Endlich war ihr Retter erschienen! Sie sprang von dem Schragen auf und lief an die verriegelte Türe und pochte mit den Füßchen an die dicken Bohlen. Und da der Ton des Posthorns laut und lauter näher kam, hielt sie fast den Atem an, und ein klarer Plan reifte jählings in ihrem Gemüt. Als der Hexentürmer gleich darauf mit dem gebrannten Morgensüpplein daherhumpelte, verlangte sie, stammelnd vor Hast, vor ihre Richter geführt zu werden. Der Alte, der ein Geständnis witterte und nun seinen Hexenschmaus ganz nah gerückt sah, schlurfte eilends davon, und eine Stunde darauf wußte schon die halbe Stadt, daß die Hexe Babette Glock endlich mürb geworden sei und ihre Hexereien gestehen wolle. Die Katholiken unter den Hexengläubigen hofften, endlich zu erfahren, ob nicht doch eine evangelische Hexe unter ihnen weile, und die Evangelischen versahen sich mit Stöcken und Prügeln, um lose Mäuler mit ungebrannter Asche zu stopfen. Um neun Uhr schon waren die zwölf Gerichtsherren und der ganze Rat auf dem Rathaus versammelt. Wie eine Mauer aber stand das Volk, der Hexe harrend, links und rechts auf dem Platze vor dem Hexenturm, und als endlich der Schlüssel knarrte und Babette, bleich und abgezehrt, wie ein Schatten, über die Schwelle trat, legte sich auf die Harrenden eine atemlose Stille, in die, über die nahen Dächer her, plötzlich wieder, klar und kräftig, das Posthorn hereinklang. Die Mütter drückten ihre Kinder an die Brust, damit der Blick der Hexe ihnen kein Unheil antun könne, und die männliche Jugend, der beim Anblick der hübschen Babette das Wasser im Mund zusammenlief, blickte sich zwinkernd an.

Hinter der Hexe ging der Türmer, mit einem alten Hütchen auf dem Kopf, und hielt den Strick, an dessen Enden die Hände der Gefangenen gefesselt waren, in seinen zitternden Fäusten fest.

Da aber geschah etwas Unerwartetes: das bleiche Mädchen, das vor den Blicken der Menge den Blick niedergeschlagen und nur zögernd den Fuß auf die Gasse gesetzt hatte, erhob beim Aufklingen des Posthorns jählings den Kopf: dieser Ton bedeutete Heil und Rettung, und mit einem jähen Ruck riß sich Babette los und flog wie eine aufgescheuchte Taube zwischen der erstarrten Menge hindurch. Niemand wagte es, in der ersten Überraschung, nach der Fliehenden zu greifen, und erst als sie in einem Seitengäßchen verschwunden war, brach die Menge zusammenflutend in ein wildes Geheul aus. Ein altes Männlein schrie, es hätte den Atem des leibhaftigen Satans gespürt; den jungen Frauen tanzten schon die Höllenfunken vor den Augen, und die alten guckten gleich in die Höhe, denn sie zweifelten keinen Augenblick, daß die Hexe sofort ein Wetter machen werde, um die Stadt in einer Sintflut zu ersäufen.

Doch nichts von alledem geschah. Wie der Wind durcheilte Babette ein paar winkelige Gassen und Gäßchen, um den Marktplatz zu erreichen, wo der Gasthof „Zum Elefanten“ stand, in dem die vornehmen Fremden abzusteigen pflegten. Auf dem weiten Platze blieb sie einen Augenblick stehen, um zu verschnaufen. Ihr einziger Gedanke war gewesen, den Reisewagen des Junkers von Collenberg vor dem Gasthaus zu erreichen; da aber kein Fuhrwerk vor der Treppe hielt, flog sie weiter, um durch das Falkentor zu entkommen. Doch schon gellte der Volksruf: „Fangt die Hexe!“ hinter ihr her und erregte die Aufmerksamkeit einiger Fuhrknechte, die vor dem halbverschlossenen Tore beieinander standen und rasch die Arme ausstreckten, um die Fliehende abzufangen. Da bog sie wie der Wind in ein anderes Seitengäßchen ein; doch überall, wohin sie sich auch wenden mochte, überall begegnete sie feindseligen oder lachenden Gesichtern: denn den Frankenthalern war es inzwischen zum Bewußtsein gekommen, daß für die Hexe kein Türlein zum Entwischen offen stand, und nun gedachten sie die Atemlose wie eine Maus bis zu letzter Erschöpfung im Kreise herumzuhetzen und sie erst zu fangen, wenn sie keinen Fuß mehr heben konnte.

So gelangte sie in wilder Hatz ein zweites Mal vor das Falkentor, über dessen Zinnendach nun der Ton des Posthorns noch einmal wie ein ersterbender Hauch aus weitester Ferne hereinklang. Einen Augenblick stand die Atemlose still, um sich zu besinnen: da hörte sie, wie sich das Gejohl und Geschrei ihrer Verfolger nah und näher wälzte, wie es gellend und pfeifend aus allen Gassen zusammenbrauste und über den Dächern zusammenschlug. In jäher Todesangst floh sie in den Turm und stürmte die schmale Holztreppe empor, die aus der Torhalle auf den uralten Wehrgang hinter der Stadtmauer führte, und eilte unter der niederen Bedachung des Umgangs weiter. Und wie ein himmlischer Schutzort glänzte ganz plötzlich das Haus des Ratsherrn Kemmeter vor ihr her, dessen Garten, wie ihr nun einfiel, an die Stadtmauer grenzte. Sie mußte allerdings, um in den Garten zu gelangen, einen Sprung in die Tiefe wagen. Da sie aber schon die Tritte der Verfolger zu hören glaubte, ließ sie sich ohne langes Besinnen von der hölzernen Brüstung des Wehrganges auf ein umgegrabenes Beet fallen und gelangte, bis zum Tode erschöpft, vor die Hintertüre des Flures, deren Klinke dem Drucke ihrer Hand nachgab. Margret, die Schwester des Spitalpflegers, die gerade eine Windel für ein Waisenkindchen säumte, machte große Augen, als Babette Glock wie ein gehetztes Wild in die Stube stürzte und mit hauchloser Stimme um einen Zufluchtsort bat. Die alte Jungfer sah nicht gerade mit liebevollen Augen auf das Mädchen, das als keckes, mundfertiges Wesen in ihrem Gedächtnis lebte und nun, da sie als Flüchtige kam, vielleicht Sorge und Belästigung in das Haus brachte. Da sie nicht wußte, was der nächste Augenblick bringen würde, und sie gewohnt war, nichts ohne ihren Bruder zu tun, löste sie den Strick von den Händen der Erschöpften und sperrte, ohne ein Wort zu sagen, das still vor sich hinweinende Mädchen in eine Bodenkammer. Dann verschloß sie, der weiteren Dinge harrend, die Gassentüre des Hauses. Nach einer Weile hörte sie, wie eine johlende Menge in dem Wehrgang über dem Garten hin und her stürmte; aber es erschien niemand in dem Hause, um nach der Entflohenen zu spähen, und so hielt sie es für angebracht, die dumpf vor sich Hinbrütende zu heiligem Schweigen zu mahnen, da die Magd bald vom Markte heimkäme. Sie fragte unwirsch, ob Babette ein Gläschen Wein wolle, und brummte wie ein Hausdrache vor sich hin, als die Erschöpfte mit aufgehobenen Händen und erloschener Stimme nach dem Ratsherrn verlangte. —

Als der Spitalpfleger eine Stunde später nach Hause kam, ließ sich die Jungfer Margret erst die Flucht der Hexe erzählen, und dann geleitete sie, ohne einen Muckser von sich zu geben, ihren Bruder in die Kammer, wo Babette mit weiten Augen und schwer atmend auf einer niedern Truhe saß. Sie hatte in dem dunklen Gelaß jede Hoffnung auf Rettung verloren und war gewärtig, jeden Augenblick ergriffen zu werden.

„Du hast uns da ein hübsches Süpple eingebrockt,“ sagte der Ratsherr unwirsch, als er gewahrte, wie die Tränen über die Wangen der Gehetzten niederrannen. „Und ich soll’s ausessen, gelt? Aber so ist die Jugend: nur wenn sie uns braucht, kommt sie zu uns, damit wir die Fädchen, an denen sie zappelt, zu einem seidenen Stricklein drehen, um das Glück an ein rechtes Handgelenk zu binden. Wenn wir aber auch am Tischle sitzen wollen, wo sie aus vollen Bechern trinkt, dann heißt es: Geh, du hast dein Teil gehabt! Die Jungfer weiß vielleicht, daß ich französisch parlieren kann und zwei Jahre auf der Akademie in Straßburg gemeines und kirchliches Recht studiert hab? Aber Sie weiß nicht, daß ich mich da auch um andere Dinge gekümmert habe, die auf keinem Kirschbaum wachsen. Und einen Trost von da hab ich mitgebracht: Es kommt immer anders! Die Jungfer muß erst Großmutter werden, eh Sie versteht, was das besagen will. Was aber sollen wir mit Ihr anfangen? Nun, was das Hexensüpplein anbelangt, so soll mir der Rat beim Essen helfen und tüchtig blasen, damit er sich die Zunge nicht verbrennt und, vel votando vel consulendo, lernt, wie Hexenmählchen schmecken. He, Jungfer Glock, Ihr könnt Euch rühmen, den alten Bienenkorb fein in Aufruhr gebracht zu haben. Hört Ihr den Lärm? Nun wird sich zeigen, ob Seine Ehrwürden der Propst recht hat, wenn er behauptet, die Zeit himmlischer Erleuchtung sei nie näher gewesen als heute, Apokalypse dies oder jenes Kapitel. Es wäre zum Lachen, wenn ein fliehendes Frauenzimmerchen den Herren dieses Lichtlein aufgesteckt hätte, damit sie auch sehen, welches Süpplein sie blasen. Und auch die Zunft der Bader wird heut zu tun bekommen.“

Da Babette schwieg, hob Christopher Kemmeter das Kinn der Sitzenden empor und lachte dann: „Was seht Ihr mich an? Habt Ihr vielleicht schon einen schöneren Jüngling gesehen? Was würdet Ihr sagen, wenn ich Euch bei der keuschen Susanna im Bad ersuchte, meine liebwerte Ehefrau zu werden? Ich möchte auch einmal, wenn ich abends aus dem Ratskeller nach Hause komme, von weichen Pfoten gekrault werden. Meine Schwester ist ein altes Fegefeuer und hat nicht die Hand dazu.“

„Der Herr von Collenberg ist durchgefahren?“ fragte Babette, mit einem Blick, aus dem fast kein Leben leuchtete.