„Mit einer Braut, die sich der Batzenschmelzer aus Mainz geholt hat. Laßt ihn fahren; den seht Ihr niemals wieder.“
Babette Glock sank auf die Truhe zurück und starrte vor sich hin: was sie da vernahm, stieß sie wieder in den Jammer öder Hoffnungslosigkeit zurück, und doch wunderte es sie selbst, daß sie keinen tieferen Schmerz ob dieser Nachricht empfand. Der Spitalpfleger scherzte indessen weiter: „Und ich gefall Euch nicht?“
Da überkam die Reglose jählings ein Gefühl der Beruhigung, und plötzlich erwachte die Schelmin in ihr: „Ich will keine Wittib werden,“ sagte sie seufzend, während ihr die hellen Tränen in die Augen schossen.
Der Ratsherr zwinkerte mit den Äuglein unter seinen buschigen Brauen: „Ihr verurteilt mich ja zu einem raschen Sterben! Aber was habt Ihr, wenn Ihr einen verängstigten Hungerleider nehmt, der nicht lachen kann und seine Bettelsuppe mit saurem Gesicht ißt?“
„Ich hab zuviel gelacht,“ seufzte sie, worauf sie in ihre vorige Trübsal zurücksank.
„Wenn es der Geiß zu wohl wird, geht sie gern aufs Eis. Nichts für ungut, Jungfer: Ihr habt ein Schelmenaug, das schlimmere Dinge verrät, als ein roter Mädchenmund sagen kann. Ich würde Euch gern einen Mann schicken, der meine Sache führen soll; aber ich kenne keinen: zu Frankenthaler Kanzlern nimmt man niemals aufrechte Männer, weil man sie in diesem Amt nicht brauchen kann.“
„Ihr sollt nichts Schlimmes über ihn sagen,“ bat Babette mit leiser Stimme.
„Frauenwille, Gotteswille,“ drohte Christoph Kemmeter mit erhobenem Finger, und in ausbrechender Sorge fügte er hinzu: „Nun aber halt dich still. Es darf keine Seele erfahren, daß wir ein Hexlein beherbergen. Und muckse nicht, wenn unsere Magd, die alte Urschel, auf dem Speicher rumort: den Schlüssel zu der Kammer da hab ich verloren, wenn sie ihn verlangt. Und deiner Tante will ich zur Gemütsberuhigung sagen, sie soll uns doch noch einen Hochzeitskuchen, einen echten Frankenthaler Blatz mit Weinbeeren, backen.“
Da saß nun Babette zum zweiten Male in Gefangenschaft und hatte Muße, über das Wesen der Menschen nachzudenken. Von dem schmalen Giebelfensterchen aus konnte sie einen Teil des Gartens überblicken, der sich hinter dem Hause des Spitalpflegers bis an die Mauer erstreckte, und wenn sie das Köpfchen aus dem Fenster streckte, konnte sie den Duft der Blumen riechen, der aus der stillen Mauergartenwelt in ihre Kammer emporstieg. In dem ummauerten Garten herrschte ein geheimnisvolles Leben: die Amseln huschten zankend über die Beete, ein Brünnlein perlte in ein zerborstenes Becken, und die ersten Rosen glühten aus der grünen Tiefe. Einmal sah sie auch den alten Kemmeter, wie er mit einem Kännchen von Beet zu Beet ging und dann die Faust gegen den Wehrgang schüttelte, über dessen Brüstung von Zeit zu Zeit neugierige Gesichter lugten. Da zog sie sich in das Innere zurück. Sie hatte gehofft, der alte Ratsherr werde in einem Stündchen schon mit dem Geliebten daherkommen, damit sie gemeinsam berieten, wie sie zu ihrer Base in Zell entkommen könne; doch die Stunden zogen sich hin, und erst gegen Abend erschien der Ratsherr mit der Nachricht, der Herr Stadtschreiber habe sich bei einem Hexengespräch gegen jede Würde hinreißen lassen, in einer Weinstube die Hand gegen ein paar Laffen aus der Freundschaft des Bürgermeisters zu erheben, und liege nun mit einer Stirnwunde zu Bette.
„Sie hat den Heldengeist in ihm geweckt,“ scherzte der Alte, und Babette entgegnete leise, aber fest: „Ich werde noch ganz andere Dinge in ihm wecken.“ Aber sie zeigte, zum Erstaunen des Ratsherrn, weiter keine Neugier, Näheres über diese Schlägerei zu erfahren, sondern fragte nur: „Wann kann ich ihn sehen?“