Der Alte versprach, ihren Wunsch zu erfüllen; er habe ihr Versteck noch nicht verraten; aber er werde den Helden am nächsten Tage lebendig oder tot herbeischaffen, und Babette, die in dieser Nacht zum erstenmal wieder traumlos ruhig schlief, erbat sich am nächsten Morgen ein Nähzeug, um ihr Busentuch auszubessern. Die Jungfer Margret sah ihr dabei ein Weilchen zu und brachte dann ein paar Waisenhemdchen herbei, die Babette säumen sollte. Sie hatte sich vorgenommen, dem kecken Ding gehörig auf die Finger zu gucken; aber wenn Babette die leuchtenden Augen aufschlug, blieben der alten Jungfer die Scheltworte in der Kehle stecken, und nur ein Knurren der Abziehenden verriet, daß sie mit sich selber unzufrieden war.

Mit sinkender Nacht betrat Friedrich Lerch, den Dreispitz tief auf die Stutzperücke gedrückt, das Haus des Spitalpflegers. Dieser ließ sich zuerst des weiten und breiten berichten, was die Frankenthaler über die verschwundene Hexe hin und her redeten und wem das Fell von Prügeln juckte; dann ging er hüstelnd in dem Gemach auf und ab, guckte in ein Schränkchen und schloß es wieder zu, stopfte seine holländische Pfeife und holte endlich aus dem Keller eine Kanne Wein, aus der er dem Stadtschreiber fleißig einschenkte. Als er selbst ein paar Gläser getrunken hatte, fing er an: „Friedrich Lerch, ich hab Seinen Vater gekannt, und weiß Er, was mir mein guter Freund, der selige Kammerdirektor Lerch, eines Tages, auf einer Schweinshatz, sagte: ‚Ich hab sieben Buben, und einen, der ist zu allem unbrauchbar. Nicht einmal zum Haferschneiden weiß er sich anzuschicken.‘ — Ich tröstete den Vater dieses Sorgenbuben und sagte: ‚Laßt ihn lateinisch lernen!‘ Hat Er’s gelernt? Weiß Er, was Horaz vom Tage sagt? Carpe diem!“

Ein bitteres Lächeln umflog den Mund des unbestätigten Kanzlers; doch der Alte fuhr fort: „Hat Er so an den Kosttischen gelächelt, die Er in Altdorf ausgefressen? Nichts für ungut: daß Er mit Seinen Brüdern nicht aus dem Vollen schöpfen konnte, kam daher, daß sich mein getreuer Freund, Sein seliger Vater, zu früh aus dem Staub gemacht hat in ein besseres Jenseits. Nicht ohne Grund: denn ich könnte allerlei Geschichten erzählen, wie man an kleinen Höfen lebt und seine Leute preßt. Als ich das letztemal bei Seinem Herrn Vater in Weiningen weilte, gab er mir ein Reskript zu lesen, dessen Wortlaut ich mir eingeprägt habe. ‚Von Gottes Gnaden, Wir Ulrich Ernst, Fürst von Weiningen (und das und das und so weiter). Lieber, Getreuer! Nachdem Unsere Fürstliche Gemahlin Durchlaucht eine Reise ins Bad nach Pyrmont vorzunehmen gnädigst beschlossen haben, hiezu aber noch ein Reisezuschuß von 500 Dukaten in Gold unumgänglich erforderlich ist, also befehlen Wir dir in Gnaden, besagte Summe aus deiner Amtskasse, in Ermanglung deren aber aus eigenen Mitteln, binnen vierundzwanzig Stunden, bei Vermeidung der Exekution, herbeizuschaffen.‘

Und weiß Er, was Sein Vater tat? Er meldete, daß er aus seinem eigenen Säckel bereits 150 Gulden in die Hofküche gespendet, worauf ihm ein Schreiben zukam: ‚Wir u. s. w. Lieber, Getreuer! Nachdem Wir aus deinem untertänigen Bericht de dato hesterno et praesentato hodierno in Gnaden ersehen haben, daß Pars prima rescripti nostri nicht in Anwendung zu bringen, also hat es bei Pars secunda desselben sein unausbleibliches Bewenden.‘ Das wollte besagen, daß die besagten 500 Dukaten von dem Kammerdirektor Lerch beschafft werden mußten, und daß Seine Mutter später mit der Rentkasse im Streit lag, um ihren hungrigen Buben das Vorgeschossene zu erstreiten. Er weiß auch, daß Sein Vater längere Zeit gelähmt dalag und nur noch das eine Wort ‚Hundsfötter‘ hervorbringen konnte. Ich weiß nicht, wen er damit meinte, kann mir’s aber denken. — Hundsfötter und Herrgötter gibt einen Reim, womit ich übrigens keine Blasphemie gegen unsern lieben alten Herrgott und Seligmacher an den Mann gebracht haben möchte. Doch nun frag ich Ihn: Was gedenkt Er zu tun?“

Friedrich Lerch zuckte die Achseln.

Doch der Alte fuhr fort, und aus seiner Stimme klang es wie Hohn und Grimm: „Er ist ein studierter Mann. Weiß Er nicht, daß alle Dinge an ein Fädchen geknüpft und so miteinander verstrickt und verwoben sind, daß man kein Mäschlein auflösen kann, ohne ein Löchlein in das Geweb zu machen? Und daß, wer A sagt, auch B sagen muß? Und daß des Herrgotts Boten so leis zur Tür hereinkommen, daß wir gar keine Zeit finden, sie hinauszuwerfen, ehe sie ihre Botschaft an den Mann gebracht haben? Er ist eine brave, aber furchtsame Seele. Hat Er sich’s schon überlegt, daß man damit den Weibsen nicht in die Augen sticht?“

Friedrich Lerch seufzte.

„So denkt Er immer noch an die Hexe? Schlag Er sich das Frauenzimmer aus dem Sinn. Er ist nicht gemacht, um mit Hexen zu leben. Ich rate Ihm, eine gestandene Jungfer zu nehmen, die eine doppelte Aussteuer in ihrer Kammer, einen Gültbrief in ihrem Laden und hundert Kronentaler in ihrem Strumpf versteckt hat. Zwölf Kinder soll Er bekommen, und beim dreizehnten kann Er mich zum Dot bitten.“

„Sie werden sie wieder fangen,“ seufzte der Stadtschreiber, der in einem fort an Babette dachte.

„O, la la,“ lachte der Alte.