„Und ich könnte sie alle an den Galgen bringen, wenn es noch Recht und Gerechtigkeit gäbe,“ schrie Friedrich Lerch, in dem nun der Wein zu wirken begann, ganz plötzlich auf. „Ich habe erst einen Blick in die Vetterleswirtschaft am Ort getan und weiß doch schon, daß sie alle, die hochmögenden Herren, Taschen mit doppelten Böden haben. Der hat einen Sohn und jener eine Tochter, die alle meinen, es schmecke kein Kuchen so süß als der, den sie aus dem Stadtmehl backen. —“
Der Ratsherr lachte aus vollem Halse: „Er ist toll. Weiß Er am End auch schon, daß man am weichsten auf dem Leder geht, das man aus dem Rücken der anderen schneidet? Hat Er darüber nachgedacht, warum wir von der gleichen Konfession die gleiche Anzahl Ratsherren, Pfaffen, Stadtausrufer, Hochzeitansager, Büchsenmacher, Glockengießer, Apotheker, Ärzte und Scharfrichter haben, warum aber nur ein Bürgermeister regiert? Hat Er noch nicht bemerkt, daß der katholische Totengräber seine Leute mit einem anderen Gesicht eingräbt als der lutherische? Und was will Er machen, wenn Er, wie ich als Armenadvokat, eines Tages zum Waisenvater und Rentmeister des Waisenhauses zugleich ernannt wird und in die seltsamste Zwickmühle gerät? Setz Er den Fall, der Waisenvater — Er — befehle dem Rentmeister — Ihm —, den unglücklichen Waisenkindern einen Osterkuchen aus Weizenmehl backen zu lassen, und der Rentmeister weigere sich, Seinem Befehl zu gehorchen, weil kein Geld in der Kasse ist? Wird Er den Lümmel nicht koramisieren? Wird Er — als Waisenvater — dulden, daß der Rentmeister Ihm auf ein ungeschriebenes Promemoria von hundert Seiten keine Antwort gibt, sondern Ihn vielleicht gar auf die immerwährende Frankenthaler Kirchweih lädt? Wenn Er in solchen Lagen, wie ich sie zu hundert Malen durchgemacht habe, nicht zum voraus Bescheid weiß, versteht Er nichts in politicis, und ich rat Ihm als guter Freund, lieber heut als morgen eine gut dotierte Stellung in dem Utopien des weiland Kanzlers Morus zu suchen, nicht aber in einer paritätischen Republik, deren Verfassung auf dem Westfälischen Frieden gutgeheißen wurde und dem kaiserlichen Hofrat in Wien auch heut noch zuweilen den heiligen Amtsschlaf stört. Ich will Ihm, falls Er als Scriba beim Amt zu bleiben und das Juramentum zu leisten gedenkt, einen guten Rat geben: Trag Er nur fein immer den Hut in der Hand, wenn Er dem regierenden Herrn Bürgermeister oder einem hochmögenden Ratsherrn begegnet, und katzenbuckle Er wie ein Hungerleider, der Schlehen für Pflaumen frißt, wenn die Not an den Mann geht. Und wenn von der hochmögenden Obrigkeit die Rede ist, die, wie ich jüngst in einem alten Hexenurteil gelesen, von Gott eingesetzt und mit scharfem Verstand begabt ist, so sitz Er mit ehrfürchtigem Gesicht da und laß Er Seine Ohren hängen, wie es die bockigen Esel tun. Sollte Er zufällig ein Weinglas vor sich stehen haben, so kann Er trinken; aber Er lasse es nicht merken, daß Er es vielleicht tut, um Seinen Ärger hinabzuspülen. Vor allem aber mach Er sich nie mit der Geistlichkeit zu schaffen; denn da wird Er, wie ich Ihm auf Eid und Treu versichern kann, immer den kürzeren ziehen, obwohl ich Leute kenne, welche die wohlehrwürdigen, großachtbaren und hochgelahrten Herren mit und ohne Beffchen zu eigenem Gaudio hie und da hübsch gezaust haben, hihi. Und wenn Er Geld hat, laß Er es nie merken, sondern sperre Seine errackerten Kronentaler in einen Strumpf ohne Loch; denn die Strümpfe sind nicht dazu da, daß man darauf gehe, sondern daß man sie voller Batzen im Bettstroh verstecke. Und wenn Er, was nicht immer ein Glück ist, Söhne bekommt, so laß Er sie nicht in den metaphysischen Terris incognitis herumvagieren, sondern laß Er sie wieder Stadtschreiber werden, welches Amt mit Gehalt und Gefällen seinen Mann redlich und kümmerlich nährt in Ewigkeit. Amen.“
„Sie hat keinen Menschen auf der Welt,“ jammerte der Stadtschreiber, der immer wieder an Babette dachte, weiter.
„Will Er um eines Weibsbilds willen auf die schönste Stadtschreiberei in der schönsten Stadt Kleinfrankens verzichten, über deren Rathaustor die vielsagenden Buchstaben S. P. Q. F., das heißt Senatus Populusque Frankenthalensis, eingemeißelt stehen? Weiß Er, wie Hunger tut, und wie kleine Kinder schreien, wenn sie kein Brot haben? Meint Er, Verliebte leben von Nektar und Ambrosia? Oder will Er wirklich in der Welt draußen Seinen gelahrten Mann stellen und sehen, wie Er sich in den Händeln ein Haus zimmert?“
„Den Bettel werf ich ihnen vor die Füße,“ schrie der Kanzler.
„Weiß Er, daß man an weltlichen Höfen kriechen und an geistlichen ein Aug zudrücken muß, falls man eine schöne Frau mitbringt?“
„Heut noch geh ich aus der Stadt.“
„Will Er das wirklich? Nun, vielleicht ist Er der Mann, um an einem geistlichen Hof besser fortzukommen als in dieser Stadt, von der ihre Nachbarn seit Methusalems Zeiten absonderliche Schwänke erzählen. Es heißt, unter dem Krummstab ist gut wohnen, und die hochgeborenen Domherren in Mainz, Würzburg oder Bamberg haben Leute, die nach dem Verse ‚On trouve avec le ciel des accommodements‘ leben, nicht ungern um sich. Aber wenn Er solche Pläne in Seinem Cerebro wälzt, so nehm Er sich auch gefälligst eine gute Lehre von dem Mohren mit, der auf unserem alten Wachturm dem ganzen heiligen römischen Reich die Zunge zeigt und den Leuten mit dieser Geste verkündet, was ein Biedermann von ihnen und der Welt sub rosa zu denken hat. Aber eh Er Seine Höhle aufsucht, will ich Ihm noch etwas Hübsches zeigen.“
Ehe er sich erhob, blickte Christopher Kemmeter mit gespitztem Mund in die Kanne, um zu sehen, ob sie leer sei, und dann nahm er den wild dreinblickenden Kanzler am Arm, führte ihn eine knarrende Holztreppe hinauf und stieß ihn in eine Gerümpelkammer, wo Babette blaß und gefaßt bei einer geschnäbelten Öllampe am Tische saß und ein Waisenhemdlein säumte. Sie wollte aufflammen, als Friedrich Lerch stolpernd eintrat; als sie aber sein gedrücktes Wesen bemerkte, warf sie sich in seine Arme und brach in herzzerreißendes Weinen aus. Er streichelte ihr zärtlich die blassen abgemagerten Backen; aber er wagte noch lange kein Wort zu reden, bis sie endlich tief aufseufzte und fragte: „Was soll nun werden?“
Da erwachte der Mann in Friedrich Lerch, und er besaß mit einem Male eine Menge von Talenten und Schlichen, mit deren Hilfe er es zu einem schönen Ämtchen in einem der zahllosen Ländchen des Gaus zu bringen gedachte. Er tat, als ob er zeit seines Lebens nur mit Domherren, Kammerdirektoren, Rentmeistern und Sekretären Umgang gepflogen hätte, und ließ sein Rößlein immer wilder steigen. Babette hörte ernsthaft zu; als er aber mit dem Auskramen seiner Pläne fertig war und wieder in seine alte Mutlosigkeit zurücksinken wollte, gab sie ihm einen zärtlichen Rippenstoß, und als er ihre schimmernden Augen gewahrte, empfand er die tröstliche Gewißheit, daß die alte Babette noch lebe, und glückselig schloß er die Erglühende zum erstenmal in seinem Leben in die Arme.