So saßen sie eine Weile wortlos da, bis die wie ein Vögelein sich duckende Babette sich plötzlich losmachte und fragte: „Wenn ich nun aber doch ein Hexle wär?“ Und als Friedrich Lerch leise lachte, verzog sie schmollend ihr blühendes Mündchen und seufzte: „Ach ja, das kommt davon!“
Die Wahl des Friedrich Lerch zum Stadtschreiber wurde von den hochmögenden Regierenden in Frankenthal nicht bestätigt. Die Evangelischen setzten es durch, daß, nach altem Recht und Brauch, einer der Ihrigen an die Stelle kam, und zu ihrem Erstaunen erhob der Spitalpfleger Christopher Kemmeter keine Einsprache. Er wurde überhaupt in diesen Tagen selten in der Stadt und im Rat gesehen, und wenn Gaffer kamen, um nach ihm zu sehen, erzählte er ihnen des langen und breiten, daß sein guter Freund, der Abt von Fulda, drei Fässer Zypernwein bei ihm bestellt habe, die er in nächster Zeit zu liefern gedenke. Wenn die Rede auf die verschwundene Hexe kam, spielte er den Schwerhörigen, und wenn ihm einer auf den Kopf zusagte, daß er bei dem Handel die Hand im Spiele habe, brummte er, ihm tue nur leid, daß die Gerichtsherren um ihr dreitägig Fasten gekommen seien. Er wußte, daß die Anhänger des Bürgermeisters sein Haus umschlichen und auch draußen, vor den Mauern, ihre Späher hatten; allein die Späher fanden es doch in der Ordnung, daß eine Woche nach dem Verschwinden Babettes ein Wagen mit drei Fässern vor dem Keller des Ratsherrn hielt, und kein Mensch ahnte, daß Babette unter dem mittleren, das keinen Boden hatte, saß und mit angstvollen Ohren dem Spiel des Postillions lauschte, der eine fromme Weise blies, als er langsam aus dem Falkentore fuhr. —
Friedrich Lerch selbst war eines Tages ohne Sang und Klang aus der Stadt verschwunden, und ein Gerücht wollte bald darauf wissen, er sei mit der Hexe Babette Glock in Bischofsheim gesehen worden.
Der Ratsherr Christoph Kemmeter erbot sich daraufhin, bei dem kurmainzischen Oberamtmann, dem Herrn Hans Rüdt von Collenberg, Klage zu erheben, falls das Gerücht von dem sündhaften Hexenschutz auf Wahrheit beruhen sollte. Als er in einem alten Roquelaure, der seit zwanzig Jahren unbenützt im Schranke hing und da und dort Mottenlöcher sehen ließ, in den Postwagen steigen wollte, hörte er, daß zwei Wäscherinnen im Nachbarsgarten die Hexe Babette Glock gesehen haben wollten, wie sie, mit fliegendem Haar und auf einem Besenstiel reitend, dreimal um den Türmersturm geflogen sei und dem zungenreckenden Mohren ihr spitzes Zünglein gezeigt habe. Die beiden Gevatterinnen schwuren hoch und teuer, daß ihnen das Luder nicht mehr entwischen werde, wenn sie sie wieder fangen würden. Der Herr Spitalpfleger ließ sich die Geschichte zweimal erzählen und bemerkte dann, die Nürnberger hätten noch nie eine Hexe verbrannt, ohne sie zu haben, und so riet er auch den beiden Gevatterinnen, doch ja den Rat dafür zu stimmen, daß dieser löbliche Rechtsbrauch der Nürnberger nicht in Verfall gerate.
In der alten Tauberstadt ging er erst seinen Weingeschäften nach und ließ sich dann bei dem Junker Emmerich melden, den er in dem schmalen Schloßgarten zwischen zwei geputzten Frauenzimmern auf und ab wandelnd fand: es waren die junge Freifrau Ottilie und Babette, die nun ganz französisch ausstaffiert war und ein bemaltes Fächerchen in der Hand trug, an der ein goldenes Ringlein glänzte. Sie lief leichtfüßig auf den alten Ratsherrn zu, gab ihm einen Kuß und flüsterte ihm ins Ohr: „Wir halten übermorgen Hochzeit. Und dann will ich ihn ziehen.“ Und dann floh sie wieder zu ihrer neuen Freundin und faßte sie, wie Zuflucht suchend, am Arm, während der Junker seine Fahrt an den Hof zu Mainz erzählte und dem Gast den beklagten Gebetsstuhl der Familie von Collenberg zur Verfügung stellte. —
Da in diesem Augenblicke Friedrich Lerch aus der Rentstube daherkam, um seinen Gönner zu begrüßen, benützte dieser die Gelegenheit zu einem Scherze; er rief: „Er kommt gelegen. Er kennt doch die Geschichte von dem Gebetsstuhl, den mir der Herr Baron soeben zum Gebrauch für eine Hochzeit angeboten? So sag Er mir doch, welchen Bescheid Er hätte ergehen lassen, wenn Er Geheimer Rat des durchlauchtigsten Erzkanzlers gewesen wär.“
Friedrich Lerch sah Babette an und entgegnete nach einer Weile: „Wir Johann Karl Friedrich von Gottes Gnaden, des Heiligen Römischen Reiches durch Germanien Erzkanzler und Kurfürst etc. fügen Unserm lieben getreuen Amtmann zu wissen, daß der beklagte Gebetsstuhl in Unserer Pfarrkirche zu Bischofsheim an seinem Platz zu bleiben hat; aber Wir geben ihm den wohlmeinenden Rat, den Vorhang offen zu halten, wenn der Herr Dekan predigt oder das Hochamt zelebriert, und die beklagte Schließung des Vorhangs, die Wir seiner christlichen Demut zugute halten wollen, für die Predigten und stillen Messen der Vikare und Kapläne zu versparen —“
Der Ratsherr lachte: „Er hat etwas gelernt! Er wird Sein Glück an einem Hof machen.“
Doch da mischte sich Babette ins Gespräch: „Und wie haben wir uns im Betstuhl zu verhalten?“
Der Frankenthaler Ratsherr entgegnete: „Die Jungfer wird nie das Gelüsten haben, den Vorhang zuzuziehen; denn die Frauenzimmer wollen auch beim Beten gesehen werden.“