Mit dieser Erkenntniss ist aber unendlich viel gewonnen; wir können nun einen grossen Theil Afrikas von vornherein als ausgeschlossen in Bezug auf die Stationen der Phönizier bezeichnen. Wir wissen nämlich, dass innerhalb der Wendekreise mit Ausnahme einiger Gegenden, die in Folge besonderer lokaler Eigenthümlichkeiten, wie z. B. frischer Winde, eine exzeptionelle Stellung einnehmen, Weizen erst in solchen Höhen gebaut werden kann, die hinsichtlich ihrer klimatischen Verhältnisse den subtropischen Zonen entsprechen[337]. Murzuk z. B. ist einer der südlichsten Punkte nördlich des Aequators, wo in Afrika noch Weizen und Gerste gedeihen, aber nur im Winter[338]. Da nun innerhalb der Tropenzone der Küstensaum Afrikas durchweg niedrig und auch sonst der angedeuteten Vergünstigungen nicht theilhaftig ist, da ferner die Annahme, die Phönizier hätten sich von ihren Schiffen weg weiter ins Innere des Landes auf die zum Plateau führenden Terrassen begeben, um dort zu säen und zu ernten, ganz unhaltbar erscheint, können wir mit Sicherheit behaupten: innerhalb der Wendekreise haben die Phönizier ihre grossen Ruhepausen nicht abgehalten. Auch einige Küstenstrecken in den gemässigten Zonen können sogleich ausgeschlossen werden. In der nördlichen einmal die kleine Stelle an der Ostküste vom Abfahrtsorte bis zum Wendekreise des Krebses, weil da eine Ergänzung des Proviantes noch nicht nöthig war, sodann an der andern Seite des Erdtheils das Gebiet vom nördlichen Wendekreise bis zum Atlas hin als der Sahara angehörig; in der südlichen gemässigten Zone aber die Partie westlich von der Kalahari. Hier kann zwar Ackerbau getrieben werden, aber nur mit Hülfe künstlicher Bewässerung[339]. Wenn nun die Phönizier solche auch höchst wahrscheinlich kannten[340], so wird doch niemand behaupten, sie hätten dieselbe hier angewendet, denn die Anlage solcher Irrigationen erfordert Zeit. Da nun jedenfalls wohl zweimal gerastet wurde – in den beiden ersten Jahren je einmal – und diese Rastorte unbedingt auf der Strecke vom Abfahrtsorte bis zur Strasse von Gribraltar zu suchen sind – denn erst im dritten fuhren sie durch die Säulen des Herakles –, kann der erste nur in dem südlichen Zipfel des Erdtheils, der zweite im Atlasgebiet gelegen haben. Im Kaplande, wo das Klima bereits subtropisch ist, gedeiht Weizen schon in geringer Höhe über dem Meeresspiegel. Vivien de St. Martin sagt in seinem Dictionnaire de géographie universelle[341] über diese Stelle unseres Planeten: „Pendant la plus grande partie de l’année là ou il y a de l’eau la terre rend presque tout ce qu’on lui demande“. Nun zerfällt dieses Land hinsichtlich der Niederschlagsvertheilung in einen Ost- und einen Westtheil[342]; in ersterem regnet es in der Zeit vom September bis April, in letzterem im Winter (unserm Sommer). Wie ich später nachweisen werde, sind die Phönizier nun wahrscheinlich im Mai des ersten Jahres ihrer Fahrt in Südafrika angelangt; liessen sie sich hier im westlichen Kaplande nieder und säeten etwa Anfang Juni, so hatten sie die sicherste Aussicht in Betreff des Aufgehens der Saat. Es hat sich in den wärmern Ländern im allgemeinen der Gebrauch herausgestellt, zur Zeit des niedrigsten Sonnenstandes zu säen, wenn die folgenden Monate zugleich angenehme Feuchtigkeit bieten; die Periode, in welcher das Getreide wachsen soll, ist ja naturgemäss die milderer Temperatur, wie ansteigenden Lichtes und muss stets im Anfang viel, nachher weniger Feuchtigkeit bieten[343]. Das trifft alles für jene Gegend zu; wenn zu Beginn des Juni gesäet wurde, hatte man bis August ausgiebige Feuchtigkeit, von da an nahm sie bei steigender Temperatur allmählich ab[344]. Da der Zwischenraum zwischen Saat und Ernte von Weizen und Gerste in diesen Gegenden nun ungefähr 5-6 Monate beträgt, würden sie etwa im November geerntet haben. Der zweite Rastort wird im Atlasgebiete südlich der Strasse von Gibraltar, also etwa im heutigen Marokko zu suchen sein. Auch von dieser Gegend ist es, wie vom Kaplande, bekannt, dass sie zur Produktion von Weizen sehr geeignet ist. Hier mögen die Phönizier, wie weiter unten ausgeführt werden soll, etwa im folgenden November angekommen sein, und da die Aussaat in diesen Gegenden im Dezember stattfindet, konnten sie, wenn sie dies Geschäft rechtzeitig vornahmen, im Juni ernten[345].

Nach diesen Ausführungen wird die Ansicht Rennels, sie hätten zuerst in Angola und später in Senegambien Station gemacht, die, wie so manche andere, sein Landsmann Wheeler theilt, hinfällig[346]. Sein Irrthum ist übrigens verzeihlich; er publizirte sein Werk im Jahre 1800, also zu einer Zeit, wo der Gedanke an eine Wissenschaft der Pflanzengeographie in A. von Humboldts Kopfe noch unausgesprochen schlummerte. Ebenso unhaltbar ist natürlich auch die Vermuthung Junkers[347], dass sie auf der Küste von Mozambique oder Sofala und später in Oberguinea gesäet und geerntet haben könnten, und nicht minder diejenige Peschels, der von einem zweimaligen australischen Frühlinge[348] spricht. Wie dieser scharfsinnige Gelehrte zu der Annahme kommt, die Phönizier hätten an beiden Rastorten sich südlich vom Aequator befunden, ist mir, da er Gründe für seine Behauptung nicht anführt, leider unklar geblieben. Wunderbar könnte es auf den ersten Blick erscheinen, dass die Sendlinge Nechos die passenden Stellen und die richtige Jahreszeit für die Aussaat des Weizens erkannten; bei genauerer Betrachtung erklärt sich aber auch dieses leicht. Dass sie im Kaplande zu säen beschlossen, dazu mag sie der Stand der Sonne veranlasst haben, die sie hier bei ihrer Ankunft mittags etwa eben so tief im Norden erblickten, wie in Aegypten und in ihrer syrischen Heimath im Süden, wenn man dort im Dezember zur Aussaat des Weizens schritt[349]. Auch war die Temperatur der heissen Zone, die sie vorher durchsegelten, jedenfalls zu verschieden von der heimathlichen, als dass sie zu einem Versuche hätte einladen können; die des Kaplandes hingegen entsprach jener ungefähr, und dasselbe wird in Marokko der Fall gewesen sein. Ferner dürfen wir annehmen, dass die Phönizier mit dem Lande fortgesetzt in Verkehr standen; abgesehen von mancherlei Bedürfnissen, die sie gezwungen haben werden, hier und da anzulegen, musste ihnen bei ihren auf die Eröffnung eines neuen Handelsgebietes gerichteten Plänen eine möglichst genaue Erkundung von Land und Leuten am Herzen liegen. Sie wären nicht Phönizier gewesen, wenn sie darauf verzichtet hätten. In der Ausübung dieser Thätigkeit werden sie nun ohne Mühe aus den Beschäftigungen der Küstenvölker und dem Stande der Felder erkannt haben, wo und wann es angängig sein könnte, Weizen zu säen, und so in der westlichen Hälfte des Kaplandes als der ihrem Vorhaben günstigeren gelandet sein. Im Atlasgebiet kam ihnen aber vielleicht noch ein anderer Umstand zu Hülfe. Strabo[350] erzählt, die Phönizier hätten kurze Zeit nach dem trojanischen Kriege an der Westküste Libyens Städte angelegt. Nun äussert zwar derselbe Schriftsteller an anderer Stelle hinsichtlich dieser Gründungen Bedenken, aber seine Zweifel können nicht ins Gewicht fallen, denn Junker[351] weist nach, dass er auch sonst Glaubwürdiges verwirft. Diese Kolonieen, von denen ein Theil sehr wohl im heutigen Marokko liegen mochte, oder wenigstens Reste derselben, werden nun die nechonischen Phönizier berührt haben und durch den Rath ihrer Landsleute hinsichtlich der Zeit der Feldbestellung sicherlich unterstützt worden sein.

Was bedeutet Her. IV, 42 φθινόπωρον?

Die vorstehenden Auseinandersetzungen zeigen zur Genüge, dass das Wort φθινόπωρον an unserer Stelle nicht den Herbst im meteorologischen Sinne bezeichnen kann, sondern in der Bedeutung von „Saatzeit“ aufzufassen ist. Herbst – nach ägyptischen Verhältnissen gerechnet – haben unsere Schiffer überhaupt während ihres Aufenthalts auf den Hauptstationen nur einmal gehabt und zwar im zweiten Jahre in Marokko. Als im ersten Jahre der ägyptische Herbst kam, also in unserem September, rasteten sie auf der Südspitze und hatten demnach Frühling; als aber im März der Herbst der südlichen Halbinsel begann, waren sie sicher bereits wieder von dort abgefahren. Schon aus diesen Betrachtungen ergiebt sich, dass unter φθινόπωρον nicht das verstanden werden darf, was der Kalender als „Herbst“ bezeichnet. Gosselin[352] freilich behauptet, da das Fallen der Jahreszeiten in andere Monate, wie es doch auf der südlichen Halbinsel stattfinde, an der Stelle, wo von Saat und Ernte die Rede ist, garnicht erwähnt sei, könne man mit Sicherheit annehmen, dass die Phönizier von dieser Erscheinung selbst nichts gewusst und also die Fahrt überhaupt nicht gemacht hätten. Ich möchte dem gegenüber darauf hinweisen, dass wir in der kurzen Notiz bei Herodot schwerlich alles besitzen, was über jene Reise anderthalb Jahrhunderte vor dessen Aufenthalt in Aegypten in die Oeffentlichkeit gedrungen war. Da die Fahrt aber nicht die geringste Konsequenz für die Geschichte Aegyptens gehabt hatte, waren die Einzelheiten verschollen und wären es vielleicht für immer gewesen, wenn nicht die Priester dem wissensdurstigen Fremdling zu Liebe die wenigen Trümmer der Ueberlieferung, die man noch besass, wieder ans Tageslicht gezogen hätten. Wie viel Wunderbares mag den Phöniziern auf ihrer Fahrt in den fremden Gegenden aufgestossen sein! Und doch erfahren wir – sei es, dass sie absichtlich schwiegen, sei es, dass die Kunde im Laufe der Zeit verloren ging – über alle diese Dinge, abgesehen von dem veränderten Stande der Sonne, nichts. Wie dürfen wir nun eine Mittheilung gerade darüber erwarten, dass die Schiffer die Aussaat ein einziges Mal zu anderer Zeit vornahmen als daheim? Ich muss also dabei beharren: φθινόπωρον bedeutet hier „Saatzeit“; diese deckte sich im ersten Jahre der phönizischen Reise, als am Kap Halt gemacht wurde, keineswegs mit dem ägyptischen Herbste, wohl aber im zweiten bei Gelegenheit der marokkanischen Rast. Bähr sagt[353], φθινόπωρον bezöge sich „ad illud omnino tempus, quo sua quisque in terra maturos percipiat fructus“, vergisst aber dabei, dass nicht unter allen Himmelsstrichen und nicht für alle Früchte der Herbst die Zeit der Ernte ist; seine Erklärung passt hinsichtlich des Weizens weder für das Kap, noch für die Länder des Atlas. Die Gewährsmänner Herodots aber, welche zwar wussten, dass die Phönizier mehrmals gesäet und geerntet hatten, hinsichtlich der Einzelheiten sich jedoch völlig im Unklaren befanden, nahmen, da sie die klimatischen Verhältnisse der betreffenden Länder nicht kannten, mit einem gewissen Rechte an, ersteres sei zur Zeit des Herbstes ihrer ägyptischen Heimath geschehen, wo man im Dezember, spätestens im Januar, wenn das Wasser abgelaufen war, die Felder bestellte und Weizen Ende März[354], eventuell während des April oder Anfang Mai, Gerste etwas früher einheimste[355]. Vor allen Dingen erscheint es aber garnicht ausgemacht, dass die Priester dem Herodot gegenüber ein Wort mit der Bedeutung „Herbst“ gebraucht haben; vermuthlich sprachen sie nur von einer Zeit des Säens, und unser Schriftsteller bezog dies auf den ägyptischen Herbst, da auch ihm unmöglich bekannt sein konnte, dass z. B. am Kap die Saatzeit eine andere sei[356]. Dies ist um so wahrscheinlicher, als es nach Diodor fraglich erscheinen muss, ob die Aegypter überhaupt den Herbst als besondere Jahreszeit betrachtet haben. An einigen Stellen dieses Schriftstellers[357] ist nämlich nur von einem ägyptischen Frühling, Sommer und Winter die Rede, auch sagt er bei anderer Gelegenheit[358] ausdrücklich, die Aegypter hätten nur drei Jahreszeiten angenommen. Ich denke, aus allen diesen Erwägungen wird klar hervorgehen, wie sehr Gosselin und seine Anhänger[359] irren, wenn sie das Schweigen unseres Berichtes über die veränderte Lage der Jahreszeiten in Südafrika so auslegen, als ob die Phönizier die Fahrt überhaupt nicht gemacht hätten.

Genauere Vertheilung der Zeit auf die einzelnen Abschnitte der Reise.

Es wird nun unsere Aufgabe sein nachzuweisen, wie sich die Zeit genauer auf die einzelnen Abschnitte der Reise vertheilt. Ich weiss recht wohl, dass die bisherigen Rekonstruktionsversuche heftigen Angriffen von Seiten derer, welche die Wahrheit der ganzen Erzählung bezweifeln, ausgesetzt gewesen sind; sehr mit Unrecht. Auch dem meinen wird es, obgleich er in einigen wesentlichen Punkten von den früheren abweicht, schwerlich besser gehen. Das kann mich aber nicht abhalten, ihn anzustellen. Ob ein solcher Versuch das Richtige trifft, darüber kann man ja freilich verschiedener Meinung sein, im Prinzip muss er aber gebilligt werden, denn solche Rekonstruktionen tragen nicht nur wesentlich dazu bei, ein klares Bild der Reise in uns zu erzeugen, sondern verhelfen uns auch in Folge davon zu einem sichern Urtheile über die Möglichkeit, bezw. die Wahrscheinlichkeit der Umsegelung und damit über die Frage, ob der Bericht eines zuverlässigen Schriftstellers einem Phantasiegebilde gleich zu achten oder als Mittheilung über ein historisches Faktum zu begrüssen sei. Was nun zunächst das gesammte Zeitmass von zwei bis drei Jahren anbetrifft, so musste dies unserm Gewährsmanne Herodot schon deswegen völlig ausreichend erscheinen, weil er sich Afrika nicht mal bis zum Aequator reichend dachte; dass es aber auch zur Umsegelung des Erdtheils in seiner wirklichen Gestalt genügte, glauben wir beweisen zu können. Mannerts und anderer Ansicht[360], dass die Zeit zu kurz sei, wird nach allem, was früher über die Schnelligkeit der Schiffe des Alterthums gesagt ist, keinen Anspruch auf Berücksichtigung mehr erheben dürfen, und eben so wenig kann die oben erwähnte, oft zitirte Fahrt, die Skylax von Karyanda auf Befehl des Darius Hystaspes von Kaspatyros, dem heutigen Kabul[361] aus, nach der Stelle unternahm, von wo Necho die Phönizier ausgeschickt hatte – also doch wohl nach dem nördlichen Theile des rothen Meeres –, und die trotz der verhältnissmässigen Kürze des Weges 30 Monate dauerte, gegen die Wahrheit der phönizischen Umsegelung als Beweis herangezogen werden, da es ganz ungewiss ist, ob jener Seeheld Phönizier als Matrosen hatte. Es ist leicht möglich, dass – ganz abgesehen von anderen früher erörterten Gründen für diese Langsamkeit – seine Mannschaft aus Persern bestand, die der Seefahrt unkundig waren. Eben so wenig sind Schlussfolgerungen aus den Fahrten nach Ophir gestattet, denn diese waren ausgesprochene Handelsreisen, auf denen selbstverständlich die Händler oft anhielten, um zu kaufen oder zu verkaufen[362], während unsere Umsegelung nicht selbst eine Handelsexpedition war – sonst wäre die Zeit ja freilich zu kurz bemessen –, sondern nur die Gelegenheit, Verbindungen merkantilen Charakters anzuknüpfen, auskundschaften sollte. Bei der Vertheilung der Zeit auf die einzelnen Jahre wird es nun nöthig sein, die Länge der Küstenlinie zu berechnen. Es genügt natürlich für unsern Fall, diese ganz allgemein anzugeben, da wir nicht wissen können, ob jede kleine Biegung wirklich ausgefahren ist; vermuthlich hat man dies nicht gethan. Ich rechne daher rund bis zum Kap 10000, von dort bis nach Marokko abermals 10000 und weiter bis zur Nilmündung 5000, also im Ganzen 25000 km. Als Rastpunkte liegen auf dieser Strecke fest das westliche Kapland und Marokko. Man könnte nun vielleicht hoffen, die Länge der einzelnen Tagfahrten sei durch einen Vergleich mit dem Periplus des Hanno zu bestimmen, aber bei der Unklarheit, in welcher wir uns hinsichtlich der in diesem Berichte erwähnten Lokalitäten befinden, erweist sich die Unmöglichkeit, einigermassen Sicheres aus ihm herauszulesen, nur gar zu bald. Versuche dieser Art, wie sie von Seiten Rennells und anderer gemacht worden sind, führen zu nichts. Ausserdem dürfen etwaige Resultate doch nur unter einem gewissen Vorbehalte zum Vergleiche mit unserm Fall herangezogen werden, da die Flotte des Hanno, welche zum Zwecke der Kolonisation mit 30000 Männern und Weibern an Bord von 60 Schiffen ausgeschickt war, erheblich schwerfälliger gewesen sein wird als die phönizische Expedition, für welche Agilität erste Bedingung war, da ihr Gelingen bei eventuellen Fährlichkeiten auf der weiten Fahrt leicht von möglichster Schnelligkeit der Bewegung abhängen konnte. Pentekontoren freilich hat Hanno so gut verwendet, wie es wahrscheinlich unsere Phönizier thaten[363]. Hinsichtlich der Vertheilung der Fahrzeit auf die einzelnen Tage sind wir also auf ziemlich willkürliche Kombinationen angewiesen. Sehen wir zunächst, wie Rennell sich mit der Frage abfindet! Er schätzt den Küstenumfang auf 3360 deutsche Meilen = 25200 km[364] und berechnet als kleinstes Mass für die Tagfahrt 6 d. M. = 45 km; so würde eine Zeit von 560 wirklichen Reisetagen nöthig gewesen sein, das sind 18⅔ Monate. Dann nimmt er 12 Monate für Saat und Ernte, für Erholung, Ausbesserung der Schiffe usw. an und erhält somit für die ganze Fahrt 2 Jahre 6⅔ Monate. „Doch“ – sagt Rennell – „wollen wir diese bestimmten ökonomischen Angaben nicht so zuversichtlich angenommen wissen“. Will man überhaupt solche Berechnungen, die ja einer sichern Grundlage entbehren, gelten lassen, so wird sich gegen die vorstehende nicht allzu viel einwenden lassen. Diejenige, welche ich mir aufgestellt habe, weicht daher von der Rennell’schen nur in wenigen Punkten ab. Wenn die Phönizier von Kosseir Ende November abfuhren und Ende Mai am Kap landeten, hatten sie 10000 km in etwa 180 Tagen gesegelt, das macht auf den Tag ca. 55 km. Sie stachen dann vom Kap ungefähr Anfang Dezember des zweiten Jahres wieder in See, landeten in Marokko wegen ungünstiger Strömungen und Winde aber erst gegen das Ende des folgenden November; auf dieser Tour legten sie also eine Strecke von 10000 km in 12 Monaten, rund 360 Tagen, zurück, das würde für den Tag etwa 28 km ergeben. Nach meiner Berechnung hat die ganze Reise also etwas länger gedauert als Rennell annimmt, nämlich 8 Monate Fahrt + 6 Monate Aufenthalt + 12 Monate Fahrt + 6 Monate Aufenthalt = 32 Monate, und dann noch so viel, wie sie brauchten, um von Marokko nach Hause zu gelangen. Hierzu genügte jedenfalls sehr wenig Zeit, da sie von den Säulen an sich in völlig bekanntem Fahrwasser bewegten. Die drei Jahre werden also auch bei dieser Eintheilung nicht überschritten. Das im Verhältniss zu der oben besprochenen Leistungsfähigkeit der Schiffe des Alterthums ausserordentlich langsame Segeln während des grössten Theiles der Strecke erklärt sich leicht aus dem Kurs in völlig unbekannten Gegenden, in denen die grösste Vorsicht geboten war. Auch müssen wir annehmen, dass nachts wohl selten gefahren wurde und die Nähe der Küste zum öfteren Rasten verlocken mochte. Häufiges Landen war ja, abgesehen von der Befriedigung mancher Bedürfnisse, schon durch den nächsten Zweck der Expedition geboten. Ein kurzer Ueberblick über die Zeitvertheilung auf der ganzen Fahrt würde demnach etwa Folgendes ergeben. Wenn sie mit dem Schluss der Schifffahrt auf dem Mittelmeer sich zu der Reise nach dem Süden zu rüsten anfingen, können sie sicher etwa Ende November mit ihren Vorbereitungen fertig gewesen sein. Nun rechnet Herodot 40 Tage auf die Fahrt von der Nordspitze des rothen Meeres bis Bab-el-Mandeb, und er konnte in Aegypten, wo man in Folge der Fahrten nach Punt über die Erstreckung dieses Busens jedenfalls gut unterrichtet war, wohl Gelegenheit gehabt haben, sich genügend zu informiren. Da die Phönizier aber nicht aus dem äussersten Norden abfuhren, rechnen wir nicht ganz 40 Tage bis Bab-el-Mandeb[365] und von da gegen den Wind halb so viel bis Guardafui, das sie also etwa Mitte Januar werden umsegelt haben. Ende Mai landeten sie dann in der Nähe der Kapstadt, von wo sie Anfang Dezember des zweiten Jahres wieder abfuhren, um, nordwärts haltend, Ende März in den Busen von Biafra zu gelangen und von hier, gegen Wind und Strömung ringend, Ende Juni Kap Palmas zu passiren, worauf sie im Kampfe mit dem schwächer werdenden Strom Ende September am Wendekreise und im Laufe des November im heutigen Marokko angekommen sein werden. Im Juni des dritten Jahres setzten sie dann die Reise fort, segelten durch die Säulen des Herakles und gelangten, bei völlig bekanntem Fahrwasser ihr Tempo beschleunigend, jedenfalls in kürzester Zeit nach Hause.

Länge des Aufenthalts an den Rastorten.

Die Wegstrecken, welche laut vorstehender Eintheilung auf die einzelnen Segeltage gerechnet sind, werden keinenfalls zu lang erscheinen, eher könnte dem Verfasser der Vorwurf gemacht werden, bei dem Aufenthalt auf den beiden Stationen hinsichtlich der Zeit zu freigebig gewesen zu sein, und da möchte ich wenigstens den Einwurf Vincents[366] zurückweisen, die Phönizier hätten während der Rastzeit mehr Getreide verzehrt, als bei der Ernte gewonnen. Sobald wir annehmen, dass sie beim Eintreffen auf ihrer ersten Station ausser dem, was sie während des Aufenthalts daselbst zum Leben brauchten, eine genügende Menge Saatkorn hatten, um reichlich, d. h. so viel zu säen, dass sie mit der gewonnenen Frucht bis zur nächstjährigen Ernte auskamen und doch noch Korn für die zweite Saat übrig behielten, wird dies Bedenken hinfällig. Dass sie aber so wohl versehen waren, dürfte kaum einem Zweifel unterliegen. Die Phönizier werden selbst bei ihrer verkehrten Ansicht über die Süderstreckung Afrikas schwerlich angenommen haben, binnen Jahresfrist wieder daheim zu sein, und eben so wenig konnten sie, da ihnen die zu befahrenden Küsten gänzlich unbekannt waren, bei ihrer Abreise mit Sicherheit darauf rechnen, unterwegs Gelegenheit zur Saat und Ernte zu finden. Jedenfalls werden sie sich also einen grossen Vorrath Korn mitgenommen haben, und es kann kein Bedenken erregen, die nothwendige reichliche Verproviantirung als einen der Gründe dafür anzusehen, dass mehrere Schiffe ausgerüstet wurden, in denen, da sie Waren zum Tausch oder Handel schwerlich enthielten, für reichliche Versorgung mit Getreide genügender Raum blieb. Kamen sie nun während des Mai im Kaplande an, so hatten sie von ihren Vorräthen erst sechs Monate gelebt und gewiss noch so reichlich Korn, dass sie ein grösseres Areal bestellen und doch noch bis zur Ernte von dem Rest des Mitgebrachten leben konnten. Was sie aber von der umfangreichen Fläche einheimsten, wird mit etwaigen Ueberbleibseln des alten Getreides nicht nur für die marokkanische Saat, sondern auch zum Lebensunterhalt bis zur dortigen Ernte gereicht haben. Konnten sie am Atlas nicht mehr so ausgiebig säen – denn sie waren ja zwischen der ersten und zweiten Rast ein volles Jahr (Dezember bis November) unterwegs und mussten noch für 6 Monate Korn zum Unterhalte zurückbehalten (Dezember bis Mai) –, so schadete das nichts, da sie an der kleineren hier gewonnenen Ernte doch gewiss bis zur Rückkehr in die Heimath genug hatten.

Der Einwurf Vincents dürfte damit als erledigt betrachtet werden, aber auch abgesehen von ihm könnte man an der Länge des Aufenthaltes Anstoss nehmen, da die Alten Weizen kannten, den δίμηνος und τρίμηνος, der schon zwei oder drei Monate nach der Saat in jenen wärmeren Gegenden reif wurde, ja sogar eine auf Euboea heimische Abart, welche nur 40 Tage dazu brauchte. Lassen wir nun dahin gestellt, ob die Phönizier zufällig eine von diesen Sorten mit sich führten, ob sie Sommer- (ἠρινός) oder Winterweizen (χαιμερινός)[367], ob sie sechszeilige Gerste – wahrscheinlich die einzige, die man in Altägypten kannte[368] – oder endlich irgend eine andere Weizen- oder Gerstenart gebaut haben, immerhin können wir auf einen jedesmaligen halbjährigen Aufenthalt rechnen, denn ausser dem Säen und Ernten des Getreides, dessen Vegetationsperiode in Südafrika, wie oben gezeigt, im allgemeinen 5-6 Monate beträgt[369], blieb ihnen noch genug andere landwirthschaftliche Arbeit, wie Dreschen und Ausworfeln; sodann werden aber auch vor allem die Schiffe einer gründlichen Reparatur bedürftig gewesen sein. Sie hatten wohl zu viel Tiefgang, als dass sie an jeder beliebigen Stelle ohne grosse Mühe aufs Land gezogen werden konnten; um so nöthiger wird dies nach monatelanger Fahrt an den beiden Hauptruhestätten gewesen sein.

Sind Störungen seitens der Eingeborenen bei Saat und Ernte anzunehmen?