Art der Fahrzeuge.
Welcher Art diese phönizischen Fahrzeuge waren, werden wir aber mit ziemlicher Sicherheit feststellen können. Wheeler nimmt an, es seien Kauffahrteischiffe gewesen[263], eine Ansicht, der ich nicht zustimmen kann, denn unsere Expedition sollte, soweit wir ihren Charakter zu erkennen vermögen, wohl nicht selbst Handel treiben, sondern vielmehr zukünftigem kaufmännischem Verkehr die Wege ebnen. Wehrlose und schwerfällige Schiffe, wie die phönizischen Handelsleute sie häufig benutzten – der Name γαυλός, der etwa so viel wie „Wanne“ bedeutet, sagt schon genug –, konnte man auf einer so gefahrvollen Expedition nicht brauchen, zumal Tauschgegenstände, die man dem etwas unsicheren Geschick eines Transportes in völlig unbekannte Gegenden und zu voraussichtlich barbarischen Nationen hätte aussetzen müssen, schwerlich mitgenommen wurden. Man hat sich vielmehr höchst wahrscheinlich phönizischer Pentekontoren bedient, die, Ruder- und Segelschiffe zugleich, sich durch einen hohen Grad von Schnelligkeit auszeichneten[264]. Schon in den homerischen Gedichten lesen wir ja, dass Schiffe theils durch Ruder, theils durch Segel, die man bei günstigem Winde aufzog, bei ungünstigem herunterliess, getrieben wurden; im Laufe der Jahrhunderte, welche seit der Entstehung jener Lieder verflossen waren, hatten die Phönizier beide Arten der Fortbewegung aber in hohem Grade vervollkommnet. Das Urtheil Movers’, eines sehr gründlichen Kenners des phönizischen Alterthums, über die Pentekontoren lautet: „Für weite Seefahrten an unbekannten und gefährlichen Küsten, wozu weder die grossen und schwerfälligen Gauloi, noch auch die Triremen wegen ihres Tiefgangs taugten, war die leichtgebaute mit Rudern und Segelwerk versehene, dazu mit Kriegsmannschaft ausgerüstete Pentekontore ganz das geeignete Fahrzeug“[265]. Die Behauptung Vincents, die Phönizier hätten mit diesen kleinen Barken niemals ums Kap fahren können[266], ist leicht widerlegt. Zunächst kann man im allgemeinen annehmen, dass Schiffe, die von Syrien nach Indien und Britannien fuhren, auch gross genug gewesen sein werden, die Reise um Afrika zu machen trotz all der Schrecknisse und Gefahren, welche Vincent[267] anführt, und wenn auch vorauszusetzen ist, dass der Verkehr zwischen Phönizien und jenen Ländern hauptsächlich durch Kauffahrteischiffe, also durch Gauloi, vermittelt wurde, so wird doch schwerlich jemand bestreiten, dass auch Pentekontoren, sei es als Pfadfinder, sei es zur Bedeckung jener, dorthin gekommen sind. Als speziellen Beweis für die Möglichkeit, auch auf einem kleinen Fahrzeuge eine ähnliche Strecke wie die Phönizier zurückzulegen, erwähne ich aber noch, dass im Jahre 1539 Diego Botelho, ein Portugiese, sich zu Goa auf einem Boote von etwa 5 Meter Länge und 3 Meter Breite einschiffte und glücklich nach Lissabon gelangte[268]. Auch der in tausend Gefahren erprobte Muth phönizischer Seeleute mag die Zweifel derjenigen überwinden helfen, welche meinen, dass die benutzten Schiffe für eine solche Reise zu schwach gewesen seien. Es ist eine unleugbare Thatsache, dass die Erfahrung und Kühnheit der Bemannung in gewissem Grade die Schwäche ihrer Fahrzeuge zu kompensiren vermag; das zeigt uns das Beispiel der Normannen, die an allen Küsten Europas Schrecken verbreiteten, obgleich ihre Schiffe so klein waren, dass sie mit ihnen auch auf Flüssen fahren konnten, oder das der Malayen, die in ihren kleinen Barken um die halbe Erde gewandert sind[269]. Wir dürfen also annehmen, dass die Phönizier auf ihren Pentekontoren allen Eventualitäten der Reise, welche an die Leistungsfähigkeit ihrer Fahrzeuge appellirten, gewachsen waren, und werden schwerlich irren, wenn wir hinzufügen, dass der König Necho ihnen durchaus seetüchtige Schiffe zum Zwecke der Umsegelung auf dem rothen Meere wird haben bauen lassen.
Schnelligkeit der Schiffe des Alterthums.
Um uns aber ein richtiges Bild von der ganzen Expedition zu machen, werden wir diese Fahrzeuge auf das, was sie an Schnelligkeit leisten konnten, einer genaueren Prüfung unterziehen müssen; wir werden dann feststellen können, ob sie im Stande waren, in der angegebenen Zeit die ja immerhin bedeutende Strecke um Afrika herum zurückzulegen. Die Gegner haben auch dieses bezweifelt und zum Beweise für die Richtigkeit ihrer Ansicht ein naheliegendes aus Herodot entlehntes Beispiel, das des Skylax von Karyanda, angeführt[270], der zu einer Reise von Kaspatyros den Indus hinab bis zu der Stelle, von wo Necho seine Expedition ausgesendet hatte, also zu einer weit kürzeren Fahrt, etwa eben so viel Zeit gebrauchte, wie unser Gewährsmann den Phöniziern bewilligt, nämlich 30 Monate. Es ist nun die Behauptung aufgestellt worden, dass die Phönizier unmöglich ihre Reise in der angegebenen Zeit hätten vollenden können, wenn etwa hundert Jahre später Skylax zu der seinigen eben so viel aufwenden musste. Aber diese Behauptung ist nur scheinbar richtig. Wie es gekommen sein mag, dass Skylax so lange Zeit zum Durchsegeln einer verhältnissmässig geringen Entfernung brauchte, wissen wir nicht, vielleicht wird es sich aus öfterem Anlegen erklären lassen. Das aber wissen wir glücklicherweise, dass die Schiffe des Alterthums in Betreff ihrer Schnelligkeit weit leistungsfähiger waren, als es nach dieser Notiz Herodots scheinen könnte, und damit wird der von gegnerischer Seite angeführte Grund hinfällig. Den Beweis für meine Behauptung werde ich sogleich erbringen. In dem Periplus des Skylax findet sich eine Stelle[271] des Inhalts, dass im fünften Jahrhundert eine Küstenfahrt von Phönizien bis zu den Säulen des Herakles bei einer Entfernung von etwa 5300 km 80 Tage dauerte. Das würde auf den Tag 66 km ausmachen. Diese Angabe dürfen wir, da es sich um eine Reise nach Spanien handelt, wohl auf ein schweres, sogenanntes Tarsisschiff beziehen; leichte Fahrzeuge fuhren schon früher weit schneller. Bereits bei Homer[272] segelt ein phönizisches Schiff in sieben Tag- und Nachtfahrten von einer der Inseln nördlich von Delos bis Ithaka. Freilich wird gegen die Heranziehung dieses Beispieles geltend gemacht werden, dass die Angaben Homers in der Schilderung des Lebenslaufes des Eumäus, welche die angeführte Stelle enthält, soweit sie sich auf Lokales beziehen, jedes topographischen Untergrundes entbehren und reine Phantasiegebilde seien, sodann, dass es sowohl gewagt erscheinen dürfte, Dichterstellen zu benutzen zur Bildung geographischer Begriffe, als auch im besondern einen Epiker als Zeugen zu zitiren, dessen Existenz von der wissenschaftlichen Kritik längst als Sage hingestellt ist. Dem gegenüber mag es aber gestattet sein, darauf hinzuweisen, wie doch auch die Interpreten unserer deutschen Heldenlieder vielfach nicht nur den allgemeinen Schauplatz mancher Begebenheiten, sondern auch bestimmte ursprünglich sagenhaft erscheinende Lokalitäten mit Sicherheit als wirklich vorhanden festgestellt haben und kein Grund vorliegt, beim griechischen Epos auf die gleiche Möglichkeit zu verzichten, wie ferner gerade die letzten Jahrzehnte durch ihre überraschenden Resultate auf dem Gebiete der Ausgrabungen den Beweis geführt haben, dass bei Homer manches wörtlicher zu nehmen ist, als es früher den Anschein hatte, und also mit den in jener Erzählung aufgeführten Punkten in der That recht wohl Inseln des ägäischen Meeres gemeint sein können, vor allem aber, wie niemand – mag die homerischen Gedichte geschrieben haben, wer will –, dem Dichter oder den Dichtern gründliche Kenntniss aller nautischen Verhältnisse, also auch der Entfernung zwischen zwei durch Schifffahrt verbundenen Oertlichkeiten wird absprechen wollen. Der Weg von Delos bis Ithaka ist nun etwa 560 km lang, sie fuhren also in 24 Stunden ca. 80 km. Wer aber diesen Beweis aus Homer nicht gelten lassen will, den verweise ich auf Herodot. Er giebt an[273], dass ein Schiff in 24 Stunden weit über 200 km fährt, eine Stelle, die freilich nicht ganz unverdächtig ist wegen des Verhältnisses zwischen Tag- und Nachtfahrt, das schwerlich stimmen kann. Es soll nämlich das betreffende Fahrzeug unter ca. 41° n. Br. – das ist die Lage des südlichen Pontos, und von dieser Gegend ist die Rede – zur Zeit des Hochsommers bei Tage etwa 130, bei Nacht etwa 110 km – also im ganzen 240 – zurücklegen, und daher scheint es, dass hier ein Irrthum untergelaufen sei, da sich sonst in der erwähnten Jahreszeit unter jenem Breitengrade die Länge des Tages zur Länge der Nacht etwa wie 7 : 6 verhalten würde. Das ist aber nicht der Fall, sie verhält sich etwa wie 5 : 3[274]. Doch steht die Gesammtleistung, wenn der Bericht wahr ist, nicht vereinzelt da; bei Xenophon[275] legt eine unter Segeln und Rudern gehende Triere den Weg von Byzanz nach Heraklea Pontica – über 200 km – in einem Tage zurück, ohne die Nacht zu benutzen, ja, Graser[276] schätzt in seinem mustergültigen Werke die höchste Schnelligkeit der Schiffe zur Zeit des Xenophon auf 9-10 Knoten (Seemeilen) in der Stunde, das ergiebt auf 24 Stunden die erstaunliche Summe von 450 km. Interessant ist auch die Notiz in Arrians Periplus Ponti Euxini[277], wo an einem Vormittage, noch dazu bei zeitweise ungünstigem Wetter, über 90 km zurückgelegt werden, so dass auf 24 Stunden – gleiche Fahrgeschwindigkeit zur Nachtzeit vorausgesetzt – 360 km kommen würden. Diese Schnelligkeit unter erschwerenden Umständen ist so erstaunlich, dass der Herausgeber hier einen Irrthum vermuthet. Schliesslich sind noch einige Mittheilungen des Plinius erwähnenswerth[278]. Von der Strasse von Messina ging, wie er erzählt, ein Schiff bis Alexandria in 6 Tagen, das macht über 260 km auf den Tag, von Gades nach Ostia in 7 Tagen, das würde etwa eben so viel ausmachen, von Afrika nach Ostia aber in 2 Tagen, so dass auf den Tag gegen 300 km kommen. Nur bei solcher Schnelligkeit wird die Anekdote von der Feige des Cato glaublich, die den dritten punischen Krieg veranlasst haben soll[279], und nur so lässt es sich erklären, dass der alte Fanatiker die römischen Senatoren glauben machen konnte, die Epigonen Hannibals ständen vor den Thoren der Stadt, wenn sie in Afrika mit König Masinissa um ihre Grenzen haderten.
Leitung der Expedition.
Nachdem wir uns so ein Bild von der Leistungsfähigkeit der Schiffe des Alterthums gemacht, werden wir im Stande sein, ein Urtheil darüber zu gewinnen, ob die phönizischen Pentekontoren in dem von Herodot angegebenen Zeitraume die Umsegelung vollbringen konnten, verschieben aber die Beantwortung dieser Frage auf später, um dann mit ihr zugleich eine genauere Vertheilung der gesammten Zeit auf die einzelnen Abschnitte der Fahrt vorzunehmen, und lenken unsere Aufmerksamkeit zunächst auf einen anderen Punkt, nämlich auf die oberste Leitung der Expedition. Wer war der Führer dieses zur Lösung eines so wichtigen Problems ausgesandten Geschwaders? Herodot nennt seinen Namen nicht, und es fehlt jede Handhabe, darüber Vermuthungen aufzustellen. Wenn ich nun doch bei diesem Punkte noch ein wenig verweile, so geschieht es, um die Angriffe zurückzuweisen, welche er hervorgerufen hat. Es ist behauptet worden, man könnte doch erwarten, dass bei einem so hervorragenden Unternehmen, wenn es wirklich stattgefunden hätte, auch der Name des Führers überliefert wäre; da er fehle, sei die Erzählung von der Fahrt einer Fabel gleich zu achten. Dagegen lässt sich aber Folgendes erwidern. Dass der Name nicht erhalten ist, scheint weniger wunderbar als betrübend, und keinenfalls kann dieser Umstand als Beweis dafür gelten, dass die Umsegelung nicht stattgefunden habe. Auch die Stellen bei Strabo[280] und in der Bibel[281], wo von den wohl allgemein als historisch anerkannten und gewiss für das Alterthum sehr hervorragenden Fahrten der Phönizier nach Tarsis, den Kassiteriden und Ophir die Rede ist, nennen die betreffenden Führer nicht. Das Fehlen des Namens ist somit ganz gewiss kein Beweis gegen die Glaubwürdigkeit des Berichtes; eher würde es unter Umständen das Anführen eines solchen sein können, wie die von Vincent[282], wie mir scheint, nicht sehr glücklich herangezogenen mythischen Beispiele zeigen. Er argumentirt: Bei den Fahrten aus älterer Zeit nennt man Herakles, Jason u. a. als Führer, obgleich deren Thaten sich doch auf einem weit kleineren Raume abspielten; da durfte bei unserm Unternehmen ein Hinweis auf den Leiter doch erst recht nicht fehlen. Dem gegenüber meine ich, dass eben die Namen jener Helden gegen die ihnen zugeschriebenen Thaten leicht Misstrauen erwecken werden. Herakles und Jason sind doch nur Vertreter von Kulturperioden; wenn ersterer eine Personifikation der Zeit ist, die den Kampf gegen das Ungeheuerliche in der Natur, wie in der Menschheit siegreich aufnahm, so erblicken wir in dem letzteren den Vertreter der Epoche, in welcher der Grieche die Scheu vor dem trügerischen Meereselemente überwinden lernte und zuerst seinen Kiel nach fernen Gestaden lenkte. Historische Wirklichkeit wird man keinenfalls diesen beiden oder ähnlichen Gestalten zugestehen dürfen. In unserm Falle scheint mir nun das Fehlen des Namens gerade ein Beweis für die Glaubwürdigkeit der Gewährsmänner Herodots zu sein. Bezweifeln dürfen wir kaum, dass letzterer bei seiner Gründlichkeit Erkundigungen über den Leiter einer so wichtigen Expedition einzuziehen versucht hat. Nun wäre es seinen Berichterstattern ja ein Leichtes gewesen, irgend einen Namen zu erfinden, so gut man ein paar Jahrhunderte früher sich den Herakles und Jason konstruirt hatte. Trotzdem nannten sie einen solchen nicht, sonst hätte Herodot ihn uns sicher überliefert, und dass sie es nicht thaten, spricht für ihre Wahrhaftigkeit und damit zugleich für die Wahrheit des Faktums, das sie berichteten. Aber, wird eingewendet werden, es sind doch z. B. die Namen des Sataspes und Skylax bekannt, der Leiter von Expeditionen, welche sich an Bedeutung mit der phönizischen nicht annähernd messen können. Wie das gekommen sein mag, ist nicht schwer zu erklären. Verweilen wir einen Augenblick bei Sataspes. Leicht mag Herodot, wie Berger[283] aus dem, was jener Schriftsteller selbst mittheilt[284], meint schliessen zu dürfen, von einem Samier, der durch einen Eunuchen des unglücklichen Prinzen in den Besitz der Schätze und wohl auch der Nachricht von der verunglückten Umsegelung desselben gekommen war, seine Information erhalten haben. Es scheint mir aber nicht undenkbar, dass er noch direktere Quellen hatte. Er selbst war am persischen Hoflager zu Susa, wie aus einigen Stellen seines Werkes hervorgeht[285], und hier war jedenfalls der Name des Sataspes noch wohl bekannt; sorgte dafür nicht sein nautisches Fiasko, so that es sicher die chronique scandaleuse des Achämenidenhofes. Das Vergehen, wegen dessen ihm die Umschiffung Libyens auferlegt war, bestand in der Vergewaltigung einer Perserin aus einer der ersten Familien des Reiches. Da nun die Hofgesellschaft in der persischen Residenz unter dem Einfluss der Haremsdamen sicherlich für derartige pikante Stoffe ein treffliches Gedächtniss hatte, lebte auch Sataspes noch in der Erinnerung dieser Kreise, wenn seine misslungene Expedition ihm auch erst in zweiter Linie dazu verhalf. Es ging ihm ähnlich wie dem Paris, der ja auch mehr wegen seiner Heldenthaten im Boudoir der Helena, als durch seine Erfolge auf dem Schlachtfelde bekannt ist. Auch Berger[286] giebt zu, die Erzählung von der Fahrt des Sataspes trüge den Charakter einer Hofgeschichte. Dazu kommt, dass seit dieser Reise beim Aufenthalt des Herodot in Susa wohl erst etwa zwei Dezennien verflossen waren, seit der Umschiffung Libyens durch die Phönizier, als er in Aegypten weilte, aber anderthalb Jahrhunderte. So kann es uns nicht wundern, dass man sich des Sataspes trotz seines Misserfolges noch erinnerte, während man den leitenden phönizischen Kapitän, der doch ungleich mehr geleistet, nicht zu nennen wusste. Was aber den zweiten Namen anbetrifft, der herangezogen werden könnte, um den herodoteischen Bericht auffallend lückenhaft erscheinen zu lassen, den des Skylax von Karyanda[287], der vom Indus zum rothen Meere fuhr, so wird folgende Erwägung am Platze sein. Dieser kühne Entdecker war unserm Schriftsteller sicher am wenigsten unbekannt. Karyanda lag ja von Halikarnass, dem Geburtsort desselben, nur etwa 20 km entfernt, und die Fahrt des Skylax wird doch nur etwa ein Menschenalter vor Herodot stattgefunden haben. Die nautische That, welche der berühmte Landsmann im Dienste des Perserkönigs vollbracht hatte, wird nun zweifellos nicht nur in seiner Vaterstadt, sondern auch im benachbarten Halikarnass jedem Kinde geläufig gewesen sein, und so erklärt sich meiner Ansicht nach sehr natürlich, wie es kam, dass Herodot über ihn genau unterrichtet war. Für die Erinnerung an den phönizischen Anführer fehlte es an solch günstigen Vorbedingungen, so ist begreiflicherweise sein Name versunken und vergessen, und nur seine grosse That lebt im Munde der Nachwelt fort.
Welches Getreide haben die Phönizier gesäet und geerntet?
Wenden wir uns nun der Betrachtung der Fahrt selbst in ihren Einzelheiten zu, so wird es zur Gestaltung eines deutlichen Bildes von derselben vor allem nöthig sein, über die Punkte ins Klare zu kommen, wo die Phönizier Rast gehalten haben. Es heisst in dem Bericht: „So oft die Saatzeit kam, gingen sie ans Land“; meiner Ansicht nach – die Gründe werde ich später darlegen – geschah dies im ganzen zweimal. Die Frage, wo die Rastorte gelegen haben mögen, ist nun in den meisten mir zu Gesicht gekommenen Abhandlungen über unsere Expedition wunderbarerweise gar nicht erörtert, in einigen andern oberflächlich berührt, aber, wie ich glaube, ganz verkehrt beantwortet worden. Eine direkte Auskunft lässt sich aus Herodots Berichte ja auch unmöglich herauslesen, doch auf einem Umwege hinter das Richtige zu kommen, scheint mir nicht ausgeschlossen zu sein. Auf diesem soll uns die Frage leiten: Was haben die Phönizier an ihren Ruhepunkten wohl gesäet und geerntet? Durch die Beantwortung derselben werden wir vielleicht einen Fingerzeig zur Lösung des andern Problems gewinnen. Zunächst wird es sich darum handeln, was wir an dieser Stelle des Herodot unter σῖτος zu verstehen haben. Die Antwort hierauf mit Sicherheit zu geben ist nicht ganz leicht und wird eine längere Betrachtung erfordern. σῖτος bedeutet überhaupt „Kornfrucht“, auch bei Herodot, wo an einer Stelle[288] darunter Weizen, Gerste, Hirse und Sesam begriffen werden; ausgeschlossen ist dabei von vornherein eine Pflanze, welche nach Diodor[289] in Aegypten, wenigstens im Delta, wo unsere Phönizier doch wahrscheinlich ansässig waren, zur Brotbereitung diente, der Lotos. Es versteht sich auch von selbst, dass diese, die nur bei ausgiebigster Bewässerung gedeiht, von Schiffern nicht zur Aussaat mitgenommen werden konnte, wenn sie nicht wussten, ob sie die für das Fortkommen derselben erforderlichen Bedingungen antreffen würden. Ausser dem, was Herodot an der erwähnten Stelle unter σῖτος versteht, könnten wir nun etwa noch an Roggen, Hafer, Reis und – wenn wir z. B. Duncker folgen wollen – auch an Mais denken; eine nur oberflächliche Betrachtung der einschlägigen Verhältnisse genügt jedoch, uns zu überzeugen, dass keine dieser Körnerfrüchte die Phönizier auf ihrer Reise begleitet haben wird. Was die erstgenannte Pflanze anbetrifft, so soll sie nach Luther zwar in Altägypten gebaut worden sein, denn er übersetzt, als von dem Hagelwetter bei Gelegenheit der ägyptischen Plagen berichtet wird: „Aber der Weizen und Roggen ward nicht geschlagen“[290], doch liegt hier sicher ein Irrthum vor und statt „Roggen“ muss es heissen „die Wicke“, eine Frucht, die wohl wesentlich als Zusatz zum Viehfutter verwendet wurde[291]. Der Roggen kam überhaupt schwerlich im alten Aegypten vor; in den Monumenten wenigstens ist er nicht aufgefunden[292]. An Hafer darf noch weniger gedacht werden; er wird zwar jetzt in Aegypten gebaut, im Alterthume war dies jedoch nicht der Fall[293], ganz abgesehen davon, dass sich das Mehl dieser Frucht zum Brotbacken wenig empfiehlt. Was den Reis anbetrifft, so wäre es nach de Candolles Ausführungen[294] nicht wunderbar, wenn die Aegypter zur Zeit des Necho die Kultur dieser Pflanze gekannt hätten, obgleich sich in den Sämereien der Denkmale und auf den altägyptischen Gemälden kein Anzeichen dafür findet. Auch hätten die Phönizier aus seinen Körnern, wenn nicht Brot, so doch brotähnliche Kuchen herstellen können, aber er gedeiht bekanntlich nur in sumpfigen Gegenden, und der Verproviantirung mit diesem Lebensmittel wenigstens zum Zwecke der Aussaat, stellten sich jedenfalls die bei dem Lotos geltend gemachten Bedenken entgegen. Hinsichtlich des Mais aber irren Duncker u. a., welche ihn dem alten Aegypten zuertheilen, entschieden[295]; er ist ursprünglich in der ganzen alten Welt nicht heimisch, sondern ein Geschenk der neuen an diese[296], und in Europa beispielsweise erst seit dem 16. Jahrhundert eingebürgert[297]. Fassen wir nun die Pflanzen ins Auge, die Herodot selbst, wie oben erwähnt, als zum σῖτος gehörig bezeichnet, so sind Sesam und wohl auch Hirse – sowohl panicum italicum, wie auch miliaceum – von der Debatte auszuschliessen, obwohl beide in Altägypten vorkamen; die erste, weil man sie nur der Oelgewinnung wegen baute[298], die zweite, da es, obgleich sich wohl ein brotartiges Gebäck aus ihr herstellen lässt, nicht wahrscheinlich ist, dass die Phönizier sich davon hauptsächlich genährt haben sollten[299]. Es bleiben demnach noch Weizen und Gerste übrig, die beide sowohl für die Verproviantirung, wie auch zur Saat von vornherein ganz geeignet erscheinen dürften. Trotzdem haben Rawlinson[300] und Sandberg[301] vorgezogen, an Durrah zu denken. Da es nun zur Bestimmung der Stellen, wo gesäet, und somit, wo gerastet wurde, von der höchsten Bedeutung ist, ob diese Pflanze oder jene Getreidearten von den Phöniziern mitgenommen worden sind, wird es unsere Aufgabe sein müssen nachzuforschen, mit welchem Recht jene Gelehrten dies gethan haben. Der letztgenannte, der allein sich auf eine längere Begründung einlässt, führt als Beleg für seine Ansicht Niebuhrs Beschreibung von Arabien an, wo erzählt wird, dass zu der Zeit, als dieser berühmte Reisende jenes Land besuchte, die grosse Menge des arabischen Volkes aus Durrah gebackenes Brot ass. Aber jeder unbefangene Beurtheiler wird zugeben, dass aus dem Umstande, dass die Araber Mitte vorigen Jahrhunderts Durrahbrot gegessen, schwerlich gefolgert werden kann, die Phönizier in Aegypten hätten zweitausend und einige hundert Jahre früher das Nämliche gethan. Ferner beruft sich derselbe Herr auf eine Stelle der Genesis[302]; es scheint mir aber eine ziemliche Portion guter Wille vorausgesetzt zu werden, wenn man aus dieser das Säen von Durrah herauslesen soll. Interessant sind die völlig entgegengesetzten Urtheile über die Verwendbarkeit der Durrah als Nahrungsmittel. Viktor Hehn[303] meint, dass sie wesentlich als Thierfutter Werth habe und nur in Theurungsjahren zu anderm Mehl gemischt werde. Dem gegenüber bekundet sich in Ungers Ansicht[304] die alte Wahrheit, dass über Geschmacksrichtungen nicht zu streiten sei; er behauptet, Durrah gebe ein schmackhaftes Brot. Ihm stimmt Delile bei durch seine Aeusserung[305]: „il (dourrah d’Égypte) donne une farine bonne pour faire des gâteaux“, fährt dann freilich gleich fort: „mais dont on ne fait point de pain levé (aufgegangenes Brot), comme avec le blé“. Es kann nicht schwer sein, trotz dieser sich entgegenstehenden Ansichten zu einem Urtheil darüber zu kommen, ob die Phönizier Durrah mitgenommen haben werden oder nicht. Ich glaube entschieden, annehmen zu dürfen, dass sie es nicht thaten; entweder gab das Mehl ein unschmackhaftes Brot, dann verbot diese Wahl sich von selbst, da eine zusagende Nahrung durchaus erforderlich scheinen musste, um die physischen Kräfte und damit auch den Muth der Matrosen für die gefährliche Fahrt aufrecht zu erhalten, oder es war nur zum Kuchenbacken geeignet, dann handelten sie thöricht, wenn sie sich mit so weichlichem Proviant versahen, da ihnen kräftige Speise mehr nützte und „toujours perdrix“ für die Menschen zu Nechos Zeit gewiss ein eben so wenig anheimelnder Gedanke war, wie für die modernen. Vor allem wird sich aber die Frage zur Beantwortung drängen: Stand denn den ägyptischen Phöniziern Durrah überhaupt zur Verfügung, d. h. wuchs sie um 600 v. Chr. in Aegypten? Die Ansichten darüber gehen weit auseinder; Unger[306] meint, es sei sicher der Fall gewesen, dahingegen behauptet Alphons de Candolle[307] unter „Holcus saccharatus oder Sorghum saccharatum (Moorhirse, Durrahgras)“, dass kein Beweis einer so frühen Kultur dieser Pflanze im Nilthal vorliege. Einige Denkmäler zeigen die Ernte einer Kornfrucht, welche allenfalls Durrah darstellen könnte[308]. Diesem bedauerlichen Zwiespalt der Meinungen gegenüber werden wir gut thun, von der Gegenwart ausgehend, zunächst festzustellen, was sich über den Anbau der betreffenden Frucht in Aegypten für die näher liegenden Zeiten sagen lässt, und da werden wir denn finden, dass sie heute dort massenhaft gepflanzt wird. De Candolle[309] schreibt unter „Holcus Sorghum oder Sorghum vulgare (Kafferhirse)“: „Dies ist eine der am meisten von den Aegyptern der Neuzeit unter dem Namen Durrah, im äquatorialen Afrika, Indien und China angebauten Pflanzen“ und Delile[310] sagt, dass die Durrah (oder Sorgho) das Getreide oberhalb Thebens ersetzt. Im mittelalterlichen Aegypten dagegen wurde diese Frucht, so viel wir wissen, nur an einer Stelle gebaut[311]; der arabische Arzt aus Bagdad, Abd-Allatif, der gegen das Jahr 1200 n. Chr. lebte und eine Beschreibung des unteren Nilthales herausgab, theilt ausdrücklich mit, dass sie hier mit Ausnahme der oberen Gegend des Saïd – d. i. Oberägypten – fehle. Demnach dürfte es nicht wahrscheinlich sein, dass sie im Alterthume in grösserem Umfange gebaut wurde, da kein Grund ersichtlich ist, warum die Kultur einer so nützlichen Pflanze zurückgegangen sein sollte. Ist diese Annahme aber richtig und erst unter der türkischen Herrschaft dies Korn in Aegypten allgemein angebaut, so werden die im Delta wohnenden Phönizier, welche die Fahrt unternahmen, allenfalls Durrah gekannt, sicherlich aber daraus nicht ihr Brot verfertigt haben. Schlosser[312], den Sandberg anzieht, meint freilich, die alten Aegypter hätten das Mehl jener Pflanze zum Backen verwendet, und wenn er recht hätte, würden Rückschlüsse auf die Phönizier ja nicht allzu fern liegen. Das Citat aus Schlosser lautet: „Das gewöhnliche Brot, von welchem man neuerdings noch einiges in Gräbern gefunden hat, war aus Durrah oder Moorhirse bereitet; ausserdem hatte man auch Brot von anderen Getreidearten“. Ganz entgegengesetzter Ansicht ist de Candolle[313], welcher meint: „In den Gräbern des alten Aegypten hat man das Vorkommen der Kafferhirse nicht mit Sicherheit nachgewiesen“. Mir scheint die Stelle aus Schlosser ohne Quellenangabe, wie sie ist, und ganz allgemein gehalten, wenig überzeugende Kraft zu haben. Es fehlt jeder Nachweis darüber, in welcher Gegend Aegyptens diese Durrah enthaltenden Gräber lagen, ob im Delta oder weiter oberhalb, und das würde doch, wenn wir für das Alterthum in Betreff dieser Pflanze dieselben Verhältnisse annehmen, wie sie uns für das Mittelalter verbürgt sind, von grosser Wichtigkeit bei der Entscheidung der Frage nach dem Backmaterial sein. Der Fellah in Oberägypten mag sein Brot aus Durrah hergestellt haben, ohne dass der phönizische Schiffer an der Mündung des Flusses dasselbe that. Auch wird es nicht gleichgültig für die Beurtheilung unserer Frage sein, welchem Stande die Leute angehört haben, in deren Gräbern man Durrahbrot gefunden hat. Im alten Reiche war es ein Privilegium der besseren Kreise, sich eine Art der Bestattung zu vergönnen, welche den Zweck erfüllte, den Stürmen der Zeit Widerstand zu leisten; im mittleren und noch mehr im neuen Reiche ist diese Sitte allgemein geworden, alle Schichten des Volkes nehmen an ihr Theil, vom hohen Beamten bis zu den Inhabern der niederen Stellen herab; selbst Gräber von Privatleuten und Handwerkern sind mit Sicherheit nachgewiesen, und leicht mögen sich auch die Bauern in ähnlicher Weise haben bestatten lassen[314]. Diese letzteren befanden sich aber in einer kümmerlichen Lage; sie waren grösstentheils unfrei, wie die Natur des Landes es mit sich bringt, welche in Folge der grossen Ueberschwemmungen, gegen die der einzelne machtlos ist, die Menschen zwingt, sich zusammenzuthun zum gemeinsamen Kampfe, in dem sich dann naturgemäss der weniger Bemittelte dem Wohlhabenden unterordnet. Kurzum, es war mit der Bauernbevölkerung am Nil vor zwei bis drei Jahrtausenden genau wie heute: die Lebensweise dieser Leute war ausserordentlich dürftig. Nun mag Durrah dem einen absolut nicht munden, dem andern wie Kuchen schmecken, eine für den täglichen Konsum minderwerthige Sorte Brotes als Weizen und Gerste giebt sie auf alle Fälle[315], und ist es nicht unwahrscheinlich, dass der ägyptische Ackersmann der alten Zeit in seinen traurigen Verhältnissen gezwungen war, sich des Mehles dieser Pflanze zum Backen zu bedienen. Leider theilt uns Schlosser nun nicht mit, welches Standes die Leute gewesen sein mögen, in deren Gräbern man Durrahbrot gefunden hat; waren es vielleicht bäuerliche Grabkammern, so würde das für die Ernährungsweise der Phönizier noch gar nichts beweisen. Dieser wesentlich Handel und Seefahrt treibende Bruchtheil der ägyptischen Bevölkerung wird in einer finanziell ungleich günstigeren Lage gewesen sein als die armen Fellahs, und es leuchtet ein, dass demnach die Ernährungsweise der letzteren auf die jener besser situirten Leute keine Rückschlüsse gestattet. Die hinsichtlich des Proviantes und des Saatkornes aufgestellte Behauptung Sandbergs wird sich also auch durch das Citat aus Schlosser nicht stützen lassen, und dieser Umstand im Verein mit dem, was sonst gegen die von jenem Forscher vorgebrachte Ansicht gesagt ist, dürfte die Mitnahme von Durrah in hohem Grade unwahrscheinlich machen. Ich komme also darauf zurück: Die Kornfrucht der Phönizier entstammt den Pflanzen, welche Herodot[316] in erster Linie als σῖτος bezeichnet, dem Weizen oder allenfalls der Gerste, die man beide, wie die heilige Schrift bezeugt, und wie das Stroh beweist, das man in ungebrannten Ziegeln findet[317], im Alterthume in Aegypten baute. Nun wissen wir zwar durch Herodot[318], dass die Aegypter das aus diesen Pflanzen hergestellte Brot verschmähten, was ja nach Delile[319], der ausdrücklich bestätigt: „L’orge est le grain que les Égyptiens donnent aux chevaux“, hinsichtlich der Gerste auch heute noch der Fall ist, aber es liegt nicht der geringste Grund zu der Annahme vor, dass die Phönizier diesen Abscheu getheilt hätten. Im Gegentheil, wir dürfen aus der bekannten Thatsache, dass in vielen Mumiengräbern sich Weizenkörner gefunden haben, vielmehr mit Sicherheit schliessen, dass garnicht einmal alle Aegypter, sondern vielleicht nur die gesellschaftlichen Kreise oder die Landstriche, mit denen Herodot in Berührung kam, sich ablehnend gegen Brot aus diesem Getreide verhielten. Weizen, das Hauptprodukt Aegyptens, haben meiner Ansicht nach also die Phönizier mit auf die Reise genommen, von dieser Frucht ihr Brot gefertigt und die Körner derselben gesäet. Daneben könnte man noch an Gerste denken, wenn auch deren Name „oberägyptisches Getreide“[320] ihre Verwendung weniger wahrscheinlich macht; da diese sich aber in allen für unsere Abhandlung wichtigen Fragen – Säen, Fortkommen und Ernten – ganz ähnlich verhält wie der Weizen, werde ich im Folgenden nur letzteren ins Auge fassen, wobei ich die eventuelle Substituirung jener andern Getreideart jedem Leser überlasse.
Zur Bekräftigung der eben vertretenen Ansicht, σῖτος bedeute an unserer Stelle Weizen, wird es sich noch empfehlen, im Folgenden zu untersuchen, ob die Bewohner des unteren Nilthales sich vorwiegend von Brot aus dem Mehle dieser Pflanze nährten; lautet die Antwort bejahend, so muss die Annahme, die Phönizier hätten anderes Getreide mitgenommen, von selbst ausgeschlossen erscheinen. Nach der soeben mitgetheilen Behauptung Herodots, betreffend die Abneigung der Aegypter gegen Weizenbrot, könnte es nun zwar – zumal da sie, wie wir aus den Opferlisten der Gräber wissen, mindestens 16 verschiedene Arten Brot und Kuchen kannten[321] – den Anschein haben, als wenn dieser Nachweis schwerlich glücken dürfte, und doch ist er möglich, denn in den allgemeinen Begriff Weizen können wir zweifellos die Abart des Spelzes oder, wie man in andern Gegenden Deutschlands sagt, des Dinkels hineinbeziehen, und diese wurde in Aegypten als Nahrungsmittel in ausgiebigster Weise verwendet: malte sich doch die Phantasie des dort ansässigen Bauern das Paradies als ein Gefilde, wo sie sieben Ellen hoch würde[322]. Die Griechen hatten – wie wir – zwei Namen für den Spelt, und Herodot sagt ausdrücklich[323]: „Die Aegypter leben von ὄλυρα, welche andere ζειά nennen“. De Candolle bezweifelt zwar das Vorkommen des echten Spelzes in Altägypten und den benachbarten Ländern[324], aber der angeführte Ausspruch Herodots lässt es mindestens sehr zweifelhaft erscheinen, ob er recht hat. Sehr erschwert werden Untersuchungen wie die vorliegende leider dadurch, dass die griechischen Autoren die Cerealien in so kurzer und nichtssagender Weise beschrieben haben und in Folge davon der Sinn, den sie mit ihren Worten haben verbinden wollen, häufig genug ganz unsicher erscheint[325]. Immerhin aber gewinnt aus mancherlei Gründen die Ansicht, dass in Aegypten irgend eine Weizenart – gleich viel welche – gebaut wurde und diese an unserer Stelle unter σῖτος zu verstehen sei, grosse Wahrscheinlichkeit. Nicht nur wies der fette Boden seine Bewohner wesentlich auf die Kultur dieses Getreides hin[326], sondern auch die Denkmäler zeigen Weizen als Ernteprodukt, wie ja auch heute noch diese Kornfrucht für das Land des untern Nil von hoher Bedeutung ist. Thomé bezeugt dies ausdrücklich, wenn er sagt: „Weizen und Mais, zu denen in Oberägypten die Mohrenhirse und im Delta Reis hinzutreten, sind die am meisten gebauten Getreide“[327]. War doch auch Aegypten während des ganzen Alterthums von den Zeiten Josephs[328] bis auf die des römischen Kaiserreiches[329] die Kornkammer seiner Nachbarländer, deren Bedarf an Weizen es grossentheils deckte, und wie sehr diese Erdstelle als Hauptproduktionsstätte jener nützlichen Pflanze angesehen wurde, zeigt uns das Urtheil Diodors[330], der sie geradezu als Vaterland der Weizenkultur rühmt. Ist seine Ansicht nun auch keineswegs richtig, so mag sie doch als Beweis dafür gelten, wie gut das fragliche Bodenerzeugniss dort gedieh. De Candolle[331] belehrt uns, dass sehr alte Denkmäler Aegyptens, aus der Zeit vor der Invasion der Hyksos, diese Kultur als eine schon begründete hinstellen, und wenn – wie erwähnt – in den Mumiensärgen vielfach Weizen gefunden wurde, so ist das bezeichnend genug für die Rolle, welche ein Getreide spielte, das Unger[332] mit Recht als die wichtigste der ägyptischen Kornfrüchte hinstellt. Wie unerschöpflich die Produktionsfähigkeit des Landes in Bezug auf Weizen war, zeigt uns die Notiz des Plutarch in seiner Vita des Perikles[333], wo er erzählt, der König von Aegypten habe den Athenern 40000 Scheffel dieses Getreides geschickt. Der betreffende König kann nur Amyrtäus gewesen sein[334], und er konnte das Geschenk machen, nachdem Theile Aegyptens 20 Jahre lang vom Kriege verheert worden waren. Hier wird übrigens nicht im allgemeinen von σῖτος gesprochen, sondern es heisst τετρακισμυρίουσ πυρῶν μεδίμνους, und wenn Link[335] nachweist, dass in den späteren Zeiten des Alterthums σῖτος geradezu für πυρός gebraucht wurde, also die besondere Bedeutung „Weizen“ annahm, so ist dies gewiss ein Grund mehr für die Richtigkeit der Vermuthung, das Wort könne auch bei Herodot dasselbe bezeichnen. Dafür dass die Phönizier sich wesentlich aus diesem Getreide ihr Brot gefertigt haben, spricht übrigens ferner der Umstand, dass in ihrer syrischen Heimath Weizen und Gerste am häufigsten gebaut wurden[336]; und wenn Herodot erzählt, die Aegypter hätten das Mehl jener Früchte nicht zum Backen benutzt, und dies als etwas besonders Bemerkenswerthes hinstellt, das sie von andern Leuten unterschied, so dürfen wir daraus doch ebenfalls schliessen, dass die erwähnten Getreidearten andern Völkern, also doch auch wohl den seekundigen Fremdlingen, ihr wichtigstes Nahrungsmittel gewährten. Zu der Annahme aber, die Phönizier, welche ihre Heimath verliessen und in Aegypten Kolonieen gründeten, hätten ihre Lebensweise geändert, liegt gar kein Grund vor. Wenn wir für ausgemacht halten dürfen, dass die ägyptische Handelsflotte, so weit es überhaupt eine solche gab, bei der Abneigung der Aegypter gegen das Meer, in Händen phönizischer Kaufleute und Schiffer war, so ist damit zugleich gesagt, wo diese sassen, nämlich im Delta, und hier fehlte es zur Zeit des neuen Reiches sicherlich an dem trefflichsten Marschboden für Weizenbau nicht. Kurz, man mag die Frage erörtern, wie man will; es wird stets dasselbe resultiren: die Phönizier lebten, was ihre vegetabilische Nahrung anbetraf, wesentlich von Weizenbrot, und σῖτος kann hier nichts anderes bedeuten als Weizen eventuell Spelz – oder – wie ja immer mit eingeschlossen – Gerste.