Meeresströmungen.

Zu demselben Resultate werden wir auch bei Betrachtung der für die Umsegelung jedenfalls nicht minder wichtigen Meeresströmungen kommen, worauf schon Rennell hingewiesen hat. Eine Ausnahme macht freilich sogleich das rothe Meer, in welchem von Oktober bis April ein der Route unserer Reisenden entgegengesetzter Strom herrscht, der diese bei den wenig günstigen Windverhältnissen bestärken musste, sich der Ruder zu bedienen. Von Kap Guardafui an bis zur Nordspitze von Madagaskar hatten sie dann aber die periodische Strömung für sich, welche hier die Küste zur Zeit des südlichen Sommers begleitet. Ganz unverständlich ist mir, wie der sonst so sorgfältige Heffter dazu kommt, die Fahrt an dem östlichen Gestade Afrikas in der Richtung von Nord nach Süd für besonders schwierig zu erklären; Winde und Strömungen waren entschieden günstig, und es bleibt somit kaum etwas anderes übrig, als die Annahme, dass statt Westküste durch ein Versehen Ostküste gesetzt ist. Die Bewältigung der nun folgenden Strecke bis zum Aequator auf der Westseite des Erdtheils wurde den Schiffern erleichtert zunächst durch die Mozambique-, später durch die Agulhas- und die atlantische Strömung, die ihnen alle von Vortheil waren. Die erste von diesen steigert sich im Kanal von Mozambique und weiter südlich zu bedeutender Schnelligkeit, so dass sie an einzelnen Stellen über 130 km in 24 Stunden zurücklegt, und von der gefürchteten Agulhas- oder Kapströmung wissen wir durch eine von Sandberg aus „Uitkomsten van Wetenschap en Ervaring, uitgegeven door het Koninklijk Nederlandsch Meteorologisch Instituut 1857“ ausgezogene Notiz von Andrau, dass sie für die in unmittelbarster Nähe der Küste Fahrenden viel von ihren Schrecken verliert[252]; der atlantischen Strömung aber kommt zwar an der Westküste ungefähr von 25-15° s. Br. dicht am Ufer ein nördlicher Strom entgegen, doch ist dieser nicht so stark, dass die Phönizier ihn nicht mit Hülfe des günstigen Windes leicht hätten überwinden können. Vom Aequator bis zur Strasse von Gibraltar hatten sie dann freilich gegen eine starke Strömung, die nordafrikanische, anzukämpfen – bei Kap Palmas legt diese ca. 50 km in 24 Stunden zurück –, doch vermindert sich später diese Schnelligkeit und beträgt bei Kap Blanco nur noch 20 km in derselben Zeit. Die Gewalt dieser Strömung, so bedeutend sie ist, wird unsern Schiffern aber keine Schwierigkeiten bereitet haben, deren sie nicht hätten Herr werden können; sind doch die Portugiesen unter Vasko da Gama im Kanal von Mozambique gegen die erwähnte bedeutend stärkere angefahren, und ihre Hülfsmittel zur Bekämpfung solcher Hindernisse waren doch schwerlich wesentlich andere als die der Phönizier. Der Vortheil, der sich den Portugiesen, als sie den südlichen Eingang zur Strasse von Madagaskar durchsegelten, durch den SO-Passat im Gegensatze zu den Phöniziern bot, welche bei Kap Palmas halb konträren Wind hatten, wird durch die fast dreimal stärkere Mozambique-Strömung aufgewogen. An der Nordküste Afrikas fuhren unsere Schiffer dann wieder bis zum Nil hin mit dem Strom[253]. So war also auch, was die Strömungen anbetrifft, der Theil der Fahrt vom Aequator an der Nordwestküste entlang bis zur Strasse von Gibraltar bei weitem der schwierigste[254]. Im allgemeinen lagen aber in dieser Beziehung, wie aus Vorstehendem erhellt, die Verhältnisse genau so, wie hinsichtlich der Winde: ein ernstliches Hinderniss für die Phönizier konnte aus ihnen nicht erwachsen, und Bähr hat Recht, wenn er sagt[255]: „cum navigatio hac ex parte (vom rothen Meere um das Kap nach der Strasse von Gribraltar) instituta totidem fere praebeat commoda, quot incommoda exsistunt, contraria a parte si navigationem instituere velis“.

Konstellation.

Wenden wir uns nun von der Luft und dem Wasser dem Firmamente zu! Einen der vielen Gründe zum Zweifel an der Fahrt der Phönizier hat man aus dem Umstande herleiten wollen, dass in dem Berichte über dieselbe garnicht von Veränderungen der Konstellation die Rede ist. Aber auch hierin kann ich nichts Auffallendes entdecken. Die Phönizier benutzten zwar, wie Strabo erzählt, als Leitgestirn, nach dem sie sich orientirten, den kleinen Bären[256], genauer gesagt, wohl den Polarstern[257], bekanntlich einen Bestandtheil jenes Sternbildes, nicht, wie Gosselin[258] wunderbarerweise aus der Notiz über den Stand der Sonne schliessen will, diesen Himmelskörper. Wenn aber der genannte Gelehrte fragt, ob es nicht einleuchtend sei, dass die Phönizier die Fahrt überhaupt nicht gemacht, da sie nichts davon verlauten liessen, dass sie diesen ihren Führer auf der südlichen Halbkugel nicht mehr erblickten, so werden wir, ohne mit der Wahrheit in Konflikt zu gerathen, ruhig antworten können: keineswegs. Selbstverständlich werden sie freilich das Verschwinden desselben bemerkt, vielleicht auch unangenehm bemerkt haben – denn es erinnerte sie ja an die grosse Entfernung von der Heimat –, aber eine nennenswerthe Bedeutung für sie hatte es nicht. Der Polarstern war ihnen, soweit er überhaupt zur Orientirung benutzt werden konnte, also nördlich vom Aequator, natürlich unentbehrlich, wenn es galt, sich auf hoher See zurechtzufinden und den richtigen Kurs innezuhalten; bei dieser Expedition aber würde er erst in zweiter Linie gestanden haben, selbst wenn sie ihn hätten sehen können; ihre Reise war ja eine Küstenfahrt und die Uferlinie der Ariadnefaden, der sie unter allen Umständen, im schlimmsten Falle durch Wenden der Schiffe, aus dem Labyrinth des unendlichen Meeres der Heimath wieder zuführen musste. Wer aber meint, sie würden erstaunt gewesen sein, den erwähnten Stern unter der Linie aus den Augen zu verlieren, irrt sicher; waren sie doch schon durch ihre Reisen auf dem rothen Meere gewohnt, ihn bei Fahrten in südlicher Richtung tiefer und tiefer sinken zu sehen. Wenn sie daher dieser Erscheinung nicht Erwähnung thaten, so liegt darin nichts Auffälliges, und es würde ganz verkehrt sein, hieraus einen Beweis dafür entnehmen zu wollen, dass die Reise überhaupt nicht von ihnen ausgeführt sei. Aber selbst in dem Falle, dass sie von dem Verschwinden jenes Himmelskörpers erzählt haben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die ägyptischen Gewährsmänner Herodots davon nichts wussten; für ein Volk, welches der Seefahrt so fern stand, wie das der Pharaonen, hatte der Polarstern eine viel zu untergeordnete Bedeutung, als dass eine auf ihn bezügliche Bemerkung der phönizischen Schiffer besonderen Eindruck hätte machen können und wir erwarten dürften, die Erinnerung an dieselbe nach 150 Jahren noch lebendig zu finden. Für die Aegypter war die Sonne ungleich wichtiger, daher wandte sich ihr Interesse naturgemäss in erster Linie den auf sie bezüglichen Nachrichten zu, und das Wunder ihrer nördlichen Stellung wurde der Nachwelt überliefert, während eventuelle Nachrichten über das Verschwinden des Polarsterns der Vergessenheit anheimfielen.

Fehlen des Kompasses.

Genau so unüberlegt, wie die eben zurückgewiesene Ansicht, sind einige andere Behauptungen, durch die gezeigt werden soll, wie wenig Glauben der herodoteische Bericht verdiene. Ich rechne dahin diejenige, dass eine so weite Reise ohne Kompass garnicht hätte gemacht werden können. Dem gegenüber möchte ich fragen: Was nützte bei einer Fahrt am Ufer entlang ein solches Hülfsmittel? Rennell sagt mit Recht: „although it may be admitted as an unsurmountable obstacle to the discovery of America, in the way to which an extensive ocean was to be crossed, yet the voyage in question was a coasting voyage“[259].

Brandungen und Klippen.

Ich erwähne ferner die Bedenken, welche Andere, eben durch den Umstand veranlasst, dass die Expedition eine Küstenfahrt war, darauf gegründet haben, dass den Phöniziern Feinde erstanden, welche die Seeleute mehr fliehen als Sturm und Unwetter, nämlich Brandungen und Klippen. Aber, bemerkt hiergegen Junker sehr richtig[260], die Schiffer des Alterthums werden ihrer weit leichter Herr geworden sein als unsere Matrosen, da sie in Küstenfahrten eine ungleich grössere Uebung hatten.

Grund für die Aussendung mehrerer Schiffe.

Trotzdem war natürlich die Reise sehr gefahrvoll, und es lag nahe, die Möglichkeit eines Schiffbruches ins Auge zu fassen. So erklärt sich wohl, dass mehrere Fahrzeuge – die genauere Zahl kennen wir nicht – abgesendet wurden; hatte eins Unglück, so brauchte deshalb die Expedition noch nicht aufgegeben zu werden, sondern die Mannschaft konnte sich auf ein anderes retten. So fuhr auch Demokedes, als er seine Fahrt zur Erforschung Griechenlands unternahm, mit drei Schiffen aus[261]. Sataspes freilich hatte nur eins[262]; aus welchem Grunde, wissen wir nicht. Vielleicht war es ihm so vorgeschrieben, damit die Gefahr der Reise gesteigert würde. Möglich ist es, vielleicht wahrscheinlich, dass auf der langen Fahrt der Phönizier das eine oder das andere Schiff verloren gegangen ist. Man wird nach 150 Jahren bei dem vermuthlichen Mangel an schriftlicher Ueberlieferung schwerlich noch die Zahl der ausgesandten Schiffe gekannt haben; das Gros der Flotte war heimgekehrt und das Problem der Umschiffung gelöst, das genügte; der Verlust eines Schiffes oder auch mehrerer war dagegen so verschwindend, dass man sich begreiflicherweise nicht die Mühe gegeben hat, darüber der Nachwelt besondere Mittheilungen zu hinterlassen.