Die Quelle.

Herodot erzählt im 42. Kapitel des IV. Buches seines Geschichtswerkes Folgendes: „Es ist klar, dass Libyen vom Meere umflossen ist mit Ausnahme des Theiles, der an Asien grenzt, und dies hat Necho, der König von Aegypten, soweit wir wissen, zuerst bewiesen. Als dieser nämlich die Arbeiten an dem Kanale einstellen liess, der aus dem Nile in den arabischen Busen führen sollte, sandte er phönizische Männer zu Schiffe ab mit dem Befehl, auf der Heimreise durch die Säulen des Herakles zu fahren und so über das nördliche Meer nach Aegypten zurückzukehren. Die Phönizier segelten demgemäss aus dem rothen Meere ab und fuhren in das Südmeer. So oft die Saatzeit kam, landeten sie, bestellten das Feld, wo sie gerade in Libyen waren und warteten die Ernte ab. Wenn sie aber das Korn eingeheimst hatten, fuhren sie weiter, bogen nach Verlauf von zwei Jahren im dritten durch die Säulen des Herakles und gelangten nach Aegypten. Sie erzählten aber – was mir zwar nicht glaublich ist, vielleicht aber einem andern – dass sie bei ihrer Fahrt um Libyen die Sonne zur Rechten gehabt“[4].

Die nennenswerthesten Zweifler.

Diese wenigen Zeilen sind es, an welche der gewaltige wissenschaftliche Streit anknüpft; die Zahl der Kämpfer, über die jede Partei verfügt, ist nicht gering, und hier, wie da finden sich Namen von gutem Klang. Auf der einen Seite, derjenigen der Zweifler, stehen zunächst einige Schriftsteller des Alterthums[5]; sicher ist nämlich, dass man seit dem vierten Jahrhundert v. Chr. an die Umsegelung Afrikas durch die Phönizier, sowie an die Thatsache, welche durch sie bewiesen werden sollte, die Halbinselgestalt Libyens, nicht allgemein geglaubt hat[6]. Seit jener Zeit schon existiren also in der Beurtheilung unserer Frage zwei Parteien. Die alexandrinischen Gelehrten leugneten wunderbarerweise die Umschiffung[7], ebenfalls Posidonius, wie uns Strabo erzählt[8], auch dieser letztere Schriftsteller selbst; wenigstens nimmt er einen Theil der afrikanischen Küste als noch unbefahren an[9]. Dieser Zweifel Strabos an der Umsegelung Afrikas ist um so auffälliger, als er z. B. die Argonautenfahrt ohne Beanstandung als geschichtliche Wahrheit gelten lässt[10]. Sein Zeugniss in betreff der phönizischen Reise wird aber verdächtig durch den Umstand, dass er an einer Stelle sagt[11], alle, die versucht hätten, vom rothen Meere oder von den Säulen des Herakles aus Libyen zu umsegeln, seien nicht um die Südspitze herumgekommen, während er doch gleich darauf Afrika im Süden für umschiffbar erklärt. Woher konnte Strabo denn das aber wissen? Es ist klar, dass dieser Widerspruch Misstrauen erwecken muss und seinen Zweifel an der Umsegelung ohne Gewicht erscheinen lässt. Von namhafteren neueren Schriftstellern erheben Bedenken gegen die Wahrheit der Erzählung Bunbury[12], der Verfasser des Artikels „Africa“ in „The Penny Cyclopaedia“[13], Gosselin[14], Lelewel[15], welcher meint, dass genauere Betrachtung „zu kühnerem Zweifel an der Umschiffung ganz Afrikas, worüber so viel schriftstellerischer Fleiss sich vergebens angestrengt hat, geneigt macht“, Malte-Brun[16], der die Ansicht vertritt, dass die Fahrt überhaupt nicht stattgefunden habe oder höchstens eine entstellte Ueberlieferung sei, Vincent in seinem interessanten Werke[17] und vor allen Dingen Vivien de St. Martin[18]. Diesen schliessen sich an unsere Landsleute v. Bohlen[19], Bredow[20], Forbiger[21], sowie Mannert[22], der die Umschiffung „vielleicht wahrscheinlich“ nennt, dessen Scheingründe für die geäusserten Zweifel aber von Heffter[23] gründlich widerlegt sind. Die hier angeführten Namen repräsentiren die gelehrten Zweifler jedoch durchaus nicht erschöpfend; sie nennen nur einige der bedeutendsten und lassen der Vervollständigung weiten Spielraum. Jedenfalls hat Wheeler Recht[24], wenn er die Ueberlieferung nennt: „a narrative, which was evidently believed by Herodotus and his contemporaries, but rejected by succeeding authors and doubted by many of the ablest geographers of modern times“.

Die namhaftesten Vertheidiger.

Diesen zahlreichen Ungläubigen steht nun aber eine nicht minder stattliche Schaar von Schriftstellern gegenüber, welche mit grösserer oder geringerer Ueberzeugung für die Glaubwürdigkeit des herodoteischen Berichtes eine Lanze eingelegt haben. Aus dem Alterthum ist uns zwar nur ein Zeugniss durch Herodot selbst übermittelt, und dies ist nicht ganz unanfechtbar – denn ob die Worte IV, 43: „μετὰ δὲ Καρχηδόνιοί εἰσι οί λέγοντες“ bedeuten sollen, dass die Karthager die vorausgegangene Erzählung von der Fahrt der Phönizier bestätigten, oder nicht vielmehr, sie hätten die Umschiffbarkeit Libyens selbst ausgekundet, ist fraglich –; die spätere Zeit stellt uns deren aber eine reiche Fülle zur Verfügung. Ich erwähne Dureau de la Malle[25], Grote[26], Maspéro[27], Quatremère[28], Rennel[29], Wheeler, der nach seiner eigenen Aussage in den meisten Punkten sich an Rennel anschliesst[30], ferner Bähr[31], Gesner[32], dessen Abhandlung persönlich einzusehen mir leider nicht gelungen ist, Heffter[33], die treffliche Arbeit Junkers[34], Knös[35], Sandberg, von dem wir eine sehr verdienstvolle Dissertation besitzen[36], Duncker[37], Heeren[38], Lieblein[39], A. v. Humboldt[40], Löwenberg[41], Paulitschke[42], Peschel, welcher freilich hinzusetzt: „Wenn wir uns auch einigen Zwang auferlegen müssen an solch hohe nautische Thaten zu glauben“[43], und – last, not least – Karl Ritter[44]. Ich bemerke ausdrücklich, dass auch diese Reihe von Vertheidigern der Erzählung des Herodot keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit macht; der kurze Ueberblick zeigt uns aber schon, dass auch auf dieser Seite gewichtige Namen vertreten sind.

Die Glaubwürdigkeit Herodots.

Naturgemäss werden wir uns nun beim Lesen eines Berichtes, der Zweifel an seiner Zuverlässigkeit erwecken kann und von irgend einer Seite verdächtigt wird, zunächst die Frage nach dem Charakter des Berichterstatters vorlegen und zu ergründen suchen, ob er unbedingtes Vertrauen verdient oder etwa die Vermuthung berechtigt erscheinen könnte, er habe uns täuschen wollen oder sei selbst getäuscht worden. Bei der Erörterung der Frage nach der Glaubwürdigkeit Herodots betreten wir nun zwar eine recht oft begangene Strasse; dies darf uns aber nicht abschrecken, denn ohne sie zu passiren, kommen wir nicht ans Ziel. Dass im allgemeinen aus seinen Werken grosse Wahrheitsliebe spricht, ist nur von Wenigen geleugnet worden, und diese Wenigen gehören dem Alterthume an; auch die neuere Forschung hat ihn vor ihr Tribunal gezogen, aber von dem Verdachte absichtlicher Täuschung völlig freigesprochen. Schon seine kindliche Schreibweise erweckt Vertrauen. Zwar verwirft er ja auch das Seltsamste nicht als unmöglich, aber „nicht aus Leichtgläubigkeit, sondern weil seine Erfahrung ihm die Wirklichkeit der sonderbarsten Dinge gezeigt hat, welche er innerhalb der Grenzen der Heimath für unmöglich gehalten haben würde“[45]. So findet sich in seinem Werke genug des Wunderbaren, ja des Fabelhaften, doch alles dieses ist nicht im Stande gewesen, in den gediegensten Forschern die Vermuthung wachzurufen, er habe seine Leser absichtlich täuschen wollen. Doch hat er das Schicksal vieler Reisenden getheilt, die von Dingen erzählten, welche der Mitwelt und zum Theil auch noch der Nachwelt als Wunder erschienen: Die ersten Zweifel an seiner Wahrheitsliebe sind das Signal gewesen, auf welches hin ein allgemeiner Angriff auf seine Zuverlässigkeit stattgefunden hat; wohl über keinen der alten Historiker ist mehr Zank und Streit gewesen, und erbittert ist oft die Fehde entbrannt[46]. Das Resultat war, dass man seine Glaubwürdigkeit im Allgemeinen nicht mehr anzweifelt, wenn ja auch dies oder jenes mit Recht jetzt noch Widerspruch erfährt und immer erfahren wird. Eine Betrachtung im Einzelnen wird dies mildere Urtheil begründet erscheinen lassen, denn offen und ehrlich bekennt Herodot in vielen Fällen seine Unwissenheit und verschweigt nicht, wo er nur Vermuthungen bietet. Er erzählt nur das als sicher, was er genau zu wissen meint[47], und gesteht ein, wenn er ungenau über etwas unterrichtet ist[48]; es liegt ihm gänzlich fern, in solchem Falle die Leser mit Märchen zu unterhalten[49]. Auch wenn ihm das eine oder das andere als nicht ganz zuverlässig gemeldet wird, registrirt er diesen Umstand sorgfältig[50]; ist er aber bei zwei Darstellungen einer und derselben Sache zweifelhaft, welche vorzuziehen sei, so prüft er sie entweder auf ihre Wahrhaftigkeit und trifft demnach seine Auswahl[51] oder theilt beide mit, dem Leser anheimstellend, für welche er glaubt, sich entscheiden zu müssen[52]. Vor allem aber macht Herodot stets als gewissenhafter Berichterstatter einen Unterschied zwischen dem, was er selbst gesehen und erlebt, und dem, was er nur von andern gehört hat[53]. Dass er bei Ueberlieferung von Nachrichten ersterer Art wahrheitsgetreu verfahren ist, können wir in vielen Fällen noch jetzt beweisen; so sind seine Angaben über asiatische Verhältnisse, die vielfach Angriffe erfuhren, grossentheils durch nunmehr entzifferte Keilinschriften bestätigt worden, und derartige Beglaubigungen seiner historischen Treue sprechen naturgemäss auch für Zuverlässigkeit in vielen andern Dingen. Wohl erscheint ja Herodots Erzählung manchmal wunderbar und sagenhaft und schreitet scheinbar mehr in dem Gewande phantasiereicher Dichtung als in dem ernster Geschichtsschreibung einher, doch würde man unrecht thun, ihn deswegen der Uebermittlung absichtlich lügenhafter Berichte zu zeihen; pflegt er doch, wo ihm Zweifel an dem, was er aufzeichnet, kommen, gewissenhaft dem allzu vertrauensseligen Leser durch eine passend eingeflochtene Bemerkung eine Warnungstafel zu errichten. Ja, an manchen Stellen verhehlt er seinen eigenen Unglauben keineswegs, wenn er sich deshalb auch nicht für berechtigt hält, seiner Pflicht als Geschichtsschreiber durch Verschweigen untreu zu werden, wie II, 123, wo es heisst: „Diese Geschichte mag glauben, wer will; ich theile mit, was überliefert ist.“ Mit vollem Rechte haben ihm daher auf Grund solcher Erwägungen berufene Beurtheiler der Neuzeit, wie beispielsweise unter den Litterarhistorikern Otfried Müller, unter den Geographen – was hier doch besonders wichtig – Vivien de St. Martin, der sich zwar, wie oben erwähnt, der Umsegelung Afrikas gegenüber zweifelnd verhält, und viele andere das Zeugniss grosser Wahrheitsliebe nicht verweigert[54].

Können wir demnach fest überzeugt sein, dass Herodot uns nicht absichtlich täuscht, so wollen wir uns andrerseits nicht verhehlen, dass er ein recht schwacher Kritiker ist. Er prüft und kritisirt wohl, aber eigentlich kritisches Talent besitzt er nicht, und Stein charakterisirt ihn treffend mit folgenden Worten[55]: „Jene unwandelbare Kritik, die in den Kern der Dinge dringt, unbekümmert, ob darüber die Form der Tradition zertrümmert wird, war seiner treuherzigen, schonenden Natur fremd.“ Dürfte uns die Ansicht gewisser Schriftsteller des Alterthums leiten, so würden wir freilich gezwungen sein, wie manches andere, so auch den Bericht über die phönizische Expedition mit starkem Misstrauen zu lesen; die Urtheile, welche seine mangelnde kritische Befähigung zumal bei zweien seiner Volksgenossen hervorgerufen hat, sind hart genug. Ich denke, indem ich dies schreibe, an Aristoteles und Plutarch; der erste hält ihn für einen Fabulisten[56], und der andere lässt an der ganzen Art seiner Berichterstattung kein gutes Haar[57]. Auf alle Fälle ist also beim Lesen seines Werkes Vorsicht geboten, und wir werden ihm daher die Nachricht über die Expedition auf sein Wort trotz seiner anerkannten Wahrheitsliebe nicht ohne weiteres glauben dürfen, sondern alle in Betracht kommenden Verhältnisse einer sorgfältigen Prüfung unterwerfen müssen.

So würde es sich z. B. empfehlen, zunächst zu fragen, wie es denn hinsichtlich der Zuverlässigkeit der übrigen Nachrichten aussieht, welche Herodot über Aegypten mittheilt, und da werden wir bei kompetenten Beurtheilern die Ansicht vertreten finden, dass diese, trotz mannigfacher Irrthümer im einzelnen, im ganzen und grossen durch spätere Forschungen bestätigt sind, und zwar sowohl die geschichtlichen, wie die dem Gebiete der Landeskunde angehörigen, so dass der Geograph Vivien de St. Martin eben so recht hat, wenn er über das, was Herodot in Aegypten erfahren, in seiner Histoire de la géographie, p. 85, urtheilt: „ses informations, içi comme partout d’une remarquable exactitude ...“, wie der Aegyptolog Lieblein, wenn er in seinem oben zitirten Werke, p. 77, sagt: „Die neuere historische Kritik ist übrigens zu der Erkenntniss gekommen, dass Herodot nicht, wie man früher wähnte, ein Fabler sei, den man ungestraft vernachlässigen kann, sondern ein in all seiner Naivetät wahrhafter Erzähler, zu dem man Vertrauen haben muss.“ Vor den Urtheilen so gewichtiger Autoritäten wird nun aber auch der Vorwurf in sich zusammensinken, dass Herodot seine Leser unabsichtlich getäuscht, indem er, der Sprache des Nillandes vielleicht nur oberflächlich kundig, seine ägyptischen Gewährsmänner nicht ganz richtig verstanden habe. Wir dürfen nach den Aeusserungen der eben zitirten Gelehrten mit Fug und Recht annehmen, unser Schriftsteller sei im Stande gewesen, einer ihn sicherlich wegen ihrer scheinbaren Absurdität in hohem Grade interessirenden Nachricht, wie diese Mittheilung war, auf den Grund zu gehen. Wesentlich ist ihm bei dem Bestreben, nur Zuverlässiges zu berichten jedenfalls auch die Menschenkenntniss, welche er auf seinen weiten Fahrten erworben, zu statten gekommen; als er in Aegypten weilte, hatte er bereits Assyrien, Medien und Persien bereist[58]. Der Verkehr mit den verschiedensten Volksstämmen und Individuen hatte sein geistiges Auge geschärft, so dass er ohne Mühe erkennt, wenn jemand ihm etwas aufbinden will und sich mit ihm nach dieser Richtung hin einen Scherz erlaubt[59]. Vor Täuschungen, welche in einem derartigen Bestreben ihren Ursprung haben könnten, dürfen wir uns daher als gesichert betrachten und können ohne Bedenken behaupten, dass Herodot nicht nur geneigt, sondern auch befähigt war, die Wahrheit zu erkunden und zu übermitteln[60].