Persönlich hatte er jedenfalls keinen Grund, an der Wahrheit jener Erzählung zu zweifeln. Seine ägyptischen Nachrichten hat Herodot nach der landläufigen Annahme grösstentheils von den dortigen Priestern erhalten. Dass diese Vermuthung richtig ist, lässt sich aus mehreren Stellen seines Werkes mit einiger Sicherheit schliessen[61]. Zu beweisen ist sie freilich nicht, und der Zweifel, den Junker in seiner Abhandlung[62] äussert, kann nicht strikte widerlegt werden; es erscheint aber doch nicht gerade wunderbar, dass Herodot sich, um Auskunft über dies und das zu erhalten, an diejenigen Männer wandte, welche er mit Recht als die gründlichsten Kenner ihrer Heimath und der Geschichte ihres Volkes ansah, und dass er bei dieser Gelegenheit auch von der phönizischen Expedition hörte. Auf alle Fälle werden seine Gewährsmänner – ob nun, wie in erster Linie zu vermuthen, Priester oder nicht – Leute gewesen sein, denen er glaubte vertrauen zu dürfen, denn nicht an der Fahrt selbst zweifelt er, sondern die ihm unerklärliche Stellung der Sonne scheint ihm unglaublich.
Aber auch aus innern Gründen die Nachricht anzuzweifeln, lag für ihn keine Veranlassung vor. Dass eine Umschiffung Afrikas im Süden – rein geographisch betrachtet – möglich sei, nahm das herodoteische Zeitalter wohl allgemein an, und das war nicht wunderbar. Homer und seine Zeitgenossen hielten für ausgemacht, dass im Westen und Osten die Landmassen vom Oceanus umgeben würden, der durch den Phasis und die Strasse von Gibraltar mit dem mittelländischen Meere in Verbindung stände. In Betreff der Begrenzung der Länder im Norden und Süden fehlte ihnen jede positive Kenntniss, nicht aber eine Vermuthung, dahin zielend, dass diese beiden Enden der Welt durch Umströmung mit den Gegenden des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs verbunden seien. Da konnte den Völkern zur Zeit des Herodot, denen die Meere, welche die Ost- und Westküste Afrikas bespülen, zum Theil bekannt waren, die Annahme nicht fern liegen, dass diese durch eine sie im Süden verbindende Wasserwelt eins seien und der Schifffahrt um die Südspitze Libyens kein Hinderniss im Wege stehe. Ebenso wenig konnte sich Herodot aber an dem Zeitmasse der Umsegelung stossen, denn zu dem, was die Schiffe des Alterthums an Schnelligkeit leisten konnten, stand die Dauer der phönizischen Reise, wie unten gezeigt werden wird, durchaus in keinem Missverhältnisse. Und sollte denn – bei aller Achtung, die auch er sicherlich der Kühnheit eines so grossartigen Unternehmens zollte – ihm diese Fahrt etwa wegen ihrer Gefahren und Beschwerden so unmöglich erschienen sein, dass er glauben musste, man erzähle ihm ein Märchen? Wir können dies nicht annehmen; wir werden vielmehr verstehen, warum Herodot der Erzählung ohne hierauf bezügliche Bedenken Glauben entgegenbrachte, sobald wir uns erinnern, dass unser Schriftsteller nach der Verbannung aus seiner Vaterstadt in Samos gelebt und hier gewissermassen eine zweite Heimath gefunden hatte. Von Samos war aber Koläos zu seiner berühmten Reise ausgefahren, und wer, dem, wie Herodot doch jedenfalls, die Erzählung von dieser kühnen Meerfahrt bekannt war, hätte zweifeln sollen, dass eine Expedition wie die der Phönizier möglich sei?
Fassen wir nun kurz zusammen, was sich als Resultat über die Glaubwürdigkeit unseres Berichterstatters ergiebt, so lässt sich dasselbe etwa dahin präzisiren, dass wir zwar seine Schwäche als Kritiker nicht leugnen können, andrerseits aber an seiner Wahrheitsliebe nicht zweifeln und keinesfalls ihm die Absicht zutrauen dürfen, uns mit Fleiss zu täuschen. Wir haben ferner keine Berechtigung, ihm die Fähigkeit abzusprechen, seine Gewährsmänner nach ihrem wahren Werth zu beurtheilen, seine ägyptischen Nachrichten im allgemeinen für unzuverlässig zu erklären oder Erstaunen darüber zu äussern, dass er speziell der Erzählung von der Umsegelung ohne Zweifel an ihrer Wahrheit lauschte und sie weiter verbreitete. Dagegen sind wir in der Lage, die oben über ihn verzeichneten ungünstigen Aeusserungen als durchaus unrichtig oder gar böswillig zurückzuweisen und von vorn herein der Prüfung des Berichtes näher zu treten ohne Vorurtheil gegen den, welcher ihn erstattet.
Die Zuverlässigkeit der muthmasslichen Gewährsmänner Herodots.
In zweiter Linie werden wir gut thun, um zu einem sichern Urtheil über die Glaubwürdigkeit der in Betreff der phönizischen Expedition uns überlieferten Nachricht zu gelangen, uns über die Zuverlässigkeit der muthmasslichen Gewährsmänner Herodots, der ägyptischen Priester, ein Urtheil zu bilden. Wir sind glücklicherweise bei dem Material, welches wir durch unsern Schriftsteller selbst und an andern Stellen aufgezeichnet finden, dazu im Stande. Dahin gehört zunächst eine Bemerkung des Strabo, der die ägyptischen Priester als „geheimnissvolle und ungern mittheilende Menschen“[63] bezeichnet. Hieraus dürfen wir vielleicht den Schluss ziehen, dass sie nur gegen die sich äusserten, welche sich ihres besonderen Wohlwollens erfreuten, können aber andererseits dann auch nicht annehmen, dass sie solche Männer zu hintergehen und durch falsche Berichte zu täuschen suchten. Da sie es nun, wie wir gesehen haben, höchst wahrscheinlich waren, welche dem Herodot Mittheilungen zukommen liessen, liegt die Vermuthung von vornherein nicht gerade nahe, dass diese auf Täuschung berechnet gewesen seien. Die weiten Reisen, welche Herodot bereits gemacht hatte, als er ägyptischen Boden betrat, mochten in einer Zeit, die an Verkehrsmitteln bequemer Art so arm war, wie das 5. Jahrhundert v. Chr., noch weit mehr imponiren als heutzutage und dem kühnen Wanderer von vorn herein eine begünstigte Ausnahmestellung in den Augen von Männern sichern, zu denen er kam mit der Bitte, ihn auch in ihres Landes Geschicke und Sitten einen Einblick thun zu lassen. Freilich lag ja unter diesen Umständen die Versuchung nahe, Bilder zu entwerfen, die mehr darauf berechnet waren, Bewunderung wach zu rufen, als die Verhältnisse der Wahrheit gemäss darzustellen, zumal wenn wir das natürliche Bestreben der Gewährsmänner in Betracht ziehen, über ihr Volk und ihre Heimath nicht minder Grossartiges und Interessantes zu berichten, wie der Hörer bereits über die mächtigen Reiche erkundet hatte, in die ihn sein Weg vorher geführt. Die Möglichkeit also, dass Herodot in Bezug auf die phönizische Expedition einer schlau berechneten Täuschung zum Opfer gefallen sei, könnte im ersten Augenblicke als ziemlich nahe liegend erscheinen, besonders wenn man die nicht wegzuleugnende Ruhmredigkeit der ägyptischen Priester in Betracht zieht, die trotz achtbarer Leistungen alter, wie neuer Zeit auf diesem Gebiete doch wohl unübertroffen dastehen möchte. Wem daran liegt, sich von der staunenswerthen Fertigkeit derselben nach dieser Seite hin eine Vorstellung zu machen, dem sei die Lektüre des Gedichtes auf Ramses II., vom Tempeldiener Pentaur verfasst, warm empfohlen[64]. Auch sonst hat jener Nationalheld herhalten müssen als Spiegelbild ägyptischer Grösse, und die Ausschmückung seiner Feldzüge zeigt uns auf Schritt und Tritt, wie die Historiographen des Nilthales – und das können doch nur die Priester gewesen sein – es verstanden, auf Kosten der Wahrheit Grossthaten ihrer Könige und ihres Volkes zu erfinden[65]. Auch das ist nicht unverdächtig, dass Herodot von den ägyptischen Verhältnissen meistens nur das für Aegypten günstig Lautende weiss; das weniger Ruhmreiche haben ihm seine Gewährsmänner wohlweislich verschwiegen, und wenn wir nicht durch andere Quellen darüber aufgeklärt wären, dass es auch sehr trübe Zeiten für das Land der Pyramiden gegeben hat, würden wir uns unter Zugrundelegung des herodoteischen Berichtes allein von manchen Perioden ein völlig falsches Bild machen. Beispielsweise hat Herodot sicherlich nicht das Geringste davon erfahren, dass jemals Assyrier über das Nilthal geherrscht hatten. Diesem Verschweigen von Demüthigungen – so wird mancher folgern – konnte nun aber ein Erfinden von Grossthaten, wie z. B. die Umsegelung Afrikas eine war, leicht nahe verwandt sein. Und doch ist es nicht wahrscheinlich, dass die Priester Herodot gegenüber eine solche Taktik befolgt haben. Einmal müssen sie gegen ihn von einer ganz besonderen Offenheit gewesen sein; das sehen wir daraus, dass ein Kollegium ihn sogar in seine Mysterien einweihte[66] – ein Beweis des Vertrauens, wie er grösser nicht gedacht werden kann. Dieses Kollegium, dem sicher eine absichtliche Täuschung des Fremdlings fern lag, war das saïtische, das, im Delta wohnend, jedenfalls über alle maritimen Vorkommnisse am besten unterrichtet sein konnte, und da zu Saïs der Palast des Necho, des intellektuellen Urhebers der phönizischen Expedition, gestanden[67], speziell auch von dieser Unternehmung jedenfalls die genaueste Nachricht hatte. Wir werden also kaum fehl gehen, wenn wir annehmen, dass in einem der Tempel zu Saïs die Quelle floss, aus der Herodot seine Kenntniss von der Umsegelung schöpfte. Sodann waren die Aegypter von einem förmlich krankhaften Nationalgefühl beseelt; alles Fremde, von dem sie fürchten mussten, dass es die von den Vätern überkommenen Sitten und Anschauungen beeinflussen könnte, war ihnen von vorn herein unsympathisch, und wir können fest überzeugt sein, dass die Einwanderer aus andern Nationen, welche, wie unten weiter erörtert werden wird, wohl schon vor Psammetich, jedenfalls aber unter diesem Könige und unter Amasis sich in Aegypten niederliessen, also auch die Phönizier, den Priestern, als den geborenen Vertretern und Vertheidigern altägyptischen Wesens, ein Dorn im Auge waren. Man mag es noch als einen Akt selbstbewusster Vaterlandsliebe betrachten, wenn ein Priester dem Perserkönige Darius trotz zweifellos grosser Thaten nicht das Recht zugestehen wollte, seine Bildsäule vor derjenigen des Pharao Sesostris, einer völlig mythischen Persönlichkeit, aufzustellen[68] – viele andere Züge, die uns das Alterthum überliefert hat, zeigen uns zur Genüge Ueberschätzung der eigenen Weise, verbunden mit Geringachtung alles anders Gearteten. So können wir mit voller Sicherheit annehmen, dass es nicht in der Absicht der Priester lag, den Phöniziern eine nautische Grossthat zuzuschreiben, wenn sie dieselbe nicht wirklich ausgeführt hatten; ihre pfäffische Unduldsamkeit war sicher eher geneigt, sie zu verkleinern als zu erheben, wenn auch von einem ihrer eigenen Könige der Befehl zu jener That gegeben war. Eben dass er Phöniziern, dass er Fremden Gelegenheit gegeben hatte, Ruhm zu erwerben, wird ihnen wenig angenehm gewesen sein. Endlich aber wirkt die Schlichtheit des Berichtes überzeugend; gerade so einfach, wie Herodot sie in Aegypten hörte und später aufzeichnete, klingt die Erzählung wahrheitsgetreu und zuverlässig. Hätten die Priester sie mit Fabeln ausschmücken wollen, wie leicht wäre ihnen das geworden! An Phantasie dazu fehlte es ihnen wahrlich nicht, das zeigt das von Eduard Meyer in der „Geschichte des alten Aegyptens“[69] in seinen Grundzügen mitgetheilte Märchen von dem ägyptischen Odysseus, der, allein von seinen Genossen aus dem Schiffbruch gerettet, den Versuchungen der Tochter des Schlangenkönigs widersteht und schliesslich die Heimath wiedersieht. So dürfen wir als Resultat dieser Betrachtung wohl die Ueberzeugung hinstellen, dass die ägyptischen Priester, wenn auch sonst manchmal mit der Wahrheit auf gespanntem Fusse, in diesem Falle wahrscheinlich eine Thatsache berichteten, keinenfalls aber, sei es nun wegen eines masslosen Chauvinismus – der freilich genau so die Modekrankheit des Alterthums gewesen zu sein scheint, wie er die der neuesten Zeit ist – sei es aus den andern oben erwähnten Gründen, eine phönizische Grossthat zu berichten sich geneigt zeigten, wenn sie nicht geschehen war. Ob sie aber geschehen war, darüber hatte man doch zunächst ums Jahr 600 nicht wohl im Zweifel sein können. Waren die phönizischen Schiffe, die man mit der Umsegelung beauftragt hatte, damals wirklich vom rothen Meere in den Nil eingelaufen, so mussten sie Afrika im Süden umsegelt haben; denn da es – wenn wir Herodot glauben dürfen – unter Necho eine Wasserverbindung zwischen dem arabischen Meerbusen einerseits und dem Nil oder dem Mittelmeer andrerseits nicht gab, hätten die Schiffer ja sonst ihre Fahrzeuge zu Lande bis an jenes Becken, bezw. den genannten Fluss schaffen müssen, und, ganz abgesehen von der Umständlichkeit, wird doch niemand glauben, dass sie dies völlig unbemerkt hätten thun können. Man wusste also in Aegypten zur Zeit Nechos jedenfalls ganz genau, wie man mit den Phöniziern daran war. Erzählten nun die Priester dem Herodot trotz ihrer ausgesprochenen Missgunst gegen fremde Verdienste von einer phönizischen Fahrt um Afrika, so können wir annehmen, dass ihr Bericht in wohl verbürgter Tradition aus jener früheren Periode wurzelte, die Schiffer durch die Nilmündungen heimgekehrt waren und also ihre Aufgabe wirklich gelöst hatten.
Charakter der saïtischen Dynastie.
Die nächste Betrachtung, welche uns beschäftigen muss, wenn wir zu einem klaren Urtheile in der Frage nach der Glaubwürdigkeit der phönizischen Expedition gelangen wollen, wird die sein, ob Necho uns in seinen übrigen Thaten und in den Nachrichten, welche hinsichtlich seines Charakters uns sonst übermittelt sind, als ein Mann entgegentritt, dem wir so ausserordentlich grossartige Pläne, wie der Afrika umsegeln zu lassen einer ist, zuzutrauen das Recht haben, und da wird es zur Klärung dienen, wenn wir uns danach umsehen, welche Rolle das Herrscherhaus, dem er entstammte, denn überhaupt in der ägyptischen Geschichte spielt. Wir sahen bereits, dass das Königsgeschlecht, dem Necho angehört, aus Saïs stammte und hier seine Residenz hatte; es war die Dynastie, welcher von Königen, die in weiteren Kreisen bekannt sind, auch Amasis angehörte. In dieser Königsfamilie findet sich nun eine wunderbare Mischung vom Haften an altägyptischer Tradition und dem Uebergange zu einer Lebens- und Denkungsweise, welche den bisher über die Wahrung der königlichen Würde und die Bahnen, in denen sich die weitere Entwickelung des ägyptischen Volkes zu vollziehen habe, im Nilthale vertreten gewesenen Anschauungen diametral entgegenlief. Um nur ein Beispiel anzuführen für das Streben dieser Fürsten in die Fussstapfen der früheren Könige zu treten, genügt es, darauf hinzuweisen, dass Amasis hinsichtlich der Grossartigkeit seiner Bauten durchaus den alten Pharaonen sich würdig zur Seite stellt[70]. Dahingegen durchbrechen die Saïten in mancher andern Beziehung völlig die altägyptische Sitte, und so können wir uns nicht wundern, wenn wir vernehmen, dass die Wiege dieses Herrschergeschlechtes überhaupt nicht am Nil, sondern in Libyen gestanden hatte[71]. Als Söldner waren seine Vorfahren nach Aegypten eingewandert, und es erklärt sich demnach leicht, wenn die Nachkommen keinen Anstoss daran nahmen, sich über Hergebrachtes in vielen Stücken ohne Bedenken hinwegzusetzen. So hat Psammetich, der Vater des Necho, in das sonst so abgeschlossene Aegypten jedenfalls griechische Kriegsknechte[72], vielleicht auch Phönizier[73] aufgenommen; überhaupt stützte sich die saïtische Dynastie nicht auf die alte ägyptische Kriegsmacht, sondern auf Söldner, die sie in ihren Dienst nahm, und die bisher libyscher Abkunft gewesen waren[74]. Daneben wich auch auf andern Gebieten die Jahrtausende lang geübte Zurückhaltung der Aegypter einem freieren Auftreten; der Verkehr mit fremden Staaten und Völkern wurde begünstigt, der Handel gefördert. Ja, wir erkennen mit Staunen, wie die uralten Bande des Ceremoniels, welche die ägyptischen Könige seit undenklichen Zeiten wie mit eisernen Ketten gefesselt gehalten hatten, durch die leichtlebigen Anschauungen eines Amasis gelockert werden und fallen[75]. An dem Königthum dieses Fürsten ist nur noch die Hälfte ägyptisch; Amasis hielt sich – nach alter Anschauung ein Sacrilegium an der Würde des Thrones! – eine griechische Leibwache, und es kann nicht geleugnet werden, dass er philhellenischen Tendenzen in ausgiebigster Weise huldigte[76]. Kurzum die Zeit der Saïten ist eine Periode der gewaltigsten Reformen im ganzen ägyptischen Staatsleben; von dem, was die Ptolemäer dem Lande später sind, finden wir bereits eine Spur bei dieser Dynastie, der sechsundzwanzigsten im Lande der Pyramiden.
Charakter Nechos.
Ein Spross dieses Königshauses war also auch Necho, und das hilft verstehen, wie er auf den Gedanken einer Umsegelung Afrikas kam. Es ist aber nicht nur der Charakter seines väterlichen Geschlechtes, der diesem Fürsten seinen Stempel aufgedrückt hat, er war zweifellos persönlich ein hervorragender Mann. Ein kurzer Blick auf seine Regierung wird uns davon überzeugen. Wie viele der bedeutenderen ägyptischen Könige vor ihm, hat auch er seinem Unternehmungsgeiste die Zügel schiessen lassen durch einen Einfall in Syrien; dass er zu diesem Vorgehen die politische Konstellation benutzte, welche sich ihm zeigte, als Assyrien durch Kyaxares von Medien und Nabopalassar von Babylon angegriffen wurde, die drei grossen asiatischen Reiche also vollauf beschäftigt waren, beweist, wie er es verstand, von günstigen Umständen zur Erreichung seiner Zwecke Vortheil zu ziehen. Den König von Juda, Josias, der ihm bei seinem Beginnen zunächst entgegentrat, besiegte er mit leichter Mühe bei Megiddo[77], dann ging der Zug weiter an den Euphrat. Aber mittlerweile war das assyrische Reich gefallen, die Sieger hatten die Beute getheilt, und Nabopalassar fand nun Zeit, seinen Sohn Nebukadnezar dem ägyptischen Heere entgegenzusenden, um den unbequemen Feind in seine Grenzen zurückzuweisen. Durch die Schlacht bei Karchemisch wurde diese Absicht erreicht[78] und Necho gezwungen, ganz Syrien zu räumen und sich auf sein ägyptisches Gebiet zu beschränken. Wie schwer mag es ihm bei den Plänen, mit denen er sich trug, geworden sein, auch die für Handel und Schifffahrt so wichtigen phönizischen Küstenstädte wieder aufzugeben! Hatte er so als Feldherr wenig Lorbeern geerntet, und durfte er nicht daran denken, dem mächtigen Herrscher von Babylon noch einmal mit den Waffen in der Hand entgegenzutreten, so ist er doch staatsmännisch auch später gegen denselben thätig gewesen und hat ihm Schwierigkeiten bereitet, wo er konnte, zumal durch Schürung des Hasses, den man im Reiche Juda gegen die Chaldäer empfand, und der schliesslich zur Empörung führte[79]. Und weit entfernt sich durch den syrischen Misserfolg entmuthigen zu lassen, hat Necho seiner Thatkraft alsbald andere Bahnen eröffnet. Die Verwirklichung des grossartigen Planes, den wahrscheinlich schon vor ihm ein ägyptischer Herrscher auszuführen versucht hatte[80], den nachher mehrere intelligente und energische Regenten jenes Landes mit nur zeitweiligem Erfolge wieder aufgenommen haben, und der in unsern Tagen nun endlich, ein leuchtender Sieg des menschlichen Geistes über die erdgestaltenden Naturkräfte, definitiv der Vollendung entgegengeführt ist – die Verbindung des mittelländischen Meeres mit dem rothen Meere durch einen ägyptischen Nordostseekanal – hat Necho als wesentliche Aufgabe in sein Regierungsprogramm aufgenommen[81] und dadurch der Mit- und Nachwelt den Beweis geliefert, dass er dem thörichten Wahne, der Lorbeer der Unsterblichkeit werde nur auf blutgetränktem Schlachtfelde angesichts der feindlichen Lanzenspitzen gepflückt, entsagt hatte und klar erkannte, dass seine üppigsten Blätter gerade den Fürsten entgegengrünen, denen die Palme des Friedens als Symbol ihrer Thätigkeit dient, und die in der Erfüllung des hohen Berufes, unter ihren Zweigen die freundschaftlichen Beziehungen der Völker zu pflegen, ihre weltgeschichtliche Aufgabe erblicken. Freilich: si vis pacem, para bellum; das wusste auch Necho. Beabsichtigte er – und das zeigt ja der Kanalbau – den Verkehr seines Landes zu heben, trug er sich mit dem Gedanken, dem überseeischen Handel Aegyptens ein neues Gebiet zu eröffnen – und dass nur einem solchen Bestreben die Erzählung von der Umschiffung Libyens ihre Entstehung verdanken konnte, werden auch die zugeben, welche an ihre Ausführung nicht glauben – wollte er endlich einem unter Nebukadnezars Führung zu erwartenden Angriffe asiatischer Völker, der alle diese Pläne kreuzen musste, und bei dem sicherlich den Schiffen der Küstenstädte Syriens eine Rolle zugewiesen war, mit Erfolg die Spitze bieten, so war eine zahlreiche, wohl gerüstete Flotte dazu unbedingt das erste Erforderniss. Nur unter ihrem Schutze war es möglich, Handelsbeziehungen mit entlegenen Gegenden anzuknüpfen und zu erhalten, nur Kriegsschiffe in gleicher Anzahl und gleich wohl armirt, wie der Beherrscher Syriens sie ohne Mühe vom Mittelmeere aus zu einem Angriff auf das Nildelta verwenden und vom Nordende des rothen Meeres gegen die ägyptische Ostküste auslaufen lassen konnte, waren im Stande, einige Aussicht auf den Bestand des Reiches und eine wünschenswerthe Entwicklung seiner materiellen Interessen zu gewähren. So baute denn Necho eine Mittelmeerflotte und eine solche im arabischen Busen[82]. Nach Herodot hatten die Aegypter allerdings schon vor Necho eine Kriegsmarine[83], und es wäre demnach anzunehmen, der Letztere hätte dieselbe nur vergrössert; es ist aber anderweitig festgestellt, dass in älterer Zeit Kriegsschiffe nur auf dem Nil, nicht zur See vorkommen, demnach z. B. die grosse Seeexpedition, welche dem Sesostris zugeschrieben wird, ins Gebiet der Fabel verwiesen werden muss und in der That die ägyptische Trierenflotte für eine Schöpfung Nechos angesehen werden darf[84].
Das ist in grossen Zügen ein Bild dieses bedeutenden Herrschers. Nun wird es sich darum handeln: war er ein Fürst, von dem man sich den Befehl zur Umschiffung Afrikas ausgehend denken kann? Ich glaube es wird sich schwerlich jemand finden, der diese Frage zu verneinen wagt. Selbst die Bedenken Mannerts, hervorgerufen durch die ägyptische Vorliebe für Abgeschlossenheit innerhalb der eigenen Heimath[85], werden schwinden müssen, wenn der Persönlichkeit Nechos die nöthige Berücksichtigung zu theil wird. Freilich, der einzige Zweck, den er im Auge hatte, war der, für Handel und Verkehr den Weg zu ebnen; wissenschaftliche Begeisterung, welche späterhin so viele Reisen veranlasst hat und noch auf die gegenwärtigen Entdeckungsfahrten einen so grossen Einfluss ausübt, dürfen wir seiner Zeit noch nicht zutrauen, und mit Recht sagt Paulitschke: „Geistige Interessen, ein Verlangen, die Wohnstätte der Menschheit in einem auch nur mässigen Umfange kennen zu lernen, walten in dem Zeitraum bis Herodot nirgends vor“[86]. Nur das Bestreben, den materiellen Wohlstand seines Volkes durch die Theilnahme am grossen Weltverkehr zu heben, konnte selbst einen Herrscher wie Necho bewegen, Aegypten in stärkerem Masse mit dem Auslande zu engagiren. Bis jetzt gingen – abgesehen von den Fahrten nach Punt, von denen nachher die Rede sein wird – die Aegypter nicht in die Fremde zum Zwecke kaufmännischer Thätigkeit, sie liessen sich die Waren bringen, suchten sie aber nicht auf, oder sie verkauften im eigenen Lande ihre Erzeugnisse an die Nachbarvölker, die dorthin kamen, um sie zu holen[87]. Aber auch in diesem Verkehr zeigt sich ihre Abgeschlossenheit und die Scheu vor der Berührung mit Fremden; ich erinnere nur an die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, denen man bei ihrem Besuche in Aegypten einen Tisch besonders deckte[88]. Wohl war es also ein wichtiger Schritt, den Necho that, wenn er sein Land in erweiterte Berührung mit der Fremde brachte, aber um seiner höheren Zwecke willen hat er den Bruch mit altägyptischer Sitte und Tradition nicht gescheut. Wir Deutschen der Gegenwart werden ihn verstehen; haben wir doch selbst erlebt, wie durch eine energische und weitsichtige Regierung seit dem Auftauchen der modernen Kolonialbestrebungen unserm Volke, unbekümmert um die Kirchthurmspolitik engherziger Bierbankphilister, in transozeanischen Ländern weite Gebiete zur Besiedlung erworben sind. Wer hatte früher in unserm Vaterlande – abgesehen von unbedeutenden Versuchen einer dafür noch nicht reifen Zeit – jemals an die Anlage von Kolonieen gedacht? Freilich, Widerspruch hat der grosse Kanzler, der Förderer dieser überseeischen Gründungen, so gut dabei erfahren, wie die altägyptische Partei mit Nechos Regierungsprogramme unzufrieden gewesen sein wird; aber das ist ja gerade das Charakteristische an grossen Männern, dass sie sich ihre eigenen Wege suchen. Und Necho ging noch unvermittelter vor als Bismarck, denn das Beweismittel für die Nothwendigkeit kolonialen Ländererwerbs, welches unserer Regierung aus der massenhaften Auswanderung erwuchs, fehlte dem ägyptischen Herrscher vollständig. Dagegen spielte sich hinter den Kulissen vielleicht etwas anderes ab; wir werden schwerlich fehl gehen, wenn wir annehmen, dass die Phönizier, unternehmend und erwerbslustig, wie sie waren, den König selbst zur Entsendung der Expedition angestachelt haben.