Nechos vermuthliche Ansichten über die Möglichkeit der Heimkehr seiner Sendlinge.
Ich schliesse hieran gleich die Zurückweisung eines Grundes, den man geltend gemacht hat, um die Unwahrscheinlichkeit der Fahrt darzuthun, und der entnommen wird aus dem Befehl des Necho, die Schiffer sollten durch die Säulen des Herakles zurückkehren. Man hat auf diese Ueberlieferung hin argumentirt, es liege in dem Wortlaut der Kursanweisung, dass Necho die Möglichkeit, Afrika im Süden zu umsegeln, gekannt habe[89]; da dies nun kaum denkbar ist, hat man hieraus einen Grund entnommen, den ganzen Bericht mit Misstrauen anzusehen. Dem gegenüber muss jedoch geltend gemacht werden, dass in einem derartigen Befehle die Möglichkeit, ihn auszuführen, noch keineswegs enthalten ist. Wie oft wird wohl beispielsweise bei kriegerischen Aktionen das Kommando ertheilt: „Der und der Truppentheil soll die und die feindliche Stellung nehmen“. Der Versuch wird natürlich gemacht, ob er aber glückt, das ist doch eine andere Frage. So wird auch der Befehl Nechos zu verstehen sein: Die Phönizier sollten eben versuchen, ob sie nicht Libyen umsegeln und durch die Strasse von Gibraltar heimkehren könnten. Gelang es ihnen nicht, so konnten sie nach Nechos vermuthlicher Ansicht, wenn sie nicht direkt umwenden wollten, auch noch auf einem andern Wege heimkehren. Das graueste griechische Alterthum lehrte, der Nil erhalte seinen Ursprung aus dem Ozeanus. Schwerlich ist nun freilich anzunehmen, die Sage habe dabei einen äussern Zusammenhang seiner Quelle mit dem Weltmeere im Auge gehabt; liess man in ältester Zeit doch alles lebendige Nass dem Ozeanus entstammen, eine Anschauung, welcher eine Ahnung von dem Kreislauf des Wassers in der Natur zu Grunde gelegen zu haben scheint. Ferner erzählten alte griechische Sagen, dass man vom indischen Ozean aus quer durch Afrika ins mittelländische Meer gelangen könne; so waren nach einer Lesart die Argonauten nach Hause zurückgekehrt[90]. Sollten diese Sagen dem Necho nicht bekannt gewesen sein, wo doch zu Naukratis und auch wohl an anderen Stellen des Deltas Hellenen wohnten, und sollten sie ihn nicht, zum Theil zu wörtlich genommen und in ihrem Kerne missverstanden, zu falschen geographischen Vorstellungen verleitet haben? Wie leicht ist das denkbar; und so mochte er die Rückkehr der Schiffer, welche er aussendete, auch wenn sie den Weg durch die Säulen nicht fanden doch auf der Route quer durch Afrika für gesichert erachten. War es dann nicht möglich, um den Süden des Erdtheils herum einen neuen Handelsweg an die Westküste zu finden, so konnte es den Bemühungen der Phönizier immer noch glücken, andere Märkte im Innern auszukundschaften.
Abschliessendes Urtheil über Necho.
Nach reiflicher Erwägung alles dessen, was vorhin über die saïtische Dynastie im allgemeinen und Nechos Charakter und Pläne im besonderen gesagt worden ist, werden wir nicht verkennen können, dass in Aegypten sich zur Zeit jenes Königshauses eine grossartige Umwälzung vollzieht, und dass Necho unbedingt zu den Herrschern im grossen Stile zu zählen ist. Sorgfältige Forscher haben dies auch rückhaltlos anerkannt, so Maspéro, der folgendermassen über ihn urtheilt[91]: „Necho II. war ein thatkräftiger König vom Schlage der grossen Pharaonen, der, wenn ihm nur ähnliche Hülfsquellen zu Gebote gestanden hätten, Thotmes und Seti an Ruhm gleichgekommen wäre“, und The narrative of discovery adventure in Africa by Murray, Jameson and Wilson[92]: „One of the most industrious of the native kings of Egypt was Necho, whose name ranks second only to that of Sesostris[93]. The habits and prejudices of the ancient Egyptians were unfavourable to maritime enterprises; yet this ruler, with the spirit of a great man, which raised him superior of the age, in which he lived, eagerly sought the solution of the grand mystery regarding the form and termination of Africa“.
Andere Versuche der Umschiffung.
Ist somit die Untersuchung, ob die Aussendung einer Expedition, wie die phönizische war, mit dem eben entworfenen Bilde Nechos in Einklang zu bringen sei, zweifellos in bejahendem Sinne abzuschliessen, so wird uns doch die Erzählung Herodots noch weit glaublicher erscheinen, wenn es uns glückt nachzuweisen, dass das Bestreben, das schwierige Problem der Umschiffbarkeit Libyens zu lösen, auch sonst im Alterthume auftaucht. Und in der That steht Nechos Unternehmung nicht vereinzelt da, wenn es sich bei den anderen, die wir kennen, auch schwerlich um mehr als Versuche gehandelt haben wird. Zunächst weiss Strabo[94] von einer Umsegelung zu melden, freilich nicht, ohne dass erhebliche Zweifel an ihr geltend gemacht wären. Eudoxus von Kyzikus soll (130 v. Chr.) von Gades bis zum arabischen Meerbusen um Afrika herumgefahren sein. Wahrscheinlich ist immerhin, dass er eine Ahnung von der wirklichen Gestalt des Erdtheils hatte, weil er trotz wiederholten Schiffbruches den Gedanken, Indien durch Umsegelung desselben erreichen zu können, nicht aufgab. Auch Plinius berichtet von mehreren Umschiffungen, deren Wahrheit freilich nicht minder angefochten ist[95]. Ja, selbst ein so eifriger Gegner der Glaubwürdigkeit der phönizischen Reise, wie Gosselin, hält es nicht für undenkbar, dass eine solche schon vor Necho stattgefunden habe, und glaubt, nur dieser, die er für eine Erfindung der Priester erklärt, die Wirklichkeit absprechen zu müssen[96]. Uebrigens machen die Einwürfe Gosselins an dieser Stelle seines Werkes, wie auch sonst, den Eindruck, als habe dem Verfasser mehr daran gelegen, seinen Scharfsinn in helles Licht zu setzen, als der Wahrheit die Ehre zu geben. Auch Bougainville meint[97], diese Umsegelung sei nichts Neues gewesen, wie der Wortlaut des von Necho ertheilten Befehles beweise, und die Vorsichtsmassregeln, welche die Phönizier angewendet hätten, um günstige Winde abzuwarten, zeigten, dass sie genugsam über die Natur des von ihnen zu befahrenden Meeres unterrichtet gewesen seien. Ich vermag hinsichtlich des ersten Punktes, wie oben gesagt, in den Worten Nechos nur eine Aufforderung zu einem Versuche zu erkennen, die eine wirkliche Bekanntschaft mit der vorgeschriebenen Fahrstrasse keineswegs voraussetzt, und was das Abwarten günstiger Winde anbetrifft, so steht davon zwar im Herodot nichts, doch ist anzunehmen, dass die Phönizier die wechselnden Luftströmungen des indischen Ozeans kannten und als gute Seeleute benutzten; ganz entschieden aber muss bestritten werden, dass sie diese Kenntniss nur durch frühere Reisen um Afrika herum erworben haben konnten. Auf etwaigen Handelsexpeditionen nach Indien sammelten sie jedenfalls Kenntnisse über diesen Punkt genau so gut, und dass wir Fahrten dorthin in der Zeit vor Necho weit eher annehmen dürfen, als solche, die mehr nach Süden gingen, denke ich weiter unten beweisen zu können. Mögen nun aber andere Versuche der Umsegelung Afrikas, die das Alterthum unternahm, geglückt sein oder nicht, auf alle Fälle beweisen sie, dass der Gedanke daran lebendig war und nichts Auffallendes darin liegen kann, wenn ein Mann wie Necho ihn verwirklichte. Ueber die gewaltigen Schwierigkeiten, vor deren Bekämpfung solche Afrikaumsegler bei dem damaligen Stande der Schifffahrt gestellt wurden, hat man sich freilich keineswegs getäuscht, das beweist, was Herodot über Sataspes erzählt[98]. Dieser, ein persischer Grosser, sollte wegen eines schweren Vergehens auf Befehl des Xerxes den Martertod sterben. Da bat seine Mutter für ihn und sagte, sie wolle ihm eine grössere Strafe auferlegen, als jene sei, nämlich die Umschiffung Libyens. Hiermit erklärte sich Xerxes einverstanden; wir werden uns aber gewiss nicht täuschen, wenn wir annehmen, dass er auf diesen Vorschlag nur einging, weil er die Ausführung des Wagestückes sicherem Tode gleich achtete. Sataspes segelte nun an der Nordküste Afrikas nach Westen, um, den Erdtheil zur Linken behaltend, um die Südspitze herum ins rothe Meer zu gelangen. Da ihm hierbei auf dem grössten Theile der Strecke Winde und Strömungen entgegen waren, verlor er den Muth, wandte sein Schiff und kehrte heim, hatte aber nun die Nichtausführung des Befehles am Kreuze zu bereuen. Aus diesem Umstande will Junker[99] schliessen, dass das Gelingen der phönizischen Expedition dem Grosskönige bekannt gewesen sein musste. Es hat dies etwas für sich; ein schlagender Beweis freilich ist es bei der Unberechenbarkeit von Despotenlaunen nicht. Jedenfalls wird aber auch hier wieder gegen Gosselin Opposition zu machen sein. Nicht wird, wie jener behauptet, durch den verunglückten Versuch des Sataspes bewiesen, dass noch keiner vor ihm die Fahrt gemacht[100], sondern nur, dass er, in der entgegengesetzten Richtung wie die Phönizier fahrend, mit grösseren äusseren Schwierigkeiten, hervorgerufen durch Wind und Wellen, zu kämpfen hatte, und allenfalls, dass er weniger Energie besass. Der Merkwürdigkeit wegen sei hier auch noch auf eine neuere Schrift hingewiesen, die zu wunderbaren Resultaten kommt[101]. Nach ihr hat Odysseus etwa im 15. Jahrhundert v. Chr. nicht nur Afrika umsegelt, sondern ist sogar im südlichen Polarlande gewesen, eine Leistung, die das weit hinter sich lässt, was Strabo[102], gestützt auf das XIV. Buch der Odyssee, Vers 81 ff., dem Menelaus zutraut, wenn er dessen Reise für eine Fahrt um das Kap der guten Hoffnung erklärt.
In Folge der vorstehenden Ausführungen werden wir einmal die Ueberzeugung gewinnen, dass der Gedanke, Afrika zu umsegeln, das Alterthum mehrfach beschäftigt hat, sodann aber auch die Vermuthung, die meisten dieser Versuche seien erfolglos gewesen, als berechtigt anerkennen und nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände dem Ausspruch Paulitschkes[103] beistimmen: „Dass es vor der epochemachenden Fahrt Vaskos da Gama irgend einem Seefahrer gelungen wäre, das Kap der guten Hoffnung zu umsegeln, (wir sehen hier von der Fahrt der Phönizier ab) – eine Frage, welche viele Geographen beschäftigt hat – ist schwer glaublich“.
Warum fuhren nicht Aegypter?
Gehörte nun aber König Necho zu den bevorzugten Männern des Alterthums, in deren Geist der Gedanke an die Lösung eines so schwierigen Problems Raum fand, hätte man dann nicht erwarten sollen, dass er sein Vertrauen in dieser Angelegenheit seinen Landsleuten schenkte? Muss es nicht auf den ersten Blick wunderbar erscheinen, wenn er Fremden die Ausführung eines so wichtigen Unternehmens übertrug? Eine Betrachtung der Volkscharaktere der betreffenden Nationen wird uns darüber aufklären und jedem Zweifel an der Wahrheit der Erzählung, der etwa aus dem Umstande entnommen werden könnte, dass von einem ägyptischen Könige nicht Aegypter, sondern Phönizier zu der Fahrt ausersehen seien, ein Ende machen.
Wenn Nechos Bestreben dahin ging, den Handel seines Landes zu heben – und dass dies seine Absicht war, zeigt der Kanalbau – so konnte er sich dazu unmöglich solcher Elemente bedienen, die voll hochfahrenden Nationalstolzes verächtlich, ja feindlich auf alles, was fremd hiess, hinabsahen, und denen die Seefahrt nicht nur unsympathisch, sondern auch völlig ungewohnt war. Solche Leute waren aber die eingeborenen Bewohner des Nilthales. Strabo sagt, die Könige der Aegypter, zufrieden mit dem, was sie hatten, und eingeführter Güter nicht eben bedürftig, seien gegen alle Heranschiffenden feindlich gewesen[104]; und wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln, dass dies ungastliche Verhalten der Könige ein Ausdruck der Gesinnung des ganzen Volkes gewesen sei. So sind denn nach Herodot[105] die Jonier und Karer, welche sich unter Psammetich in Aegypten niederliessen – also nachdem das Reich etwa zwei und ein halbes Jahrtausend bestanden hatte – als die ersten Leute fremder Zunge in diesem Lande dauernd sesshaft geworden, und auch sonst pflichtet das Alterthum der Ansicht jenes Schriftstellers bei[106]. Neuere Aegyptologen sind allerdings geneigt anzunehmen, dass doch schon früher einigen heterogenen Elementen der Zutritt gestattet worden sei, nur nicht den Griechen[107]. Und in der That haben schon in sehr alten Zeiten die Aegypter Handel mit Fremden getrieben; ja, im neuen Reiche stand der Verkehr mit Syrien in vollster Blüthe[108]. Fremde werden jedenfalls schon vor Psammetich Aegypten wenigstens vorübergehend besucht haben. Wenn dieses Land hinsichtlich seiner Abgeschlossenheit während des Alterthums China und Japan an die Seite gestellt worden ist[109], so wird ein derartiger Vergleich nur zutreffend sein in Bezug auf die letzten Jahrhunderte vor Psammetich, wo die inneren Wirren und die dadurch herbeigeführte Rechtsunsicherheit den Besuch Aegyptens nicht räthlich erscheinen lassen konnten; vorher haben Fremde zweifellos dort verkehrt. Schon Homer führt ja den göttlichen Dulder Odysseus auch an den Nil[110], und wenn wir demselben Dichter in anderer Beziehung vertrauen dürfen, verkehrten zu jener Zeit auch bereits Phönizier dort. Freilich, mehr als geduldet sind die Fremdlinge wohl nicht gewesen, und erst unter Psammetich und mehr noch unter Amasis werden sie angefangen haben, eine Rolle zu spielen. Schwerlich wird man irren, wenn man meint, dass der Grund, aus welchem der erstere die Häfen Aegyptens fremden Schiffen öffnete, ein politischer war: er suchte ausserhalb des Landes Stützpunkte für seine Macht[111], und mit Amasis wird es wohl nicht anders gewesen sein. Es erklärt sich aber aus der nach jener Zeit von Seiten der Aegypter bewiesenen Gastfreundlichkeit die Ansicht Herodots[112], dass wir alles, was seit König Psammetich in Aegypten sich zugetragen, mit Zuverlässigkeit wüssten; während der Regierung dieses Herrschers traten sich eben auch Hellenen und Aegypter näher. Vorher werden vor allem die Bewohner der Nachbarländer – ich erinnere nur an Josephs Brüder – des Handels wegen nach Aegypten gekommen sein; ansässig sind aber auch sie wohl nur ausnahmsweise gewesen. Daher die Nachricht des Herodot, dass Naukratis vor Alters der einzige Stapelplatz im Delta gewesen sei[113]. Neuere Ansichten haben freilich hinsichtlich dieser Stadt allerhand Zweifel ergeben, nicht nur über ihre Abstammung von Milet, sondern – was hier ins Gewicht fällt – über die Zeit ihrer Gründung, die vielleicht richtig erst unter Amasis angesetzt wird. Was in dieser Beziehung das Zutreffende ist, mag dahin gestellt bleiben; jedenfalls lebten seit Psammetich Griechen in Aegypten, und zwar im Delta, und damit mag die Notiz Herodots zusammenhängen. Aber mögen auch schon in weit früherer Zeit Ausländer in Aegypten verkehrt haben und kleine Bruchtheile der ansässigen Bevölkerung des ägyptischen Nilthales stammfremd gewesen sein – fest steht doch, dass das Volk der Pharaonen, von dem Strabo sagt, dass es hinreichend eigene Hülfsmittel hatte[114], dem Verkehr mit Nichtägyptern abhold war und also zur Anknüpfung von Handelsbeziehungen in bisher unbekannten Gegenden wenig geeignet erschien. Die Aegypter waren eben ihrer Ansicht nach die grande nation unter den damals blühenden Völkern, wie das verschiedene Erzählungen Herodots beweisen[115]; sie werden auch an allen einen erspriesslichen Verkehr so sehr erschwerenden Schwächen der in solchen Anschauungen Befangenen in reichem Masse gelitten haben. Das einzige Verhältniss zu Fremden, in das sie sich ohne Mühe hineindenken konnten, war das von Herren zu Sklaven, ein Zusammenleben mit jenen als Gleichgestellten erschien ihnen unnatürlich und ihrer unwürdig; die Verwirklichung solcher Ideen im Handelsverkehr musste aber bei der andern Partei naturgemäss Misstrauen und Unbehagen erzeugen und eine befriedigende Entwicklung der Beziehungen von vornherein ausschliessen.