Haben wir uns im Vorstehenden über die Zeit, in welche die Expedition fällt, Rechenschaft gegeben, so wird es nun nicht minder wichtig sein, den Ort festzustellen, von wo die Phönizier aussegelten. Trotzdem übergehen die meisten Forscher diesen Punkt mit Stillschweigen; doch kann man hie und da aus beiläufigen Bemerkungen den Schluss ziehen, dass sie der Ansicht sind, die Fahrt sei von der Nordspitze des rothen Meeres ausgegangen. Und in der That hat diese Vermuthung auf den ersten Blick etwas Bestechendes, denn da die Phönizier wohl hauptsächlich im Delta sassen, war ihnen der nordwestliche Ausläufer jenes Meerbusens nahe genug. Auch hatten, wie wir gesehen haben, die Saïten, zu denen ja Necho, der intellektuelle Urheber des ganzen Planes, gehörte, im Delta, also in der Nähe des heutigen Busens von Suez, ihre Residenz. Nichts desto weniger kann ich der bezeichneten Ansicht nicht beipflichten; denn der Verkehr Aegyptens mit den südlichen Ländern ist, wie ich gleich nachweisen werde, in älterer, wie in neuerer Zeit meist nicht von hier ausgegangen. Eine auffällige Vermuthung verfechten zwei Gelehrte in trefflichen Abhandlungen, Junker und Sandberg; sie sprechen sich mit Entschiedenheit für den Golf von Aden als Abfahrtsort aus[185]. Untersuchen wir, mit welchem Rechte! Herodot sagt: „οί Φοίνικες ἐκ τῆς Ἐρυθρῆς θαλάσσης ἔπλεον“; was haben wir nun unter den Worten „ἐκ τῆς Ἐρυθρῆς θαλάσσης“ zu verstehen? Sandberg – es mag genügen, einen von Beiden zu widerlegen – erwähnt mehrere Stellen, wo jener Schriftsteller ausdrücklich den arabischen Busen vom erythräischen Meere unterscheidet, und will damit beweisen, dass an ein Absegeln aus ersterem nicht zu denken sei. Zweitens führt er als Beleg für seine Ansicht das an, was Herodot über den Skylax überliefert[186], der auf der Rückkehr von seiner Entdeckungsreise nach Indien zuletzt nach Westen gefahren und so an dem Orte gelandet sei, von wo Necho die Phönizier ausgesandt hatte, während der Berichterstatter, wenn diese aus dem rothen Meere abgesegelt wären, ihn doch schliesslich nach Norden steuern lassen müsste. Mir scheinen beide Gründe nicht ganz einwandsfrei zu sein. Was den ersten anbetrifft, so nennt Herodot an einer Stelle das rothe Meer einen Busen – und das heisst doch so viel wie einen Theil – des erythräischen Meeres, wie er denn überhaupt unter dem letzteren augenscheinlich den ganzen indischen Ozean mit dem persischen und dem arabischen Meerbusen[187] versteht; wenn er also sagt: „Die Phönizier fuhren aus dem erythräischen Meere ab“, warum sollte es nicht erlaubt sein, an jenen Theil zu denken? Das zweite Zitat aber, in dem von Skylax die Rede ist, heranzuziehen halte ich für bedenklich, gerade wo es sich um Feststellung der Himmelsgegenden handelt, denn in dieser Beziehung ist Herodot hier sehr ungenau; den Indus, der doch nach Südwesten fliesst, lässt er nach Osten münden! Dazu kommt, dass König Necho wohl schwerlich am Busen von Aden Landbesitz hatte, wo er Vorbereitungen zu der phönizischen Expedition hätte treffen können, wohl aber besass er am rothen Meere dazu geeignetes Terrain – die Reste der dortigen Schiffswerfte sah ja Herodot noch[188] –, und schliesslich können wir behaupten, dass den Phöniziern das rothe Meer viel zu bekannt gewesen sein wird, als dass sie eine Fahrt auf demselben hätten zu scheuen brauchen. Sehen wir also von der Nordspitze des Meeres und vom Golf von Aden ab und suchen eine andere Stelle ausfindig zu machen, die mit grösserer Wahrscheinlichkeit den Ruhm für sich in Anspruch nehmen kann, der Abfahrtsort dieser denkwürdigen Expedition gewesen zu sein. Etwa unter 26° n. Br. liegt am Nil an einer Stelle, wo der Fluss sich dem rothen Meere auf 150 Km. nähert, die Stadt Keneh, ein wenig nördlicher, als im Alterthum Koptos lag. Von dieser Stadt führte, wie heute von Keneh, eine Strasse durch das Thal, welches jetzt Wadi Hamamat heisst, zum Meere[189] in der Gegend, wo Kosseir liegt, der Leukos Limen der Griechen[190]. Von diesem Hafen oder von seiner nächsten Umgebung wird die Expedition der Phönizier wahrscheinlich ausgegangen sein. Den Beweis für die geäusserte Ansicht wird ein Ueberblick über die Rolle geben, welche diese Stätte in der Geschichte des ägyptischen Handels und Verkehrs gespielt hat. Bereits vor und während der Pyramidenzeit war der Weg von hier aus an den Nil eine Hauptstrasse des Weihrauchhandels; jedenfalls schon in den Tagen der elften Dynastie, vielleicht noch früher, ist von Seiten der Regierung der Versuch gemacht worden, von hier aus direkte Beziehungen zu dem Lande Punt, der Heimath des Weihrauchs in Arabien, anzuknüpfen. Ob den Endpunkt der Strasse am Meer Kosseir oder ein nur wenig weiter nördlich gelegener Hafen bildete, mag dahin gestellt bleiben[191]; zur Zeit der zwölften Dynastie, wo der Handel auf dem rothen Meere in voller Blüthe steht, ist sein Ausgangspunkt jene andere Stelle. In den nächsten Jahrhunderten scheint der Verkehr mit Punt bald unterbrochen gewesen zu sein, bald aber lesen wir, dass er einen neuen Aufschwung nimmt, so besonders nach der Vertreibung der Hyksos, wo in Aegypten dasselbe geschah, was sich 3000 Jahre später in Spanien nach der Besiegung der Mauren wiederholte: das Selbstgefühl, gehoben durch die in schweren Kämpfen wieder errungene Freiheit, äusserte sich in kühner Seefahrt, und die Königin Hatasu, das Spiegelbild der kastilischen Isabella, beschloss wieder Schiffe ins Weihrauchland zu entsenden. Leider fehlen über den Abgangsort derselben alle positiven Angaben; erst das wissen wir wieder sicher, dass unter Ramses III. in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Expeditionen den alten Weg von Koptos zur Küste gehen, ja dass Ramses IV., der unmittelbare Nachfolger jenes Königs, sich durch Anlegung einer neuen Verbindungsstrasse besonders verdient gemacht hat. Nicht geringere Bedeutung hat der Verkehrsweg zur Zeit der 26. Dynastie, der saïtischen, eben der des Necho. Diese umfasst eine Periode der Restauration; im Kultus, in der Sprache, in der Schrift kommt man auf das Alte zurück. Das Staatsleben sucht man durch das Hervorholen archaistischer Titulaturen mit der Würde verflossener Jahrtausende zu umkleiden und tritt mit einer gewissen Ostentation auch auf anderen Gebieten in die Fussstapfen der älteren Königshäuser. Schon aus diesem Grunde würde es uns leicht glaublich erscheinen, dass man auch bei der Wiederaufnahme eines regeren überseeischen Handelsverkehrs hinsichtlich des Ausgangspunktes der alten Tradition nicht untreu wurde; aber wir haben sogar ausdrückliche Beweise dafür. An einer Felswand des Wadi Gasus auf dem Wege vom Nil zu dem alten Hafenplatze am rothen Meere finden sich nämlich aus der Zeit der 26. Dynastie die Namen mehrerer „Gottesweiber“ – das sind Königinnen, welche zugleich Gattinnen des Gottes Amon zu Theben waren –; Beweis genug, dass die Strasse von Koptos an die Küste damals wieder erhöhte Bedeutung gewann. Und wie zur Zeit der alten Pharaonen hatte auch unter den Ptolemäern der ägyptische Handel auf dem rothen Meere seinen Ausgangspunkt neben dem nördlicher gelegenen Heroopolis[192] hauptsächlich in Kosseir, ja, noch für die Periode um Christi Geburt schildert uns Strabo Koptos als den Stapelplatz für indische, arabische und äthiopische Waren, wenn auch die Verbindungsstrasse mit der Küste etwas weiter südöstlich lief, als früher, nämlich nach Berenice[193], und selbst in der Neuzeit bis zur Eröffnung des Suezkanales spielte Kosseir, über das auch eine wichtige Route für die afrikanischen Mekkapilger führte, als Verkehrsmittelpunkt dieser Gegenden seine Rolle. So liegt in der That die Vermuthung nahe, dass dieser Platz oder ein benachbarter Hafen, wie so vieler anderen Fahrten, auch der phönizischen Ausgangspunkt gewesen, und es dürfte nicht zu gewagt sein, unter Zurückweisung der oben erwähnten Ansichten für diese die grössere Wahrscheinlichkeit in Anspruch zu nehmen.
Wo waren die ausgesandten Schiffer zu Hause?
Zeit und Abfahrtsort der Expedition sind somit wenigstens annähernd festgestellt; es tritt nun an uns die Frage heran: woher nahm Necho die Mannschaft, welche er aussendete? Auch hierauf können wir jetzt Antwort geben. Ging das Geschwader erst nach der Rückkehr des Königs vom syrischen Feldzuge ab, so gewinnt damit die Vermuthung an Wahrscheinlichkeit, dass die Bemannung der Schiffe nicht von der phönizischen Küste Asiens, sondern aus dem Nildelta stammte, eine Ansicht, durch die ich freilich in Gegensatz zu einigen Gelehrten gerathe, welche sich ebenfalls mit der Umsegelung beschäftigt haben. Ein Theil der Beurtheiler übergeht diese Frage gänzlich mit Stillschweigen und lässt sich auch nicht andeutungsweise darüber vernehmen, andere, die sie nicht besonders erörtern, lassen wenigstens errathen, dass sie Phönizier aus dem Mutterlande für die Beauftragten halten, während eine dritte Kategorie dieses geradezu behauptet. Ihnen allen gegenüber möchte ich auf Folgendes hinweisen. Nechos Herrschaft über Syrien währte nur wenige Jahre[194]; nach der Schlacht von Karchemisch gab er mit seinen anderen Eroberungen auch die Herrschaft über die phönizischen Städte auf[195]. Da lag es ihm doch näher, falls er nun erst seine Expedition aussandte, die Phönizier im Delta, seine Unterthanen, mit der Ausführung zu betrauen, als sich an die im Mutterlande gebliebenen zu wenden, welche eben von seiner Herrschaft wieder frei geworden waren. Auch ist noch zu erwägen, dass in den nächsten Jahren nach der Schlacht bei Karchemisch Nebukadnezar Syrien in Besitz nahm[196]. Sobald dieser Herr der Phönizier geworden war, verstand es sich von selbst, dass sie für seinen Feind – denn der Friede, welcher folgte, war ein bewaffneter – nicht fahren durften; aber auch ehe sie wirklich das babylonische Joch trugen, werden sie schwerlich geneigt gewesen sein, auf etwaige Anerbietungen Nechos einzugehen und sich damit der Rache des von Osten gegen sie vordringenden asiatischen Machthabers auszusetzen. Und konnte Necho nicht die Dienstleistung der syrischen Phönizier recht wohl entbehren? Ganz gewiss. Nach Herodot[197] wohnten Landsleute von ihnen bei Memphis, ja nach Lieblein[198] waren Phönizier bereits 2600 Jahre vor Chr. von Südarabien – hier glaubt dieser Gelehrte seien sie ursprünglich zu Hause gewesen – über das rothe Meer nach Aegypten gekommen und hatten ausser an anderen Stellen auch in der Nähe von Koptos eine Kolonie gegründet; dass sie sich auch in dem wegen seiner vielen Wasserstrassen für Handel und Verkehr so sehr geeigneten Delta werden ausgebreitet haben, dürfen wir bei unserer Kenntniss des phönizischen Nationalcharakters mit Sicherheit annehmen. Sagt doch auch Curtius[199]: „Im unteren Nilthale waren die Phönizier seit ältesten Zeiten heimisch und besassen daselbst die einträglichsten Handelsstationen“. Und dass sie auf einem Terrain, welches ihrem amphibischen Charakter so zusagte, die alte Tüchtigkeit zur See, wie die syrische Heimath sie ihnen anerzogen hatte, sich bewahrten, bedarf kaum der Erwähnung. Wo wir auch immer phönizische Kolonisten auftauchen sehen, des Erbes ihres Stammlandes, der Kunst, den flüchtigen Kiel geschickt durch die wogende Fluth zu lenken, sind sie überall theilhaftig geblieben; sicherlich nicht am wenigsten diejenigen, welche an den tausend Wasseradern des Nildeltas neue Wohnsitze gefunden hatten. Geeignet für die in Frage stehende Fahrt waren auch diese also unbedingt, denn was werden sie anders gewesen sein als Kaufleute und Matrosen? Sicher verdankte die ägyptische Handelsmarine zum grossen Theile den im Delta ansässigen Phöniziern ihre Existenz. Diese wird Necho also ohne Zweifel auch zur Bemannung seiner neu geschaffenen Kriegsflotte verwendet, ihnen den Befehl zur Umsegelung Afrikas ertheilt haben. Fast unwiderleglich scheint mir aber der Beweis dafür, dass es ägyptische Phönizier gewesen waren, welche die Fahrt unternommen hatten, sich aus den Vorbereitungen zu ergeben, die Sataspes zu seiner Reise traf. Er ging, um ein Schiff für seine Umfahrt ausrüsten zu lassen, nicht, wie es doch näher gelegen hätte, in den Küstenstrich, wo die persische Marine ihren Hauptsitz hatte, nach Syrien, sondern ins Nildelta. Da es nun völlig ausgeschlossen erscheinen muss, er habe Aegypter heuern wollen[200], bleibt nur die Annahme übrig, dass er die hier ansässigen Phönizier für diejenigen Leute hielt, bei denen die Tradition von der Fahrt des Necho am lebendigsten war, und denen er am ersten zutrauen durfte, die Fährlichkeiten einer neuen gleichen Reise mit ihm zu bestehen.
Unternehmungslust des Alterthums auf dem Gebiete des Reisens.
Das passendste Werkzeug drängte sich also einem Könige Aegyptens, der seinem Lande durch Förderung des Handels bisher unbekannte Quellen materiellen Wohlergehens erschliessen wollte, gewissermassen von selbst auf, und diese Erwägung mag fördernd auf Nechos Pläne eingewirkt haben; bei sorgfältiger Betrachtung wird sich aber zeigen, dass auch manche andere Verhältnisse sowohl des Alterthums im Allgemeinen, als auch der Zeit Nechos im Besondern, die Aussendung der Expedition in einem nicht so wunderbaren Lichte erscheinen lassen, wie man auf den ersten Blick geneigt sein könnte zu glauben. Zunächst muss festgestellt werden, dass es heissen würde, einen grossen Irrthum begehen, wenn man dem Alterthum Mangel an Unternehmungsgeist auf dem Gebiete des Reisens vorwerfen wollte. Abgesehen von vielen über allem Zweifel erhabenen Fahrten der Phönizier und Griechen erinnere ich nur an ein Faktum, das Herodot selbst erzählt[201]. Aus dem Volke der Nasamonen, nomadischer Schafzüchter an den Syrten, unternahmen einst fünf Jünglinge die abenteuerliche Wanderung nach dem Niger, eine That, die erst in unserer Zeit durch Expeditionen, welche mit allen Hülfsmitteln moderner Kultur ausgerüstet waren, in Schatten gestellt ist. Diese Durchquerung der Sahara von Seiten der Nasamonen ist eine grossartigere Leistung als selbst die Umsegelung Libyens durch die Phönizier. Befähigt waren die Vertreter beider Völker für die Lösung ihrer Aufgabe, diese in Folge ihrer früheren ausgedehnten Fahrten zur See, jene durch ihre jährlichen Wanderungen nach Audschila, von wo sie Datteln holten[202]. Aber wenn es wahr ist, dass Wüsten die sie begrenzenden Länder mehr trennen als Ozeane die Küsten, welche sie bespülen, so wird auch zugestanden werden müssen, dass eine Wanderung durch das unbekannte afrikanische Sandmeer ohne Kamele, die damals in jenem Erdtheile noch nicht heimisch waren, mindestens eben so schwierig sein musste, wie eine Fahrt in eine fremde Wasserwelt, bei der man doch die Küste schwerlich auch nur einen Tag ausser Sicht verlor. An einem gewissen Wagemuthe, der die Schrecknisse aberteuerlicher Fahrten gering achtete, fehlte es also dem Alterthume entschieden nicht.
Antriebe zur Fahrt.
Wenn aber ein König wie Necho das, was er an Unternehmungsgeist besass, gerade der Förderung der Seefahrt zu gute kommen liess, wenn es ihn antrieb, fremde Meere und Länder in den Bereich ägyptischer Thätigkeit hineinzuziehen, so werden sich speziellere Beweggründe dafür unschwer finden lassen. Seit Psammetich waren in Aegypten Karer und – was für uns vielleicht wichtiger ist – Jonier ansässig[203]; in Jonien aber blühte Milet vor allen anderen Städten, und die Grundlage dieser Blüthe bildeten ihre Beziehungen zum Auslande. Von diesem glänzenden Emporium Kleinasiens zog der strebsame Kaufmann zu Tausch und Handel in die Fremde hinaus, und hierher trug ihm die dienstbare Meereswelle von allen Gegenden der Windrose Schätze der fernsten Erdstriche als Lohn der überstandenen Mühen und Gefahren herbei. Lassen wir es dahin gestellt, ob gerade Naukratis eine milesische Kolonie war oder nicht; als sicher dürfen wir betrachten, dass die Verbindung, wie sie zwischen der bedeutendsten Handelsstadt der kleinasiatischen Westküste und Aegypten durch die jonischen Söldner eingeleitet war, die Milesier bewogen haben wird, auch die Gegenden an den Mündungen des Nils in den Kreis ihres Handelsverkehrs hineinzuziehen. So wird Necho, über die Segnungen kolonialer Thätigkeit durch die Berührung mit einem der Hauptzentren damaliger griechischer Besiedlungskunst belehrt, sicher dazu angeregt sein, seine auf das gleiche Gebiet gerichteten Bestrebungen um so eifriger zu verfolgen. Dass er gerade auf eine Umsegelung Afrikas verfiel, dazu hat die irrige Anschauung seines Zeitalters über die Gestalt jenes Erdtheils wahrscheinlich das ihrige beigetragen. Ob Necho sicher wusste, dass dieser im Süden zu umsegeln war, muss trotz A. v. Humboldts Einwendungen[204] als zweifelhaft gelten; in hohem Grade wahrscheinlich ist aber, dass man ums Jahr 600 nicht nur das annahm, sondern – wie oben erwähnt – seine Süderstreckung für weit geringer hielt, als sie in der That ist. Naturgemäss ergab aber diese irrige Anschauung für Necho eine Anregung mehr, die Fahrt zu befehlen, und für die Phönizier einen neuen Antrieb, dem Befehle nachzukommen. Sie werden, von Kap Guardafui durch das rothe, das mittelländische Meer und den atlantischen Ozean bis zu den Handelsplätzen der Karthager in Senegambien rechnend, wahrscheinlich angenommen haben, den Umfang des Erdtheils über die Hälfte hinaus, vielleicht bis zu zwei Dritteln zu kennen, und es ist klar, dass diese Annahme einerseits sie reizen musste, auch den Rest zu erforschen, andrerseits ihren Muth für die gefährliche Reise stählte. Es fordern, wie in manchem andern Punkte, so auch in dieser Beziehung die Fahrten der Portugiesen an der Westküste Afrikas im 15. Jahrhundert zu einem Vergleich heraus. Tappend von einer Station zur andern, suchten sie vorsichtig und bedächtig ihren Weg und haben über siebzig Jahre gebraucht, um bis an das Kap der guten Hoffnung zu gelangen, dann aber legten sie den Rest des Seeweges nach Indien, ihres Sieges gewiss, in kurzer Zeit zurück. Aehnlich haben wir uns auch das Vorgehen der Phönizier zu denken. Jahrhunderte lang wird es gedauert haben – und bei dem damaligen unentwickelteren Standpunkte der Seefahrt ist das begreiflich – bis dieselben einerseits mit ihren Vettern vom Bagradas über das Mittelmeer bis nach Senegambien, andrerseits allein auf dem rothen Meere bis Bab-el-Mandeb vorgedrungen sind. Nachdem sie an letzterem Orte lange Zeit Handel getrieben hatten, mag in Folge äusserer Veranlassung, vielleicht halb durch Nechos Befehl geweckt, halb aus anderen gleich zu erwähnenden Gründen, die Lust in ihnen erwacht sein, den Rest Libyens zu umsegeln, und in der Voraussetzung, der Erdtheil schlösse viel weiter im Norden ab, als er es wirklich thut, werden sie, belebt von der sicheren Hoffnung des Gelingens, wie nach ihnen Vasko da Gama, den vermeintlich kurzen Weg angetreten und, trotzdem er sich wider Erwarten lang erwies, glücklich vollendet haben. Den angedeuteten anderen Gründen dürfte es nun passend erscheinen, ein paar Worte zu widmen. Zunächst war es gefährlich, dem Befehl eines Despoten – und ein solcher war doch zweifellos auch Necho – nicht Folge zu leisten; das Schicksal des Sataspes zeigt dies zur Genüge. Dazu kommt, dass, wenn nicht alles täuscht, des Königs Aufforderung die Phönizier getroffen haben wird, als sie sich selbst mit dem Gedanken, über Kap Guardafui hinaus die Fahrt zu versuchen, bereits vertraut gemacht hatten; es wird also zu einem längst von ihrer Seite geplanten Unternehmen der Pharao den äusseren Anstoss gegeben haben. Dass aber gerade damals den Phöniziern der Gedanke nahe gelegt wurde, eine Probefahrt in bisher unbekannte Gegenden zu unternehmen, um eventuell ihr Handelsgebiet über diese auszudehnen, lag in den politischen Verhältnissen begründet. In den ältesten Zeiten gehörte ihnen das mittelländische Meer unumschränkt, und ohne Konkurrenz befuhren sie es von einem Ende zum andern. Das hatte sich aber in den letzten Jahrhunderten, die vor Necho liegen, sehr zu ihrem Nachtheile geändert. Mehr und mehr fing die griechische Seemacht an, den Kampf um das Prestige siegreich aufzunehmen, weiter und weiter spann sich das Netz, mit dem hellenischer Unternehmungsgeist und hellenische Thatkraft die Ufer des Mittelmeeres kolonisirend überzogen, und ums Jahr 600 v. Chr. war der östliche Theil dieser früher ausschliesslich phönizischen Domäne bereits verloren, der westliche schwer bedroht. Schon um die Mitte des siebten Jahrhunderts war Koläos von Samos durch die Säulen des Herakles nach Tartessos verschlagen worden[205], und der Schätze, die er mitbrachte, waren so viele, dass der zehnte Theil hinreichte, ein grosses Weihgefäss von Erz im Tempel der Hera zu Samos aufzustellen. Er war der erste Hellene, der den atlantischen Ozean beschifft, der den wichtigsten Marktplatz der Phönizier besucht hatte. Dass nach solchen Erfolgen die Griechen den Westen des Mittelmeeres mehr frequentiren würden, dies vorauszusehen, bedurfte es keiner prophetischen Beanlagung, und in der That wurde schon im Jahre 628 im Westen Siziliens Selinus gegründet[206]. Das Naturgemässe würde nun gewesen sein, die Phönizier hätten ihre Schiffe bemannt und mit des Schwertes Schärfe ihre vermeintlichen Ansprüche den Eindringlingen gegenüber zur Geltung gebracht; doch nichts derartiges geschah. Semiten sind geschmeidig; der Druck, der ihnen die Waffen in die Hand zwingen soll, muss schon ziemlich stark sein, und alles, was phönizisch hiess oder nur entfernt von Phöniziern seinen Ursprung ableitete, war Krämervolk und huldigte der Politik der Duldung. Wir sehen es an der Geschichte der Karthager. Waren sie schneidige Leute, so mussten sie, als das erste griechische Schiff durch die Strasse zwischen Sizilien und Afrika fuhr, diesen Vorfall als einen casus belli betrachten und eine Monroe-Doktrin des Alterthums aufstellen, indem sie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln die Einmischung der hellenischen Osthälfte der damaligen Mittelmeerwelt in ihre westlichen Gebiete zurückweisen. Sie thaten es nicht. Erst als sich ums Jahr 537 die Phokäer in Alalia auf Korsika niedergelassen hatten und der Handel dieser griechischen Kolonie den Puniern aufs ernstliche gefährlich zu werden schien, verbündeten sie sich mit den Etruskern zu einem Waffengang gegen die Fremdlinge und zwangen sie durch eine Seeschlacht, ihre Ansiedlung aufzugeben[207]; dann aber trat wieder Ruhe ein, und erst 60 Jahre später entbrannte auf der ganzen Linie der Kampf zwischen der phönizischen und der hellenischen Welt, als Xerxes an der Spitze seiner Flotte gegen das griechische Mutterland zog und gleichzeitig die Karthager die von dort ausgegangenen sizilischen Kolonieen bedrängten. So weit war man zu Nechos Zeit aber noch lange nicht, und keineswegs dachten damals die Phönizier an gewaltsame Abwehr; sie versuchten vielmehr sich Ersatz zu schaffen für die verloren gegangenen Handelsgebiete, und bei einem Volke, dessen Schiffer gewohnt waren, die weiten Wege nach Indien und Britannien ohne Furcht zurückzulegen, ist ein solcher Entschluss in der That weniger wunderbar, als er auf den ersten Blick erscheinen mag. So mochten sie leicht auf den Gedanken einer Umsegelung Afrikas verfallen, und wir werden schwerlich irren, wenn wir behaupten, dass Necho, in seinen Plänen vielleicht von den Phöniziern beeinflusst, ausgesprochen hat, was diese längst wünschten, ja, dass die Fahrt binnen Kurzem zu Stande gekommen wäre, auch wenn er sie nicht befohlen hätte. Die ganze Lage drängte dazu, und es war nur natürlich, dass die Phönizier sich anderen Meeren zuwandten, da sie das mittelländische nicht behaupten konnten oder wollten. Bis zu Nechos Zeit wird ihr Seeverkehr über Bab-el-Mandeb hinaus nicht sehr lebhaft gewesen sein. Was ihnen an der Pforte des Mittelmeeres zum atlantischen Ozean fehlte, ein Stapelplatz für die aus weiter abliegenden Ländern einzuführenden Waren – denn darüber, dass Gades etwa für die Produkte der Kassiteriden und anderer westlicher Gebiete dies gewesen sei, ist nichts überliefert – das hatten sie an dem Thor, welches den Verkehr mit dem indischen Meere vermittelte, in dem Lande Punt. Hierher wurden die Erzeugnisse Indiens, auch nachdem die Phönizier den Seeweg dorthin gefunden hatten, jedenfalls öfters von den Händlern des produzirenden Landes gebracht, als jene sie holten; auch die Waren, welche die in der Nähe von Bab-el-Mandeb gelegenen afrikanischen Küstenorte ausführten[208], strömten hier zusammen, und dass es mit den Handelsartikeln der weiter südlich liegenden produktenreichen Länder wahrscheinlich ebenso der Fall war, haben wir schon oben gesehen. Daher gingen selten Schiffe aus dem rothen Meere in den indischen Ozean hinaus, wie Strabo, der doch weit später lebte (um Chr. Geb.), dies noch von seiner Zeit berichtet[209]; geschah es dennoch, erregte es Aufsehn, und wenn die Nachricht von der phönizischen Umsegelung Afrikas der Nachwelt erhalten ist, so mag dies als einer der Gründe dafür angesehen werden. War also bis zu Nechos Zeit der östliche Seehandel der Phönizier im Wesentlichen auf Punt beschränkt und griff höchstens ab und an nach Indien hinüber, so lenkte dieses Königs Gewinnsucht ihn in neue Bahnen. Ob es ein Versuch ins Blaue hinein war, oder ob ihm die Erreichung bestimmter Gegenden als Ziel vorschwebte, kann unentschieden bleiben. Unmöglich ist das Letztere nicht, denn an der Westküste Afrikas waren durch phönizische und karthagische Expeditionen allerlei reiche Länder bekannt geworden, mit denen in Verbindung zu treten Necho reizen konnte. Es lag nun aber nicht fern zu fürchten, dass ihm der ungehinderte Verkehr dorthin auf der nächsten Strasse, der des Mittelmeeres, verlegt werden könnte; so kam er auf den Gedanken zu versuchen, ob das Ziel nicht auch durch Umsegelung Afrikas im Süden zu erreichen sei. Da Necho wahrscheinlich meinte, die Küste Libyens ziehe gleich beim Kap Guardafui nach Westen, lässt sich sein Plan verstehen. Wenn er recht hatte, war der Weg von Punt bis Senegambien um Südafrika herum in der That kaum weiter als der von den Nilmündungen durch das mittelländische Meer dorthin. Was nun die Sperre der nördlichen Strasse anbetrifft, so glaubt Maspéro[210], die ersten Entdecker jener Länder an der Westküste, Phönizier und Karthager, würden schwerlich den mediterranen Verkehr ägyptischer Schiffe nach ihren Ansiedlungen, den sie leicht hindern konnten, gestattet haben. Mir erscheint dies fraglich, da doch Landsleute sie führten; weit eher könnte es, wie oben gezeigt, die wachsende Seemacht der Griechen gewesen sein, die ihn befürchten liess, dass für Phönizier die Fahrt auf dem Mittelmeere in Kürze ihr Ende erreicht haben möchte. So war Aegypten unter König Necho hinsichtlich dieser westafrikanischen Gebiete in einer ähnlichen Lage wie das Abendland seit dem Vordringen der türkischen Horden nach Vorderasien in Bezug auf Indien; war im Mittelalter der nächste Weg nach diesem Lande durch die Söhne der hinterasiatischen Steppe verlegt, so bedrohte im Alterthum den in jene Gebiete die Eifersucht der griechischen Seefahrer. In beiden Fällen blieb als Auskunftsmittel die Umsegelung Afrikas im Süden. Mag man also über die Beweggründe Nechos denken, wie man will: Gewinnsucht, die auri sacra fames, ist höchst wahrscheinlich nicht die geringste der Triebfedern zu dieser, wie zu so vielen andern Thaten gewesen, und wie dem Kolumbus bei seiner epochemachenden Entdeckung als Ziel die Gestade Zipangus, des Goldlandes Marco Polos, vorschwebten, so sind die ersten Umsegler Afrikas möglicherweise durch die Schätze Senegambiens zu ihrer abenteuerlichen Reise verlockt worden.
Folgenlosigkeit der Fahrt.
Trotz der grossen Hoffnungen aber und der weit ausschauenden Pläne, welche Necho und die Phönizier mit dieser Fahrt verknüpften, ist sie doch nicht nur für die allgemeine Weltgeschichte, sondern auch für die des ägyptischen Landes ohne alle Folge geblieben; es zeigt sich uns hier einer jener Fälle, wo einer wirklich grossen That der gebührende Lohn versagt geblieben ist. Alle diejenigen aber, welche geneigt sind, aus was für Gründen immer, der Nachricht Herodots mit Zweifeln gegenüberzutreten, haben sich aus dieser Folgenlosigkeit eine Waffe geschmiedet, der allerdings auf den ersten Blick die Fähigkeit, schlimme Wunden zu schlagen, nicht abgesprochen werden kann, die aber bei sorgfältigerer Prüfung sich doch als stumpf und nur zu einem Scheingefecht verwendbar erweist. Betrachten wir die Sachlage etwas eingehender! Der erste Grund, den die Gegner geltend machen, ist der, dass kein Schriftsteller des Alterthums von dieser Umsegelung weiss, es sei denn, dass er die Nachricht aus Herodot entlehnt hätte. Sie argumentiren nun, ein so wichtiges Ereigniss habe nicht ganz vergessen werden können, und daraus, dass keiner es erwähne, sei mit Sicherheit zu schliessen, dass keiner daran geglaubt habe[211]. Die ganze Erzählung von der Umsegelung sei also eine Fabel oder bezöge sich im günstigsten Falle auf einen Versuch, gegen dessen Gelingen das Schweigen der alten Quellen auf das beredteste spräche[212]. Sicherlich kann man nun aber daraus, dass nur einer irgend ein Ereigniss kennt, nicht schliessen, dass es überhaupt nicht stattgefunden habe; manchmal wird es bei genauerer Prüfung sogar auffällig erscheinen, dass dieser eine es kennen gelernt hat, und der Fall scheint mir hier vorzuliegen. Es ist, eben weil die Fahrt ohne jede Nachwirkung geblieben war, einerseits als ein besonders glücklicher Zufall zu betrachten, dass die Priester bei Herodots Anwesenheit in Aegypten sich der vor 150 Jahren gemachten Reise erinnerten, andrerseits ist es wunderbar, weil diese Gewährsmänner aus Gründen, die später zu erörtern sein werden, selbst die Thatsachen nur oberflächlich kannten und anzunehmen ist, dass schon um die Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. bei jedem Fehlen eines greifbaren Erfolges die ganze Geschichte nicht viel mehr als ein dunkles Gerücht gewesen sei. Wenn nach dieser Zeit Griechen, die Aegypten bereisten, etwa durch Herodots Erzählung angeregt, nach der Sache fragten, haben sie sicher nichts erfahren: die späteren Generationen hatten selbst keine Kenntniss davon. Es könnte hiergegen eingewendet werden, dass die Bewohner des Nilthales doch von den Grossthaten ihrer Könige aus viel früherer Zeit zu berichten wussten, aber es waren ja eben Aegypter gewesen, die jene vollbracht hatten, und – mochten die alten Erzählungen nun Wahres oder Unwahres berichten – jene Nachrichten waren eben so viele Blätter in dem Ruhmeskranze der ägyptischen Geschichte. Welchen Glanz konnte aber der Vergangenheit ihres Landes diese Heldenthat phönizischer Schiffer verleihen, zu welcher der Pharao doch höchstens die Anregung gegeben hatte, bei der alle Mühen und Gefahren aber von Fremden erduldet worden waren, denen naturgemäss deshalb auch der Ruhm und die Ehre gebührte? Man hatte – durch die Brille ägyptischer Selbstsucht gesehen – demnach wenig Interesse daran, dieser Fahrt eine länger dauernde Erinnerung zu widmen. Unser Gewährsmann, der doch persönlich am Ausgangspunkte der Expedition war und ihr zeitlich im Verhältniss zu den andern Historikern und Geographen des Alterthums nahe stand, erfuhr also wenig genug, und das ist nicht auffällig; eher wäre denkbar, dass vor Herodots Zeiten dieser oder jener Grieche, der sich in Aegypten aufhielt, Genaueres von der Reise gehört hätte; ist es denn aber wunderbar, wenn bei dem gänzlichen Mangel einer griechischen Historiographie in jenen Zeiten weiteren Kreisen davon nichts bekannt wurde?
Man hat ferner erwähnt, der Umstand, dass nach der Zeit, in welche die Umsegelung gesetzt wird, der Standpunkt der geographischen Kenntnisse genau derselbe geblieben, dass auch nicht der geringste Fortschritt auf diesem Gebiete zu konstatiren sei, lege es nahe, die Fahrt der Phönizier als nicht geschehen zu betrachten. Eine genauere Prüfung wird die Hinfälligkeit auch dieses Grundes erweisen. Zugegeben muss selbstverständlich werden, dass weder Herodot, noch manche spätere dies Gebiet berührende Schriftsteller des Alterthums eine Ahnung von der südlichen Ausdehnung und wahren Gestalt Afrikas hatten. Die alten Geographen kannten zwar natürlich die Erzählung von der Umsegelung des Erdtheils und wussten wohl, dass er sich bis in eine Gegend erstrecken solle, wo die Sonne dem an der Südküste von Osten nach Westen Fahrenden mittags zur Rechten erscheinen konnte; es war das aber – wie ihnen bekannt – für einen Theil des Jahres schon der Fall, wenn er sich bis über den Wendekreis des Krebses ausdehnte, und indem sie ihn bei ihren Kartenentwürfen soweit verlängerten, glaubten sie der Nachricht Herodots genüge zu thun. Wir konstatiren bei dieser Gelegenheit, dass aus den verkehrten Anschauungen über die Süderstreckung des Erdtheils, die wir bei nachherodoteischen Geographen des Alterthums finden, also keineswegs – wie es thatsächlich geschehen ist – geschlossen werden darf, dass diese sämmtlich jene Erzählung für eine Lüge ansahen; sie konnten dieselbe für wahr halten, konnten glauben, dass der Schiffer die Sonne im Norden erblickt, und doch den Erdtheil nördlich vom Aequator seinen Abschluss finden lassen. Und selbst die Besten haben sich in dieser Beziehung die verkehrtesten Bilder gemacht. So denkt sich noch Strabo Libyen als ein rechtwinkliges Dreieck, dessen lange Kathete am Mittelmeer liegt, und dessen kurze sich in der Richtung des Niles erstreckt, während die Hypotenuse etwa von Gibraltar nach Südosten verläuft. Die Südspitze des Erdtheils verlegt er etwa unter den 10. Grad n. Br.[213]. Eine andere beliebte Annahme war die, dass Südafrika sich nach Osten hin mit Vorderindien verbinde und also der indische Ozean ein Binnensee sei. Schon Hipparchus von Nikäa, der zu Alexandria lehrte (um 200 v. Chr.), hat sich dieser irrigen Vorstellung hingegeben, und wenn auch Strabo und Posidonius dieselbe verwarfen, so haben doch Polybius, Marinus von Tyrus und endlich Claudius Ptolemäus sie vertheidigt[214]. Polybius, einer der hervorragendsten Geographen des Alterthums, behauptet geradezu, dass Afrika „in Aethiopien“ mit Asien zusammenhänge[215], woraus klar hervorgeht, dass zu seiner Zeit nicht einmal der Verlauf der Ostküste des Erdtheils unmittelbar südlich von dem heutigen Kap Guardafui bekannt war, denn hier beginnt ja Aethiopien nach der Anschauung der Alten[216]. Auf diesen Gründen fussend, hat nun die Zweifelsucht den Kampf eröffnet, freilich, wie wir gleich sehen werden, ohne Aussicht auf Sieg. Plinius erzählt uns nämlich[217], dass Ptolemäus Philadelphus der erste gewesen sei, der Troglodytice – d. i. die Westküste des rothen Meeres – genauer untersuchen liess. Nun hatten aber an dieser Küste entlang die Aegypter nicht Jahrhunderte, nein, wahrscheinlich Jahrtausende hindurch Schifffahrt nach Punt getrieben und sie dabei ohne Zweifel bis ins Kleinste hinein kennen gelernt. Wenn nun jener König Veranlassung nahm, ein Land aufs neue erforschen zu lassen, das man 1000 Jahre und früher, bevor er zur Regierung kam, schon gründlich gekannt hatte, wenn noch in den letzten Zeiten vor der Perserherrschaft diese Kenntniss durch neue Fahrten in jener Richtung völlig gesichert erscheint, so geht daraus hervor, dass in den Wirren, welche mit dem Zuge des Kambyses für Aegypten begannen, die früher erworbene Kunde wieder verloren gegangen war. Wenn das aber dem Lande Troglodytice geschehen konnte, so ist nicht einzusehen, warum es nicht auch die weiter südlich gelegene Ostküste Afrikas hätte treffen sollen. Die Kenntniss jener Gegenden, wohl nur durch die eine phönizische Fahrt vermittelt, war sicherlich weit oberflächlicher als die hinsichtlich Troglodytices erworbene; konnten die hochgehenden Wogen des Stromes der politischen Ereignisse diese fortreissen, so war es kein Wunder, wenn jene ihnen nicht hatte widerstehen können. Daraus also, dass die Ostküste Afrikas südlich vom Kap Guardafui zur Zeit des Polybius unbekannt war, kann unmöglich geschlossen werden, die phönizische Expedition habe nicht stattgefunden. Wenn aber feststeht, dass man später in Aegypten von der Umsegelung nichts mehr hat wissen wollen, wenn besonders betont worden ist, dass auch die grossen Geographen der alexandrinischen Schule an die Wahrheit der herodoteischen Erzählung nicht geglaubt haben[218] – vor allen andern wird Claudius Ptolemäus, der ebenfalls den indischen Ozean in ein asiatisch-afrikanisches Binnenmeer verwandelte[219], als Zeuge für die Ansicht der Gegner aufgeführt. Und in der That ist einerseits nicht darüber zu streiten, dass er die Erzählung gekannt, andrerseits, dass er ihr keinen Glauben beigemessen hat. Der Grund seines Zweifels hat freilich wohl weniger in Bedenken gelegen, die er in Bezug auf die Wahrheitsliebe Herodots hegte, als vielmehr in der häufig wiederkehrenden Anschauung, dass das Gleichgewicht der Erdkugel ohne ein grosses antarktisches Festland, welches den um den Nordpol lagernden Landmassen entspräche, nicht aufrecht erhalten werden könne. An die Existenz eines solchen Landes, das sich mit Südasien und Südafrika verbinden sollte, mag Ptolemäus geglaubt haben, wie nach ihm noch so viele, bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts Cooks zweite Reise das Phantastische dieser Hypothese nachwies. Trotzdem könnten wir uns wundern, dass er einer solchen blossen Vermuthung zu Liebe durch seine Konstruktion des afrikanischen Festlandes der herodoteischen Ueberlieferung die Wahrheit bestritt, wenn wir nicht wüssten, dass er sich auch andern hochbedeutenden und völlig gesicherten Resultaten wissenschaftlicher Forschung gegenüber ablehnend verhielt. So hatte vier Jahrhunderte vor ihm Aristarchos von Samos die Lehre von einem heliozentrischen Weltsystem aufgestellt und niemand wird bezweifeln, dass sie Ptolemäus bekannt war. Wenn dieser Gelehrte nun trotzdem auf den geozentrischen Bau zurückging, werden wir deswegen doch gewiss nicht annehmen, dass der samische Astronom Falsches gelehrt, sondern vielmehr, dass sein Gegner geirrt habe. Ein Mann aber, der solche Irrthümer beging, wird durch seine abweisende Haltung schwerlich Zweifel an dem Faktum der Umsegelung Afrikas in uns wachrufen können; es ist ihm hier gegangen, wie mit dem Sonnensystem: hat er nicht geschlafen, so hat er doch geschlummert. Wir erkennen also in der ptolemäischen Gestaltung Afrikas nur einen bedauerlichen Irrthum, einen Rückschritt der geographischen Erkenntniss, der dadurch verschuldet wurde, dass jener Gelehrte die zur Zeit des Königs Necho bereits geglückte Lösung eines schwierigen Problems nicht anerkannte. Diese Negierung darf uns aber keineswegs stutzig machen und etwa erneute Zweifel an der Wahrheit des von Herodot Mitgetheilten in uns wachrufen. Ein derartiges Zurückversinken in unreifere Anschauungen steht in der Geschichte der Geographie leider keineswegs vereinzelt da; brachten uns doch die Zeiten der ersten christlichen Geographen „das drückende Schauspiel eines Verfalls der Wissenschaft und ihres Zurücksinkens in das Kindesalter der jonischen Schule“[220]. Sehen wir doch hier unter dem Einfluss der naiven Darstellungen der Bibel die Erde aus einer Kugel wieder zur gewölbten Scheibe werden, deren Mittelpunkt die heilige Stadt Jerusalem ist, wie einst den Griechen ihr Apollositz Delphi „der Nabel der Erde“ war, und über ihr die Engel die Gestirne am Himmel hinauf- und herabführen und dafür sorgen, dass Tag und Nacht sich richtig ablösen und dann und wann zur Unterbrechung des monotonen Einerlei eine Sonnen- oder Mondfinsterniss in Szene geht[221]. Es wird schon aus diesen Ausführungen, wie ich denke, klar hervorgehen, dass der Mangel an Erweiterung unseres geographischen Horizontes in Folge der phönizischen Fahrt uns keineswegs veranlassen darf, an dieser selbst zu zweifeln; wenn sie aber nach dieser Richtung hin ohne alle Folgen blieb, so liegt ein anderer Grund wohl noch in dem Umstande, dass die Phönizier sich schwerlich Zeit genommen haben, die Küsten und die Lage des Erdtheils im Vorbeifahren auch nur oberflächlich aufzunehmen, ganz abgesehen davon, dass sie zur Anfertigung einer nur halbwegs richtigen Skizze jedenfalls nicht annähernd befähigt waren. So werden sie auf die Frage, wie weit sich Afrika nach Süden erstrecke, selbst nicht im Stande gewesen sein, genaue Auskunft zu geben; die Nachwelt blieb darüber erst recht im Dunkeln und konnte, da neue Fahrten in das Südmeer nicht unternommen wurden, noch lange meinen, der Erdtheil reiche nur etwa bis in die Nähe des Aequators. Als man dann später über die weite südliche Ausdehnung Afrikas mehr und mehr ins Klare kam, diente diese Erkenntniss naturgemäss der Ansicht zur Stütze, dass die ägyptische Priestererzählung eine Fabel gewesen sei, gedichtet auf Grund der früheren irrigen Vermuthung über jenen Punkt, die ja allerdings eine Umschiffung weit leichter erscheinen lassen musste, als sie es in Wirklichkeit war[222]. Auffallend ist bei diesen Erwägungen für den modernen Menschen vor allem das Eine, dass zur Zeit der Ptolemäer – also nach 300 Jahren –, wenn wir die Gelehrtenkreise, denen das Werk Herodots bekannt war, ausnehmen, augenscheinlich niemand von der Umsegelung etwas wusste, und auf den ersten Blick könnte ein gewisses Erstaunen über diesen Umstand berechtigt erscheinen, wenn man die Verhältnisse der neueren Zeit in Betracht zieht. Eine so kühne Seereise, in den letzten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung unternommen, würde nicht nur niemals der Vergessenheit anheimfallen können, sondern vielmehr jedem halbwegs Gebildeten unbedingt geläufig sein. Um aber ein richtiges Urtheil zu gewinnen, dürfen wir nicht an den unendlichen Reichthum der litterarischen Publikationsmittel, wie er uns heute zu Gebote steht, denken, sondern müssen uns die im wesentlichen auf mündliche Tradition angewiesene Zeit des Königs Necho vergegenwärtigen; erst dann werden wir uns klar machen können, wie es möglich war, dass die Erinnerung an diese Fahrt nur durch Vermittlung einer einzigen, und noch dazu so spärlich fliessenden Quelle auf uns gekommen ist und die Nachricht von einer hochinteressanten, wenn auch wissenschaftlich und politisch folgenlosen Begebenheit nach 300 Jahren schon vergessen sein konnte.