Angelo.
Das heißt die Bosheit weit getrieben; laß dein Gesicht sehen!
Mariane.
Mein Gemahl befiehlt es, nun will ichs thun.
(Sie nimmt ihren Schleyer ab.)
Siehe hier, du grausamer Angelo, siehe das Gesicht, welches einst, wenn deine Schwüre Glauben verdienten, werth war angesehen zu werden; dieses ist die Hand, die durch einen feyerlichen Ehverspruch in die deinige geschlossen wurde; diß ist der Leib, der das Versprechen der Isabella bezahlte, und in deinem Gartenhaus ihre eingebildete Person vorstellte!
Herzog (zu Angelo.)
Kennt ihr dieses Frauenzimmer?
Lucio.
Fleischlicher Weise, sagt sie.
Herzog.
Schlingel, kein Wort mehr.
Lucio.
Genug, Gnädigster Herr.
Angelo. Gnädigster Herr, ich muß gestehen, daß ich dieses Frauenzimmer kenne. Vor ungefehr fünf Jahren wurde eine Verbindung zwischen mir und ihr in Vorschlag gebracht, die sich aber wieder zerschlug, theils weil ihr Vermögen sich weit geringer befand als man es angegeben hatte; vornemlich aber, weil der Ruf einer unvorsichtigen Aufführung ihre Ehre zweifelhaft machte. Seit diesem bezeuge ich bey meiner Ehre und Treue, daß ich sie binnen fünf Jahren weder gesehen, noch mit ihr gesprochen, noch von ihr gehört habe.
Mariane. Grosser Fürst, so gewiß als das Licht vom Himmel, und Worte vom Athem kommen; so gewiß als Vernunft in der Wahrheit, und Wahrheit in der Tugend ist; so gewiß bin ich, in Kraft der feyerlichsten Gelübde, dieses Mannes verlobtes Weib: Und nur erst in verwichner Dienstags-Nacht, in seinem Garten-Hause, erkannte er mich wie ein Weib. So wahr als diß ist, möge ich gesund von meinen Knien wieder aufstehen, oder wo nicht, auf ewig hier als ein marmornes Denkbild stehen bleiben.