MEETING DER FÜNFTEN KLASSE
Ihr Mitmenschen! So seid ihr alle gekommen, durch die abendgehöhlten Straßen, durch die Tunnels der Stadt: Ihr Gedrückten, ihr Flüchtigen aus der Zwielichtwohnung, aus haßgefüllter Kaserne und dumpfem Schlafloch! Euch alle, meine Brüder, hat mein weher Ruf durchdrungen! Oh ihr mußtet waten durch das grelle Gold des Boulevards. Ihr wurdet vom gelben Gezisch der Kinos angespieen. Es war so weit, so weit bis auf diesen offenen Abendplatz. Und nun?
Hier steh ich, der ich euch rief. Da steh ich auf hölzerner Estrade und habe nichts in den Händen als den großen Himmel, nichts in den Augen als den Glauben an euch, und nichts zu verschenken als ein Wort, ein einziges, schallendes, tiefes Wort. Erwartetet ihr mehr? Glaubtet ihr mich bereit, euch das Giftmittelchen Haß einzuimpfen? Ein Advokat würde euch mit grandioser Geste an seine Brust drücken? Oder ich sei ein Metzgerjunge, der je nach Bedarf ein Kilo oder ein Viertelpfund Befriedigung an jeden verteilt, ein bißchen Klassenkampf, ein paar Phrasen vom Kapitalismus und von Lohntarifen?
Meine Mitmenschen, wie habt ihr euch geirrt! Ich rief euch alle und habe doch nichts im Munde als ein einziges Wort, das wie eine blutige Sense über meine Lippen streift. Schaut mich nicht so an: Ich bin kein Prophet. Ich bin ein Mensch. Ich bin ein einsamer, nackter Mensch wie jeder von euch. Stürzt mir nicht zu Füßen! Schluchzet nicht! Jeder von euch könnte dasselbe tun und auf diese Tribüne steigen und könnte die Menschheit befreien helfen. Er brauchte nur wie ich sein aufgeblutetes Herz zeigen und das eine Wort aussprechen.
Das eine Wort, das ihr ja alle wißt! Das Wort, das mehr Geist enthält als die Literatur des gesamten neunzehnten Jahrhunderts, das mehr Revolte ist als alle Appells und Proklamationen eurer bisherigen Führer, ein Wort, das sich um die runde Erde wölbt wie der nächtliche Himmel, dunkel und so voller goldener Möglichkeiten doch. Ein Wort!
Ihr alle kennt es so gut, auch wenn ihr es immerzu verschweigt. Ihr fahrenden Zigeuner, die den bunten Wagen hinter der Schießbude stehen ließet. Du, zynischer Apache. Du Nachtasylenschläfer. Sträfling, dem die Nummer der Zelle noch immer weiß auf schwarz vor den Augen flimmert. Dienstmädchen, das in seiner Schwangerschaft nachher am Kanal ein dichtes Weidengestrüpp aufsuchen wird. Durchgefallener Student, der trotz Mythologie und Philosophie an diesem einen Wort, weil’s unausgesprochen blieb, scheitern mußte.
Ich könnte übrigens dies Wort wie ein Zauberer auf dem Markt aus der Tasche ziehen und vorgaukeln lassen. Ich könnte es euch hinwerfen, wie ehedem der Ritter seine goldene Börse unter das Fußvolk. Aber es ist nicht einmal nötig, es auszusprechen. Es gilt nur, davon zu wissen, bewußt zu sein, daß ein jeder es in sich trägt, wie der Chirurg behauptet, daß ihr alle ein Herz in euch tragt.
Schon brodeln eure dumpfen Stimmen. Schon bewegen sich eure schweren Füße. Eure Hände sind gezackt. Ich fühle, ich fühle, ihr habt mich verstanden! Wie könnte es anders sein? Ihr alle seid ja selbst schon einmal an diesem Wort gestorben. Ihr sahet Verwundete beschämt ihre Eingeweide mit den Händen verbergen. Sahet Familienväter sich toll über grünende Jünglinge stürzen. Und den Toten saht ihr ins verglaste Auge, und das Wort stand erstarrt auf ihrem schwarzen Mund.
Ich brauche es euch nicht zu sagen. Ich habe in euer Antlitz gesehen. Ich habe euer Herz geprüft an diesem goldenen Abend. Ich weiß, ihr seid bei mir, wie ich bei euch bin. Ich weiß, schon ist das Wort kein Wort mehr, schon ist es Tat, Sinn und Erleichterung: schon ist es die Menschenliebe selbst!