1 Maienlust. Wollt ihr schauen, was dem Maien Wunders ist beschert? Seht die Pfaffen, seht die Laien, Wie das alles fährt! 5 Gross ist sein’ Gewalt: Hat er Zauber sich ersonnen? Wo er kommt mit seinen Wonnen, Da ist niemand alt. Uns soll alles wohl gelingen, 10 Fröhlich woll’n wir sein. Lasst uns tanzen, lachen, singen, Doch in Züchten fein. Weh! Wer wär’ nicht froh, Seit die Vöglein also schöne 15 Singen ihre besten Töne? Tun wir auch also! Wohl dir, Maie, dass du leidest Weder Hass noch Streit! Wie du schön die Bäume kleidest 20 Und die Heide weit! Die hat Farben viel. “Du bist kurzer, ich bin langer:” Also streiten auf dem Anger Blumen sich im Spiel. 25 Roter Mund, sollst dich bezähmen, Lass dein Lachen sein! Ach, es kann dich nur beschämen, So zu spotten mein. Ist das wohl getan? 30 Wehe der verlornen Stunde, Soll von minniglichem Munde Unminn’ ich empfahn! Was mir alle Freude störet, Seid Ihr, Frau, allein. 35 Ihr nur habt mich ja betöret, So erbarmt Euch mein. Wie steht Euch der Mut? Wollt Ihr mir zu allen Tagen Eure Gnade ganz versagen, 40 So seid Ihr nicht gut. Lasst die Sorgen von mir scheiden, Macht mir lieb die Zeit! Sonst muss ich die Freude meiden, Dass Ihr selig seid. 45 Wollt Ihr um Euch sehn? Alles freut sich im Vereine, Lasst von Euch auch eine kleine Freude mir geschehn!
2 Frühling und Frauen. Wenn die Blumen aus dem Grase dringen, Gleich als lachten sie hinauf zur Sonne, Des Morgens früh an einem Maientag, Und die kleinen Vöglein lieblich singen 5 Ihre schönsten Weisen: welche Wonne Hat wohl die Welt, die so erfreuen mag? Man glaubt sich halb im Himmelreiche. Wollt ihr hören, was sich dem vergleiche, So sage ich, was wohler doch 10 Schon öfter an den Augen tat und immer tut, erschau’ ich’s noch. Denkt, ein edles, schönes Fräulein schreite Wohlbekleidet, wohlbekränzt hernieder, Sich unter Leuten fröhlich zu ergehn, Hochgemut im fürstlichen Geleite, 15 Etwas um sich blickend hin und wieder, Wie Sonne neben Sternen anzusehn: Der Mai mit allen Wundergaben Kann doch nichts so Wonnigliches haben Als ihr viel minniglicher Leib; 20 Wir lassen alle Blumen stehn und blicken nach dem werten Weib. Nun wohlan, wollt ihr Beweise schauen: Gehn wir zu des Maien Lustbereiche, Der ist mit seinem ganzen Heere da. Schauet ihn und schauet edle Frauen, 25 Was dem andern wohl an Schönheit weiche. Ob ich mir nicht das bessre Teil ersah. Ja, wenn mich einer wählen hiesse, Dass ich eines für das andre liesse, Ach, wie so bald entschied’ ich mich: 30 Herr Mai, ihr müsstet Jänner sein, eh’ ich von meiner Herrin wich’.
3 Schönheit und Tugend. Heil sei der Stunde, da sie mir erschienen, Die mir den Leib und die Seele bezwungen! Alle Gedanken ihr einziglich dienen; Das ist mit Güte der Guten gelungen. 5 Dass ich nicht lassen und meiden sie kann, Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht. Seele und Sinne, die hab’ ich gewendet Auf die Vielreine, die Liebe, die Gute. 10 Werde uns beiden noch lieblich vollendet, Was zu gewähren sie hold mir geruhte! Was ich an Freude auf Erden gewann, Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.
4 Das Tröstelein In einem zweifelvollen Wahn War ich gesessen und gedachte Zu lassen ihren Dienst fortan, Als mich ein Trost ihr wiederbrachte. Trost mag es wohl nicht heissen, denn zur Stund’ Ist es ja kaum ein kleines Tröstelein, So klein, wenn ich’s euch sag’, ihr spottet mein. Doch Freude ist erlaubt auch aus geringem Grund. Mich hat ein Halm gemachet froh, Der sagt, ich solle Gnade finden. Ich mass dasselbe kleine Stroh, Wie ich zuvor es sah bei Kinden. Nun höret denn und merket wohl, ob sie es tu’: “Sie tut, tut’s nicht, sie tut, tut’s nicht, sie tut.” Wie oft ich mass, so war noch je das Ende gut. Das tröstet mich, doch da gehöret Glaube zu. Wie lieb sie mir von Herzen sei, So kann ich es gar wohl noch leiden, Zählt sie mich nur den Besten bei; Ich darf ihr Werben ihr nicht neiden. Wie ich es kann erkennen, glaub’ ich nicht, Dass sie ein andrer wankend machen möge; Ich wollte, die Getäuschten sähn, dass Wahn sie tröge, Denn allzulange schon hört sie auf jeden Wicht.
5 Wert der Minne. Was soll ein Mann, der nicht begehrt Zu werben um ein reines Weib? Bleibt er von ihr auch unerhört, Es hebt ihm Seele doch und Leib. Er tu’ um Einer willen so, Dass er den andern wohlbehagt, Dann macht ihn wohl die Eine froh, Wenn sich die Andre ihm versagt. Des achte, wenn er liebt, der Mann, Viel Glück und Ehre liegt daran. Wer guten Weibes Minne hat, Der schämt sich keiner Missetat.
6 Doppelzüngigkeit.[1] Gott gibt zum König, wen er will; Darüber wundr’ ich mich nicht viel: Uns Laien wundert nur der Pfaffen Lehre, Was sie gelehrt vor wenig Tagen, Dass woll’n sie heut schon anders sagen. Nun denn, bei Gott und eurer eignen Ehre, So sagt uns denn in Treue, Mit welcher Red’ ihr uns betrogen. Erkläret uns die eine recht von Grunde, Die alte oder neue. Uns dünket, eines sei gelogen; Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde.
7 Glückes Ungunst. Frau Glück verteilet rings um mich Und kehret mir den Rücken zu. Sie will nicht mein erbarmen sich; Ich weiss nicht, was ich dazu tu’. Sie zeigt nicht gern ihr Antlitz mir, Lauf ich um sie herum, bin ich doch hinter ihr Denn ihr beliebt’s nicht mich zu sehn; Ich möcht’, dass ihr die Augen an den Nacken ständen, dann müsst’s ohn’ ihren Wunsch geschehn.
8 Das Lehen. Ich hab’ ein Lehen, alle Welt, ich hab’ ein Lehen! Jetzt fürcht’ ich weder mehr den Hornung an den Zehen, Noch will die bösen Herrn um ihre Gunst ich flehen. Der edle Herr, der milde Herr hat mich beraten, Dass ich im Sommer Luft, im Winter Wärme haben kann. Die Nachbarn sehn mich jetzt mit andern Augen an, Sie sehn nicht mehr den Butzemann in mir, wie sie es taten. Zu lange war ich arm, das weiss ich keinem Dank; Ich war so voll des Scheltens, dass mein Atem stank. Den hat der König rein gemacht, dazu auch meinen Sang.
9 Morgengebet. Mit Segen lass mich heut erstehn, Herr Gott, in deiner Obhut gehn Und reiten, wo hinaus mein Fuss sich kehre. Herr Christ, lass sichtbar an mir sein 5 Die grosse Kraft der Güte dein Und schütze mich um deiner Mutter Ehre. Wie ihrer Gottes Engel pflag Und dein, der in der Krippe lag, Jung als Mensch und alt als Gott, 10 Demütig vor dem Esel und dem Rinde, Und dennoch schon in fester Hut Hielt Joseph sie und dich so gut Wohl mit Treuen sonder Spott: So schütz’ auch mich, dass man gehorsam finde 15 Mich deinem göttlichen Gebot.
10 Die drei Dinge. Ich sass auf einem Steine Und deckte Bein mit Beine. Darauf setzt’ ich den Ellenbogen; Ich hatt’ in meine Hand gezogen 5 Das Kinn und eine Wange. Da dachte ich gar bange, Wie man auf Erden sollte leben; Doch keinen Rat konnt’ ich mir geben, Wie man drei Ding’ erwürbe, 10 Dass keins davon verdürbe. Die zwei sind Ehr’ und fahrend Gut, Das oft einander Schaden tut; Das dritt’ ist Gottes Segen, Daran ist mehr gelegen. 15 Die wünscht’ ich gern in einen Schrein. Ja, leider mag das nimmer sein, Dass Gut und weltlich’ Ehre Und Gottes Huld, die hehre, Je wieder in Ein Herze kommen. 20 Ihnen ist Weg und Steg benommen: Untreue liegt im Hinterhalt, Und auf der Strasse fährt Gewalt; Friede und Recht sind beide wund, Die dreie finden kein Geleit, die zwei denn werden erst gesund.