Bujor nahm ihn fest in die Hand, sah sich noch einmal unter den Feinden um, machte das Kreuz und blies aus aller Kraft. In dem Augenblick wurden ihm sämtliche Zähne eingeschlagen und eine Schlinge um seinen Hals gezogen. Ehe er aber das Bewußtsein verlor, sah er den Berg sich bewegen und hörte ein Dröhnen, als wenn der Erdenschoß sich aufthäte, dann ein Angstgeheul ringsum, und dann lag er begraben, inmitten von tausenden von Feinden. Die Rumänen aber stürmten zu Thal, über Schutt und Erde und Leichen von Menschen und Pferden fort; es ward ein solches Gemetzel, daß man noch Jahre nachher nichts als Schädel und Gliedmaßen fand, wie Maiskörner geschichtet. Die Feinde wichen zurück, und die Rumänen bahnten sich[1] den Weg in die Berge, wo sie geborgen waren; die Drachen gaben es endlich auf, sie zu verfolgen, und jagten in andere Länder davon, sie[2] zu verheeren.

Bujor war aber nicht tot; ein Stein hatte ihn gedeckt, anstatt[3] ihn zu zerschmettern, so daß die nachstürzende Erde leichter auf ihm geschichtet lag und ihm etwas Luft gewährte.

Nach mehreren Stunden kam er zu[4] sich und spürte die Schlinge an seinem Halse; als er sie losmachen wollte, fühlte er eine erkaltete, steife Hand, die sie hielt und die er nicht öffnen konnte. Er gedachte, sie mit den Zähnen zu zerbeißen, da merkte er, daß er keine Zähne mehr hatte, und wenn er sich zu viel bewegte, rollte die Erde herab und beengte mehr und mehr den Raum, in welchem er atmete. Da kroch er langsam an die tote Hand heran, lockerte die Schlinge und zog den Kopf heraus. Jetzt konnte er sich rühren. Mit großer Vorsicht begann er, wie ein Maulwurf, die Erde wegzukratzen, den Platz unter dem Stein schonend, daß er atmen konnte. Er mußte oft absetzen, denn immer, wenn er glaubte, Luft zu haben, stieß er auf einen Toten, den er nicht aus dem Wege räumen konnte.

Aber endlich, endlich ward eine Stelle hell, so weit wie die Dicke eines Fingers, dann wie eine Hand, und wie trunken sog er die Luft ein, die hereinströmte. Mit letzter Anstrengung arbeitete er sich frei. Als er den Tag sah, ward er ohnmächtig. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht. Als er die Augen aufschlug, war es ringsum totenstill; Freund und Feind waren verschwunden, und was[1] unter dem Berge begraben lag, das stand nicht mehr auf, um zu erzählen, was geschehen sei. Bujor kam sich gar nicht vor wie ein großer Held, der er doch war, sondern wie ein armes, verlassenes Menschenkind, das gar kein Recht hatte, am Leben zu sein, da es[2] tot war, für Freund und Feind. Doch regten sich Hunger und Durst, und er schwankte auf matten Beinen zu Thal. Lieber wollte er von den Drachen gespießt und geschleift werden, als so elend Hungers[3] sterben, allein unter lauter Leichen. Aber kein Feind ließ[4] sich sehen, und Bujor konnte zum Fluß gelangen, seinen Durst zu stillen; dann sah er sich um, wo die Seinen hingekommen sein könnten. Auf[5] Tage im Umkreise gab[6] es keine Menschen dort; was[7] Beine hatte, war entflohen, und was nicht fliehen konnte, war getötet. Bujor wandte sich den Bergen zu; dort konnten die Heere sein, die wie[1] vom Erdboden verschwunden waren. Er schlug aber einen falschen Weg ein und kam weiter und weiter von ihnen ab. Sie waren schon wieder zu Thal gezogen, bevor er sie erreichte. Endlich war er das[2] Suchen müde und dachte: „Sie halten mich ja doch für tot, warum suche ich sie noch?“ stieg weiter in die Berge und ward wieder Schäfer, wie er es[3] früher gewesen.

Wenn er dann abends[4] den Hirten seine Geschichte erzählte, so lachten sie über seine schöne Erfindung, denn bis zu ihnen war der Kriegslärm nicht gedrungen, sie hatten auch die Drachen nicht gesehen und Bujors eingeschlagene Zähne schrieben sie einem Streite zu. Sie sagten: „Bujor erzählt so oft seine Geschichte, daß er sie schon selber glaubt!“ —

„Der Arme!“ riefen die Mädchen, als Mosch Gloantza still war. „Was machte[5] er denn dann?“ — „Ist er immer dort geblieben?“ — „Wurde er nie belohnt, für seine Heldenthat?“ so schwirrten die Fragen der Mädchen durch einander.

Mosch Gloantza aber hatte seinen Tabak herausgenommen, seine Pfeife gestopft, rauchte behaglich und schüttelte nur den Kopf zu allen den Fragen. „Geht ihn suchen,“ sagte er endlich; „vielleicht hat ihm Gott zum Lohn ein langes, langes Leben geschenkt!“

„Dann ist er gar zu alt und unheimlich!“ riefen die Mädchen und tanzten eine Hora,[6] um Bujor zu vergessen.


[V]
Rîul Doamnei[1]