„Wie wär’s,[23-4] meine Herrschaften, wenn jeder von uns eine Geschichte aus seinem Leben erzählte?[23-5] Mit dem Schlaf wird’s[23-6] doch nicht viel werden heute Nacht, nicht wahr, Mr. Brown, trotz Ihres hohen[23-7] Bettes, und das Stroh für Sie, mein Fräulein,[23-8] kann warten, bis Sie sich darin verkriechen—“ sagte plötzlich der unermüdliche zweite Tenor.
„Ach ja—das wäre[23-9] schön,“ meinten die Fräuleins;[23-10] denn sie wußten sich geborgen, daß sie nichts zu erzählen brauchten, weil sie noch nichts erlebt hatten.
„Wer fängt an?“ riefen sie alle.
„Wir werden den Halm ziehen?“ Sie zogen und den kürzesten zog der junge Eheherr. Alle lachten, denn er war bis jetzt der schweigsamste gewesen, und hatte sich nur an dem süßen Geplauder seiner Frau erfreut.
„Nun denn, wenn es sein muß, werde ich Ihnen unsere Hochzeitsgeschichte erzählen. Annlieschen, erschrick nicht, wenn du dabei etliche Male vorkommst, denn sonst ist’s keine Hochzeitsgeschichte,“ sagte er zu seiner Frau, „denn dazu gehören immer zwei.“
„Ja, mach’s aber nur nicht zu arg, Hans.“
„Wes Zeichens[24-1] und Standes ich bin, brauchen Sie nicht zu wissen, noch wie wir heißen. Wo wir her[24-2] sind, merken Sie vielleicht an unsrer Sprache, die so etwas niederrheinisch[24-3] klingt. Aber wir sind ehrlicher Leute Kind[24-4] und haben noch keine silbernen Löffel gestohlen.—Also so war’s: Ich lebte mit einer Schwester auf einem Dorfe und war nahe daran, ein Einsiedler zu werden. Die Schwester wußte so gut, was mir lieb war, und ich wußte, was sie gerne hatte, und so gedachte ich mein Leben still zu beschließen als Einsiedler. Aber es[24-5] kam anders. Plötzlich kam es[24-6] wie das Schneetreiben heute und jagte mich in den Ehestand hinein. Meine Schwester hatte just ihr Kaffeekränzchen mit ihren Gespielinnen, in welchem nebenbei auch gestrickt[24-7] wurde. Die Strickkörbchen wanderten[24-8] von Kränzchen zu Kränzchen. Die Nächstfolgende nahm die Körbchen immer mit nach Hause. Es[24-9] war die Reihe an einem muntern, rotwangigen Mädchen. Sie nahm die Körbchen am Schluß des Kränzchens. Es war schon spät, und ich mußte sie ehrenhalber begleiten. Da fiel mir plötzlich ein, daß sie sich mit den Körbchen schleppte, und ich bat: „Ach bitte, geben Sie mir doch[24-10] die Körbchen.“[24-11] „Nein,“ sagte sie, „kein einziges.“ Da fuhr mir’s[25-1] durch den Sinn: Jetzt oder nie!—„Ha,“ sagte ich—„Fräulein, wirklich, Sie geben mir kein Körbchen? Dann bin ich der glücklichste Mensch, dann geben Sie mir einen Kuß.“ Und ehe sie sich’s versah, hatte ich ihr um die Straßenecke herum einen Kuß gegeben. Sie weinte und lachte zugleich, und ich sagte: „Komm,[25-2] wir wollen gleich umkehren und es der Schwester sagen.“ Wir kehrten Arm in Arm um und stellten uns als Braut und Bräutigam vor. Die Schwester zog mich auf die Seite und sagte: „Sieh, Hans, die[25-3] habe ich immer gemeint. Sie hat dich auch lieb, das weiß ich.“—Und nun sehen Sie: das ist das Annlieschen hier, meine liebwerte, herzallerliebste Frau.“—
Alle schauten sie lachend an; aber in ihr halbverlegenes und in ihrer Verlegenheit um[25-4] so hübscheres Angesicht brannte[25-5] plötzlich zum Erstaunen aller—ein kräftiger Kuß. Der kam von der „Institutsvorsteherin,“ welche die junge Frau warm umschlang. „Sie glückliches Menschenkind!“ sagte sie. Die Studenten waren ob[25-6] Kuß und Rede höchst verwundert. In dem zweiten Tenor stieg ein leises Ahnen und Zweifeln auf, es[25-7] möge doch am Ende mit der „Institutsvorsteherin“ nicht völlig seine Richtigkeit[25-8] haben, denn das sei doch nicht nach Knigges[25-9] ‚Umgang mit Menschen’ gehandelt und geredet. Als er ihr tief ins Angesicht schaute, ward’s ihm noch klarer. Sie deuchte ihm wirklich schön zu sein, zu schön für eine Pensionsmutter.[25-10]
Am meisten hatte aber der Assessor mit seiner Konfusion zu kämpfen. Die ganze Hochzeitsgeschichte kam ihm so wunderbar vor. Auch er blickte hinüber zu der „Institutsvorsteherin“ und konnte sich[26-1] das[26-2] nicht mit der gehaltenen Würde eines „Pensionsdrachen“ vereinigen.
Der Eheherr aber fuhr fort: „Nun hatten wir kurze Verlobungszeit,[26-3] denn bei mir[26-4] waren, von den Eltern her, Kasten und Schränke voll von selbstgesponnenem Flachs und Leinen. Meine Schwester räumte bald das Feld, denn sie selber hatte eine alte Liebe, der sie aber nicht eher nachhängen wollte, als bis sie mich versorgt wußte. Die Hochzeit war bald, und die Hochzeitsreise ist es, auf der wir uns befinden. Wir wußten zuerst nicht wohin[26-5] und kamen mit der Kutsche an einen Knotenpunkt der Eisenbahn gefahren.[26-6] „Annlieschen,“ sag’ ich, „wo[26-7] der erste Zug jetzt hinfährt, ob nach Norden oder Süden, da fahren wir hin.“ Annlieschen war’s zufrieden, wie sie überhaupt mit allem zufrieden ist. Also der Zug geht nach Süden. Wir fahren nach Kassel.[26-8] Ich sage: „Hast[26-9] du Kassel gesehen, dann siehst du auch Frankfurt[26-10] am Main, wo die deutschen Kaiser einst gehaust.“ Sagt[26-11] Annlieschen: „Ja wohl—dahin laß mich mit dir, mein Geliebter, ziehen.“[26-12] Dort regnet’s in Strömen. Wir sitzen im Westend-Hotel und sehen uns[26-13] den Regen an. „Anneliese,“ sag’ ich, „das ist langweilig—wir gehen[26-14] nach dem schönen Heidelberg,[26-15] da ist’s sonnig und wonnig.“ Aber in Heidelberg, dem Wetterloch,[26-16] war’s noch schlimmer. Sitzt[26-17] im „Ritter“[26-18] dort ein Herr, der sagt: „Freiburg[27-1] im Breisgau—da ist’s schön, herrlich!“—und Anneliese sagt wieder: „Dahin, dahin u.s.w.“[27-2] Ich gehe mit ihr nach Freiburg, auf den Blauen[27-3]—„da schimmert was,“[27-4] sag’ ich. „Anneliese—guck[27-5] mal[27-6]—weißt du, was das ist?“ „Nein,“ sagt die Anneliese. „Siehste[27-7]—das[27-8] sind die Alpen.“ Anneliese sagt wieder: „Dahin laß uns ziehen.“ Wir ziehen durch die Schweiz nach dem Sankt Gotthard,[27-9] wo wir eingeregnet werden. Da sitzen zwei Brautpaare in gleicher Nässe, die wollten[27-10] nach Italien. Italien! das stach[27-11] mich wie ein Skorpion. „Annlieschen—Italien!—Land,[27-12] wo die Citronen blühen[27-13]—dahin laß uns ziehen!“ Wir hatten zwar nichts bei uns als einen kleinen Reisesack in der Hand zu[27-14] tragen, aber ich sage: „Es[27-15] kennt uns niemand.“ Also nach Italien! Wir waren in Mailand[27-16] und Genua.[27-17] Ich sage: „Annlieschen—weißt du, was da hinten liegt am blauen Meere?“ „Nein,“ sagt sie, „wat[27-18] soll da liegen?“ „Da liegt Rom—! Rom! Neapel—’s ist ein Katzensprung—also „Annliese avanti!“,[27-19] womit der Italiener so viel meint, als wenn der Deutsche „Vorwärts“ sagt. Und schließlich standen wir auf dem Vesuv.[27-20] Von dort ging’s[27-21] rasch zurück über Venedig[27-22] und nun hier herauf nach den Tauern, und da wurden wir festgeschneestöbert.[27-23]—So, meine Herrschaften, nun wissen Sie Bescheid, wen Sie vor sich haben.“