„Ja—sie ist ganz dort,“ entgegnete die Dame wehmütig. „Sie schläft unter den Cypressen an der Cestiuspyramide,[29-3] auf dem Kirchhofe der Protestanten zu Rom.“
Den Assessor durchzuckte es.[29-4] Es[29-5] kämpfte in ihm, ob er weiter fragen sollte. Endlich fragte er doch: „In welchem Jahre war es?“
„Es war im[29-6] Jahre 18.., am 20. Mai, daß sie entschlafen.“
Der Assessor stützte den Kopf in beide Hände und sprach kein Wort. Alle schauten still und stumm auf ihn,—am meisten betroffen aber war die „Vorsteherin.“ „Ich habe Ihnen doch[29-7] nicht wehe gethan?“ sagte sie in weichem, mildem Tone.
Der Assessor schaute sie klar und tief mit feuchten Augen an. „Wohl und wehe zugleich, Fräulein Milla!—denn keine andere sind Sie, wiewohl ich Sie nie gesehen, die treueste Freundin meiner unvergeßlichen Elsa.“—Er reichte ihr die Hand und hielt sie lange fest.
Nun aber war das Erstaunen an ihr. Ihr Auge leuchtete und eine durchsichtige Röte flammte über die schönen Züge. „Sie sind es, Robert?—Und so sehen wir uns[30-1] zum ersten Mal in diesem Leben?“
Die andern im Kreise schwiegen. Jeder ehrte den Schmerz, den er doch nicht völlig verstand.
„Sehr merkwürdig,“ sagte der Engländer leise zu den andern. „Bitte, singen Sie ein Lied, das ist das beste für die Wunden.“ Schnell waren die drei Studenten beisammen und sangen mit heller Stimme:
|
Es[30-2] ist bestimmt in Gottes
Rat, Daß man vom liebsten, das man hat, Muß scheiden; Wiewohl doch nichts im Lauf der Welt Dem Herzen, ach! so sauer fällt Als scheiden. |
Als sie geschlossen, stand der Assessor auf, drückte jedem die Hand und sagte: „Ich danke Ihnen von Herzen. Vergeben Sie mir den Augenblick, wo ich mich verloren habe und Ihnen vielleicht schwach erschienen bin.“ Die „Vorsteherin“ war noch immer still in sich versunken. Endlich brach der Assessor wieder das Schweigen.