„Da Sie so unvermutet Zeugen einer gemeinsamen Erinnerung geworden, so lassen Sie mich Ihnen auch mitteilen, was wir erlebt. Ich darf wohl kurz sein: Es war in meinen Universitätsjahren. Ich war wie Sie, meine Herren, ein fröhlicher Bursche, dem der Himmel voll Baßgeigen[31-1] hing. Wir sangen auch, wie Sie, Quartette und weckten die Leute des Morgens[31-2] in der Ruhe und des Abends im Schlaf mit unserm Gesang. Da wurden wir eines Tages gebeten, auf einer Hochzeit zu erscheinen und dem jungen Paare zu singen, dafür[31-3] sollten wir dann auch mitfeiern. Was thut man nicht als Student, um ein gut Glas Wein zu erjagen? Wir sangen und mischten uns unter die Gäste, die aus allen Himmelsgegenden zusammengeflogen waren. Wir Studenten kamen unter die Brautjungfern zu sitzen. Ich ahnte nicht, daß das die Wendung meines ganzen Lebens werden sollte.[31-4] Wir scherzten und sangen; aber mit meiner Nachbarin geriet ich sehr bald ins tiefste Gespräch. Ich hörte und sah nichts mehr als nur sie. Noch nie hatte ein Mensch im[31-5] Leben so schnell mich verstanden, und so seelenvoll mit mir verkehrt. Ich war ja[31-6] ein Waisenkind, bei fremden Leuten auferzogen, ohne Geschwister, und hatte nie gewußt, was eigentlich ein fühlendes Herz sei. Die Kameraden hatten mich wohl[31-7] aus meiner Philisterhaftigkeit und Menschenscheu herausgejagt, aber Zutrauen zu Menschen hatte ich nicht gefaßt. Aber dies Mädchen mit ihrer weichen Stimme, ihren seelenvollen Augen und den geistvollen, blitzenden und doch so warm leuchtenden Gedanken hatte mir eine Welt aufgeschlossen, die ich nicht kannte. Ich wagte es,[32-1] ihr von meinem traurigen Leben zu erzählen. Ich weiß nicht, was ich noch alles sagte, mir brannte der Kopf und der Boden unter den Füßen. „Wenn sie nur meine Schwester wäre,“[32-2] so dachte ich und sprach es ihr auch aus. Sie schaute mich dabei mit einem wunderbaren Blicke an. Da begann eben der Tanz, ihre Mutter holte sie weg, und sie verlor sich[32-3] in den Reihen der Tanzenden. Ich konnte nicht tanzen, aber das Bild verlor sich nicht, ich mußte sie immer mit den Augen verfolgen. Mit einem Male war sie fort,[32-4] verschwunden mit ihrer Mutter. Ich hörte, daß sie plötzlich erkrankt sei. Nach dem Tanze mußten wir noch singen; aber ich sang verkehrt, und wir warfen beinahe um. Als die Sache zu Ende war, schlich ich still unter das Fenster des Gasthofes, in welchem sie wohnte; es[32-5] war noch Licht oben. Sie war krank, und ich dachte mir gleich das schlimmste. Am folgenden Tage hörte ich, daß sie wirklich schwer vom Typhus erfaßt sei, der wohl in ihr gelegen und den die Aufregung der Hochzeit beschleunigt hatte. Wochen kamen und gingen. Endlich durfte[32-6] sie wieder ins Freie. Wir Studenten benutzten den ersten Abend ihrer Genesung, ihr ein Ständchen zu bringen. Stille öffneten sich die Fenster in der lauen Nacht, und unser Gesang tönte hinauf. Die Mutter lud uns mit der Familie, die damals Hochzeit feierte, bald darauf ein. Ich sah Elsa wieder, die Züge waren unverändert, nur die leichte Röte ihrer Wangen erschreckte mich und der starke Glanz in den Augen. Sie reichte mir die Hand und sagte: „Sie haben gewiß das Ständchen mir gebracht.“ Ich wurde rot bis über die Ohren und gestand. Ich sagte noch mehr; ich sagte, wie ich um sie gelitten während dieser Zeit und jeden[33-1] Abend stundenlang unten an der Ecke gestanden, um zu sehen, ob das Licht noch brenne.“

„Ja, ja,“ sagte sie, „ich war selbst ein brennend[33-2] Licht, das hin-[33-3] und herflackerte zwischen Leben und Tod. Merkwürdig! Ihre Lebensgeschichte hat mich oft in den[33-4] Fieberphantasieen verfolgt; ich sprach immer von einem Waisenknaben, der mich gebeten hätte,[33-5] seine Schwester zu sein. Mutter fragte mich manchmal, wer es denn sei,[33-6] aber ich kannte Ihren Namen nicht. Ich habe aber von einer Freundin gehört, die mir erzählte, wie einer von den Sängern jeden Tag da unten gestanden und hinaufgeschaut. Ich dachte, das ist gewiß der „Bruder.“

„Es[33-7] flocht sich seit jener Zeit ein inniges Freundschaftsband zwischen uns. Nach ihrer Genesung zog sie mit der Mutter weit weg, aber ich durfte mit ihr korrespondieren. Ich lernte nun mit eisernem Fleiß, um meine Studien[33-8] zu vollenden. Ich war nicht unbemittelt, und wenn alles gut ging, so konnte ich ihr nach drei Jahren ein Heim bieten. So arbeitete ich fast über meine Kräfte bei Tag und Nacht. Mein Trost waren Elsas Briefe. Plötzlich blieben diese aus. Ich bekam keine Antwort mehr. Auf meine dringenden Bitten an die Mutter schrieb diese endlich, „der Gesundheitszustand Elsas sei derart,[34-1] daß sie jede Aufregung vermeiden müsse.“ Das[34-2] warf mich vollends nieder. Ich war ohnehin schon durch übernächtige Arbeiten erschüttert, aber das gab mir den letzten Stoß. Wochenlang lag ich zwischen Leben und Tod. Als ein alter Mensch bin ich vom Bette aufgestanden, da fand ich zwei Briefe—von der Hand dieses Fräuleins hier, einer nahen Freundin Elsas, die[34-3] mir Aufschluß gaben. Die Mutter hatte nämlich ihr und ihres Kindes Vermögen bei einem Bankhause verloren. In ihrer Not wandte sie sich an einen Onkel Elsas, der eben so alt wie reich war. Er half auch, aber ließ allmählich seine Absicht auf die Hand Elsas merken. Als er deutlicher damit hervortrat, wehrte sie sich aufs[34-4] entschiedenste. Die Mutter sah mit gramvollem[34-5] Herzen der Sache zu. Vor Elsa stand die Möglichkeit, durch die reiche Heirat der Mutter zu helfen. Sie liebte mich—aber es deuchte ihr zu lange, bis ich ihr ein Heim bieten könnte, und überhaupt—ich hatte ja doch bisher nur wie ein Bruder zu ihr gestanden. Die Mutter hatte dem Onkel das Geheimnis unserer Liebe unbedacht verraten, und er verbot, als Bedingung seiner weiteren Hilfe, jedes weitere Korrespondieren mit dem jungen Manne. Elsa hatte mir dies durch ihre Freundin schreiben lassen und wartete auf Antwort. Da eben erkrankte ich, und alle meine Briefe blieben uneröffnet bis zu meiner Genesung. Ich öffnete den zweiten Brief, dessen kurzer Inhalt war: Elsa konnte mein Schweigen nicht anders auslegen, als daß ich sie vergessen. Aber sie blieb dennoch fest und standhaft und wollte lieber alle Mittel des Onkels ausschlagen, als einem Manne die Hand geben, den sie nicht liebte. So arbeitete sie denn die Nächte durch,[35-1] um ihre Mutter und sich zu erhalten. Aber die zarte Gesundheit fing an zu wanken: der Typhus hatte damals doch eine krankhafte Reizbarkeit der Lunge[35-2] zurückgelassen, die[35-3] jetzt wieder aufs neue sich Bahn brach. Nach dem Lesen der Briefe wäre[35-4] ich fast wieder in Krankheit gesunken, aber es galt ein anderes Leben als das meinige. Ich schrieb der Freundin, mein Vermögen stehe zur Verfügung und schickte sofort eine Summe, um Elsa und ihre Mutter zum Aufenthalte im Süden zu bewegen. Meine Staatsprüfung machte ich halb krank und begehrte nach meiner Anstellung sofort Urlaub, der mir aber verweigert wurde. Ich hielt bei der Mutter um die Hand Elsas an, die derweilen nach Nizza[35-5] gegangen. Elsa schrieb die glücklichsten Briefe, ihre Gesundheit stärkte sich von Tag zu Tage. Ich hatte mir endlich Urlaub beim Minister erwirkt. Elsa war nach Florenz[35-6] gegangen, in Rom wollten wir uns treffen. Ich eilte über die Alpen, kam in Rom an und flog zum „Hotel Minerva“. Das Stubenmädchen, das[35-7] mich melden sollte, schaute mich groß[35-8] an und sagte: „Sind Sie ein Doktor? Signora[35-9] ist sehr krank, o sehr krank!“ Ich öffnete bebenden Herzens[35-10] die Thüre. Ein Nachtlicht brannte durch die dämmerige Stube. „Ist Robert noch nicht da?“[35-11] hörte ich eine weiche, sanfte Stimme fragen. Ich fühlte mein Herz hörbar schlagen und winkte der Mutter. „O er ist gewiß da, ich fühl’ es,“ sagte die Kranke. So trat ich ans Bett. Ja, da lag sie, eine sterbende Blume. Tags zuvor hatte sie einen heftigen Blutsturz gehabt, der ihr die letzte Kraft nahm.—Erlassen Sie mir, das Wiedersehen zu beschreiben. Elsas Leben flammte noch einmal auf. Sie hatte sich soweit erholt, daß sie mit uns vor die Thore Roms fahren konnte. Wir kamen an der Cestiuspyramide am Monte Testaccio[36-1] vorbei. „Eine Pyramide,“ rief sie leuchtend,[36-2] „laß uns zur Pyramide fahren!“ Wir bogen ein. Es war schon Abend. „Ach da ist ja ein Kirchhof,“ sagte sie leise. „Wer wird da begraben unter diesen schönen Cypressen?“—„Die deutschen[36-3] Ketzer,“ sagte unser Vetturin, „die nicht an Madonna glauben.“ Elsa war still geworden. Ich wickelte sie fester in den Plaid, da es sehr kalt wurde. Wir fuhren nach dem Gasthof. In der Nacht überfiel sie ein zweiter Blutsturz, sie schaute mich mit einem großen, langen Blick an, dann umschlang sie meinen Hals und sagte: „Leb wohl, mein guter Bruder, mein—“ da stockte ihr Atem, das Leben war entflohen.“

Nach einer Weile fuhr der Assessor fort: „Zwei Tage darauf haben wir sie unter den Cypressen dort begraben, sie—und mein Leben mit ihr. Achtzehn Jahre sind darüber hin.[36-4]—Ich habe mich fern vom Treiben der Menschen still in den bayrischen Wald geflüchtet und über der Arbeit wohl[36-5] mich, aber nicht meine Elsa vergessen. Der Aktenstaub hat sich mir übers Herz gelagert, und ich bin nachgerade beim philisterhaften Junggesellen angelangt. Mir[37-1] ist aber, als wäre ich heute von einem langen Schlafe und schweren Traume erwacht. Fräulein Milla, Sie sind schuld, und Sie, meine Herren, mit ihren Liedern. Wissen Sie, wohin ich möchte?[37-2] Nach Rom zur Cestiuspyramide; nur eine[37-3] Stunde will ich dort unter den Cypressen ruhen und dann wieder heim[37-4] zum Landgericht in meine Klause und zu der alten Lena, die so oft die Pyramide im Bilde beschaut und mich fragt, ob das auch eine Kirche sei.“—

Der Assessor schwieg. Der treuherzige, zweite Tenor schlang den Arm um ihn und sagte ihm als Trost ins Ohr: „Ich bin auch ein Waisenkind!“

Fräulein Milla, die „Vorsteherin“, war noch ganz in ihre Gedanken verloren, die Vergangenheit zog an ihr vorüber. Sie hatte die Todesnachricht ihrer Freundin von Roberts Hand empfangen, dann aber nichts mehr gehört, da die Mutter Elsas aus Gram ihre Tochter nicht lange überlebte.

Das Reden wurde ihr[37-5] offenbar schwer. Zuletzt aber faßte sie sich und sagte: „Finden Sie keine Ähnlichkeit unter diesen Mädchen mit Ihrer Elsa? Schauen Sie sie[37-6] einmal[37-7] recht[37-8] an!“

Der Assessor sagte: „Ja, die eine fiel mir schon lange auf, aber ich traute doch nicht ganz meinem Urteil.“

„Nun ja, sie sind nicht aus der Art geschlagen. Sie wissen, daß Elsa einen Bruder hatte, der nach dem Tode der Mutter in unserm Hause erzogen wurde. Er heiratete später meine jüngste Schwester, und das[37-9] sind ihre Kinder. Sie hielten mich wohl[38-1] alle, meine Herren, für eine gestrenge Institutsdame! Ich bin es nicht, wir haben uns nur fremden Leuten gegenüber die Maske auferlegt, um unbelästigt durchzukommen. Ich bin die Tante der Kinder.“

Jetzt ging auch den Studios ein Licht[38-2] auf, und sie begriffen die heitere[38-3] „Vorsteherin“. Es war derweilen Mitternacht geworden. Der Engländer saß tief versunken da. Die Geschichte hatte ihn wunderbar getroffen, er redete kein Wort mehr, sondern stand auf und verbeugte sich artig gegen die Damen, schüttelte aber dem Assessor warm die Hand, als wäre er sein bester Freund. Den Studenten dankte er für den Gesang und rief seinen James.