„Und im einunddreißigsten fängt er an zu stehlen”, sagte Frau Bernheim, und ihre Lippen schlossen sich gleich darauf so fest, daß die Haut über den Kiefern gespannt und das Angesicht einem weißen Stein ähnlich wurde.

Paul ging noch am Abend vor Büroschluß zu Herrn Merwig. Der saß, wie immer, hinter der gläsernen Mattscheibe an seinem hohen Pult. Sein dichter, grauer Schnurrbart sträubte sich, seine strengen, grünen Augen erinnerten an Scherben aus Flaschenglas, seine Stimme war ein kleines Grollen. Er gehörte zu den langjährig Dienenden, die den Unterschied zwischen Anständigkeit und Hartherzigkeit nicht mehr kennen, die also die unbedingte Ehrlichkeit eines Felsens haben.

„Es geht schlimm, Herr Paul”, sagte Merwig — und obwohl es nur eine Klage sein sollte, war es ein Vorwurf. „Seit dem Hinscheiden des seligen Herrn haben wir viele Kunden verloren. Die meisten sind zu den großen Banken gegangen, es geht allen kleineren schlecht. Die andern fangen jetzt allerlei unbekümmerte Geschäfte an, aber das sind nicht Transaktionen im Sinne Ihres dahingeschiedenen Vaters.”

„Sagen Sie ruhig: verstorbenen, Herr Merwig”, unterbrach Paul. Und um den Alten nicht länger sprechen zu hören: „Wir werden jetzt neu anfangen, Herr Merwig. Ich werde es in die Hand nehmen.”

„Es ist Zeit, Herr Paul —”

„Mutter”, sagte Paul am Abend, „ich verbürge mich für Herrn Merwig. Ich habe alles nachgesehen. Er ist nur dumm.”

„Personal ist immer dumm, mein Kind. Hast du vielleicht eine Zeitung mitgebracht? Theodor ist heute nicht nach Hause gekommen. Er bringt sonst immer eine mit.”

„Aber wir sind doch abonniert?”

„Nicht mehr, mein Kind! Ich habe die Abonnements aufgegeben.”

„Warum schickst du nicht um eine Zeitung?”