„Es ist politisch.”

Die letzte Silbe dieses Wortes zischte noch in Pauls Ohren. Die Nacht war hereingebrochen. Paul erinnerte sich wieder an Nikita.

„Ich habe kein Geld!”

„Telephoniere, leih dir, sofort, schnell!” begann Theodor, jetzt mit lauter Stimme, als fände er, daß nun, da die Nacht schon da war, Vorsicht keinen Sinn mehr hatte.

„Und was geschieht”, fragte Paul langsam, „wenn ich dir kein Geld gebe?”

„Du!” schrie Theodor. Er griff nach dem Tisch, ein gläserner Briefbeschwerer glitt von selbst in seine Hand. Er warf den Gegenstand auf den Fußboden. Es dröhnte.

In diesem Augenblick schrillte die Türklingel. Paul öffnete.

Nikolai Brandeis trat ein.

Es war ein großer, kräftiger Mann in den Vierzigern, mit überraschend weichen, tigerhaften Bewegungen und einer tiefen und sanften Stimme, deren Reiz in dem fremden Akzent bestand, den sie auf die Worte legte. Manchmal schien es, daß Brandeis absichtlich die Silben falsch betonte. Wer ihn kannte, war überrascht von der Schnelligkeit und der Vielfalt seiner Intelligenz und verwundert über die Zähigkeit, mit der er immer wieder seine alten Fehler machte. Ja, er hatte die unhöfliche Gewohnheit, einen Satz, den ihm jemand sagte, sofort in seiner eigenen Melodie und falsch betont zu wiederholen, als wollte er den Sprecher verbessern oder als vergewisserte er sich, daß er richtig verstanden habe. Diese Eigenschaft machte die Menschen gegen ihn mißtrauisch. Wenn die Menschen es schon nicht gerne sehn, daß man ihre Fehler verbessert, so werden sie erbittert, wenn man nicht einmal ihre Korrektheit gelten läßt. Brandeis blieb ihnen fremd. Sie konnten nur einen ganz bestimmten Grad von Fremdheit ertragen, sogar sympathisch finden. Brandeis aber übertrieb. In einem Bilderatlas für Völkerkunde, in einem Museum als harmloses Porträt an der Wand hätte man ihn nur „exotisch” gefunden. Er aber lebte.

Er schien von einem unbekannten Geschlecht breitknochiger und hünenhafter Mongolen abzustammen. Sein schwarzer Spitzbart schloß sein breites, herzförmiges Angesicht so mustergültig ab, daß er wie künstlich und angeklebt wirkte, und da überdies die Oberlippe rasiert war, konnte man einen Augenblick glauben, Brandeis hätte nach einem Maskenfest vergessen, den Bart abzunehmen. Überraschend war die hellgraue Farbe seiner schiefgestellten, schmalen Augen. Merkwürdigerweise erhob sich über diesem dreieckigen Gesicht und im Gegensatz zu seiner braungelben Farbe eine weiße hohe und breite Stirn, die wie von einem anderen Menschen entlehnt war. Und erst die dünnen, in einzelne Strähnen zerfallenden, mattschwarzen Haare hatten wieder eine Beziehung zum Antlitz, zum Bart und zu der Lage der Augen.