Man wußte von diesem auffälligen Mann nur, daß er, wie viele Tausende, Rußland während der Revolution verlassen hatte. Da er keine Familie, keine Verwandten, keine Freunde aufzuweisen vermochte, da er während seiner Anwesenheit in Berlin keine Freunde gewonnen hatte, weder mit Fremden noch mit Einheimischen verkehrte, sondern nur mit dem und jenem Geschäfte machte, und zwar Geschäfte jeder Art, begannen die Leute, auf ihn aufmerksam zu werden und ihn unbestimmter Laster zu verdächtigen. Er wurde schnell bekannt. Denn der Haß und das Mißtrauen machen populärer als die Wertschätzung und die Liebe. Wer ihn einmal sah, vergaß ihn nicht mehr. Man erlag dem melancholischen Reiz der Stimme und vermutete ein Geheimnis in diesem Mann.

Man konnte ihm in den Banken, in den Wartezimmern der Direktoren, auf der Börse, in den Kaffeehäusern der Geschäftsviertel begegnen. Man wußte ferner, daß er in einer kleinen Pension im Westen wohnte, wo er seine Mahlzeiten nicht einnahm. Manchmal sah man ihn zu einer späten Stunde in einem der geschlossenen Spielklubs. Da saß er in einer Ecke, trank, zahlte und ging. Die Gasthäuser waren geschlossen, er betrachtete die Spielklubs lediglich als deren Stellvertretungen. Einladungen nahm er nicht an. Er ging immer zu Fuß. Von allen Menschen, mit denen er Geschäfte machte, war er der einzige, der keinen Wagen besaß, und übrigens der einzige, der niemals Eile zu haben schien. Man sah ihn mächtig, langsam, herausfordernd langsam die Straßen daherkommen, einen Stock mit metallener Spitze gegen den Himmel gerichtet wie ein an einem Riemen geschultertes Gewehr, die Hand mit dem Stockgriff in der Tasche geborgen, den Hut mit schmaler Krempe über den Augen. So sah er gerüstet aus, und seine Sicherheit war die eines Menschen, der an der Spitze eines großen Gefolges einherschreitet.

Er hatte ein paar Monate früher ein umfängliches Geschäft mit Paul Bernheim gemacht. Es hatte sich darum gehandelt, einige hundert alter, schlechter Feldküchen, die in einem Depot in der Steiermark lagen und um die sich der Staat nicht kümmerte, weil er nicht genug begabt war und weil die Gegenstände der Kontrolle der alliierten Waffenkommission unterlagen, als altes Eisen nach Jugoslawien billig zu verkaufen. Nur verlangte der Käufer das Angebot von einer regelrechten Firma in Österreich. Brandeis versprach einen Gewinn von dreißig Prozent, wenn die Bank Bernheims als Käufer in der Steiermark und Verkäufer nach Jugoslawien auftreten würde. Die Kaufsumme war gering, die Bestechung eines Bezirkshauptmanns und eines Finanzbeamten wollte Brandeis selbst durchführen. Bernheim hatte fast kein Risiko. Er ging auf den Vorschlag ein. Nachdem das Geschäft zustande gekommen war, erhielt er zu seinem Erstaunen statt der abgemachten dreißig Prozent von Brandeis fünfundvierzig. Paul fürchtete eine Falle und sandte Brandeis die fünfzehn Prozent zurück. Er erhielt einen Brief, in dem Brandeis sich entschuldigte und die Überweisung von fünfundvierzig als einen Irrtum auf klärte.

Seit jener Zeit hatte Bernheim nichts mehr von Brandeis gehört. Daß dieser heute kam, am Abend, zu einer Stunde, in der Paul seinen Bruder unerwartet bei sich sah, verstärkte die Rätselhaftigkeit des Fremden und die Ängstlichkeit Bernheims. Was wollte Brandeis? Wußte er von seinem Bruder? Stand er mit der Polizei in Verbindung? Drohte ihnen beiden etwas?

Es dauerte einige Sekunden, ehe Paul ein Wort fand. Er stand, die Hand noch an der Klinke der Tür, die er eben nach dem Eintritt Brandeis’ geschlossen hatte, und so, als wollte er das Haus dem Fremden übergeben und es verlassen. Brandeis hielt den Stock gesenkt wie zum Zeichen, daß er sich schon in einem Zimmer befand. Er behielt den Hut auf dem Kopf. Er wartete. Schließlich, als Paul immer noch schwieg, sagte er:

„Sie haben drinnen einen Gast, und ich störe Sie. Vielleicht ist es besser, ich gehe.”

Theodor hatte indessen Licht angezündet. Er saß in einem breiten Sessel, schmal, blaß und erfroren. Als ihm Brandeis kurz und aus der Entfernung zunickte, senkte Theodor nur die Lider.

Paul hatte gehofft, den Bruder würde die Anwesenheit des Fremden vertreiben. Aber Theodor sagte mitten in die Stille:

„Wann kannst du mir das Geld geben?”

„Es ist unmöglich —”, sagte Paul.