„ — ich das weiß? Ich weiß gar nichts. Bedenken Sie, wenn ein junger Mensch in dieser Zeit, am Abend, sofort, eine große Summe braucht! Und außerdem kenne ich die jungen Leute. Ihre Emotionen sind kostspieliger, als unsere es waren, auch als Ihre es waren. Was brauchten wir? Frauen. Die Jugend von heute braucht Blut. Und das ist unbezahlbar.”

„Sie verstehen das?”

„Ausgezeichnet! Ich verstehe, daß der Tod diese Menschen so anzieht, wie wir einmal vom Leben angezogen waren. Sie fürchten den Tod, wie wir einmal das Leben gefürchtet haben, sie sehnen sich nach ihm, wie wir uns einmal nach dem Leben gesehnt haben. Glauben Sie nicht, daß es sogenannte schädliche Ideen sind, die diese jungen Leute treiben! Angst und Durst treiben sie wie Tiere. Ideen sind Vorwände immer Vorwände gewesen —”, die Stimme wurde immer leiser, eine Hand hielt Brandeis auf der Tischkante und spielte auf ihr mit den Fingern, als wollte er dem Holz endlich einen Ton entlocken. „Ideen sind Vorwände, man findet immer welche. Ich werde einem Hund die Tür auf machen, vor der er in der Nacht bellt, und — entschuldigen Sie den Vergleich — Ihrem Bruder Geld geben, damit er sich rettet. Mich beschwert nur, daß ich ihm keinen Gefallen damit erweise. Denn, sehen Sie, der Hund hat ein Haus und einen Herrn und die Gestalt eines Hundes. Dieser junge Mann aber wird vor lauter verschlossenen Türen stehn, und da er den Leib eines Menschen hat, wird ihm niemand öffnen. Sie sind ja so unglücklich, diese Leute! Sie haben keine Freuden mehr, nur Ideale. Ach, wie traurig sind Idealisten!

— Aber reden wir von Geschäften! Damit ich Ihnen nicht zu edel erscheine, will ich Ihnen gestehen, daß ich Geld so leicht nur hergebe, wenn ich jemanden brauche. Ich brauche Sie! Ich bin, wie Sie wissen, ein Fremder hier. Man traut mir nicht. Ich tue selbst alles mögliche, um die Leute mißtrauisch zu machen. Nun, ein ganz einfaches Geschäft. Ich habe Stoffe an der Hand! Sehr gut, billig, leider von einem hellen Blau, das man nicht trägt. Man könnte auf die entsprechende Mode warten, gewiß. Aber warten? Ich habe mich erkundigt. Man kann die Stoffe färben, aber sie werden dann zu hart. Es gibt nur eine Art, sie zu verwenden, für Uniformen!” Brandeis wartete eine Weile. Er wartete auf eine Zustimmung. Paul schwieg.

„Ich brauchte”, fuhr Brandeis fort, „einen Mann, der den Behörden, Zoll und Gendarmerie und Polizei, Stoffe liefern könnte.”

„Ich werde mich bemühen”, sagte Paul.

„Sie werden selbst liefern”, sagte Brandeis. Er knöpfte den Mantel zu, den er nicht abgelegt hatte, faßte nach dem Stock, der am Stuhl lehnte wie ein lebendiges Wesen, und stand auf. Es schien Paul, daß der Fremde größer geworden war, daß er im Sitzen gewachsen war. Bernheims Blick reichte gerade bis zur Bartspitze des Großen.

VIII

Theodor war verschwunden.

Er hatte einen flüchtigen Abschied von der Mutter genommen und einen gründlichen von seinem Zimmer. Er war dem Weinen außerordentlich nahe, als er seine Schubladen ausräumte, seine Papiere verbrannte, seine Pistolen entlud und sie und die Papiere in einem harten Leinenfutteral für Regenschirme verpackte. Es graute ihm vor dem Leben auf einem fremden Gut, bei einem ungarischen Gesinnungsgenossen, vor dem Land, das er sich schmutzig und barbarisch vorstellte, vor unbekannten Apotheken, in denen die sicherlich gewissenlosen Pharmazeuten Schlaf– und Fiebermittel vertauschten, vor den unzulänglichen Optikern, die seine zweieinhalb Dioptrien bestimmt nicht begreifen würden, und schließlich vor der Armut, der Armut. Die Mutter und Paul waren imstande, ihn in der Fremde verhungern zu lassen. Gustav, der an der ganzen Sache schuld war, war ein armer Häuslersohn, und ein Aufenthalt auf dem Gut eines ungarischen Magnaten konnte ihm eine Erholung und ein Fest sein. Sorgfältig packte Theodor seine Pyjamas und seine vierundzwanzig Krawatten ein. Es tat ihm leid, daß er nur zweitausend Dollar von Paul verlangt hatte. Viertausend hätte er fordern sollen. Draußen konnte jeden Augenblick der vereinbarte Pfiff Gustavs ertönen. Sie hatten den Sitten ihres Bundes getreu einen Pfiff ausgemacht, auch in dieser Stunde der Abreise. Verschwörer hatten zu pfeifen.