Gustav pfiff, erbarmungslos, Theodor schloß den Koffer und ließ ihn vom Portier nur bis zum Gitter tragen. Gustav durfte ihn nicht auslachen und für einen Verräter halten. Vom Gartengitter bis zum Wagen an der Ecke wollte Theodor den schweren Koffer selbst schleppen. Gustav wartete schon im Wagen. Theodor seufzte. Gustav rührte sich nicht. Theodor hatte gehofft, daß sein Kamerad den Koffer in den Wagen heben würde.

„Du hast es leicht”, sagte Theodor. „Du bist viel kräftiger als ich.” Und dennoch machte Gustav keine Anstalten, Theodor zu bedauern. Theodor schwieg erbittert bis zum Bahnhof.

Frau Bernheim saß über einer Handarbeit im kalten Speisezimmer und weinte, als Paul eintraf. Ihr Weinen hatte aufgehört, die Folge bestimmter Erregungen zu sein, es war, wie bei vielen alternden Frauen, eine Gewohnheit der Augen geworden. Ihre Tränen rannen lange, ehe sie selbst bemerkte, daß sie weinte, sie rannen wie ein Landregen, stetig und dünn und lind und tröstlich. Der Kummer löste sich in Wasser auf. Es floß immer aus den entzündeten Augen, die gleichen alten zwei Furchen entlang, zwischen den Wangen und der Nase und von den Mundwinkeln abwärts in zwei anderen Furchen, die das breite Kinn von den Wangen abgrenzten. Dann verloren sich die Tränen in den Falten des alten Halses und im hohen Kragen des schwarzen Kleides, der immer noch von einem grausamen Fischbeinskelett gehalten wurde.

„Mutter, du sollst nicht weinen!” sagte Paul.

„Ich weine gar nicht”, erwiderte Frau Bernheim, „es kommt mir nur so manchmal.” Sie saßen wortlos drei Stunden nach dem Essen im Speisezimmer und froren. Frau Bernheim hatte ein altes Reiseplaid ihres Mannes um die Beine gewickelt. Ihre Stricknadeln aus Bein klapperten wie im Frost. Die Fenster zitterten im Wind. Ein wüster, kalter Atem schlug vom Garten her gegen das Haus.

„Du solltest Gesellschaft haben, Mutter!”

„Siehst du, daran habe ich auch gedacht! Und nun ist ja Theodor fort, und ich dachte an sein Zimmer. Es hat einen separaten Eingang vom Flur.”

„Was willst du damit?”

„Unsereiner kann keinen Zettel vor die Tür hängen und auch kein Inserat in die Zeitung geben. Ich habe also Herrn Merwig gebeten, er sucht unter der Hand nach einer Dame aus guter Gesellschaft, die etwas zahlen müßte, allerdings etwas zahlen. Dann könnten wir auch das Dienstmädchen behalten, für uns zwei. Sonst müßte ich sie ja abschaffen. Grund genug hätte ich dazu. Es ist nicht lange her, da hat mir Geld aus der Büchse für die Armen gefehlt, sie kann es genommen haben. Warum nicht? Dienstboten sind drei Jahre ehrlich, und auf einmal stehlen sie. Aber man kann ja keine besseren finden heutzutage. Und so würde ich sie behalten, wenn ich nur einen Zuschuß hätte. Merwig ist brav, er sucht wirklich unter der Hand, morgen soll eine Dame herkommen, eine Frau Militär-Oberrechnungsrat, im Kriegsministerium war ihr Mann beschäftigt.”

Die Frau Oberrechnungsrat Hammer zog in Theodors Zimmer.