Von nun an saßen beide Frauen jeden Abend im Speisezimmer und froren und häkelten, blickten von Zeit zu Zeit mißtrauisch auf und häkelten weiter. Immer, wenn die Frau Oberrechnungsrat ins Speisezimmer trat, sagte Frau Bernheim: „Entschuldigen Sie einen Augenblick” und ging in den Korridor. Sie ging einen „Blick in Theodors Zimmer werfen”, denn sie hatte beobachtet, daß ihre Mieterin vergeßlich war und manchmal das Licht brennen ließ. Aber sie hütete sich, der Frau Hammer etwas zu sagen. Denn es war ihr eine Freude, immer nachsehn zu können und mit eigenen Händen Geld zu sparen.
Die Anwesenheit der fremden Frau störte Paul. Immer seltener wurden seine Besuche. Seine Mutter übertrieb vielleicht. Aber sie waren in der Tat nicht einmal wohlhabend mehr. Schon hatte er zwei Hypotheken, von denen die Mutter nichts wußte, auf das Haus nehmen müssen. Und gar keine Aussicht, reich zu werden — es sei denn durch das Geschäft mit den Stoffen, das Brandeis vorgeschlagen hatte. Konnte man Brandeis trauen? Man hatte keine Vorurteile, gewiß, aber waren diese Leute aus dem Osten nicht unheimlich? Man brauchte nicht gerade an die Sieben Weisen von Zion zu glauben. Aber brachten die Menschen aus dem Osten nicht andere Moralbegriffe mit, handelten sie nicht nach irgendeiner verborgenen östlichen Weisheit? Sie kannten Geheimnisse, sie handelten nach Geheimnissen. Spielte bei Brandeis die Ehre eines Mannes eine Rolle? Brandeis machte sich nichts aus Gefängnisstrafen. Aber Paul? Lag nicht ein ganzes Leben vor ihm?
Er war wieder in der Stimmung, mit Doktor König zu sprechen, an dessen Widerstand sich Pauls Ehrgeiz immer entzündete. Er lud den Doktor König zu Heßler ein, zum Abendessen. Die guten Lokale! Wenn Paul ein gutes Lokal betrat, zweifelte er nicht mehr an seiner Karriere. Alles bestätigte hier seine Hoffnungen. Die Dienstbeflissenheit des Kellners und der optimistische Glanz der Lampen, die vollen Hände der Gäste, der gute Teint der Damen, selbst noch die bettelnden Krüppel vor dem Eingang und der frierende Schutzmann, der sie verjagte und der nicht mehr wie ein Beamter des Staates aussah, sondern wie ein Angestellter der Gäste. Nicht im Namen des Gesetzes handelte er, sondern im Auftrag des Direktors, des Portiers, des Kapellmeisters und Pauls. Wenn man reich war, konnte man ihn immer haben, Tag und Nacht das ganze Bürgerliche Gesetzbuch vor der Tür. In diesem Restaurant, und besonders wenn ein Revolutionär dabei war, eingeladen und aus diesem Grunde doppelt widerspenstig, vergaß man die Zweifel. Es war, als ob die Leichtigkeit, mit der alle Geld ausgaben, in Paul Bernheim die Leichtigkeit züchtete, Geld zu verdienen. Da lächelte eine Frau, und es war tröstlich zu wissen, daß man eine Nacht immer noch bezahlen konnte. Da bot sich die Zigarettenverkäuferin zugleich mit einer Schachtel Amenophis extra Korkmundstück an, und es war herrlich, zu wissen, daß man Geld genug für dreihundertfünfundsechzig Nächte Verkäuferin hatte. Bald würde man jahrelang Geld für die Gattinnen der Farbenfabrikanten haben. Da saßen sie, die Giftgaserzeuger, und man war fast ihresgleichen. Ahnten sie denn, daß man mit ihnen verglichen ein Bettler war? Nein! Sie ahnten es nicht! Man war auch kein Bettler. Man war nur unterwegs, noch nicht angekommen.
Doktor König trug aus Opposition keinen Smoking, sondern nur einen schwarzen Anzug: als wäre ein schwarzer Anzug eine Herausforderung der kapitalistischen Gesellschaft. Er wußte nicht, daß er den englischsten aller Smokings zur besten Geltung brachte und daß er Paul gekränkt hätte, wenn er ebenfalls im Smoking erschienen wäre. In Doktor König ging nach dem dritten Glas Wein eine Revolution vor, mit der verglichen die russische ein Kinderspiel gewesen war. Doktor König sah sich an der Macht, er überlegte, wie er, ohne sein Gewissen zu beschädigen, dem armen, enteigneten, zum Straßenkehrer begnadigten Paul Bernheim eine Protektion angedeihen lassen könnte. Er hörte aus einer meilenweiten Ferne Pauls lange Erklärungen. Rede du nur! dachte König, während Paul verliebt in seinen Smoking, seine Hände, seine Stimme, Wunder von der Börse erzählte. „Das ist mein Gebiet”, sagte er, „ich fühle mich dort wie Sie in den Volksversammlungen. Ich liebe dieses unmenschliche Gewirr, Stimmen von Insekten, nicht von Menschen. Die schwarzen Tafeln, den schnellen Schwamm, der alles auslöscht, und die noch schnellere Kreide, die neue Zahlen hinschreibt. Ja, ja, ich liebe das: ans Telephon zu gehen und zu zittern, daß die Verbindung mit meinem Sekretär nur schnell hergestellt wird. Ich telephoniere, eile zurück, und die neuen Ziffern geben mir recht. Nase muß man haben! Schnell ein Gespräch mit der Bank, und dann vor dem Nachtmahl zur Erholung im offenen Wagen achtzig Kilometer die Straßen verschlingen. Das ist Leben.”
„Sagen Sie mir lieber”, meinte Doktor König, der jetzt Paul Bernheim für alkoholisiert hielt und die Hoffnung hegte, etwas „wirklich” zu erfahren, „was halten Sie vom Ruhrgebiet?”
„Nach meinen Erfahrungen”, erklärte Bernheim, der den Revolutionär nicht enttäuschen wollte, „nach all dem, was ich von meinen Freunden höre, ist es eine große Dummheit von beiden Seiten. Frankreich ist noch schlimmer daran als wir, und uns geht es auch nicht gut. Was wollen Sie? Solange die dummen Politiker à la 1900 nicht ihr Geschäft den Führern der Wirtschaft überlassen, wird es in Europa schlimm sein. Darin, glaub’ ich, stimmen wir überein: daß die Wirtschaft die Politik regiert.” Und um auch die Kenntnis des internationalen Lebens außerhalb des Kontinents zu beweisen, fügte Paul hinzu: „In England weiß man das längst.”
„Sie kennen ja England gut!” bemerkte Doktor König, um gefällig zu sein.
Da Paul schon das sechste Glas getrunken hatte, zögerte er nicht, zu sagen: „Meine zweite Heimat. Sie wissen, daß ich den wichtigsten Teil meiner Erziehung Oxford zu verdanken habe. Es war eine schöne Zeit, der Krieg hat sie unterbrochen”, Paul hatte in der Tat vergessen, daß er noch vor dem Krieg zurückgekehrt war, „ich möchte gerne wieder zurück, ehe es überhaupt zu spät wird. Werden Sie mir glauben, lieber Herr Doktor König, Sie kennen mich doch, Sie wissen von meinen geistigen Interessen, aber ich bin auf nichts so stolz wie auf die zwei Ruderpreise, die ich in Oxford bekommen habe. Wenn Sie nächstens bei mir sind, zeige ich Ihnen die Pokale.”
Das Zahlen war Paul von allen Zeremonien des Restaurants die liebste. Er liebte den diskreten Wink, den er dem Kellner gab, das gefaltete Blatt, das wie ein Geheimnis vor ihn hingelegt wurde. Manchmal hielt er es für vornehm, die Rechnung zu kontrollieren. Manchmal begnügte er sich mit einem leichten Blick auf die Summe. Noch mit dem Rückgrat maß er die Tiefe der Verbeugung hinter seinem Sitz, er beantwortete keinen Gruß, im Gegensatz zu Doktor König, der als ein Mann aus dem Volke allen „Gute Nacht!” sagte, bieder und klassenbewußt.
Aber draußen, wenn die Kälte ihn wieder ernüchterte, bekam Bernheim Angst vor den eigenen Worten, die er drinnen gesagt hatte. Er klammerte sich schweigsam an Doktor König. Er schlug noch einen Besuch im Spielklub vor. Er versuchte, mit beklommenem Herzen einen Scherz zu machen, immer noch liebenswürdiger, heiterer, sorgloser, weltmännischer Gastgeber zu sein. Aber schon überlegte er: Ich werde noch auf diesen verdammten Brandeis hereinfallen. Geld muß man haben, reich muß man werden, vielleicht gewinne ich.