Ja, er glaubte im Ernst, daß er eines Tages im Spielklub gewinnen würde. Während er dem blassen und schmalen und blaugefrorenen Aufpasser an der Ecke winkte, schöpfte er neuen Lebensmut. Der Anblick dieses armseligen Mannes war herzerfrischend. An dem schmalen Pelzkragen, dessen Haare ausgefallen waren und gelbe, harte, nackte Ledernarben frei ließ, an den dünnen Beinen in den viel zu kurzen Hosen, den Stiefeln, die vor Kälte aneinanderschlugen mit der Schnelligkeit klappernder Zähne, ermaß Paul Bernheim die ganze Höhe seiner eigenen Situation. Er hörte das leise Kreischen der Tür, die in den geheimnisvollen Flur führte, wie einen Ruf der Zukunft, und er sah die romantische Laterne des Portiers als ein symbolisches Licht — im billigen Sinn dieser alten Wendung. Er gebot der Vernunft, die ihm die Lächerlichkeit der ganzen Maskerade enthüllen wollte, zu schweigen. Er ging dem Glück entgegen. Er wollte nicht geweckt werden.
Aber oben, in den Spielräumen, in denen der Rauch die Wände, die Decken und die Lampen verhüllte und der Geruch eines bürgerlichen Familienlebens, das der Inhaber der Wohnung tagsüber führte, den des nächtlichen Lasters behinderte, verlor Bernheim den Mut zu spielen. Nein, die Karten hatten keine Gewalt über ihn, sie waren ihm hold, aber mit Maß, sie erhielten eine ordentliche, distanzierte Beziehung zu ihm. Obwohl er alle Spielsäle kannte, hatte er sie doch immer wieder vergessen, ehe er sie betrat. Solange er sich noch in der Straße befand, hoffte er, daß sie sich durch ein Wunder seit gestern verwandelt hatten. Mit welcher Leidenschaft hätte er spielen können, wenn statt dieser armen Filmstatisten, Vortragskünstler, Artikelschreiber und anderer Zufallsverdiener lauter reiche Herren an den Tischen säßen wie in England! Hier stürmten ihm bei seinem Eintritt seine Freunde entgegen und baten ihn um Darlehen. Er hatte schon längst die Fähigkeit, mit einer aufrichtigen Stimme die Höhe seiner Barschaft zu verleugnen und über seine vorgetäuschte Ohnmacht so verlegen zu sein, daß man ihm eine wirkliche zutraute. Aber nun konnte er keine hohen Summen setzen — und was er mit den kleinen gewann, verschenkte er in der Runde. Ihn störten die Öldrucke an den Wänden, die Nippessachen in den Glasschränken, die falschen Perserteppiche und die Deckchen auf den Armlehnen der Sessel — alles Einrichtungsgegenstände, die den kleinbürgerlichen Staub der Wohnung, den braven Beruf ihres Mieters und die umgearbeiteten Kleider seiner Frau verrieten. Manchmal stieß man zufällig an eine geschlossene, von einer Portiere verborgene Tür und hörte hinter ihr ein Mitglied der Familie schnarchen. Der Sohn des Hauses wartete im Flur auf die Überfälle der Polizei, und seine Schwester kochte in der Küche den schwarzen Kaffee. Ein gähnender Kellner schlotterte in einem gespenstischen Frack zwischen den Tischen. Unter solchen Umständen konnte man das Glück nicht herausfordern.
Aber immer wieder ging Paul nach Mitternacht in einen Spielklub.
Die Einsamkeit in seiner Wohnung war unerträglich. Seit Monaten hatte er sich schon eine Abwechslung gewünscht. In der steten Erwartung, gelegentlich der Polizei in die Hände zu fallen, trug er keine Papiere, die seine Identität bescheinigen konnten. Die Polizei kam. Er wurde in der Gesellschaft der andern auf einen Lastwagen verladen und blieb bis zum Morgen im Polizeipräsidium. Eine Nacht der Einsamkeit entrissen! Er sah den fahlen Morgen das Amtszimmer bestreichen, den alten Staub auf den grünen Pappendeckelbänden der Kartothek, die grindigen, verschwitzten und gesprungenen Mauern und den gelben Lichtfleck der nächtlichen Lampe, die einer Verordnung gemäß noch bis acht Uhr zu brennen hatte. Dann ging er durch die verworrenen Räume des großen Hauses. Er hielt sich vor dem Kasten mit den Photographien unbekannter Leichen auf, er sah die toten Gesichter, durch furchtbare Wunden entstellt, zertrümmerte Schädeldecken, abgerissene Augenlider, zerfetzte Oberlippen, enthüllte Kiefer, von Wasserratten angenagte Ohrmuscheln. So viele Menschen verschwanden also aus dem Leben — und niemand hatte sie gekannt.
„Nicht wahr, ein schönes Familienalbum”, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihm. Es war Nikolai Brandeis.
„Sind Sie auch verhaftet worden?” fragte Paul.
„Ich bin freiwillig hierhergekommen, wenn auch nicht ganz freiwillig”, sagte Brandeis. „Unsereins hat so oft hier zu tun. Ich versichere Sie, es ist nicht angenehm. Aber ich habe die Gewohnheit, mir die Bilder der unbekannten Toten anzusehen, ehe ich eines dieser Polizeibüros betrete. Das tröstet mich, verstehen Sie. Das gibt mir ein wenig Mut. Hätten Sie gedacht, daß so viele sterben, nach denen kein Hahn kräht? Danach können Sie berechnen, wie viele von dieser Art leben und noch nicht gestorben sind. Sie torkeln so auf den breiten Landstraßen dahin, hinter ihnen der Tod, hinter ihnen der Tod ... Aber nun bin ich erfrischt. Wollen Sie mich in jenes Amtszimmer begleiten? Ich brauche ein Visum.”
Um sich nach Lettland zu begeben, wo Brandeis alte Geschäftsfreunde hatte, mußte er ein Visum haben. Er gehörte zu den dokumentenlosen Flüchtlingen und hatte einen provisorischen Paß für Staatenlose, also waren seine Reisen nicht leicht.
„Wenn Sie mich begleiten”, sagte Brandeis, „werden Sie sehn, wie wenig ich mich von jenen Toten dort unterscheide. Kommen Sie.”
Der Beamte saß hinter einer hölzernen Barriere und war, wie die Polizeibeamten der ganzen Welt, ein Freund überheizter Zimmer. Da er zur Fremdenpolizei gehörte, haßte er die Fremden. Als Brandeis „Guten Morgen” sagte, fragte der Beamte: „Was wollen Sie?”