Ich sagte ihr, dass die Kleine bei mir sei und was der Arzt gesagt hatte. Sie drückte verstohlen unter ihrer Schürze meine Hand. Dann sah sie sich um. Komm ans Fenster! flüsterte sie. Die Frauenzimmer sind neugierig wie die Katzen. Da! setz dich auf den Stuhl; ich habe dir was zu sagen. Du siehst gut aus, du hast noch ganz dein altes Gesicht, aber du bist etwas voller geworden und bist immer noch meine Goldene. Ich — ich bin eine arme Närrin und werde es mein Lebtag bleiben.
Dabei lachte sie, ganz das alte sorglos trotzige Lachen ihrer jungen Zeit. Wir standen an der Fensterwand, möglichst weit von den anderen entfernt; so kläglich aber alles war, fühlte ich doch wieder den alten Zauber ihrer Nähe und musste sie nur immer ansehen, ob es denn wahr, ob es möglich sei, dass sie etwas getan haben könne, was sie dieser Gesellschaft würdig machte.
Sie schien zu erraten, was in mir vorging. Wieder wurde sie rot und lachte zugleich. Ich danke dir tausendmal, sagte sie, dass du das Kind versorgen willst, und vor allem, dass du gekommen bist. Denn mehr noch als um den armen Wurm, der wie seine Mutter ein Unkräutchen ist, das nicht leicht verdirbt, war mir bange drum, du möchtest hören, dass ich gestohlen habe — es kommt ja alles in die Zeitung —, und dann würdest du von deiner Schwarzen nichts mehr wissen wollen. Aber denke nur, wie es zugegangen. Ich hab’ mir’s ausgemacht bei meiner Herrschaft, die es gut mit mir meint, alle Mittwoch– und Sonnabendnachmittag durft’ ich aus ein paar Stunden zu meinem Kind. Vor acht Tagen nun — es war gerade schön Wetter — das Luischen war den ganzen Tag nicht an die Luft gekommen — ich zieh’ ihm also sein Mäntelchen an und setz’ ihm das Pelzmützchen auf und geh’ mit ihm in die Stadt, dass es sich die hellen Läden ein bisschen ansehen soll. Vor einem Spielwarenladen bleibt es stehen und will nicht weiter, und immer zeigt’s auf eine große Puppe im Schaufenster, mit langen blonden Locken und einem Seidenkleid, ein Prachtstück. Kind, sag’ ich, die ist viel zu schön für uns, die ist nur für eine Prinzess. Aber es läßt sich nicht wegbringen und sagt immer wieder: Mir die Puppe schenken, Mütterchen! — Ich gehe endlich mit ihm in den Laden und kaufe eine ganz niedliche kleine Puppe, die auch wirkliches Haar hat; aber das eigensinnige Ding sieht sie kaum an und starrt immer nur auf die große, bis ich sie endlich auf den Arm nehme und nach Hause bringe. Und auch da, zu der alten Frau, beständig von der Prinzessin im blauen Kleide geschwärmt! In der Nacht aber wird sie krank, sie hatte sich doch erkältet, und wie ich Sonnabend darauf hinkomme, hat sie hochrote Bäckchen und irre Äugelchen und fasst mich mit ihren heißen kleinen Patschchen und sagt immer nur — Mir die große Puppe schenken, Mütterchen! — Das konnt’ ich endlich nicht mehr mit anhören, gehe fort und in den Laden, wo wir das Prachtstück gesehen. Wir viel es kosten soll? frag’ ich die Ladenmamsell. Fünf Taler! — und holt sie herein aus dem Schaufenster, weil sie meint, ich erkundigte mich im Auftrag einer Herrschaft. Ich hatte bloß noch einen Taler und sag’ ihr das und dass mein Kind krank sei, und wenn es die Puppe nicht bekäme, könnt’ es schlimmer werden. Der Herr des Geschäfts kommt dazu, ich schlag’ ihm vor, ich wollt’ ihm den einen Taler auf Abschlag geben und die anderen vier in den nächsten beiden Monaten abzahlen. Er will aber nichts davon hören und wird endlich grob und heißt mich, hier nicht länger herumstehen und reellen Kunden den Platz wegnehmen. Da wurde ich innerlich so wild, dass ich ihm hatte ein Leids antun können, wenn ich mit ihm allein gewesen wäre. Und wie der Laden so voll von Käufern war, dass man sich kaum rühren konnte, benutze ich einen Augenblick, wo ich denke. Niemand sieht’s, und ziehe die Puppe sacht vom Ladentisch herunter und unter meinen Mantel und hinaus damit, so flink meine Füße mich tragen wollen. Aber ich war noch nicht bis zur nächsten Querstraße, da hör’ ich hinter mir her schreien und rennen, und richtig werde ich gefasst und visitiert, und ich mochte sagen, was ich wollte: den Taler hätt’ ich ja auf dem Ladentisch gelassen, und das übrige Geld würd’ ich gewiss von meinem Lohn nachzahlen — sie schleppten mich auf die Polizei, und nun muss ich als Diebin hier unter weit ärgeren Missetäterinnen noch volle fünf Tage sitzen und kann nicht einmal meinem Luischen ein Weihnachtsbäumchen anzünden.
Indem sie dies sagte, trat der Gefängniswärter wieder herein und winkte mir, dass die Zeit für meinen Besuch verstrichen sei. Ich konnte ihr nur noch zuflüstern, sie solle gutes Mutes sein und, sobald sie frei würde, sich gleich bei mir sehen lassen. Auch an einem Christbaum für ihr Kind werde es nicht fehlen. Dann umarmte ich sie und küßte sie in meiner hellen Freude, dass sie nichts verbrochen, was sie in meinen Augen herabsetzen konnte, und sah, wie ihr Gesicht glänzte von stillem Triumph über den Neid und das Staunen des Gesindels um sie her, da eine vornehme Frau sich so schwesterlich zu ihr betrug. Ich aber machte, dass ich aus dem eklen Dunst und Brodem hinauskam, und sorgte bei dem Wärter dafür, dass sie heimlich besser gehalten wurde als die anderen, und so kam ich sehr vergnügt zu den beiden kleinen Mädchen zurück, die inzwischen gute Freundinnen geworden waren.
Dies war der Tag vor Heiligabend, Am 28sten, abends ganz spät, kam das arme Weib scheu und verstört zu mir ins Zimmer, lief auf das Luischen zu, das nun doch mit der großen Prinzessinnenpuppe spielte und ganz genesen war, fiel dann vor mir nieder und brach in heftiges Schluchzen aus, das ihr offenbar das Herz erleichterte. Ich versuchte umsonst, sie aufzuheben und neben mich zu setzen, sie wehrte mich leidenschaftlich ab. Wie ihre Tränen dann zu fließen aufhörten, sah ich einen Ausdruck in ihren Zügen, der mich erschreckte, ganz hart und bitter und trotzig-wild. Schwarze, sagt’ ich, was hast du? Wirf alles hinter dich! Nun fangen wir von vorn an, als fänden wir uns erst jetzt, zwei einsame, junge Witwen mit zwei lieben Kindern, und du gehst nie mehr von mir! — Aber sie schüttelte den Kopf, Es geht nicht! sagte sie mit ihrer rauesten Stimme. Nein, es geht gewiss und wahrhaftig nicht. Was du auch sagen magst, ich weiß, wie die Welt ist, und dass ich dir Schande machen würde. Und dann, ich muss mir selbst durchhelfen, muss arbeiten, dass ich nicht zur Besinnung komme über mich selbst und — alles. Halt mich nicht auf! Dass du das an dem Kind getan und an mir, werd’ ich dir nie vergessen, obwohl mich nichts von dir wundert. Nun aber siehst du wohl, hier in der Stadt kann ich nicht bleiben, ich habe doch einmal gesessen, wer wird mich in Dienst nehmen? Ich will in einen kleineren Ort, wo man mich nicht kennt; ich habe Geschick zu vielem und bin jung und gesund, und ich will nicht unglücklich werden, Goldene! ich will nicht und brauch’ es auch nicht, und unser Herrgott scheint es auch nicht zu wollen, da er mir meine Goldene noch gelassen hat!
Damit wurde ihr Gesicht wieder milde und menschlich, ja sie lachte wieder und hatte für eine kurze Zeit ihr ganzes Schicksal vergessen. Ich musste ihr meine Wohnung zeigen, all meine Sachen, vor allem mein Kind, das sie aufs Lieblichste herzte und liebkoste, auch das Bild meines verstorbenen Mannes. Darüber aber sagte sie kein Wort, und auch von dem Vater ihres Luischens war nicht zwischen uns die Rede. Hernach, als wir ein wenig zu Nacht aßen, zog sie plötzlich das weißseidene Tüchlein hervor, das sie auf ihrer bloßen Brust trug, und sagte: Kennst du es noch, Goldene? Ich habe es an allen Sonntagen getragen und so darauf Acht gegeben, dass es noch unzerrissen ist, freilich jetzt nur noch wie ein Spinneweb. — Ich wollte ihr ein neues schenken, aber sie nahm nichts an. Ebenso wenig wollte sie davon hören, mit einer Summe, die ich ihr anbot und die sie später einmal hätte zurückzahlen können, ein kleines Geschäft anzufangen. Du bist reich und ich bin arm, sagte sie, und doch fühle ich mich zu dir wie gleich zu gleich. Das aber könnt’ ich nicht, wenn ich deine Schuldnerin wäre, anders als durch deinen Schatz von Lieb’ und Treue. Und darum lass es dabei! Du machst mich nicht anderen Sinnes.
So musst’ ich mich ergeben. Diese Nacht blieb sie bei mir, sie schlief auf einem Sofa, neben das sie das Bett ihres Luischens gestellt hatte. Das Wiedersehen und all unser Geplauder hatte mich so aufgeregt, dass ich erst gegen Morgen einschlief.
Wie ich dann erwachte, war sie längst aufgestanden, hatte ihr Kind in ein Tuch gewickelt und sich mit ihm fortgeschlichen, es heftig untersagend, dass man mich weckte. Ich fuhr sogleich in die Wohnung der Pflegemutter. Auch da war sie nur erschienen, um die paar Siebensachen des Luischens zusammenzuraffen. Wohin sie sich wenden wollte, hatte sie nicht verraten.
*
Also hatte ich sie wieder einmal verloren.