Wenige Tage vor Weihnachten wurde mir ein Brief gebracht, mit Bleistift geschrieben, in einem groben Kuvert. Ich erkannte auf den ersten Blick die steifen, aufrechten Buchstaben meiner Schwarzen und öffnete das Papier mit zitternden Händen. Es enthielt nur wenige Zeilen: die Bitte, nach ihrem kranken Kinde zu sehen, das sie einer armen Frau in Pflege gegeben und in den nächsten fünf Tagen nicht selbst besuchen könne, da ihr das Ausgehen unmöglich sei. Sie wisse bestimmt, ich werde ihr’s nicht abschlagen. Was auch inzwischen vorgefallen, sie vertraue fest auf ihre treue und gute „Goldene”. Später werde sie selber kommen, mir zu danken. Die Frau wohne da und da.

Ich fuhr sofort nach dem bezeichneten Hause, das in jener Vorstadt lag, wo ich vor acht Wochen die Jakobe an mir vorüberschreiten gesehen. Ich fand ohne Mühe die Wohnung, im vierten Stock eines armseligen Hauses, und die ältliche Frau, die mir öffnete, machte mir gleich einen günstigen Eindruck, dass ich begriff, wie man ihr im Notfall ein Kind anvertrauen konnte. Ehe ich mich noch weiter erklärt hatte, war ich an das Bettchen getreten, wo die kranke Kleine in einem unruhigen Fieberschlaf lag. Es tat mir weh, dass sie nicht die Züge ihrer Mutter trug, sondern dem Hannickel ähnlich sah, obwohl sie an Schönheit dabei nicht verlor. Als ich aber dann meinen Brief hervorzog, schlug die Frau die Hände überm Kopf zusammen, und ihr gutes blasses Gesicht nahm einen feindseligen Ausdruck an. Sie ergoss sich in Klagen und Scheltreden gegen die Jakobe, die bisher doch so ordentlich gewesen sei, und jetzt habe sie sich zum Stehlen verleiten lassen und werde um ihren guten Dienst kommen, und wer würde sie, wenn sie ihre Strafe abgesessen, wieder ins Haus nehmen? Dann fiele das arme Würmchen ihr zur Last, die doch selbst sich nur mit Mühe und Not durchbringen könne, und sie habe es um die Jakobe wahrhaftig nicht verdient — und so ins Unendliche.

Ich konnte nicht aus ihr herausbringen, wie es denn nur so weit gekommen, dass die Jakobe sich bis zu einem Diebstahl vergessen habe. Nur dass sie ihr vorgestern aus der Stadtvogtei einen Zettel geschickt, sie müsse sechs Tage sitzen, sie möge die Kleine gut halten und einen Doktor kommen lassen, es werde alles sicher bezahlt werden. Sie sei als ein feineres Hausmädchen bei einem ansehnlichen kinderlosen Ehepaar im Dienst und hatte es gut gehabt, wenn ihr Lohn nicht für die Kleine draufgegangen wäre. Seit dem Frühjahr habe sie ihr das Kind in Pflege gegeben, und solange sei sie auch wieder in der Stadt. Von dem leichtsinnigen Menschen, mit dem sie in die Welt hinausgelaufen, rede sie nie ein Wort. Auch dass sie eine so vornehme Bekanntschaft habe — sie meinte mich damit —, habe sie ihr nie verraten.

Ich nahm das kleine Mädchen, das etwa drei Jahre alt sein mochte, aus dem Bett, gab ihm gute Worte und versprach ihm, was es nur haben wollte, wenn es nicht weine und mit mir komme, wo es auch bald seine Mutter wiedersehen sollte. Die Pflegemutter überließ es mir gern. Sie war froh, der Verantwortung überhoben zu sein. So wickelten wir es sorgfältig in warme Tücher und Decken, und ich brachte es in meinem Wagen nach Hause, wo ich sogleich meinen Hausarzt beschickte und es inzwischen in das Bettchen legte, worin meine eigene Kleine schlief. Die musste sich’s die nächste Zeit in einem großen Bette gefallen lassen.

Als dann der Arzt gekommen war und nur ein starkes Erkältungsfieber konstatiert hatte, ließ es mir keine Ruhe; ich fuhr nach der Stadtvogtei und verschaffte mir, da ich mit einem Polizeirat zufällig bekannt war, ohne große Mühe Einlass in den Saal, wo meine arme Schwarze ihre Strafe verbüßen musste.

*

Als ich in den niedrigen, durch die kleinen halbverschneiten Fenster nur trübe erhellten Raum eintrat, schlug mir eine schauerliche Luft entgegen, in der zu atmen allein schon eine Strafe sein musste. Acht bis zehn Pritschen mit muffigen Strohsäcken lehnten gegen die kahle Wand, und auf jeder lag oder hockte eine weibliche Gestalt, bei deren Anblick mir so traurig und bang zumut wurde, dass ich unwillkürlich stehenblieb und erst wieder Mut und Atem schöpfen musste, mich weiter in diesen Schlupfwinkel menschlicher Schuld und Misere hineinzuwagen. Aber ehe noch meine blöden Augen sich an das Zwielicht gewöhnt hatten, erhob sich auf dem zweiten Lager eine Gestalt, die mein Herz sogleich erkannte. Sie trat mir hastig ein paar Schritte entgegen, stand aber plötzlich still und ließ die Hände, die sie mir entgegengestreckt, am Leibe herabsinken. Auch ich war unfähig, mich zu regen. Die neugierigen Blicke des armen Gesindels, die uns beobachteten, und das Geraune und Gezischel, das sich aus allen Winkeln vernehmen ließ, lähmten mir eine Weile jedes Wort und jede Bewegung.

Dann überwand ich es doch, trat dicht an sie heran und ergriff ihre Hand. Arme Schwarze, sagte ich, müssen wir uns so wiedersehen? Warum bist du nicht früher zu mir gekommen? Es wäre alles anders geworden und ich fände dich jetzt nicht hier!

Da sah sie mich mit einem vollen Blicke an, und das Blut stieg ihr in die Wangen. Aber es war nicht die Röte der Scham, sondern es leuchtete wie ein Freudenfeuer aus ihrem bräunlichen Gesicht, das ein wenig hagerer erschien als vor vier Jahren, aber eher dadurch gewonnen hatte.

Ich dachte mir’s gleich, dass du kommen würdest, sagte sie, obwohl du eine so vornehme gnädige Frau geworden bist; ich wollte nur nicht geradezu darum bitten. Es freut mich so viel mehr, dass du es von selber getan hast. O, ich bin nun ganz glücklich, und wenn erst mein Kind — es hat deinen Namen, du wirst es nicht übelnehmen —