Sie können denken, lieber Freund, wie diese Nachricht auf mich wirkte. Ich war so erschüttert, dass ich es vor der Mutter nicht verhehlen konnte, sondern mich mit Tränen in ihre Arme warf. Nach und nach sagte ich ihr einen Teil der Wahrheit, wie sehr mich dies arme verlorene Mädchen seit unserer ersten Bekanntschaft beschäftigt, wie ich keinen herzlicheren Wunsch gehegt hatte, als sie glücklich werden zu sehen. Und nun — welche Aussicht in ein Leben voll Elend — Kummer — Reue und Verzweiflung!
Dann wieder sagte ich mir, dass meine Schwarze viel zu fest auf ihren Füßen stand, um selbst durch eine solche Verirrung ganz um sich selbst gebracht zu werden. Ich erkannte, dass ich vielmehr für mich als für sie betrübt und unglücklich war. Die einzige Person, von der ich mich wahrhaft geliebt wusste, um meiner selbst willen, nicht aus irgendeiner Pflicht, wie ich es selbst von meinen guten Eltern glaubte, — die hatte ich nun verloren. dass ich sie hier vermisste, wo ich mich auf einen langen Sommer mit ihr gefreut hatte, war nicht einmal das Bitterste. Dass sie mich nicht vermissen würde, dass sie mit ihrem Geliebten fröhlich und guter Dinge durch die Welt streifen und mich bald völlig vergessen haben würde, das machte mir einen heftigen eifersüchtigen Schmerz, so dass ich die erste Nacht wirklich keine Stunde Schlaf finden konnte. Auch sah ich am anderen Morgen zum Erschrecken bleich und fieberhaft aus, und als es nach der ersten Woche nicht viel anders mit mir geworden war, fand die Mutter, dass die Luft in Liebenwalde zu dieser Jahreszeit, wo Bruch und Wiese noch feuchte Dünste aushauchten, für ihr blutarmes Kind nicht heilsam sei, und dass wir besser tun würden, auf unser Gut in Schlesien zu reisen, welches dicht am Gebirge lag und überdies in der Nähe eines kleinen Badeortes, dessen Eisenquelle mir gewiss heilsam sein würde.
Mich heilte aber sobald nichts von meiner Schwermut. Nur in meiner Musik fand ich das, was man Trost nennt, da ja der wirksamste Trost darin besteht, uns in unserem Kummer zu bestärken, indem man ihm sein Recht einräumt, und uns solange mit ihm zu nähren, bis wir selbst anfangen, uns seiner zu ersättigen. Der Vater holte uns dann ab, wir machten eine schöne Reise durch die Schweiz zusammen. Als wir im Herbst nach Hause kamen, fing die Bewerbung meines künftigen Gatten um mich an, und es dauerte nur wenige Monate, so war ich verlobt, und dann noch wenige Wochen, bis ich eine junge Frau war.
Ich habe Ihnen früher einmal gestanden, dass ich, so eifrig ich sonst darauf bedacht war, ein eigenes Leben zu leben und alles Hergebrachte darauf anzusehen, ob es meinen innersten Bedürfnissen entsprach, dennoch ohne wahre Liebe und fast mit innerem Widerstreben in diese Heirat willigte. Jetzt können Sie mir nachfühlen, wie mir damals zumute war. Eine ähnliche leidenschaftliche Empfindung, wie ich sie für dieses Mädchen noch immer in mir trug, glaubte ich nie einem Manne gegenüber fühlen zu können. Noch weniger traute ich mir zu, je an einem Manne eine solche Eroberung zu machen wie an meiner geliebten Schwarzen. In dieser entsagenden Kühle und Trauer fand mich mein Bewerber, und, wie gesagt, es überraschte mich und erwärmte mich fast, dass er mich so vielen weit Ansehnlicheren und Liebenswürdigeren vorzog. Da mein Gefühl für ihn überdies jenes andere, das mich noch ganz beherrschte, in keiner Weise beeinträchtigte, ließ ich mir’s gefallen als eine Art Zerstreuung, das Leben einer verheirateten Frau kennenzulernen, so wenig mein Herz dabei zu seinem Rechte kam.
Im zweiten Jahre unserer Ehe wurde mir ein Kind beschert. Da zuerst wurde das Verhältnis zu meinem Gatten ein innerlicheres. Ich sollte nicht erleben, dass es vielleicht noch ein beglückendes geworden wäre. Sie wissen, wie bald ich mit meiner kleinen Tochter allein blieb.
Nun hatte ich etwas, wofür ich lebte; nun trat auch die fast krankhafte Entbehrung meiner verlorenen Freundin mehr und mehr zurück, und es vergingen Wochen, ohne dass ihr Bild vor mir auftauchte. Mein kleines Mädchen war zwei und ein halbes Jahr alt geworden; es war meine ganze Freude, zumal ich auch die Eltern rasch nach einander verloren hatte. Manchmal kam es mir vor, als würde mein Herz immer unempfindlicher, als setze es wie ein Baum einen harten Jahresring um den anderen an, dass nur im innersten Mark noch der Lebenssaft auf– und niederströmte, die Außenwelt aber kaum noch einen Eindruck darauf hervorbrachte. Und doch war es noch das alte Herz.
Ich fuhr eines Nachmittags mit der Kleinen spazieren und passierte beim Rückweg eine Vorstadt, wo der ärmste Teil der Bevölkerung wohnte. Ich hatte den Wagen zurückschlagen lassen, und das Kind sah neugierig umher und ergötzte mich mit seinen drolligen Fragen. Auf einmal erblickte ich unter den Leuten, die an den Häusern entlanggingen, eine Frauengestalt, deren Gang und Haltung mich so lebhaft an die Jugendfreundin erinnerte, dass ich unwillkürlich ihren Namen rief und eine Bewegung machte, den Kutscher halten zu lassen. In demselben Augenblick — sie konnte meinen Ausruf nicht gehört haben — drehte die Person den Kopf zu mir hin, nur auf einen einzigen Blick, wandte ihn dann rasch wieder zur Seite und lief so schnell davon, dass an ein Aufhalten nicht zu denken war.
Ich hatte mich nicht getäuscht — sie war es wirklich gewesen. Damals freilich blieben all meine Bemühungen, ihre Spuren wieder aufzufinden, fruchtlos. Als wir uns aber später wiedersahen, gestand sie mir, es sei nicht das erste Mal gewesen, dass sie mir begegnet. Sie habe oft meinen Ausgang abgewartet und sei mir ein paar Straßen weit gefolgt. Mich anzureden oder gar mich zu besuchen, habe sie sich nie ein Herz fassen können, obwohl sie im Grunde nicht habe glauben können, dass ich schlecht von ihr dächte wie alle anderen.
Das war im Spätherbst gewesen. Ich war durch diese flüchtige Erscheinung sehr aufgeregt. Soviel ich hatte sehen können, schien sie sich nicht dürftig zu tragen, sondern wie ein Dienstbote in einem guten Hause, nur mit bloßem Kopf, ein kleines Tuch über die schwarzen Flechten geschlungen. Es beruhigte mich ein wenig, dass ich sie nicht in Not denken musste. Aber meine Sehnsucht, einmal wieder ihre Stimme zu hören, war nicht dadurch beschwichtigt.
Dazu sollte es nun auch kommen auf die seltsamste Weise.