Von dem Hannickel war nie mehr zwischen uns die Rede. Da sie sich immer in der gleichmütigsten Laune zeigte, nur ihre Stirn finster zusammenzog, wenn sie von „der Frau” wieder etwas Unholdes zu berichten hatte, übrigens aber ihr altes Lachen so übermütig wie je erschallen ließ, war mir aller Argwohn vergangen. Als wir uns endlich trennen mussten, gelobten wir uns aufs Neue ewige Lieb’ und Treue. Sie freilich sah mich plötzlich scheu und düster an. Du wirst mich doch nicht immer gern haben, du wirst’s nicht können! — Warum nicht? — Weil du die Goldene bist und ich — wer weiß, wie viel schwärzer ich noch werde! — Ich drang in sie, mir zu sagen, was sie von sich selber fürchte. Da lachte sie wieder und sagte, indem ihre hellen Augen blitzten: Wenn ich auch weiß bliebe wie Schnee, die Leute würden schon dafür sorgen, mich bei dir anzuschwärzen. Aber glaube nur, für dich bin ich immer dieselbe.
Sie fiel mir dabei um den Hals und küßte mich so heftig, dass ich fast zu ersticken glaubte. Dann war sie auf und davon, ehe ich noch ein letztes Wort hervorbringen konnte.
Wieder erlebte ich’s, dass ich in der Stadt die Trennung von ihr nur schwer ertrug. Zu Weihnachten schickte ich ihr allerlei hübsche Sachen, die sie gut brauchen und mit denen sie ein bisschen Staat machen konnte. Ich hatte meine Mutter soweit eingeweiht, dass sie diese Christbescherung an ein armes Bauernmädchen, das zu Hause hart gehalten wurde, ganz in der Ordnung fand. Der Dank ließ lange auf sich warten und fiel gar nicht so aus, wie ich erwartet hatte. Ich würde es noch bereuen, schrieb sie, so viel an sie gewendet zu haben. Ich solle ihr nie wieder etwas schenken, sie brauche nichts, schöne Kleider könnten ihr nicht helfen; je schöner sie seien, desto schwerer sei ihr Herz. Nur dass ich immer gut von meiner Schwarzen denken möchte, wie es auch komme, darum bat sie immer wieder. Ein Brief, der mir nicht ganz geheuer schien.
Ich beantwortete ihn durch eine lange, sehr warme, aber sehr weise Epistel, die ich mit meiner überlegenen Weltkenntnis ihr schuldig zu sein glaubte. Ich bat sie, mir ja alles anzuvertrauen, was ihr irgend das Heiz beschwere, und versprach das tiefste Stillschweigen.
Auf diesen Brief kam keine Antwort. Ich wusste, wie mühsam sie die Feder handhabte, dennoch blieb mir ihr Schweigen unheimlich.
Nun können Sie denken, wie froh ich war, als der Arzt, da ich im Winter ein wenig viel getanzt und eine bleichsüchtige Miene hatte, meinen Eltern riet, mich früher als sonst aufs Land zu bringen. Mein Vater konnte nicht sogleich seine Geschäfte im Stich lassen; die Mutter aber war bereit, und so wurde nur die erste Baumblüte abgewartet, bis wir in den Wagen stiegen und die Fahrt nach Liebenwalde antraten.
Sie dauerte nicht viel über eine Stunde, aber ich meinte, der Weg nähme kein Ende, so wunderlich bange und ahnungsvoll war mir zumute. Als wir ankamen und nur von einigen Dorfkindern und alten Weibern empfangen wurden, bekam ich einen heftigen Schreck. Ich brauchte auch nicht lange zu warten, bis meine Ahnung bestätigt wurde. Denn gleich in den ersten zehn Minuten, während die Hausverwalterin der Mutter beim Auspacken half, erzählte sie ihr unter anderen Neuigkeiten, dass die schwarze Jakobe vor acht Tagen mit dem Hannickel davongegangen und alle Nachforschungen bisher erfolglos geblieben seien.
Sie selbst habe es freilich schon seit Weihnachten kommen sehen, auch die Gärtnersfrau gewarnt. Denn die heimliche Liebschaft habe die Tochter noch lässiger und trotziger gemacht, als sie ohnehin schon war, und alles Schelten und Schimpfen der Mutter habe sie so gleichgültig abgeschüttelt wie den ersten Schnee, wenn man eine warme Jacke am Leibe hat. Das aber habe nun gerade das böse Weib so in Wut gebracht, dass sie sich eines Abends, als die Tochter mitten unter ihrem Toben und Keifen ruhig zu Bette gehen wollte, soweit vergessen habe, ihr mit der Faust einen Schlag ins Gesicht zu geben, dass ihr das Blut aus der Nase gespritzt und das eine Auge dick angeschwollen. sei. Die Jakobe habe nichts gesagt als — Das verzeih’ dir Gott, Mutter! — Dann sei sie an den Brunnen hinausgegangen, sich das Gesicht zu waschen, und hernach in den Ziegenstall, wo sie sich eingeriegelt habe. Auch aus alles Klopfen und Bitten des Vaters, dessen Herzblatt sie gewesen, habe sie mit keinem Mucks geantwortet, dass der gute Mann endlich betrübt zu Bett gegangen sei.
Am anderen Morgen war der Ziegenstall leer und die Kammer im Ort, wo der Hannickel seinen Unterstand hatte, auch; und seitdem war von beiden nichts mehr gehört noch gesehen worden.
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