So erzählte die Frau Sengebusch, und ich weiß nicht, warum mir die Sache trotz alledem nicht recht gefallen wollte. Am nächsten Tage machte ich mir an dem Stacket zu schaffen, obwohl ich meine Schwarze dort nicht erwartete, und sah auch bald den fremden Burschen, der ganz ehrbar und eifrig bei seiner Arbeit war und nicht einmal zu mir hinüberschielte. Er war nicht viel über Mittelgröße und, soweit ich mit meinen blöden Augen erkennen konnte, ein wohlgewachsener junger Mensch, der einen kleinen kraushaarigen Kopf aus breiten Schultern trug. Ein verregnetes schwarzes Hütchen mit einer Krähenfeder trug er auf dem linken Ohr, hatte eine verschossene Sammetjacke an mit bleiernen Knöpfen, ein kurzes Pfeifchen hing ihm zwischen den Zähnen. Dabei schleppte er die schweren Gießkannen so leicht, dass ihm noch Atem blieb, einen Ländler zu pfeifen.
Meine Schwarze trat gerade aus dem Hause und brachte ihm sein Frühstück. Sie stellte es auf eine umgestürzte, Karre, die in dem breiten Mittelweg lag, und rief ihm, dass er kommen solle. Er sah gar nicht nach ihr um, hörte auch nicht auf zu pfeifen und nickte nur vor sich hin mit dem Kopfe. Sie blieb stehen, als ob sie ihn noch einmal anrufen wollte, dann wendete sie sich kurz ab und ergriff eine Harke, um auf dem nächsten Beet zu arbeiten. Mich sah sie nicht, da ich mich hinter die Hecke geduckt hatte. Mir klopfte aber das Herz, als wäre ich einem gefährlichen Geheimnis auf der Spur. Und da ich noch eine Viertelstunde durch den Zaun gesehen hatte, ohne etwas Bedenkliches zu entdecken, beschloß ich, am Abend meine Freundin geradezu zu befragen.
Wonach aber eigentlich? Ob sie ein heimliches Einverständnis mit dem Landstreicher, dem Knecht ihres Vaters habe? Das schien mir doch selbst zu abenteuerlich, um es für möglich zu halten. Woher kam mir nur der Verdacht, dass der fremde Mensch und die Seufzer meiner Schwarzen irgendetwas mit einander zu schaffen hätten?
Auch lachte sie mir frei ins Gesicht, als ich wirklich Abends hinter dem Stacket damit herauskam: sie möchte sich vor dem fremden Gesellen in Acht nehmen; es sei etwas in seinem Wesen, das mir unheimlich vorkomme. — Du hast ihn noch nicht spielen hören, Goldene, erwiderte sie. Dann würdest du nichts Schlimmes von ihm denken. Böse Menschen haben keine Lieder. Warte nur bis morgen Abend, da soll er seine Harmonika mitbringen auf die Wiese hinter eurem Baumgarten. Du wirst dann schon anders von ihm reden.
Das geschah denn auch, und wirklich, obwohl ich zu musikalisch war, um die scharfen, unreinen Töne dieses Instruments nicht zu verabscheuen, — die Art, wie er es behandelte, war so eigen, so leidenschaftlich und verwogen, dazwischen manchmal — Gott weiß, wie er es fertigbrachte! — so einschmeichelnd sanft und elegisch, dass ich es meiner Freundin nicht ableugnen konnte, er verstehe seine Kunst meisterlich. Ich hatte sie während des Konzertes, das sonst kein weiteres Publikum hatte, gespannt beobachtet. Die Augen hatte sie halb zugedrückt, ihre Brust atmete schwer, und die Flügel ihrer kräftigen Nase zitterten. Das gefiel mir gar nicht. Schwarze, sagte ich, glaub mir, du tätest besser, ihm nicht oft zuzuhören. Er spielt dich um deine Seele.
Meine Seele ist mein, sagte sie sehr heftig und wandte sich von mir ab. Wenn ich die verspielen wollte, sollte mich niemand daran hindern. Aber es hat keine Gefahr, er denkt gar nicht an mich; und ich — ich denke an niemand auf der Welt als an meinen Vater und an dich, Goldene.
Sie nahm meinen Arm und zog mich, ohne dem immer noch Fortspielenden eine Gutenacht zuzurufen, von der Parktür weg in die nächtlichen Laubgänge. Plötzlich stand sie still. Horch, sagte sie, das ist sein Leibstück! Es ist wirklich, wie du sagst: der Böse steckt in seinem Spiel. Weißt du was? Du musst dich jetzt in der Stube hinsetzen und auf dem Klavier mir was vorspielen. Willst du das? Willst du den Teufel beschwören, Goldene?
Sie lachte und küßte mich, und wir liefen dem Hause zu. Ich setzte mich wirklich an den Flügel und spielte das schönste, sanfteste Adagio, das ich auswendig wusste. Als ich fertig war und an das Parterrefenster trat, vor dem sie gestanden hatte, und fragen wollte, ob die Teufelsbeschwörung gelungen sei, war sie verschwunden.
*
Wir blieben vier Wochen draußen, und wenn ich an diese Zeit zurückdenke, ist mir nichts davon lebendig geblieben, als das allabendliche verstohlene Geplauder mit meiner Schwarzen. Was die Tage sonst brachten, war mir völlig gleichgültig. Aus unseren Unterhaltungen könnte ich noch manches wörtlich wiederholen; ja, der Ton, womit sie es sagte, klingt mir noch heute im Ohr. Ihnen würde manches sehr kindisch und unbedeutend erscheinen. Mir, da ich sie liebte, hatte es einen unvergleichlichen Reiz und Wert.